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Sonnabend, den 5. Auguff 1922

5. Jahrg, Nummer 292

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greiheit

Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Die Reparationsfrage vor dem englischen parlament

Im englischen Unterhaus begann am Donnerstag eine Debatte über die Reparationen und die Möglichkeiten des Wiederaufbaues von Europa. Daß England gegenüber diesem Problem eine andere Stellung einnimmt als Frank­reich, ist bekannt. Eröffnet wurde die Unterhaus­debatte durch den engtschen Schazkanzler Sir Robert Hor­nes. Ueber die brennendste Frage, über die Frage: Was nach Auffassung der englischen Regierung werden soll", fonnte er aus politischen Gründen Positives nicht sagen. Dazu ist der Zusammentritt eines Gremiums der Alliierten notwendig. Am 7. August soll die Besprechung in London beginnen, an der neben Poincaré auch Vertreter Italiens, Belgiens und Japans teilnehmen sollen. Die englische Re­gierung wünscht für diese Verhandlungen freie Hand zu haben und nicht durch einen Beschluß des Parlaments ge­bunden zu sein. Aber das war nicht allein der Grund, weshalb der englische Echazkanzler sich über den Stand­punkt der englischen Regierung ausschwieg. Man will den Verhandlungen feine Schwierigkeiten bereiten.

Der englische Schatzkanzler

Sir Robert Hornes würdigte in seiner Rede eingehend die deutschen Leistungen für den Wiederaufbau. Er ver­fehlte auch nicht, darauf hinzuweisen, daß der Marksturz, der infolge des Mordes an Rathenau einsetzte, die deutsche Leistungsfähigkeit weiter gewaltig herabgedrückt hat. Er ließ auch erkennen, daß aus dieser Notlage das Gesuch aus Gewährung eines Moratoriums wohl zu verstehen sei. Auf Grund des Einblicks, den das Garantiefomitee in die deut­schen Finanzen genommen habe, fönne mit ziemlicher Be stimmtheit erklärt werden, daß die neuen Steuern ent­sprechend der erteilten Anweisung eingeführt, eine Er­höhung der früheren Steuern nicht angängig sei, dafür aber eine Zwangsanleihe von 70 milliarden Papiermark ausgegeben werde. Der englische Schatzkanzler gab auch einen Ueberblick über die von Teutschland seit dem Waffen­stillstand gemachten Leistungen. Der Bericht des WTB. bringt über diese Ausführungen folgendes:

Barzahlungen an die Reparationsfommission 77 Mil­lionen Pfund Sterling, örtliche Zahlungen 30 Millionen Pfund Sterling, zusammen 107 Millionen Pfund Sterling. Wert der ausgelieferten Schiffe und der Naturalleistungen 160 Millionen Pfund Sterling, Regierungseigentum im abs getretenen Gebiet( Polen, Danzig, Tschechoslowakei) 125 Millionen Pfund Sterling, Saarbergwerfe etwa 28 il lionen Pfund Sterling, zusammen 415 Millionen Pfund Sterling; nicht eingeregnet seien die Gebiete, die an au bere Staaten abgetreten wurden. Bon diesen 415 Millionen Pfund Sterling habe' coßbritannien 56 Millionen Pfund Sterling erhalten, die so gut wie ganz für die Besaßungs armee verwendet seien. Die gegenwärtigen Kosten der bri tischen Besagungsarmee feien aber auf zwei Millionen Pfund Sterling pro Jahr herabgefegt worden. Was die Privatschulden betreffe, so gehörten diefe nicht anm Konto Reparationen. Ihre Zahinng beeinflußie aber die Fähigkeit der deutschen Regierung, auswärtige Zahlungsmittel für die Reparationsleistungen zu finden. Bisher feien 38 Mil­lionen Pfund Sterling eingegangen, wovon Großbritannien erhalten habe 22 Millionen, Frankreich 12 Millionen, Bel­gien Millionen. Noch zu bezahlen seien 35 Millionen, Davon 12% Millionen an Großbritannien.

