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Die
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Donnerstag, 22. Dezember 1921
Nummer 597
Abend- Ausgabe
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greiheit
Berliner Organ
der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Die Ergebnisse von London
Konferenzen im Januar
EE. 2ondon, 22. Dezember.
Folgendes find die die einzigen positiven Beschlüsse der Londoner Besprechungen: 1. Die drei Außenminister Frankreichs, Englands und Jtaliens werden eine 3 usammenfunft am 8., 9., oder 10. Januar in Paris haben, um über das Abkommen von Angora und eine Vermittlung im griechisch- türkischen Kriege zu beraten. 2. Etwas später wird der Oberste Rat zusammentreten, um zu beschließen, wie Deutschland seine Zahlungen zu Ieisten hätte. Diese Tagung würde während der ersten Januarhälfte in Cannes stattfinden, wohin Lloyd George bereits Mitte nächster Woche abreisen wird und wo er mehrere Wochen zu verbringen gedenkt. 3. Zu einem noch unbestimmten, aber nicht allzu weit entfernten Zeitpunkt soll eine internatio= naie Wirtschaftstonferenz einberufen werden, die die Mittel ins Auge fassen soll, durch die das Wirtschaftsleben Mitteleuropas, Rußlands einbegriffen, wiederaufgebaut werden kann und die die Bedingungen, wie dieser Aufbau erfolgen fönnte, fests legen soll.
Deutschland foll 500 Millionen zahlen
London, 21. Dezember. „ Times" zufolge wird angenommen, daß die Sachverständigen empfohlen hätten, Deutschland einen Mindestbetrag von 500 Millionen Goldmart zur Begleichung der Januarund Februarraten aufzuerlegen. Die Sachverständigen feien auch übereingekommen, daß die Garantietommision bie notwendigen Vollmachten haben soll, um die deutsche Ausfuhr und die Ausgaben der deutschen Verwaltung zu beaufsichtigen. Die englischen Sachverständigen hätten jedoch den Vorschlag der französischen Sachverständigen über die Einmischung der Alliierten in die deutsche Verwaltung nicht angenommen. Als Zeitpunkt für die Konferenz des Oberen Rates in Cannes werde der 3., 4. und 5. Januar genannt.„ Times" zufolge liegen bisher keinerlei Mitteilungen über irgendwelche Zugeständnisse an Frankreich in der wichtigen Frage der Prioritäten vor.
werden
London, 22. Dezember.
fann.
würde
Savas meldet: Die Sachverständigen sollen sich geeinigt haben, ben beiden Ministerpräsidenten eine Empfehlung vorzulegen, die beutlich jeden Gedanken eines Moratoriums zurüdweist. Die Ansicht Frankreichs soll demnach durchgedrungen sein. Deutschland würde sich in die Notwendigkeit verseht sehen, eine Zahlung von 500 Millionen Goldmark zu leisten, die von ihm an dem nächsten Dagegen Verfalltage gefordert der Betrag, der auf der Grundlage der 26prozentigen Abgabe auf die deutsche Ausfuhr berechnet wird, vorläufig beiseite gelassen werden, da er zum größten Teil bereits durch Sachlieferungen ausgeglichen ist. Bevor sie zu diesem Schluß tomme, stelle die Empfehlung die Zahlungsfähigkeit Deutschlands fest, wobei sie sich auf die eingehend geprüfte Statistik berufe. Deutschland sei trotz aller Behauptungen Wirths in seiner Note an die Reparationstommission in der Lage, die Zahlung zu leisten. Borgeschlagen würden hauptsächlich stärkere Ueberwachung der Statistit des deutschen Außenhandels und ausgedehntere Vollmachten des Garantieausschusses, jedoch ohne Einmischung in die innere Verwaltung Deutschlands. Außerdem würde die belgische Priorität beibehalten und garantiert.
