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Die rethe t" ericbeint täglich einmal als Morgenausgabe und Montags als Abenbausgabe mit den Unterhaltungsbeilagen Freie Der Bezugspreis Welt"" Frauen- Welt" und Der Jugend- Genoffe". beträgt bet treter But- flung ins Haus für den Monat August 70,- M., im voraus zahlbar Feitellungen nebmen fämtliche Boftanstalten entgegen. Bernsprecher: Sanfa 1970, 1971 unb 1972. Redaktionssekretariat: Dönhoff 5593.

Verlag und Exped. Berlin NW 40, Kronprinzennfer 27, I.

355210

Sonntag, den 27. August 1922

5. Jahrg, Nummer 314

Die zwölfgespaltene Nonpareillezeile oder beren Raum foftet 25,-., einschließlich Inferatensteuer. Aleine Anzeigen: Das fettgebrudte Work

4, M., tedes weitere Wort 3- M. einschließlich Inferatensteuer. Laufende Anzeigen laut Tarif. Familien- Anzeigen und Stellen- Gesuche 16, M. netto pro Beile. Stellen- Gesuche in Wort- Anzeigen: bas fett gedruckte Wort 3,- M., tedes weitere Wort 2,- M. Redaktion: Fernsprecher Dönhoff 4190, 4191 und 4192 Berlin SW, 68, Nitterstr. 75, III,

Freiheit

Berliner Organ

ber Unabhängigen Sozialdemokratie

Deutschlands

Regierungsmaßnahmen gegen Hungersnot Woche um Woche verrinnt

Berlin, 26. August. Heute vormittag fand unter dem Vorsitz des Reichspräsidenten ein Ministerrat statt. an dem alle Reichsminister beaw. in ihrer Vertretuna die Staats­sekretäre teilnahmen; auch ein Vertreter der preußischen Staatsregierung wohnte der Sibuna bei. Auf dem Gebiete des allgemeinen Wirtschaftslebens sind vom Reichskabinett zwecks Verringerung des Bedarfs an Einfuhrdevisen bereits Beschränkungen in der Einfuhr von Lurusaegenständen be­schlossen; ferner werden Erhöhungen der Ausfuhrabaabe in den nächsten Tagen bekanntgegeben.

Es find Maßnahmen in Vorbereitung, um die reine De­visenspekulation durch eine pertodisch erfolgende nachträg­liche Kontrolle der getätigten Devisengeschäfte zu unter­binden. ohne daß durch dieie Maßregel der notwendige Devisenhandel für die Bedürfnisse des Geschäftsverkehrs bes hindert werden soll. Ob auf dem Gebiete des Geldwesens und der Valutagestaltung, insbesondere im inneren Gelda marft noch weitere Maßregeln getroffen werden können, unterliegt noch der Prüfung.

Der besonders wichtigen Sicherstellung der Voltsernäh rung sollen folgende Maßnahmen dienen: Die angebahnte Regelung der Kartoffelversorgung für den Winter wird durch nachdrückliche Förderung des Vertragsabschlußics zwischen Erzeugern und Verbrauchern weiter verfolgt werden. Die Verwertung von Kartoffeln in den Brennes reien wird auf das mit Rücksicht auf die Viehhaltung ge= botene Mindestmaß beschränft.

Die Teuerungszuschüsse für bedürftige Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene find mit Wirkung vom 1. August 1922 erhöht worden und erhöhen sich mit Wirkung vom 1. September 1922 um durch.chnittlich weitere 66%. Die Hauptfürsorgestellen sind ferner ermächtigt, für Kriegs­beschädigte und Kriegshinterbliebene Wintervorräte vorichußs weise zu beschaffen. Auch die Mittel der Sozialen Fürserge für Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene sind vers doppelt. Die Verdoppelung der Mittel für Kleinrentner steht bevor. Die Bezüge der Sozialrentner sind erst vor furzem aufgebessert worden. Verhandlungen über weitere Hilfsmaßnahmen stehen vor dem Abschluß. Um eine bessere und sparsame Ernährung besonders bedürftiger Volfsfreise zu ermöglichen, soll der Ausbau und die Erweiterung der Volks, Kinder- und Studentenspeiseanstalten soweit wie frgend möglich angestrebt werden.

Auf dem Gebiete des Transportwesens find von der Reichsbahnverwaltung alle Vorbereitungen getroffen, um für den Winter einen möalichit aeregelten Abtransport der Kohlen, der Kartoffeln und des Getreides zu sichern. Der Lokomotivbestand ist gegen das Vorjahr etwas, der Bestand an Güterwagen erheblich vermehrt.

Es bestand im Ministerrat Einmütigkeit darüber, daß die

Uebertretung der bestehenden und der neu hinzukommenden, im Intereffe des Volksganzen erlassenen Verbote unter scharfe Strafen, insbesondere unter Gefängnisstrafen ge­stellt werden müßte.

Das Reichsfabinett ist entschlossen, in Erkenntnis der Ge­fahren, denen bei einer weiteren Verschlechterung der wirt­Ichaftlichen Lage weite Bevölkerungsschichten ausaeiebt sein I würden, mit schnellen und umfassenden vorbeugenden Maß­nahmen einzugreifen. Die in der Sibung des Ministerrats vorbereiteten und hier skizzierten Absichten der Reichs­regierung werden am Montaa mit den Vertretern der Län­der durchberaten, nach ihren Anregungen eventuell erwei tert und unmittelbar durchgeführt werden.

