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Dienstag, den 1. Auguff 1922

5. Jahrg, Nummer 288

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greiheit

Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Herabsetzung der Ausgleichszahlungen?

Das Gesuch der Deutschen Regierung, die Aus­gleichszahlungen herabzusetzen, wurde, wie mitgeteilt, von Frankreich schroff abgelehnt. Es sei in Erinnerung gebracht, um was es sich handelt. Durch gemischte

Schiedsgerichtshofe wurden die Zahlungen feitgefest,

die Deutschland Privaten zu leisten hat für Schäden, die ihnen durch unnötige Kriegsmaßnahmen deutscher Offiziere zugefügt wurden. Diese Zahlungen belaufen fich zurzeit auf zwei Millionen Pfund Sterlinge. Die deutsche Regierung ersuchte, die Zahlungen auf 500 000 Pfund Sterling herabzusetzen und die über­schießenden Beträge bis 1924 zu stunden. In London hat man nicht die schroff ablehnende Haltung wie in Paris eingenommen. Die englische Regierung ant­wortete vielmehr, daß sie die beregte Frage baldigst mit den anderen beteiligten Mächten erörtern werde, um zu gegebener Zeit in Gemeinschaft mit den anderen alliierten Mächten der deutschen Regierung eine Ant­wort zu erteilen. Aehnlich scheint der Standpunkt der belgischen Regierung zu sein.

Reuter erfährt, daß Lloyd George Poincaré einge­laden habe, sich mit ihm am 7. August in London zu treffen. Lloyd George schlage vor, die Beratungen auf die Reparationsfrage zu beschränken. Es heißt, daß auch Italien und Belgien eingeladen werden sollen, Vertreter zu entsenden.

Die Antwort der belgischen Regierung auf die deutsche Note betr. die Ausgleichszahlungen lautet:

Die belgische Regierung wird sich über den Antrag auf Herabfezung der an die Ausgleichsämter zu leistenden Zah= lungen sowie gleichzeitig über das Gesuch um Gewährung cines Moratoriums äußern. Sie erklärt indessen schon jetzt ihre Absicht, dem Friedensvertrag gemäß den Reparations: zahlungen den Vorrang vor allen anderen Verpflichtungen des Deutschen Reiches zu geben."

Die deutsche Antwort an Frankreich. fertiggestellt

In der Kabinettssitzung, zu der die Reichsregierung am Montag, mittags um 122 Uhr zusammengetreten war, wurde von den Mitaliedern der Regierung, wie die P. P. N. von zu= ständiger Stelle erfahren, nur der Entwurf der deutschen Ant­wort an die französische Regierung wieder furs zuvor in einer Chefbesprechung um 12 Uhr durch beraten worden war, zur Kenntnis genommen. Nach dieser kurzen Kabinettssikung trat dann nachmittags um Uhr das Reichskabinett nochmals zu einer Sizung zusammen, in der dann die Antwort auf die französische Note endgültig festgestellt wurde. Sie wurde gestern Abend noch telegraphisch nach Paris bermittelt und wird dort heute vom deutschen Botschafter der französischen Regierung übergeben werden. Nach der Uebergabe wird dann die Veröffentlichung des Wortlautes erfolgen.

( DA.) Berlin, 31. Juli. Für die Auffassung der deutschen Regierung, die in der Note auch klar zum Ausdruck gebracht werden soll, daß nämlich die Abtrennung der Frage der Ausgleichszahlungen als einer Einzelfrage von den zurzeit noch von der Reparationskommission behandelten Fragen der Reparationszahlungen und der deutschen Leistungsfähig= feit nicht angängia ift, fann sich die deutsche Regierung mit Fug und Recht auf die in Berlin jetzt vorliegende Antwort der belgischen Regierung stützen, die gleichfalls die einheit= liche Behandlung des gesamten Fragenkomplexes zur Vor­aussetzung hat. In der belgischen Note wird ausdrücklich eine Aeußerung der belgischen Regierung sowohl über die Frage der Herabjebung der Ausgleichszahlungen wie über das Moratorium in Aussicht gestellt, womit Belgien klar zu erkennen gibt, daß es eine Trennung dieser Fragen nicht für möglich hält. Damit ist im wesentlichen der voraussicht­liche Inhalt der deutschen Antwort umschrieben. Die deutsche Regierung wird noch einmal betonen, daß nach ihrer Auffassung ein Auseinanderreißen und eine getrennte Be­handlung der Reparationszahlungen und der Nebenzahlun­gen aus dem Clearingverfahren nicht möglich erscheine. Diese Stellungnahme läuft natürlich im wesentlichen auf eine Ablehnung der französischen Forderungen hinaus.

