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Freitag, 24. Februar 1922
Nummer 94
Abend- Ausgabe
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greiheit
Berliner Organ
ber Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Die gleitende Lohnskala
Bon Richard Seidel
Das Problem der gleitenden Lohnstala wird lebhaft er örtert. Die unausgesetzte Steigerung der Preise zwingt die interessierten Organisationen und Behörden immer wieder . zur Beschäftigung mit der Frage, wie die Angleichung der Löhne und Gehälter an die Lebenshaltungskosten möglichst rasch und sicher zu bewirken ist. Die in den letzten Leuerungsjahren oft wiederholten Erörterungen dieser Frage zeigen zum mindesten, daß die bisher geübte Methode der Lohnfestsezung volle Befriedigung auf feiner Seite ausgelöst hat, so daß die Beteiligten nach einer besseren Methode suchen. Daß sie in der gleitenden Lohnstala zu finden sei, wird in Gewerkschaftstreifen noch lebhaft bestritten. Es fehlt ber Idee nicht an heftigen Gegnern, aber auch nicht an enthustastischen Freunden, die, wie uns scheint, beide fehlgehen. Den Freunden der gleitenden Lohnstala, die sich der Begeis sterung für die Joee hemmungslos hingeben, muß entgegengehalten werden, daß es eine trügerische Hoffnung wäre, wollte man glauben, die gleitende Lohnstala sei der letzte Schritt zum sozialen Frieden, das endlich entdeckte Heilmittel gegen alle sozialen Schäden. Dieser zum Glück nicht sehr perbreitete Glaube geht aus von der Vorstellung, daß die gleitende Lohnstala zu verwirklichen ist als ein einseitig von besonderen Behörden bedienter Apparat, der von Zeit zu Zeit Zahlen produziert, nach denen überall und gleich= zeitig die Löhne unweigerlich geregelt werden müssen. Es gäbe, so glaubt man, dann feine Möglichkeit und auch keine Notwendigkeit des sozialen Kampfes mehr.
Ein derartig starres System ist undenkbar. Strenge und 3wang werden im sozialen Leben niemals regelnd, sondern ftets verwirrend und aufreizend wirten. Das ist im Falle ber gleitenden Löhne sofort klar, wenn wir nur einen Augenblid bedenken, daß es sich doch bei alledem letzten Endes um ben Menschen handelt, dessen Lebens- und Kulturspielraum unmöglich von einer Rechenmaschine bestimmt werden fann. Die Wirkung dieser Starrheit würde auch durch die Zerlegung des Reiches in eine Anzahl von Inderbezirken nicht wesentlich abgeschwächt werden. Auch sind die Vora u s- segungen für die Regulierung der Löhne in den einzelnen Industriezweigen viel zu verschieden, als daß eine zentrale Regelung mit zwangsmäßiger Wirkung durchführbar wäre.
Diese starre Methode würde aber vor allem jeden Einfluß der Gewerkschaften auf die Lohnhöhe ausschalten. Das Bestreben der Gewerkschaften fann jedoch unmöglich darauf beschränkt sein, für die Sicherstellung der Notwendigkeiten des nadten Lebens zu sorgen. Es muß Darüber hinaus den Kulturspielraum der Arbeiterklasse zu erweitern suchen durch die Erringung eines wachsenden Anteiles am Produktionsertrag.
Ein starres System der gedachten Art würde diesen Anteil für alle Zeit gleich niedrig halten. Das ist der erste der be= achtenswerten Einwendungen gegen die gleitende Lohnstala, die besonders von gewerkschaftlicher Seite erhoben werden. Auch er richtet sich, wie wir sehen, lediglich gegen ein als talten Mechanismus aufgefaßtes System. Er könnte also gegenstandslos werden, wenn es gelänge, das System seiner Starr mechanischen Wirkung zu entkleiden und mit den Wechsel der Umstände, die die Lohnhöhe mitbestimmen, in Einilang zu bringen.
Ein zweiter wichtiger Einwand bezieht sich auf die Anwendung der gleitenden Lohnberechnung bei sintenden Lebenshaltungskosten. Stellt sich die mechanische Anwendung der Methode- ohne Rücksicht auf die besonderen Umstände in den einzelnen Produktionszweigen- schon bei steigenden Preisen als unmöglich heraus, so würde sie bei fallender Preisfurve geradezu aufreizend wirken.
