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Donnerstag, 24. November 1921
Nummer 549
Abend- Ausgabe
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Freiheit
Berliner Organ
Der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Die Krife der Widergutmachung
Vorschläge der englischen Industrie
London, 23. November.
Ji einer Denkschrift des Sonderausschusses des Bundes der britischen Industrien" heißt es über die Behandlung der Frage der deutschen Reparationen, daß der Reparationsplan in seiner gegenwärtigen Gestalt undurchführbar sei, und dah jeder Versuch, ihn mit Gewalt durchzuführen, zum Zusammenbruch Deutschlands führen müsse. Auf die jetzige Weise merbe schwierig sein, irgendeine Entschädigung von Deutschland zu ers langen.
es
Wir sind der Ansicht, heißt es in der Denkschrift weiter, daß die Eintreibung dieser Reparationen die Industrie Großbritanniens ernstlich erschüttern würde, sofern nicht besondere Maßnahmen getroffen werden, um die Form der Zah. Tungen zu regeln. Wir stimmen darin vollkommen überein, daß Deutschland bis zum äußersten Maße seiner Fähig= Teit zahlen soll. Wir sind jedoch der Ansicht, daß, um unserer Indus stric den geringst möglichen Schaden zuzufügen, die alliierten Regierungen neue Vereinbarungen suchen sollten, die Bes dingungen in verschiedenen Richtungen abzuändern, und wenn möglich, sogar bereit sein sollten, unter Berücksichtigung der Ans nahme dieser Abänderungen durch Deutschland die Last zu ers leichtern, die Deutschland auferlegt wurde. Jm gegenwärtigen Augenblid wird die gesamte wirtschaftliche Zukunft der Welt übers schattet von der riesigen Last der Schuld, die während des Krieges and der Nachkriegsperiode zwischen den großen Nationen eins gegangen wurde, und es ist unmöglich zu erwarten, daß der internationale Handel in die Bahnen wie vor dem Kriege zurücktehren wird, oder daß neue Beziehungen auf einer dauernden Grundlage erreicht werden können, bevor die Methoden, durch die diese Schuld liquidiert werden soll, nicht auf einer vernünftigen Grundlage geregelt werden.
Am Schluß der Denkschrift heißt es: Wir haben es nicht für notwendig gehalten, in dieser Dentschrift die eingehende Auss arbeitung der Vorschläge zu bezeichnen, die wir unterbreiten. Wir glauben jedoch, daß diese Borschläge vollkommen burchführ. bar find, und daß nur auf dieser Grundlage eine für das Land befriedigende Lösung gefunden werden kann. Wir fordern daher bie britische Regierung dringend auf, unsere Vorschläge in ernste and dringende Erwägung zu ziehen.
Die Argumente, die die Vertreter der englischen Industrien gegen die jetzige Form der Wiedergutmachungszahlungen vorbringen, berühren sich mit jenen, die die englische Arbeiterpartei schon im Frühjahr dieses Jahres in einer ausführlichen Denkschrift dargelegt hat. Die englische Arbeiterpartei wies darauf hin, daß die Verwirklichung der auf der Londoner Konferenz beschlossenen Wiedergutmachung nicht nur den Ruin der deutschen Arbeiterklasse, sondern auch eine furchtbare Schädigung des englischen WirtschaftsTebens nach sich ziehen müsse, unter der vor allen Dingen die englische Arbeiterklasse leiden würde.
Nächtlicher Spuf im Preußenhaus
Sigung bis 6 Uhr morgens
Der Preußische Landtag hat in einer achtzehnstündigen Sigung, die heute morgen gegen 6 Uhr zu Ende ging, die GeSchäftsordnung durchgepeitscht und damit gewissermaßen einen Reford an parlamentarischer Ueberstundenarbeit aufgestellt. Die Dauer der Sitzung stand im umgekehrten Verhältnis zur Leistung. Neben vereinzelten Geschäftsordnungsdebatten wurde die ganze Sigung von 6 Uhr abends ab mit namentlichen Abstimmungent über die einzelnen Paragraphen ausgefüllt. Die Einförmigteit dieser nutzbringenden Beschäftigung wurde nur durch heitere Zwischenfälle unterbrochen, für die die Kommunisten in einem sehr reichlichen Maße zu sorgen wußten. Das Trillerpfeifen. tonzert und die Stintbomben als Hilfsmittel der par lamentarischen Obstruktion wurden von uns bereits erwähnt. Schließlich jahen die Opponenten ein, daß die Einheitsfront der Reaktionäre nicht zu sprengen war, fie übergossen sie daher, der Gesamtsituation durchaus entsprechend, mit Spott und Hohn. Das ganze Legilon an Schimpfworten wurde zum Vortrag gebracht. Schuft! Trottel! Verbrecher! Spitzbuben! bas waren ungefähr die mildesten Ausdrücke, die gebraucht wurden. Es er wies sich bei dieser Gelegenheit, daß auch die Rechtssozialisten und ihre Bundesbrüder durchaus teine Waisentnaben sind. Sie haben auf ihren Sprachregistern ebenfalls eine ganze Reihe von Tönen, die mindestens ebenso lieblich flingen, wie diejenigen, die von Zeit zu Zeit von den Kommunisten angestimmt wurden.