15. Januar und 15. Februar. Man einigte sich darauf, daß Deutschland für diese beiden Summen eine Gesamtsumme von 500 Millionen Goldmark zahlen müsse. Doch wurde kein Entscheid darüber gefaßt, ob Deutschland die restlichen 275 Goldmillionen gestundet werden sollen oder ob es diese noch zu zahlen hätte. Irgendwelche bestimmten Entschlüsse über die Ausdehnung Der Machtbefugnisse des Garantiekomitees tamen ebenfalls nicht zustande. Die„ Daily Mail" erklärt ausdrücklich, daß sich Lloyd George dagegen ausgesprochen habe. Die französischen Morgenblätter enthalten aber immer noch Andeutungen darüber, in welcher Weise sich die Ausdehnung dieser Machtbefugnisse vollziehen solle. Man würde der Kommission insofern das Recht geben, sich in die deutschen Verhältnisse einzumischen, als man ihr eine Kontrolle über die deutschen Ausgaben zugestehen würde. Bollkommen ungeklärt ist immer noch die Frage, in welcher Weise das Statut der Reichsbant abgeändert werden soll. Es scheint, daß man sich in London auf bestimmte Beschlüsse in dieser Hinsicht nicht einigen konnte. Jm ganzen sind also die Ergebnisse der Londoner Besprechungen durchaus negativ, wenn man davon absieht, daß Deutschland gezwungen werden soll, im Laufe des Januar und Februar 500 Millionen Goldmark zu erlegen.
Weitere Besprechungen, die gestern abend um 6% Uhr zwischen Briand und Lloyd George stattfanden, brachten kein anderes Ergebnis, als daß die beiden Ministerpräsidenten sich auf das bereits Bekanntgegebene einigten, nämlich Zusammenkunft der Außenminister Englands, Frankreichs und Italiens in Paris und Tagung des Obersten Rates in Cannes. Da es unmöglich wäre, daß im Laufe des heutigen Vormittags noch irgendwelche weiter gehenden Beschlüsse über den Wiederaufbau des europäischen Wirtschaftslebens gefaßt werden fönnten, steht nunmehr der Beschluß des französischen Ministerpräsidenten Briand fest, um 2 Uhr nachmittags London zu verlassen.
Mißftimmung unter den Alliierten
Die Zusammenkunft Lloyd Georges mit Briand hat bei den übrigen Alliierten vielfach zu Unzufriedenheit und Beunruhigung Anlaß gegeben. Infolgedessen erschien gestern der italienische Botschafter Marquis di Martino bei Lloyd George und gab seiner Ueberaschung darüber Audrud, daß Italien zu diesen Besprechun gen nicht hinzugezogen worden sei. Die Belgier sandten ihren Botschafter zwar nicht zu Lloyd George, wohl aber erschien am Abend Baron Moncheur bei Briand, der den belgischen Botschafter über den Ausgang der Besprechungen mit Lloyd George unterrichtete und ihm mitteilte, daß erst der Oberste Rat zusammentreten und bindende Beschlüsse fassen solle. Die Befürchtungen der Belgier seien somit ungerechtfertigt.
Jm allgemeinen erklärt man die etwas fühle Atmosphäre, die in den letzten Tagen in London herrschte, mit den französischen Flottenforderungen vor der Washingtoner Konferenz. Gestern erschien der amerikanische Botschafter in London, Harvey, bei Briand, dem er einen Brief des Präsidenten Harding übergab. Dieser dankt Briand dafür, daß er in der Frage der Hauptschiffseinheiten so rasch eine bindende Zusage Frankreichs erhalten habe und wünscht, daß sich Briand in der Frage der Unterseeboote ebenso nachgiebig zeigen möchte.
Auch gestern mußte Briand wiederum die amerikanischen Journalisten empfangen, über deren Haltung er sich einigermaßen mißvergnügt zeigte. Et bat sie, fie möchten mit ihren Angriffen auf Staatsmänner aufhören, die vor die schwere Aufgabe gestellt seien, die nationale Sicherheit ihres Landes zu garantieren. Er fügte hinzu:„ Die englischen Sachverständigen in Washington fordern
Die Differenzen zwischen England und Frankreich die vollständige Aufgabe der Unterseeboote unter dem Vorwande,
London, 22. Dezember.
Zu der Beendigung ber Konferenz zwischen Lloyd George und Briand durch die Einberufung des Obersten Rates für die erste Januarwoche nach Cannes berichtet„ Daily Chros nicle", bie französische Ansicht über die wirtschaftlichen und politischen Probleme Europas sei von der britischen Ansicht so verschieben, daß die Gesamtfragen durch den Obersten Rat ber Alliierten entschieden werden müßten. Die Engländer hofften, daß auf die Konferenz des Obersten Rates eine allgemeine internationale Ronferenz folgen würde, an der Deutschland und Rußland teilnehmen würden. Laut„ Daily Chronicle" ist Großbritannien bereit, Frankreich die wirtsamsten Garantien für Jeine Sicherheit zu geben. Diese Garantie Großbritanniens müsse auf einer allgemeinen europäischen Vereins barung beruhen. Der Standpunkt der französischen Sachvers ständigen beweise leiber, daß sie von dem Geiste Blond Wenn Lloyd Georges noch weit entfernt feien. Georges Politit in Cannes nicht angenommen werde, werde Europa noch tiefer in das Chaos versinken.