In der französischen Presse wurde des öfteren zum Be weise für die Böswilligkeit Deutschlands auf die schnelle Zahlung der Kriegstontributionen nach dem Kriege 1870/71 durch die damalige französische Regierung bingewiesen. Sir Robert Hornes machte dagegen geltend, daß beide Fälle ganz verschieden liegen:

Erstens sei der französisch- preußische Krieg nur tura ge­wesen, und Frankreichs auswärtige Bilanzen seien intakt ge­blieben, eine beträchtliche Summe, die Frankreich in auslän­dischen Kapitalien angelegt habe, sei unversehrt geblieben. Frankreich war imitande, seine Anleihen von anderen Län­dern zu erhalten und habe tatsächlich während des genannten Beitraums 71 Millionen Pfund Sterling aufgebracht. Vor allen Dingen babe Frankreich 1872 und 1873 eine sehr gute aktive Handelsvolitif gehabt. Mit Deutschland stehe es in dieser Beziehung gerade umgefehrt. Der Krieg jei sehr lang und erschöpfend gewesen. In seinem Verlauf seien die aus­wärtigen Bilanzen und die Stapitalanlagen Deutschlands be­schlagnahmt und durch den Friedensvertrag konfisziert wor­den, so daß Deutschland in dieser Sinsicht nichts mehr befize. Seine Kapitalanlagen in neutralen Ländern seien durch Be­schaffung von Lebensmitteln und Rohmaterialien während des Krieges so gut wie erschöpft gewefen. Die Bestimmungen über die Kavitalien hätten es Deutschland naturgemäß un­möglich gemacht, eine Anleihe aufzunehmen. Das sei aber noch nicht alles. Die Deutschland verbliebenen Geldquellen feien nach dem Krieg sehr in Anspruch genommen worden durch Reparationszwede, Während des Strieges habe Deutsch­land alle Arten von Vorräten einschließlich Lebensmittel ein­gebüßt. Das sei den Alliierten nie deutlich zum Bewußtsein gekommen, so daß fie Deutschland ermutigten, einen Teil feines Goldes zu verwenden, um Lebensmittel zu kaufen.

Auch auf die Kapitalflucht ging der englische Schatz­fanzler ein. Sehr leicht sei es, einen Blan zur Verhinde­rung der Kapitalflucht zu verlangen, aber sehr schwer, ihn fertigzumachen. Die einzige wirkliche und wirkjame Maß­nahme zur Verminderung der Kapitalflucht bestehe darin, daß die Kapitalbesiber in Deutschland zur Lage ihres Landes genügend Vertrauen erhalten. Seinerzeit hätten viele Leute in Deutschland befürchtet, daß die Mart noch mehr sinken werde, und deshalb ihre Kapitalien nach dem Auslande ge­schickt. Aber die Angaben über die Menge der ins Ausland verschobenen Kapitalien seien stark übertrieben. Sicher be= liefen sie sich nicht auf über 100 Millionen Pfund Sterling.

Deutschland fönne zweifellos eine beträchtliche Repa­rationssumme zahlen. Es wolle auch zahlen. Irgend eine Erklärung über die Richtlinien, die die britische Regierung bei den bevorstehenden Verhandlungen in London befolgen werde, könnte sehr leicht die Verhandlungen selbst nachtei­lig beeinflussen. Das Unterhaus werde auch der Meinung sein, daß die Regierung freie Hand haben müsse. England deute nicht daran, sich seinen Verpflichtungen gegenüber Amerika in irgend einer Form zu entziehen. Aber was England anderen schulde, habe es nicht für sich selbst aufge­bracht, sondern für seine Alliierten. Die gegenseitige Annul­lierung der Kriegsschulden der Alliierten werde der erste Schritt sein zum Wiederaufbau der Welt. England dürfe auch die Lage seiner eigenen Bürger nicht vergessen. Die Schulden Englands seien pro Kopf seiner Bevölkerung größer als die der Vereinigten Staaten und Frankreichs. Es fönne den britischen Steuerzahlern nicht zugemutet werden, alle die Lasten der Schulden und Kriegsschulden zu tragen. Es müsse aber unter allen Umständen alles mögliche getan werden.

Die Rede Hornes zeugt gewiß von großem Verständnis für die wirkliche Lage Europas, durch die es infolge des bodenlosen Kriegswahnsinns von 1914-18 hinabgedrückt wurde. Sie gibt auch deutlich zu erkennen, daß die englische Regierung bereit ist, auf Frankreich einzuwirken, daß es von seiner unmöglichen Politik gegenüber den Problemen der Gegenwart abläßt. Andererseits ließ weder seine Rede, noch die Rede des später zu Wort gekommenen englischen Premier­ministers Lloyd George einen Zweifel darüber, daß man ernstlich gewillt ist, aus Deutschland das irgend wie Mög­liche herauszuholen.