Der Bericht des Garantiekomitees EP. Paris, 31. Juli. Der Temps" teilt mit, daß das Ga rantiekomitee feinen Bericht an die Reparationskommission noch nicht überreicht habe. Es müsse aber gesagt werden, daß die Informationen über diesen Bericht veröffentlicht werden, unrichtig sind. Der Bericht mache in der Tat keine Vor­schläge über die Sanierung der deutschen Finanzen, sondern spreche sich ausschließlich über die Kontrolle der deutschen Ein­nahmen und Ausgaben, die Verhütung der Kapitalflucht und die Statistik aus. Der noch zu veröffentlichende Bericht wird über die Arbeiten der drei Unterkommissionen sprechen und fich mit der Zwangsanleihe beschäftigen. Gegenwärtig wird

an der endgültigen Ausarbeitung des Berichtes gearbeitet, und man hofft, ihn im Laufe der nächsten Woche zum Ah­schluß zu bringen.

Teuerung und Presse

Mit dem Elend der Bevölkerung steigt auch die Not der Presse. Von Monat zu Monat müssen Erhöhungen des Abonnementspreises vorgenommen werden. Trozdem gelingt es in zahlreichen Fällen nicht, die Existenz der Presse sicherzustellen. Erst vor wenigen Tagen mußten wir berichten, daß nach dem Ausweis

Neuer griechisch- türkischer Zusammenstoß des 12. Nachtrages der amtlichen Zeitungspreisliste

( EE.) Paris, 31. Juli. Ein neuer Zusammenstoß zwischen griechischen Frregulären und türkischer Gen­

darmerie ereignete sich, wie der Temps" meldet, in der Um= der neutralen Zone hinausgeworfen. Die Nachricht von gebung von Tichadalta. Dabei wurden die Griechen ans einem griechischen Vorrücken auf Konstantinopel rief in der Stadt große Beunruhigung hervor. Ein Teil der Familien, die die europäische Küste bewohnen, verließen ihre Woh nungen, um auf die asiatische Seite des Bosporns überzu: siedeln. Die Polizei mußte Maßnahmen ergreifen, um Un= ordnungen zu vermeiden. Die Griechen von Pera ver: anstalteten mehr oder minder offene Kundgebungen gegen die türkische Bevölkerung.

( EE.) Konstantinopel, 31. Juli. General Townsend ver­ließ gestern Angora, um nach London zurückzukehren. Er erflärte Zeitungsvertretern, daß er der türkischen National­versammlung für den ihm bereiteten Empfang sehr dank­bar sei. Die Türkei sei stark und mächtig. In privater Weise habe er an der Wiederherstellung des Friedens mit durchaus befriedigendem Erfolg gearbeitet. Er sei über­seugt, daß ein rascher Friede möglich wäre, wenn die griechischen Streitkräfte sofort die von ihnen in Kleinasien besetzten Gebiete räumten, und wenn diese Gebiete den Türfen zurückgegeben würden.

