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Einzelpreis 1.50 Mk.
Diereibet er cheint täglich einmal als Morgenausgabe und Montags als Abenbausgabe mit den Unterhaltungsbeilagen Freie Welt", Frauen- Weit" und Der Jugend- Genoise". Der Bezugspreis beträgt bei freier Susteßung ins Haus für den Monat Juni 42, M., Im voraus zahlbar. Bestellungen nehmen fämtliche Postanstalten ent gegen. Unter Streifband bezogen für Deutschland, Danzig, das Saar und Memelgebiet sowie die früheren deutschen Gebiete Bolens und Luxemburg 76,- M., für das übrige Ausland 94,-.
Miffwoch, den 14. Juni 1922
5. Jahrg, Nummer 244
Die sehngefpaltene Ronpareillegeile oder deren Raum fostet 18,- M., einschließlich Inseratensteuer. Aleine Anzeigen: Das fettgebrudte Bort 2,50 m., tebes weitere Woct 1,75 M. einschließlich Inseratenstener. Laufende Anzeigen laut Tarif. Samilien- Anzeigen und Stellen- Gesuche 12, m. netto pro Beile. Stellen- Gesuche in Wort- Anzeigen: das feft gedruckte Wort 2, M., jedes weitere Wort 1,50 M. Fernfprecher Zentrum 152 30-152 00
greiheit
Berliner Organ
der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Die russische Justiz- Komödie
Die Verteidigung der Angeklagten
Nachdem die kommunistische Presse aller Länder in allen Tonarten die im Prozeß gegen die SozialistenRevolutionäre auftretenden Verteidiger beschimpft hat, stellt sich jetzt heraus, daß auch vierzehn Kommunisten, und zwar unter anderen Bucharin, Klara 3ettin, Frossard als Verteidiger einer Anzahl von Angeklagten auftreten werden. Mit Recht sagen sich nunmehr selbst die fommunistischen Arbeiter, daß die Uebernahme der Verteidigung von Angeklagten in diesem Prozeß wohl nicht so großer Verrat am Sozialismus sein kann, wenn auch hervorragende Kommunisten aller Länder an der Verteidigung teilnehmen. In Moskau sind daher diese kommunistifchen Verteidiger" bereits genötigt, sich zu rechtfertigen. In einer von einem Teil dieser kommunistischen Verteidiger unterschriebenen Erklärung, die in der " Prawda" vom 3. Juni veröffentlicht wird, entschuldigen sie sich damit, daß sie nur solche Angeklagten verteidigen, die inzwischen zur Kommunistischen Partei übergetreten sind. Eine schwache Entschuldigung, wenn man bedenkt, daß die Klienten dieser fommunistischen Verteidiger gerade diejenigen Angeklagten sind, die allein von allen Angeklagten durch ihr Geständnis bereits überführt sind, die Attentate auf Lenin und Woledarski unternommen zu haben. Gerade dic überführten Angeflagten werden also von Kommunist en verteidigt! Und da will man unseren Genossen einen Vorwurf daraus machen, daß sie an der Verteidigung derjenigen Angeklagten teilnehmen, die ganz entschieden bestreiten, an den Attentaten beteiligt gewesen zit sein! Sehr erklärlich, daß die Mitglieder der Kommunistischen Partei aufbegehren. Die kommunistischen Verteidiger suchen sich dadurch vor den Augen ihrer Anhänger reinzuwaschen, daß sie nunmehr feierlich erklären, daß sic mit unseren Genossen, die als Verteidiger auftreten, nicht solidarisch" sind, mit den Herren Vandervelde, Liebknecht und Kurt Rosenfeld nichts gemein haben," daß sie unsere Genossen zu den politischen Feinden rechnen, zu den Feinden der Revolution und des Proletariats", und daß sie mit Entrüstung jeden Versuch von ihnen( d. h. von unseren Genossen) zurückweisen, uns die Hand zu reichen". Wir werden also in dem Prozeß Verteidiger kennen lernen, wie sie noch fein Prozeß aufzuweisen hatte: Verteidiger, die ihre Aufgabe darin schen, gegen ihre Mitverteidiger auf
zutreten.