Sierauf erariff Asanith das Wort. Er sagte u. a., bie Reparationen müßten auf ein notwendiges Maß herabgesetzt werden. Das Problem erfordere eine schnelle Regelung, andernfalls werde Deutschland mit schnellen Schritten dem Banterott entgegengehen. Asquith schlug im weiteren Ver­raufe seiner Rede im Unterhaus vor, daß England auf alle ihm geschuldeten Beträge verzichten solle. Ein solches Ver­fahren würde nicht edelmütta, sondern geschäftsflug fein. Wedgwood sagte, es würde feinen Zwed haben, die Schulden der Alliierten au annullieren, wenn fie fortfahren Flugzeuge und Unterseeboote zu bewilligen, oder wenn die fostspielige Besetzung des Rheinindes fortdauere. Der Arbeiterführer Thom Shaw verlanate, die Reparationssumme sollte dem tatsächlich angerichteten Materialschaden angepakt werden. Lord Robert Cecil erklärte, die Lage Europas habe sich neuer­dings immer mehr verschlechtert. Es sei ein grundlegender Fehler gewesen, die Reparationen als eine Strafe Deutsch= lands anstatt als eine Entschädigung für die Altierten zu behandeln.

Hierauf ergriff

Lloyd George

das Wort. Er sagte, Asquith scheine den Standpunkt des britischen Steuerzahlers nicht zu verstehen. Er, Lloyd George, habe nicht den Wunsch, hierüber einen Streit anzufangen. Er sei durchaus bereit zuzugeben, daß die gegenwärtige Politik der Regierung und der Alliierten bezüglich der Reparationen erörtert werde. Lors Robert Cecil habe die Regierung zu einem fühnen Vorgehen ermahnt, habe aber nichts darüber verlauten laffen, worin dieses bestehen solle. Die Regierung jei in zwei Richtungen fritisiert worden. Erstens werde ver­langt, daß fie fich Frankreich an die Seite stelle, und zweitens, daß sie Frankreich ermahne. nicht so hart auf Deutschland ein­auwirken. Diese beiden Arten von Politik jeien nicht verein­bar. Hier lägen die Schwierigkeiten in den Tatsachen. Die Lage sei so, daß es sich nicht um eine Verhandlung zwischen der britischen und der deutschen Regierung handele; es feien Verhandlungen mit vier Altierten.

Man könne verfuchen, eine Bolitik durchandrücken, aber es werde ein Punkt kommen, wo nur die Wahl awischen einem Kompromiß und einem Bruch bleibe. Wenn die Leute, die von der Regierung eine fühne Politik verlangten, nicht den Rat geben wollten, au brechen, dann hätten sie auch fein Recht au fagen, die Regierung sei nicht fühn genug.

Das Memorandum, das er auf der Versailler Konferenz verteilt habe, sei von einem italienischen Staatsmann ver­öffentlicht worden. Er habe für diesen Schritt feine Ver­antwortung, aber das Memorandum stelle seine( Lloyd

Georges) Auffassuna und die der britischen Delegation bar. Es sei das Ergebnis sorgfältiger Erwägungen gewesen. Er wolle nicht behaupten. daß der Versailler Vertrag dieses Memorandum buchstäblich ausgeführt habe, aber es gebe noch andere Gesichtspunkte, nämlich die Auffassung Frankreichs. Belgiens, Italiens und der anderen Regierungen, die am Kriege beteiligt waren. Das beste wäre, alle diese ver­schiedenen Auffassungen miteinander in Einklang zu bringen.

Was die Forderung Lord Robert Gecils anbelange, daß von vornherein ein bestimmter Betrag für die Reparations= zahlungen hätte festgesetzt werden sollen, so sei zu erwidern, daß es damals unmöglich gewesen sei, die angerichteten Schäden und die Zahlungsfähigkeit Deutschlands festzusetzen. Man würde den Schaden, auf die Bahlunasfäh afeit Deutich­lands hin, zu hoch bewertet haben, weil damals gerade cine Hausse im Handel im Gange war, von der manche glaubien, sie würde andauern. Da es also unmöglich gewesen sei, einen bestimmten Betraa festzulegen, so sei eine unparteiische Sammission eingesetzt worden. Deutschland werde im Großen und Ganzen zugeben müssen, daß dieser Teil des Versailler Vertrages fair und unparteiisch von der Kommission zur Anwendung gebracht wurde. Die Kommission habe die ein­laufenden Entschädigungsansprüche aeprüft und Deutschland inzwischen aufgefordert, feine Angaben zu machen. Deutsch­land habe das nicht getan, auch nach Monaten nicht. Die Reparationsfommission babe darauf ihre Beschlüsse gefaßt. Noch eins sei in Betracht zu ziehen: Damals habe es in Frankreich fein Ministerium aeaeben. das in der Lage ge­wesen wäre, irgend eine vorgeschlagene Zahlung anzu nehmen. Es sei zwecklos, bei solchen Dingen die polittichen Tatsachen nicht in Rechnung zu ziehen. Ciemnceau jei einer der mutiaften Staatsmänner, die jemals die Geschicke Frank­cichs geleitet hätten. Er habe feine Furcht vor der Oppo= fition gehabt. Selbst Clemenceau würde sich nicht bereit ge­funden haben. au iener Belt der Kammer vorzuschlagen, irgendeine bestimmte Zahlung zu billigen, selbst eine solche, die von den franzöflichen Staatsmännern als annehmbar erachtet worden wäre. Blond George sagte, er möchte be­tonen, daß die Reparationsfommission nach dem Versailler Vertrag das Necht habe, zu erklären. Deutschland solle einen festgesetzten Betraa bezahlen. Wenn die Stommission eit Moratorium gewähre oder die Jahreszahlungen herabiebe. handele fie volifommen entsprechend dem Vertrag.