Don
Die Haupttätigkeit der Abgeordneten spielte sich während dieser, durch geistigen Tiefstand gekennzeichneten und somit immerhin denswürdigen Sitzung, in den Restaurationsräumen ab, bie die Mehrzahl der Abgeordneten infolge der 67 fachen Abstimmung 67 mal verließ und wieder betrat. Sobald das Gloden zeichen eine neue Abstimmung anfündigte, marschierten die Voltspertreter im Gänsemarsch nach dem Sigungssoal und kehrten bann fdmellstens wieder nach jener Stätte zurüd, die für manchen der Abgeordneten mehr innehmlichkeiten zu bieten schien, als der
Die Vertreter der englischen Industrie haben sich recht spät zu der Erkenntnis bekannt, die schon zu Beginn des Jahres Gemeingut der englischen Arbeiterklasse war. Der forts gesetzte Rüdgang des Handels, der Stillstand in der Industrie, die Arbeitslosigkeit usw. haben schließlich auch dem englischen Kapital die Erkenntnis eingebläut, daß der internationale Kapitalismus sich durch seinen Wiederguts machungsplan in unlösbare Widersprüche verwickelt hat. Die englischen Industriellen glauben, daß nun durch eine Aenderung der Formen der Wiedergutmachung diese Widersprüche aus der Welt geschafft werden können. Andererseits glauben die Wortführer des deutschen Industrie und Banffapitals, daß sie durch die Sabotage der Wiedergutmachungen und durch einen eventu ellen Banfrott Deutschlands den gordischen Knoten mit einem Schlage zerhauen fönnten. Beide Auffassungen find irrig, beide entspringen den eigennützigen Profitinteressen der Kapitalistentlassen der einzelnen Länder. Einen Ausweg aus der Weltfrise der Reparationen haben lediglich die sozialistischen Parteien und die Gewerk schaften in ihren Amsterdamer Beschlüssen gewiesen. Alles andere, was von den Interessenten des Kapitals gefordert wird, ist entweder, wie bei den Vorschlägen der englis schen Industrie, Halbheit und Stüdwerk, oder, wie bei dem bösartigen, teuflischen Treiben der deutschen Industriefönige, Vorarbeit für eine neue Katastrophe, für den völligen 3usammenbruch.
Der Wiederaufbau im Gommegebiet Abstimmung über Zulassung deutscher Arbeiter
EE. Paris, 23. November. Loucheur empfing heute morgen eine Abordnung des Attionstomitees für die zerstörten Gebiete, die von dem Abgeord neten für das Departement Pas de Calais, Basly, und dem Generalsekretär dieses Komitees, Douceba me, vorgestellt wur den. Man sprach über den Aufbau der 11 Dörfer unter Heran ziehung deutscher Arbeitskräfte, und der Minister teilte mit, daß deren Zulassung von der Abstimmung der Bewohner des Ges bietes von Chaulnes abhänge, die darüber Klarheit verschaffen soll, ob die Geschädigten mit der Verwendung deutscher Arbeiter im allgemeinen und mit den weiteren Bedingungen einverstanden find, die mit der Durchführung dieses Planes verknüpft sind. Nach dem von der französischen Gewertschaftskommission mitgeteilten vorläufigen Ergebnissen dieser Absicht scheint die Mehrzahl der Bewohner der 11 Dörfer im Gebiet von Chaulnes mit der Berwendung deutscher Arbeiter einverstanden zu sein.