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Die Aufmachung des Prozesses Der Prozch gegen die Sozialisten- Revolutionäre soll im größten Stile vor sich gehen. 36 Angeflagte, eine noo) größere Anzahl von Verteidigern, etwa 50 Zeugen und 2000 Zuhörer! Man hat einen der größten Säle von Moskau belegt. Offenbar, damit das Publikum auch eine Rolle spielen kann. Welche Rolle das sein wird, darüber kann nach der Hetze der Mostaner fommunistischen Presse fein Zweifel sein. Jeden der Angeklagten wollte man mit 2 Eintrittskarten für die nächsten Verwandten abspeisen und den Rest, d. h. fast alle anderen Karten der kommunistischen Partei überlassen. Dieser Verteilung hat aber die Verteidigung widersprochen und einen angemessenen Teil der Zuhörerfarten für die Angeklagten gefordert. Das Gericht hat über diesen Antrag noch nicht entschieden. Wir ehmen aber au, daß es ihm inzwischen stattgegeben hat.
Protest der Verteidiger
An den Volkskommissar für Justizwesen. Werte Genossen!
Die Regierung der RSFSR. hat uns nach unserer Anfunft in Moskau Quartier außerhalb der Stadt angewiesen und uns drei Beamte beigegeben, die uns dauernd begleiten.
nungen der Regierung durchzuführen, haben im Allge meinen ihre Pflicht mit Takt und Freundlichkeit erfüllt. Trotzdem hat die gewählte Art der Bewachung zu einer Reihe von Unzuträglichkeiten geführt, aus denen wir ins besondere die folgenden zur Sprache zu bringen uns veranlaßt schen:
1. Die mit unserem Schutze betrauten Beamten be: finden sich ste's unmittelbar bei uns. Ohne ihre un= mittelbare Begleitung dürfen wir uns nur innerhalb der Grenzen unseres Quartiers bewegen. Die Beamten be= obachten dauernd unser ganzes Tun der Art, daß wir die Empfindung nicht unterdrücken können, es handle sich nicht um eine Beobachtung zu unserem Schuhe, sondern zu anderen Zweden.
2. Am Tage nach unserer Ankunft durften wir nicht einmal in Begleitung der Beamten in die Stadt fahren, um dem Justizkommissar unseren Besuch abzustatten und uns mit unseren russischen Mitverteidigern und den Ange: flagten in Verbindung zu sezen. Angeblich war die Volksstimmung gegen uns zu gereizt.
3. Man hat uns die Erlaubnis verweigert, uns zur Besprechung über den Prozeß in die Wohnungen unserer russischen Mitverteidiger zu begeben und ihren Besuch an anderer Stelle als in dem uns zur Verfügung gestellten Büro zu empfangen.
4. Als Vandervelde die Mitglieder der Amsterdamer Mission, die ihn zuvor eingeladen hatten, zu sich bat, wurde ihm die Erlaubnis hierzu bis nach Einholung besonderer Instruktionen versagt.
5. Vandervelde wurde genötigt, eine Zusammenkunft, die er mit dem englischen Vertreter in Mostan verabredet hatte, abzusagen.
6. Bei Gelegenheit von Besorgungen stellte sich für uns die Notwendigkeit heraus, verschiedene Geschäfte zu be= suchen. Es wurde uns nicht gestattet, daß jeder von uns das ihn interessierende Geschäft der beieinander liegenden Geschäfte aussuchen durfte, um uns nach einer halben Stunde wieder zu treffen; der Beamte verlangte, daß wir ständig zusammen und bei ihm blieben. Nicht einmal in demselben Geschäft durften wir uns einzeln in die ver= schiedenen Abteilungen begeben.
Diese Vorkommnisse werden natürlich durch das Interesse unserer Sicherheit nicht gerechtfertigt. Wir sind durch die Maßnahmen der Regierung in eine Lage gebracht worden, die wir als erniedrigend empfinden müssen und die auch geeignet ist, uns in der Freiheit der Verteidigung zu beeinträchtigen. Wir erheben daher gegen diese ganze Methode der Ausübung des Schuges Protest.