Solches Vorgehen würde zur Folge haben, daß die Arbeiterschaft von der Erleichterung der Lebenslage, die das Fallen der Preise allgemein zur Folge hätte, ausgeschlossen bliebe. Die Arbeiterschaft würde in dem Augenblick, da sie glaubt, nach der langen Qual einer auf die nackte Notdurft beschränkten Lebenshaltung au fat men zu fönnen, sofort zurückgestoßen werden in das alte ewige Grau einer aufs äußerste bedrängten Lage. Eine mit strenger Bindung mirtende Gesetzgebung dieser Art hieße nicht nur, das gegenwärtige Elend verewigen, sondern hieße geradezu, ein tultur und freudloses Dasein für das Proleta= riat zum Staatsprinzip erheben. Es erwartet wohl niemand, daß die Arbeiterschaft einen solchen Versuch des„ Lohnabbaues" geduldig ertragen würde.
Ein derartiges Verfahren wäre aber auch darum besonders hart, weil bei einer starten Teuerung der Lebensspiel raum der breiten Massen ohnehin zunehmend eingeengt wird. Das heißt, in dem Augenblid, da nach langer Teuerung die Wendung zum Sinten der Lebenshaltungs fosten eintritt, steht die Kaufkraft der Löhne von Ausnahmefällen in zufällig begünstigten Produktionszweigen abgesehen am tiefsten. Gine sofortige automatische Sentung der Löhne würde auch darum unmöglich sein. Es ist daher der Vorschlag gemacht worden, mit der Verminderung der Löhne nach Maßgabe der sinkenden Inderziffer erst sechs Monate nach dieser Wendung zu beginnen und ben Lohn- und Gehaltsempfängern damit einen wirtschaftlichen Vorsprung zu geben.
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Eine Steuer zum Besten der Zechenbarone
Neue Stinnespläne- Erhöhung der Kohlenpreise
Das Handelsblatt der„ Bossischen Zeitung" berichtet über eine neue Erhöhung der Kohlenpreise, die zur Ausgleichung an die Weltmarktpreise führen soll, folgendes:
Am tommenden Montag findet, wie wir erfahren, eine gemeinsame Sigung des Reichsfohlenverbandes und des großen Ausschusses des Reichstohlenrats statt, die über eine Erhöhung der Kohlenpreise ab 1. März Beschluß fassen soll. In welchem Umfang die Erhöhung vorgenommen wird, läßt sich mit Bestimmtheit noch nicht sagen. Jedenfalls sollen die neuen Preise möglichst bis auf die Höhe der Weltmarttpreise ge= bracht werden. Das Ausmaß wird von den morgen stattfindenden Lohnverhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern abhängen. Letztere haben eine Zulage pro Schicht von 25-30 M. beantragt, und es steht noch nicht fest, ob diese Forderung von den Arbeitgebern voll bewilligt werden wird. Die Differenz zwischen Inland- und Weltmarktpreis beträgt zur Zeit im Durchschnitt 250-300 Mart pro Tonne. Diese Spanne wird bereits wesentlich verringert durch die am 1. März voraussichtlich in Kraft tretende, von 20 auf 40 Prozent erhöhte Kohlensteuer sowie durch die am gleichen Tage in Kraft tretende neue Frachttariferhöhung um 20 Prozent. Treten nun noch die neuen Lohnzulagen sowie die erhöhten Materialienpreise hinzu, so fehlt bis zur Erreichung der Weltmarktpreise nicht mehr allzu viel. Es sollen bei der neuen Erhöhung insbesondere die Stinnesschen Pläne Berücksichtigung finden, wonach den Zechen erhöhte Abschreibungssäge zu Neuinvestierungen zugebilligt werden sollen, um einem erhöhten Brennstoffbedarf voll genügen zu fönnen.. Daß, wie verschiedentlich verlautet, aus den neuen Eshöhungen bestimmte Beträge dem Reich zur Begleichung von Reparationsforderungen überwiesen werden, dürfte kaum in Frage tom men.
Auch uns ist bekannt, daß Herr Stinnes unter Aufbjetung feines ganzen Einflusses und auch mit anderen Mitteln auf die Hinauftreibung der Kohlenpreise zur Höhe der Weltmarktpreise hinarbeitet. Sein Plan ist, die dadurch aus den Taschen der Konsumenten gezogenen Ueberschüsse zur Abteufung neuer Schächte und Verbesserung der Grubenanlagen zu benuken. Da die Erhöhung der Kohlenpreise durch Reichsgeseh erfolgt, würde dieser Schritt bedeuten, daß der Gesamtheit eine Steuer auferlegt wird, deren voller Betrag in die Hände der Bechenbesitzer übergeht, damit sie ihren Be fit vermehren und befestigen fönnen.