Riftritt der ungarischen Regierung. Im Verlaufe der gestrigen Sigung der ungarischen Nationalversammlung beantragte Mi nisterpräsident Graf Bethlen die Vertagung des Hauses, da die Regierung zurüdgetreten fei.
Sitzungssaal, in dem der politische Marasmus das Oberwasser betommen hatte. Daß der ganze, teilweise tief beschämende Vorgang einer parlamentarischen Handlung letzten Endes doch eine Machtprobe war, bewies die Fraktionsdisziplin, die ber realtionäre Blod seinen Mitgliedern auferlegt hatte. Das Haus war bei jeder Abstimmung und auch am Schlußße der Sitzungen so start besetzt, wie es nur bei den allerwichtigsten Ereignissen der Fall zu sein pflegt. Niemand durfte sich dem Abstimmungszwang, den die Fraktionen ausgesprochen hatten, entziehen und so gelang es denn, alle Paragraphen in der vorgeschlagenen Fassung anzuneh men und schließlich dem ganzen Entwurf der neuen Geschäftsordnung eine starte Mehrheit von Heilmann bis Gräfe zu verschaffen. Als es furz vor Schluß der Sigung noch einmal zu einer Ges Ichäftsordnungsdebatte über die heutige Tagesordnung fam, zeigte es sich von neuem, daß gerade diejenigen Herren, die am lautesten den Ruf nach„ parlamentarischer Ordnung" ausstoßen, die Würde des Hauses am stärksten verlegen, und insbesondere dadurch gerade den Kommunisten jene Waffe in die Hand drücken, die von ihnen so oft wider Gebühr gebraucht wird. Der rechtssozialistische Abgeordnete Franz Krüger richtete in einer Polemit gegen den tommunistischen Abgeordneten Dr. Meyer heftige Borwürfe gegen die Kommunistische Partei, und zwar Vorwürfe so allgemeiner Natur, daß den Kommunisten unbedingt die Möglichkeit zu einer Erwiderung gegeben werden mußte. Verabredungsgemäß war aber schon vor der Rede Krügers ein Schlußantrag eingebracht worden, über den der Präsident Leinert, nachdem Krüger geschlossen hatte, abstimmen ließ, und der natürlich auch die gewollte riesige Mehrheit fand. Die Kommunisten, deren Empörung in diesem Falle durchaus echt war, gebärdeten sich nach diesem heimtüdischen Streich wie Wilde, Krüger und die Seinen aber zogen mit der Miene des Biedermanns fröhlich lächelnd ab, während die Saustnechte der Fraktionen in den Wandelgängen des Hauses den lezten Rest ihrer Lungenkraft zu einem neuen Schimpftonzert verdichteten, um dann bei Tagesgrauen in die frische Morgenluft zu treten und Erholung zu schöpfen nach dieser an Strapazen aller Art so reich gefegneten Sigung.
Die Einheitsfront
Von Eugen Prager
Es gibt feinen Arbeiter, der nicht wüßte, daß das Prole tariat nur dann der Gefahr völliger Verelendung entgehen bann, wenn es sich zu gemeinsamer Tat zusammenschließt. Die Einigkeit des Proletariats ist die Borbedingung für jeden Erfolg; und es ist nur ein Beweis für die Kläglichkeit unserer politischen Zustände, daß man diese Binsenweisheit immer aufs neue wiederholen muß. Wie kann aber die Einheitsfront hergestellt werden? Durch den Kampf um solche Ziele, die allen Arbeitern gemeinsam Find und durch den entschlossenen Willen der ganzen Arbeiter schaft, diesen Kampf in voller proletarischer Disziplin, also unter Ausschaltung aller egoistischer Wünsche, bis zum Ende durchzuführen. Die Spitzenverbände der Arbeiter und der Angestellten haben in ihren Forderungen zur Steuerfrage ein solches der ganzen Arbeiterklasse gemeinsames Ziel aufges stellt. Und indem die Unabhängige Sozialdemokratie zur gleichen Zeit die anderen Arbeiterparteien und die Gewerk schaften zu Verhandlungen über eine gemeinsame Aktion zur Bekämpfung des Elends in der Arbeiterklasse einlud, waren die Voraussetzungen für die Bildung einer Einheitsfront der Arbeiterklasse geschaffen.