EE. Paris, 22. Dezember. Der gestrige Tag der Londoner Besprechungen hat wenig bes friedigende Ergebnisse gezeitigt. Das„ Echo de Paris" erklärt ausdrücklich, daß man überhaupt zu feinen Resultaten gelangt sei. Es fanden zwar zahlreiche Besprechungen statt, doch seien irgend welche positiven Ergebnisse in den Fragen, deretwegen man eigent lich zusammengetreten war, nicht zustandegekommen. Das einzige Greifbare, das aus den Besprechungen hervorgeht, ist ein Beschluß bezüglich der beiden nächsten von Deutschland zu zahlenden Raten,
daß dies eine inhumane Waffe sei. Warum verlangen sie nicht auch die Aufgabe der Flugzeuge, der Minen und aller übrigen Schutzmittel?"
Jedenfalls hat die Haltung Frankreichs in der Flottenfrage in England sehr verstimmt, und die Pressestimmen mehren sich, die von Angriffsabsichten Frankreichs auf England sprechen.
Sowjetrußland und die Entente
"
Paris, 21. Dezember.
Laut Chicago Tribune" liegen in Paris zuverlässige Nachrichten vor, daß die russische Sowjetregierung vor dem 1. Februar eine verfassunggebende Versammlung einberufen werde, in der alle politischen Parteien vertreten sein sollen. Die Einberufung werde von den Vereinigten Staaten und Frankreich als unbedingte Voraussetzung für die Anerkennung der Sowjet regierung gefordert. Unmittelbar nach dem Zusammentritt der Bersammlung würden die alliierten und assoziierten Mächte eine Konferenz zur Erörterung der formellen Friedensbedingungen der Sowjets abhalten. Führende Rollen bei der Beeinflussung der bosschewistischen Führer unter Einschluß Lenins im Sinne dieses Schrittes haben nach dem Blatte Ministerpräsident Briand und Hoover gespielt.
Aehnliche Nachrichten wie die obenstehende tauchen in letzter Zeit fortgesetzt in der europäischen Presse auf. Wir letzter Zeit fortgesetzt in der europäischen Presse auf. Wir betrachten sie nicht als sehr glaubwürdig. Eher ist anzunehmen, daß die führenden Entente- Regierungen auf diesem Wege die Bedingungen fundgeben, unter denen sie zu einer Anerkennung der Sowjetregierung bereit wären.
Studenten
Bon Dr. Julius Moses
Durch Verfügung des Rektors der Berliner Universität, Herrn Geheimrat Nernst, ist nunmehr die an der Universität bestehende Studentengruppe der K. P. D., weil sie angeblich die akademische Disziplin gefährdet, für die Dauer eines Jahres verboten worden. Also geschehen im Jahre 1921 im republikanischen Deutschland. Was vorangegangen, weiß man nicht, insbesondere hat man niemals gehört, daß gerade die kommunistisch gesinnte Studentengruppe so frech und so provozierend fich benommen hat, wie es die sonstige Studentenschaft bei unzähligen Gelegenheiten als ihr unbestreit bares Recht in Anspruch nahm, ohne daß dadurch die öffent schien. Es sei nur daran erinnert, daß in den Tagen des liche Ordnung und die akademische Disziplin gefährdet erKapp- Putsches die Berliner Studentenschaft sich ganz oftentativ den Hochperrätern zur Verfügung stellte, und all das unter den Augen und der wohlwollenden Protektion der akademischen Behörden, vertreten durch den damaligen Ref. tor der Universität, Geheimrat Meyer.