Jm Handelsteil der Zeit", einem Blatte also, das Herrn Stinnes sehr nahe steht, werden die Angaben der„ Vossischen Zeitung" über die Kohlenpreiserhöhung im allgemeinen be= stätigt, und über die besonderen Absichten des Herrn Stinnes heißt es dort:
„ Sierbei sei auch noch gleich die Nachricht richtiggestellt, die von einer Verwendung des Ueberschusses für die Abteufung neuer Schächte in Oberschlesien spricht. Schon lange geht der Wunsch, eine Rohlenpreiserhöhung zu erreichen, die nicht nur
Damit würde erreicht werden, daß ein Teil der während der Zeit der steigenden Preisziffern gewonnenen 3ulage dauernd in den Lohn eingehen und erhalten bleiben würde. Wie groß dieser Teil aber wäre, das ist im Voraus nicht zu übersehen. Seine Größe würde abhängig sein vom Tempo der Preisverminderung. Ist es langsam, dann ist dieser Bestandteil der Zulagen, der dauernd als Einkommen erhalten bleibt, gering, und damit ungenügend, ist das Tempo lebhafter, dann ist der Bestandteil größer. Auch dieses Verfahren würde also nicht ausschließen, daß der Abbau der Löhne, wenn er nach sechsmonatiger Karrenzzeit einsetzt, drückend fühlbar wird und zu heftigen sozialen Kämpfen führt.
Faßt man indes das Prinzip der gleitenden Lohnstala als ein ewiges auf, als eine Lösung des Lohnproblems, glaubt man, daß es, einmal eingeführt, überall und allezeit gleich zeitig Anwendung finden muß und finden kann dann ist es schwer, der Anwendung des Systems bei steigenden Preis sen zuzustimmen und es bei fallenben Preisen ab. zulehnen. Man darf die gleitende Lohnstala daher von vornherein nur als das nehmen, was sie günstigenfalls sein fann: als einen Notbehelf, geboren aus dem 3wang momentaner Umstände, nicht als ein allgegenwärtiges Gesetz. Der Gedanke der gleitenden Lohnstala hat einigen Anklang gefunden, weil die Umstände der Zeit uns zwingen, nach möglichst sicher wirkenden Methoden der Angleichung der Löhne an die Preise Umschau zu halten. Die gegenwär tig angewandten Methoden der Lohntarife mit ganz turzen Fristen sind kompliziert und ungenügend. Es ist offenkundig, daß sie bei aller Rührigkeit der Gewerkschaften für eine große Zahl der Arbeiter und Angestellten noch nicht einmal immer die rechtzeitige Angleichung der Löhne an die Preise für den notwendigen Lebensbedarf sicherstellen fonn ten. Meist folgte die Erhöhung der Tariflöhne den Preis: steigerungen erft in längeren oder fürzeren Zwischenräumen nach, während die Preisfurve ihren Weg zur Höhe inzwischen rüstig fortgesetzt hatte.
Dieser letzte, schwer brückende Uebelstand fönnte durch eine gleitende Lohnberechnung beseitigt werden. Unter den
die tatsächlichen Ausgaben deckt, sondern noch einen Ueberschuß e den weiteren technähen Ausbau der Zechen und zur Abteufung neuer Schächte übrig läßt. Bon einer Verwendung dieses Ueberschusses in Oberschlesien tann aber nicht die Rede sein. Die oberSchlesischen Kohlenreviere stehen in gar feinem Zusammenhang mit der übrigen deutschen Kohlenindustrie. Oberschlesien jetzt seine Kohlenpreise für sich fest mit Genehmigung der interalliierten Kommission. Ein Ausgleich mit den übrigen deutschen Kohlensyndifaten besteht nicht. Der Wunsch nach Erzielung von Ueberschüssen zur Abteufung neuer Schächte wird Jomit noch nicht in Er= füllung gehen. Die Abteufung eines neuen Schachtes fostet heutzutage rund 1 Milliarde Mark. Allerdings werden wir in nicht allzu langer Zeit doch vor die Notwendigkeit gestellt wer den, Mittel hierzu auf irgendeine Weise aufzubringen."