In diese Situation knallte die Parole der Kommunistischen Partei für eine Aktion zugunsten der politischen Gefangenen. Die Unabhängige Sozialdemokratie, die nicht erst auf den Hungerstreik in Lichtenburg gewartet hat, sondern sich unausgeseht der politischen Gefangenen annahm, war sofort zur tatkräftigen Unterstügung der Forderung be reit, die Amnestierung der politischen Gefangenen durchzus setzen, nicht nur derer, die in preußischen, sondern auch in bayrischen Gefängnissen schmachten. Es war aber von vorn herein klar, daß ein Erfolg nur erzielt werden konnte, wenn das gesamte Proletariat sich für die Forderung einsetzte. Was haben die Kommunisten nun getan, um bei dieser Gelegenheit die Einheitsfront herzustellen?
Von ihrer Seite wurde von Anfang an mit dem Generalstreit gespielt; wer an der Durchführbarkeit in der augenblicklichen Situation und für diesen besonderen 3wed zu zweifeln wagte, der war gleich in üblicher Weise als Verräter ges brandmarkt". Daß die rechtssozialistische Partei in Bausch und Bogen in die Verdammnis flog, fann man begreifen; thre Haltung in dieser Frage ist auch von uns scharf tritis siert worden. Aber auch die Unabhängige Sozialdemokratie fand feine Gnade vor den Augen der fommunistischen Wortführer. Von der Genossin 3 ie z wurde berichtet, daß sie dem Minister„ inbrünstig angefleht" habe, der Berliner Parteis leitung der U. S. P. D. würde zum Vorwurf gemacht, sie ziehe ,, das Wohlwollen der S. P. D.- Führer der Einheit der Arbeiter" vor, in Versammlungen ließ man„ Vertreter der U. S. P." aufmarschieren, die sich mit der Haltung unserer Parteileitung angeblich nicht einverstanden erklärten, und ähnlicher Vorbereitungen mehr wurden für die Bildung der Einheitsfront getroffen. In Berlin arbeitete man immerhin noch mit Sammetpfötchen; um so deutlicher wurde man aber in ber Provinz. So schrieb der„ Rote Courier" in Leipzig in seiner Ausgabe vom Montag, den 21. November: „ Aus dem Aufstieg des Proletariats, das weiß die L. B., können die Führet der U. S. P. D. feinen Vorteil mehr ziehen; wenn das Broletariat niedergeschlagen wird, stehen ihre Chancen günstiger. Und so ist es der L. V.( Leipziger Bolkszeitung") sehr lieb, wenn an Stelle der Massenaktion eine staatlich organisierte Kommu niftenha tritt. Die U. G. P. D.- Führer möchten sich gern wieder als Hänen des Schlachtfeldes betätigen. Sie stehen lüftern bes reit, ihre Krallen in die dann wunden Flanten der Kommunisti schen Partei zu schlagen. Das sind die Gründe, die die L. V. veranlassen, zu versuchen, die K. P. D. in den Augen der Massen zu tompromittieren, die sich anbahnende Bewegung als Kommunistenputsch hinzustellen.
Wahrlich, ihr U. S. P. D.- Arbeiter, es ist ein effes Geschmeiß, das ihr euch zu Führern auserforen habt! Würgt es euch nicht im Halse, wenn ihr das„ Organ für die Interessen des gesamten werttätigen Volfes" left? Steigt euch nicht die Schamröte in die Wargen ob der Zustände in eurer Partei, wenn ihr lest von dem waderen Kampf der oppositionellen Genossen in der S. P. D."
Die Einheitsfront soll also nach dem uralten Rezept her gestellt werden, daß man die Führer vor den Bauch stoßen müsse, um die Massen zu gewinnen.
3u gleicher Zeit würde die Einheitsfront nach der anderen Seite verlängert, nämlich nach dem Sumpf der Indifferenten hin. Die„ Rote Fahne" drudte in ihrer Dienstagabenbausgabe ohne jeben Kommentar das Folgende ab:
Die Kollegen der Firma H. Gallo verurteilen in allerschärfter Weise die Maßnahmen der Regierung gegen die politischen Ges fangenen und fordern die drei sozialistischen Parteien auf, profes tarische Solidarität zu üben und zur Unterstügung in eine ge meinsame Attion zu treten.
( 9 Unterschriften von unorganisierten Kollegen.) Es gab eine Zeit in der Geschichte der deutschen Arbeit flasse, in der der, unorganisierte Kollege" als ein Schähn für den Kampf des Proletariats angesehen wurde. war jene Zeit, wo jeber halbwegs zum Klassenbewa