Die italienische Krise

Eingreifen der Sozialisten

( E.) Rom, 31. Juli. Laut Prefe" planen die Sozia­liften, wenn jetzt nicht eine Regierung zustandekommt, die die Autorität wieder herzustellen weiß, gleichzeitig alle Pro­vinzial- und Gemeindeverwaltungen mit sozialistischen Mehrheiten zurücktreten zu lassen, wie es bereits in 44 Städten der Provinz Cremona geschah. Ebenso würden die Deportierten zurücktreten. Varteigewerkschaften würden auf Grund eines Bündnisses aller Parteien der äußersten Linken zum Kampfe gegen das Regime nengeordnet.

Die Regierungskrise besteht heute noch so wie vor acht Tagen. Die Sozialisten lehnen die Beteiligung an einer Re­gierung, in der auch Faizisten siben, ab. Für ein Kabinett der Linken sind aber die Wege noch nicht frei.

Zur Streifbewegung in Italien

( EP.) Mailand, den 31. Juli. Der Generalftreit in Nas venna hat aufgehört. In der Provinz Recagna herricht wieder Rube. Der größte Teil der Faszisten, die vom Lande in die Stadt gefommen waren, ist wieder abgerückt. Da­gegen blieben große Truppenabteilungen in der Stadt zu­ritd. Die Unruhen in Ravenna haben 12 Menschen das Leben gekostet.

Vor dem Ende des Eisenbahnerstreiks

Es

London, 31. Juli. Reuter meldet aus New York, in Kreisen, die genaue Kenntnis über die Streillage hätten, werde versichert, daß über die Friedensbedingungen im Eisenbahaerstreik infolge der Bemühungen des Präsidenten Harding bereits eine Einigung erzielt worden sei. bleibe zur Beendigung des Etreifes nur noch übrig, daß die Bedingungen morgen endgültig auf der Versammlung der Vollzugsausschüsse der Eisenbahner und auf der Ver­sammlung der Streifführer in New York, bzw. in Chicago, angenommen würden.

Deutsche Arbeiter beim Wiederaufbau Frankreichs?

( EP.) Paris, 31. Juli. Das Programm, das der franzö sische Arbeitsminister Le Trocquer ausarbeitete und wonach große Arbeiten von allgemeinem Interesse von deutschen Ar­beitern mit deutschem Material ausgeführt werden sollen, wird, wie der emps" berichtet, zur Zeit von dem Dienst­zweige der Reparationskommission studiert, der sich mit den Rückforderungen in natura bejaßt. Die Schlußfolgerungen dieses Dienstzweiges sollen demnächst der Reparations. tommission vorgelegt werden.

Ungarische Krone und deutsche Mark

Budapest, 31. Juli 1922. In der Nationalversammlung befaßte sich Finanzminister Kallan mit dem Kursrückgang der ungarischen Krone und sagte u. a.: Diese Erscheinung wird durch keinerlei innere Verhältnisse gerechtfertigt. Weder der Zustand des Staatshaushaltes noch die allgemeine Wirtschaftslage oder die Lage des Außenhandels und der Industrie würden hierfür eine annehmbare Erklärung liefern. Es muß daher angenommen werden, daß dies eine Folge des Kursrückganges der deutschen Mart ist, was wiederum auf die Reparationspolitik der Entente zurückge­führt wird.

für 1922 wiederum 226 Zeitungen ihr Erscheinen ein­gestellt haben. Das gleiche Los ist sicher noch vielen anderen Zeitungen beschieden. Am ehesten werden davon die politischen Zeitungen betroffen, die nicht durch große Inserateneinnahmen einen beträchtlichen Teil ihrer Unkosten decken können.

Neben all dem macht sich auch in Deutschland eine Entwicklung bemerkbar, wie wir sie in England und Amerika seit langem haben. Es bilden sich große Ver­lagskonzerne heraus, die zahlreichen Blätter erscheinen lassen. Sie nennen sich parteilose Blätter. Soweit sie überhaupt Politisches in ihren Spalten bieten, suchen sie vorher die Stimmung des Publikums herauszus fühlen und dann in der Zeitung mit ihren hiernach abgestimmten Artikeln größten Anklang zu finden. Solche Zeitungen sind zum Teil, vom technischen Standpunkt aus betrachtet, nicht schlecht redigiert. So ein Konzern pflegt auch manchmal sich den Lurus einiger politischer Blätter zu leisten, die mit großem Defizit arbeiten. So steht es zum Beispiel mit der Londoner Times", die dem Northcliffe- Konzern einen schönen Batzen Geld kostet, dafür aber Northcliffe selbst den Nimbus eines großen machtvollen Politikers gibt.