Daß unter der deutschen und insbesondere der Berliner Studentenschaft der Geist der Republit, der Auflehnung gegen die alte Ordnung der Dinge, im besonderen etwa start be= merkbar gemacht hätte, wird niemand behaupten fönnen. Natürlich gibt es auch hier solche Elemente, aber weder zahlenmäßig noch einflußmäßig geben sie dem akademischen Bürgertum ihr Gepräge. Das gerade Gegenteil ist der Fall. Unsere Reaktion fann mit unserer Studentenschaft vollauf zufrieden sein. Nahezu unumschränkt beherrscht sie die Unis versitäten. Und wo sie Suffurs gebraucht, nicht etwa geiftis. gen, vielmehr die Kraft der Lungen und die Brachialgewalt der Fäuste, um etwa ihr nicht genehme Dozenten niederzus trampeln oder Versammlungen zu sprengen oder mißliebigs Theaterstüde unmöglich zu machen, da steht unsere afabes mische Jugend immer in der vordersten Reihe der Streiter. Wenn man heute sich umsieht in den Kollegienfälen und Wandelhallen der Universität, da springt der Unterschied zwischen dem Einst und dem Jegt dem Beobachter sehr bald in die Augen. Die Not der Zeit ist auch an unseren studies renden Kreisen nicht ohne Wirkung vorübergegangen. Auss gemergelte Jünglinge, aus deren dürftiger Kleidung, hohlen allzu sichtbar in die Erscheinung tritt, geben beredte Kunde Augen und verfümmerten Gesichtern die Rot der Zeit nur von den veränderten Verhältnissen. Materieller und geistiger Drud, Not und Elend haben schon längst die Arbeiterschaft zur Erkenntnis ihrer Lage gebracht und dementsprechend ihr die wirtschaftliche und politische Richtung vorgeschrieben. Hier aber, wo es sich doch auch um Arbeiter, um geistige Arbeiter handelt, die von der Not der Zeit vielleicht noch geistige und politische Entwicklung einen ganz anderen Weg, schlimmer berührt, noch rauher angefaßt werden, geht die führt nach rechts, auf die Seite der Reaktion. Keinen schlimmeren Feind hat die neue Zeit, hat die Republik, hat die Arbeiterschaft, als das Akademiter tum von heute. Und dieser instinktive Haß pflegt sich in der Regel, wie wir es ja hundertfach gesehen haben, in einer Art und Form zu äußern, wie sie brutaler und gemeiner faum gedacht werden kann. Je gebildeter der Mensch, um so abstoßender und widerwärtiger der Ausbruch des Hasses gegen alles, was seiner Mentalität zuwiderläuft. Jene Marburger Studenten, die, nachdem sie unschuldige Arbeiter nach vorangegangenen Mihhandlungen brutal ermordet haben, mit Sang und Klang und Gloria vom Kriegsschaus play abzogen, sind im fleinen und einzelnen das typische Bild der heutigen Studentenschaft im großen und allgemeinen.
Und noch eins gehört zum Bilde, zur Charakteristik des Ganzen. Das ist der Antisemitismus, der nirgendwo so zärtlich gehegt und gepflegt wird, wie bei dem Akademiker tum von heute. Wo der Zaun am niedrigsten ist, ba sprin gen die Hunde am leichtesten drüber hinweg, das ist ja eine bekannte Tatsache. Es erübrigt sich wohl, im Einzelnen auf diese Dinge weiter einzugehen. Wo die geistige Befähigung fehlt, und in der Regel auch der gute Wille, die Dinge an der Wurzel anzufassen und in ihren inneren Triebfräften zu erkennen, da ist allezeit ein billiges und bequemes Schlagwort bei der Hand, das auf die dentträgen Massen wirkt und die eigene Geistesarmut verbirgt, und das ist in diesem Falle der Antisemitismus.
Mit unsäglichem Hochmut, der geradezu an Verachtung grenzt, mit Mut im Herzen und einem Haß, der lieber heute wie morgen alles hinwegfegen möchte, was im Flusse der Erscheinungen sich neugestaltet hat, blidt der Akademiker von heute auf die neue Zeit, blidt er insbesondere auf die Arbeiterschaft, die ja für ihn die leibhaftige Verförperung bedeutet alles dessen, was ihm in ingrimmigster Seelentiefe Hassenswert und verabscheuungswürdig erscheint. Und mag ihm auch durch die Löcher des erbärmlichen Wamses der Wind faufen, mag ihm auch der Hunger in den Gedärmen wühlen, mag er auch in seiner ganzen Lebenshaltung hundertfach schlechter gestellt sein als mancher Arbeiter, er wird sich niemals soweit erniedrigen, zu denen herunterzu steigen, zu denen er eigentlich gehört, er wird jeden Ges danten der 3ugehörigkeit zum Proletariat mit verächtlichem Stolz von sich abweisen. Denn nach