Unbeschadet der Verantwortung der Regierung für unsere Sicherheit und unversehrtheit, ersuchen wir alle Maßnahmen, die die Regierung zu unserem Schuße für geboten hält, so zu treffen, daß unsere Würde nicht verlegt und unsere Bewegungsfreiheit und auch die Freiheit der Verteidigung nicht beschränkt wird.
Moskau, den 3. Juni 1922.
Gezeichnet: Emile Vandervelde, Th. Liebknecht, Kurt Rosenfeld.
Der Moskauer Sowjet zum Prozeß
SR. Helsingfors, 9. Juni Am 6. Juni fand eine Plenarversammlung des Mosfatter Sowjets statt. Den Mittelpunkt der Sißung bildete der Bericht Radeks über den Prozeß der S. R. Radek schilderte darin alle die zahlreichen„ Verbrechen" der S.- R- Partei. Was für ein Urteil das proletarische Gericht auch fällen möge, es wird ein Todesurteil für die Partei der S- R. sein. Der Verteidiger der S.-R. Herr Vandervelde, hat nicht den Mut gehabt, als Angeklagter vor dem Gericht zu erscheinen und wird die Rolle eines Verteidigers spielen. Allein das Urteil des Revolutionstribunals in Sachen der S.-R. wird auch ein Urteil über ihre Verteidiger sein. Die russische Arbeiterklasse hat ihr Urteil schon ausgesprochen: dieses Urteil besagt, daß die Mörder Wolodarskis vernichtet werden müssen." Nach Radeks Rede schlugen einzelne Mitgileder des Sowjets vor, das Strafhöchstmaß gegen die S.-R. in Anwendung zu bringen, ohne Rücksicht auf die Versprechungen, die der Konferenz der drei Internationalen gentacht worden seien. Zum Schluß wurde eine Resolution angenommen in welcher der Moskauer Sowjet die Ver teidiger der S.-R. brandmarkt und die Ueberzeugung ausspricht, daß die proletarische Justiz die angeklagten S.-R. nach Verdienst strafen werde.
Nach der uns von dem Vertreter der Regierung ge= gebenen Erklärung ist dies zu unserem Schutze geschehen. Wir wollen dahingestellt lassen, ob diese Maßnahmen notwendig waren. Nach der Art, wie vor und nach unserem Eintreffen in Moskau in der Preise gegen uns gehetzt worden ist, mochten vielleicht der Regierung Maßregeln zu unserem Schuße notwendig erscheinen. Aber wir fönnen nicht anerkennen, daß diese Maßregeln so getroffen merden musten, wie sie getroffen sind, und insbesondere in einer Form, die ungerechtfertigt erscheint, unserer unwürdig ist und uns aller Freiheit der Handlung und Bewegung beranbt. Tie Beamten, welche beauftragt sind, die Anord- nischer Seite der Vizeminister Straßburger.
Desterreichisch- polnische
Handelsvertragsverhandlungen.
Die Verhandlungen über den österreichisch- polnischen Han= delsvertrag haben gestern begonnen. Auf österreichischer Seite führt sie der bevollmächtigte Minister Post, auf pol
Zu Kautskys Parteikritik
Von Georg Ledebour
Kautskys Kritik an der Partei, der er sich selbst noch zuzählt, hat freudige Zustimmung gefunden gleichzeitig gleichzeitig im Vorwärts" und und in der " Roten Fahne". Sehr begreiflich! Denn aus dieser Kritik wächst die Zumutung her aus, die USPD. solle Selbstmord begehen, indem sie sich der Sozialdemokratischen Partei an schließt. Kein Wunder, daß die konkurrierenden Nach baru, die auf die Teilung der Hinterlassenschaft der von Kautsky beratenen Partei lauern, dem weiseit Ratgeber attestieren, er habe mit seiner Kritik ins Schwarze getroffen, und sein Rat zeuge von hoher politischer Einsicht!