Es sei zugegeben, daß ein zu harter Druck auf Deutsch­land nicht nur teine Reparationszahlungen einbringen werde, sondern auch die Gefahr in sich berge, daß Denisch­land zur Verzweiflung getrieben werde. Ob es dabei in die Hände der Reaktionäre oder der Kommunisten geriete, bedeutete wenig Unterschied, bezahlen würde es dann nicht. Ein revolutionäres Deutschland in Mitteleuropa sei etwas ganz anderes als ein revolutionäres Rußland. Die ruffische Bevölkerung sei in vieler Beziehung hilflos, fie könne nicht einmal eine gute Revolution machen. Es sei ein Segen für Europa gewesen, deß der erste Ausbruch des Kommuniss mus in Rußland erfolgt sei. Ju dieser Beziehung seich Lenin und Trozti die Retter der Gesellschaft gewesen. ( Seiterkeit.) Die Revolution in einem so wohl organisierten und gebildeten Lande wie Deutschland würde eine wirkliche Gefahr für die Welt bedeuten. Deshalb würde es in dieser Beziehung verkehrt sein, Deutschland über seine Leistungss fähigkeit hinans zu drängen. Andererseits dürfe man nicht aus Furcht vor dieser Gefahr auf eine faire und gerechte Forderung verzichten.( Beifall.) Deutschland wiffe, daß es bezahlen müffe. Die Reparationszahlungen hätten nichts mit Bestrafung zu tun. Deutschland gleiche einem Privats manne, der eine andere Partei vor Gericht gezogen, dieses Gericht selbst ausgewählt und seinen Prozeß verloren habe. Jezt wolle die gewinnende Partei ihre Unkosten wieder: haben, das habe nichts mit Rache zu tun. Es sei aber falsch. in das andere Ertrem zu fallen und Deutschlands Zah lungsfähigkeit an unterschäßen, Deutschland leide wie jedes andere Land unter der Tatsache, daß die Welt keinen Sandel treiben fönne; da sei es nicht die rechte Zeit, seine volle Zahlungsfähigkeit abzuschägen. Man müsse an die Zu funft denken.

Deutschland sei durch die Entwertung der Mark seiner inneren Schuld io aut wie entlediat. In Deutschland werde also später folgende Lage sein: Es werde keine innere Schuld haben, eine äußere Schuld von einer bis anderthalb Milliarden, alle Fabriken intaft und neu ausgestattet, wozu die letzten drei Jahre der Inflation benutzt worden seion, wenn auch in hohem Maße auf Kosten der Arbeiter und des Mittelstandes. Blond George fuhr fort: Deutschland hat 60 Millionen tüchtige und geschulte Menschen. Die Zeit wird kommen, da die Welt sich wieder erholen wird, da die Arbeiten der Bevölkerung ihre Wunden geheilt haben. Die Verwirrung wird verschwinden, und die Welt wird genesen. England mus fich davor hüten, daß es, wenn diese Zeit tommt, fich einem Deutschland mit 60 Millionen Men en ohne innere Schuld regenüber befindet und mit einer äußeren Schuld, die in einer Beit der Depression feftaefetzt worden ist. während England mit einer inneren Schuld von 7 Milliarden und der bekannten äußeren Schuld dasteht. Deutschland kann nicht aus gefühlsmäßigen oder moralischen Gründen die Schuld von einer Milliarde erlassen werden. während England die Aufgabe hat, mit zwei großen In­dustriemächten in Konkurrenz au treten.

Es ist alles ant verlieren, wenn man Deutschland zu weit treibt. Wenn wir aufammenkommen, werde ich wie bisher jedem Vorschlag Widerstand leisten, der die Wirkung haben