Diese Mitteilung unterscheidet sich von der Darstellung der„ Vossischen Zeitung" nur insofern, als nach der„ Zeit" der Ueberschuß für den weiteren technischen Ausbau der Zechen und zur Abteufung neuer Schächte" in der gegen wärtig angestrebten Kohlenpreiserhöhung noch nicht enthalten ist. Für diesen 3wed erstreben die Leute um Stinnes also eine weitere Steigerung der Preise über das gegenwärtige Ziel hinaus. Die ,, Zeit" erklärt, die jetzt in Frage kommende Kohlenpreiserhöhung ,, wird vollkommen durch die Lohn- und Steuererhöhung aufgebraucht".
In Wirklichkeit stehen die Dinge so, daß die Zechen au ch jetzt schon so ungewöhnlich große Ueberschüsse abwerfen, daß eine Verbesserung der Betriebsanlagen und das Schlagen neuer Schächte auch ohne die geplante maßlose Schröpfung der Konsumentenschaft möglich wäre. Das wird dadurch bewiesen, daß, wie verlautet, eine Reihe von Zechen in nächster Zeit mit der Abtelfung neuer Schächte beginnen wollen. Nur Herr Stinnes und die von ihm abhängigen Unternehmungen haben bisher alle Produktionsmenge Maßnahmen zur Vermehrung der systematisch sabotiert. Sie stellen sich so, als seien sie zu solchen Maßnahmen finanziell nicht in der Lage, um immer neue Kohlenpreiserhöhungen herauszuschinden. Wir hoffen, daß die Vertreter der Arbeiter in den maßgebenden Körperschaften sowie die Regierung die Situation richtig erkennen und die Pläne des Herrn Stinnes unter allen Ümständen durchkreuzen. Wenn schon die Ueberschüsse zur Erweiterung und Verbesserung der Grubenanlagen durch eine solche verschleierte Kohlenverbrauchssteuer aufgebracht werden sollen, dann dürfen die aus einem solchen Opfer der Gesamtheit geschaffenen Anlagen nicht Besitz einiger Schwerfapitalisten werden. Dieser Weg wäre eine unerhörte Herausforderung der Arbeitershaft, die eine Sozialisie rung der Gruben, aber nicht eine Stabilisierung der stinnesierten Kohlenwirtschaft Kosten der Gesamtheit fordert.
auf
gegenwärtigen Umständen, die zahlreiche Hemmungen der Aktionsfähigkeit der Gewerkschaften hervorbringen, würde also die Angleichung der Löhne an das jeweilige Preis, niveau für die lebensnotwendigen Dinge mit Hilfe der gleitenden Lohnstala schneller und sicherer erfolgen, als auf dem Wege über langwierige Einzelverhandlungen in den Tarifförperschaften. Mehr vermag die ses System allerdings nicht. Da aber die bisher üblichen Methoden der Gewerkschaften unter den gegenwär tigen Umständen noch nicht einmal dieses mit der gleichen Sicherheit zu erreichen vermögen, würde die Einführung der gleitenden Lohnstala, wenn wir ihre Anwendung auf diesen begrenzten Kreis ihrer Wirksamkeit beschränken, immerhin einen schäzenswerten Vortel darstellen. Das wenige, was die Arbeiterschaft mit Hilfe der Gewerkschaften jetzt durchsetzen kann, erreicht sie durch die gleitende Lohnstala in einer meniger umständlichen Weise und außerdem rechtzeitiger als durch Tarifverhandlungen.
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Die
Jst so die Wirkung der gleitenden Lohnstala durch Natur der Dinge eng begrenzt, so muß auch ihre Anwen's dung in entsprechend en gen Grenzen gehalten werden. Auch die Bedenken gegen die Idee, die in Gewerkschaftstreisen und in der Arbeiterschaft bestehen, werden durch Erwä gungen dieser Art nicht sofort zu beseitigen sein. Es wäre daher falsch, das System der gleitenden Löhne auf gesetz= mäßigem Wege und zur gleichmäßigen Anwen dung auf alle Probuftionszweige einzuführen. Die Staatsgewalt muß auch hier und gerade hier, denn bei aller Sorgfalt der Ueberlegung bleibt die Einführung ber gleitenden Lohnstala zunächst ein Experiment den Gewerbschaften die Möglichkeit zu lassen, ihr Handeln in voller Freiheit selbst zu bestimmen. Die Einführung der gleitenden Lohnberechnung sollte daher nur auf dem Wege der tarifmäßigen Bereinbarung erfolgen und nur für die Dauer des Tarifes Geltung haben. Bei Abs lauf des Tarifes besteht dann die Möglichkeit, das System der Berechnung und den Grundlohn, von dem die Berechnung nach der Inderziffer auszugehen hat, zu ändern oder das