Diese gleichzeitig rechtssozialistische und kommu nistische Begönnerung hat den zwiefach belobigten Theoretiker der sozialistischen Bewegung aufgemuntert, seinem Artikel im„ Sozialist" jetzt einen neuen Vorstoß in der Freiheit" vom 8. Juni nachfolgen zu lassen, der, von hochgradiger Uebellaunigkeit durch tränkt, die Forderung des bedingungslosen Anschlusses der Unabhängigen an die SPD. wiederholt. Kautsky versetzt uns bei dieser Gelegenheit einige hübsche Koseworte wie Beschränktheit der Seftenpartei" und ver sichert, er werde nicht müde werden, dieses„ selbstgerechte Sektierertum" zu„ brandmarken".
Demgegenüber fühle ich doch die Verpflichtung, in Ergänzung der kurzen Abwehr der Freiheit" Redaktion entschieden Stellung gegen solche Brande martsbemühungen zu nehmen.
Vorweg will ich gern anerkennen: Erfreulich ist die Offenheit, mit der Kautsky seine Anklagen gegen uns herausschleudert. Er unterscheidet sich dadurch angenehm von einigen Gleichgesinnten, die seit geraumer Zeit unter der Hand sich bemüht haben, die Unabhän= gige Partei in das rechtssozialistische Lager hinüberzuleiten.
Auch Kautskys Uebellaunigkeit ist mir völlig verständlich. Sie ist die naturgemäße Wirkung herber Enttäuschung über den Verlauf unserer Parteientwick lung. Er selbst erzählt, daß er sich schon 1919 unserer Partei entfremdet fühlte wegen ihrer revolutionären Entwicklung, und nach anfänglicher Erwägung der Uebersiedlung nach Wien deshalb gern eine Berufung nach Georgien angenommen habe. Als er zurückfam. goß die Spaltung in der USPD. Hoffnung in sein Herz. Er gab sich der Erwartung hin, daß der bei uns verbliebene Teil der Partei sehr bald für den Zusammenschluß mit der SPD, reif sein würde. All diesem Sehnen bereitete der diesjährige Parteitag in Leipzig ein bitteres Ende. Kein Wunder, daß es unseren Kritifer schwer betrübt, wenn er auf Nimmerwiedersehen seine Felle davonschwimmen sieht?
Denn Kautsky hat es ja nunmehr offenbar aufgegeben, die Unabhängigen in die rechtssozialistische Abhängigkeit hinüberzulocken. Seine Aufforderung an Gleichgesinnte, alles aufzubieten, um den Uebertritt der Gesamtpartei in das rechtssozialistische Lager durchzusetzen, ist offenbar nur die rhetorische Einkleidung für die Anfündigung:„ Gelingt es uns nicht, dann ist wenigstens für mich die Konsequenz klar ges geben"; d. h. mit anderen Worten:„ dann trete ich allein über zur SPD."
Soweit sind diese Gedankengänge und Gefühlsäußerungen des Unmutgepackten durchaus begreiflich. Ueberraschend ist es aber doch, wie verständnislos Kautsky der revolutionären Entwicklung der sozialistischen Bewegung in Deutschland gegenübersteht, und wie falsch er selbst Vorgänge auffaßt, die er, wenn auch meist nur als passiver Zuschauer, miterlebt hat.
Der Grundirrtum, der uns aus Kautskys Parteifritif entgegenstarrt, ist der, daß er glaubte, die„ bewährte" Ermattungsstrategie der Sozialdemokratischen Partei in der Vorfriegszeit auch jetzt noch nach dem militärisch- imperialistischen Zusammenbruch und nach der erfolgreichen revolutionären Erhebung des Proletariats, der klassenbewußten Arbeiterschaft Deutschlands als maßgebend aufreden zu können. Für ihn ist der Weltkrieg nur eine historische Episode. Nach Friedensschluß müßte der Faden da wieder fortgesponnen werden, wo er 1914 abgerissen war:„ Der Krieg hatte die Spaltung herbeigeführt, mit dem Kriegsende war ihre Ursache verschwunden."
Kautsky vergißt, daß unter dem vierjährigen Einfluß der Burgfriedenspolitik die Sozialdemokratische Partei durch völlige Entwöhnung vom Klassenkampf sich in ihren Anschauungen von Grund aus. ebenso gewandelt hot, wie gleichzeitig die USPD. zur revolutios