In Deutschland ist es Stinnes, der auf dem besten Wege ist, sich die öffentliche Meinung durch zahlreiche Presseunternehmungen zu unterwerfen. Die Deutsche Allgemeine Zeitung" ist neben unzähligen anderen Zeitungen auch sein Blatt. Daß er darin den ehemaligen erzradikalen Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung", ießigen stinnesfrommen Profeffor Dr. Paul Lensch beschäftigt, daß er sogar die anders bewährten" Redakteure, die mit Lensch nicht zn= sammen arbeiten wollten, fristlos entließ, hat gewiß nicht zuletzt auch seine politischen Gründe. Das ist der Weg, auf dem man neue Leser in seinen Baun zu ziehen sucht. Im übrigen ist Stinnes auch bereit, materielle Opfer" für seine Ideen zu bringen.

Wie ganz anders steht die Arbeiterpresse da. Ihr stehen keine anderen Mittel, als die Abonnements­und Inseratengelder zur Verfügung. Arbeiterblätter sind daher sehr bald gezwungen, durch Erhöhung der Abonnementseingänge den gestiegenen Ausgabeetat zu decken. Die Leser der Arbeiterpreise sind zugleich aber auch am wenigsten in der Lage, die ins Riesen­hafte gestiegenen Bezugspreise für Zeitungen zu zahlen. Aus diesem Widerspruch ergibt sich die Gefahr, daß immer größere Kreise der Arbeiter der politisch indifferenten Presse verfallen. Diese Tendenz wird noch dadurch verstärkt, daß gar mancher Reser glaubt, was die sogenannte parteilose" Presse alt Abonnementssäßen leisten fann, müsse auch die Ar­beiterpresse leisten können.

Suchen wir uns ein Bild zu machen von den ge= waltigen Steigerungen all der mit der Herstellung einer Zeitung verbundenen Kosten. Das Papier wav bis zum Juni gegenüber den Friedenspreiseu um das 79fache gestiegen und hat im Juli eine Steigerung auf das 100fache erfahren. Druckfarbe tostete im Juni das 44fache, im Juli dagegen das 60fache. Kohle erforderte im Juni das 96fache der Friedensausgabe und ver schlang im Juli das 125fache. Die Löhne waren im Juni auf etwa den 32fachen Friedenssaß gestiegen und haben jetzt eine weitere Steigerung auf 47fache er­fahren.

Schon seit langem wurde der Reichstag angerufent, um dieser für Zeitungsunternehmen und hinsichtlich der Korrumpierung der öffentlichen Meinung fatas Dem strophalen Entwicklung entgegenzuwirken. Wucher auf dem Papiermarkte muß entgegengetreten werden. Der Reichstag beschloß, der Presse nach Kräften zu helfen. Die Regierung legte einen Gesezentwurf vor, durch den Mittel zur Unterstüßung der notleiden­den Presse beschafft werden sollen. Der Reichstag hieß ihn troß seiner Unzulänglichkeit gut. Danach ist von der Ausfuhr aller Waren, auch der ausfuhrfreien, ein Halb vom Hundert des Ausfuhrwertes an die Rück­vergütungskasse für die deutsche Preise zu entrichten. Die Regierung wurde zugleich ermächtigt, Ausfuhr­bewilligungen von der Bedingung abhängig zu machen, daß ein besonderer Beitrag von 1% Prozent des Aus­fuhrwertes an die genannte Rückvergütungskasse ent­richtet wird. Aber die Beträge, die dadurch aufgebracht