Durch geeignete Maßnahmen wird eine fachgemäße Ber. teilung des Zuders im nächsten Wirtschaftsjahr herbet geführt werden. Die Verwendung von inländischem Zuder zur Herstellung von Trinkbranntwein wird verboten, die Verwendung von inländischem Zucker zur Herstellung von Süßigkeiten weitgehend eingeschränkt. In Aussicht ge­nommen ist ferner nach Einvernehmen mit den Ländern ein Berbot der Herstellung starter Biere. In der angesichts der hohen Fleischpreise besonders wichtigen Frage der Ver= sorgung der Bevölkerung mit Seefischen soll auf eine ge­nügende Versorgung der Hochseefischerei mit deutscher Kohle hingewirkt werden; die Belteferung mit deutscher Kohle würde es gleichzeitig ermöglichen, ein Verbot des Löschens in fremden Höfen au deutsche Fischsampfer und ein Aus­fuhrverbot für Seefische zu erlassen.

Dem ärgernißgebenden und widerlichen Treiben in den Schlemmergaststätten und in manchen Vergnügungslokalen muß Einhalt geboten werden; es ist Aufgabe der Länder und Gemeinden, durch Steuern und sonstige durchgre fende Maßregeln diefem wachsenden und beschämenden Unfug ent­gegenzutreten. In der preußischen Staa 3reaterung tit be= reits eine Verfügung vorbereitet dahin. daß bei Behandlung von neuen Konzessionsgesuchen für Schanklokale das Be dürfnis grundsäklich verneint werden solle.

Auf dem Gebiete der Fürsorge für die notle dende Bes völkerung sind vor allem verstärkte Silfsmaßnahmen für Kriegsbeschädigte, Kriegerhinterbliebene, Sozial- und Klein rentner eingeleitet.

Dieser offiziöse Bericht über die Ministerrats­sigung ist so allgemein gehalten, daß man wenig dar­auf eingehen fann. Die getroffenen und angekün­digten Maßnahmen sind notwendig. Sie reichen bei weitem nicht aus, der schlimmsten Not zu steuern. Noch notwendiger aber ist, daß schnell eingegriffen wird. Jede Stunde Verzögerung gebiert neue unüberseh­bare Gefahren.

Die organisierte Aushungerung des Volkes| schwerde bürgt die Tatsache, daß die Agrarier sich der Be­

Als die Freiheit" vor zwei Monaten die geheimen Richtlinien des Landbundes zur Sabotage der Getreide­umlage veröffentlichte, famen von agrarischer Seite Ableug­nungen und Anschuldigungen gegen die Verleumder", die dem Landbund Dinge unterschieben, an die fein Agrarier denfe. Mittlerweile sind weitere Anweisungen seitens des Landbundes ergangen, die sich in der gleichen Richtung be­wegen und die auf eine Aushungerung der Städter und auf die Erhöhung der Getreidepreise bis zum Weltmarktpreis hinauslaufen.

Da seitens der Regierung energische Maßnahmen gegen die Sabotageversuche der Agrarier nicht unternommen wurden, schwoll diesen natürlich der Kamm und sie setzen nun erst recht ihre Agitation fort, um die Ablieferung des Umlagegetreides zu hintertreiben. So hat der Pom­mersche Landbund, Kreisgruppe Rügen, am 22. Jult ein Schreiben an seine Mitglieder verschickt, in dem es u. a. heißt:

Der Landbund wird sich dieser Getreideumlage gegen­über folgendermaßen verhalten:

Jede Mitarbeit, welche die Getreideumlage fördert ( Ernteschäzungen, Verteilerausschüsse und dergl. wird vera weigert. Jedes unserer Mitglieder soll sofort nach Zu= stellung der Umlage Beschwerde erheben und auf Grund des§ 4 des Gefeßes seine Lieferungsfähigkeit nach der Wirtschaftslage, dem Ernteergebnis, den Pachtpreisen, Unkosten usw, bestreiten.

Die Beschwerde wird durch die Beschwerdeausschüsse entschieden.

In diesen Beschwerdeausschüssen hoffen wir einen dos minierenden Einfluß an erhalten und in allen Fällen, in denen Beschwerde erhoben worden ist, eine Abstimmung dahin zu erreichen, daß die Beschwerde als begründet an= gesehen ist.

Das heißt, die Agrarter werden feinen Finger rühren, sie werden im Gegenteil den Behörden alle erdenklichen Echwierigkeiten machen und werden, um vorerst der Lieferungspflicht zu entgehen, Beschwerde gegen die ihnen auferlegte Umlage erheben. und für den Erfolg der Be

schwerdeausschüsse bemächtigt haben.

Ausländische Arbeitervertreter

beim Reichskanzler

Der Sekretär der 2. Internationale, Tom Shor, der Vizepräsident der Gewerkschaftsinternationale, Leon Jou­haur und ihr Sekretär Udo Fimmen wurden heute nach­mittag 4 Uhr vom Reichskanzler Dr. Wirth empfangen. Sie crjuchten ihn um Auskunft über eine Reihe von Fragen, die der Reichsfanzler bereitwilligst gab. Insbesondere fragten die Arbeitervertreter, ob die Sicherheit der Re­publik und der Temokratie in Deutschland genügend ge­währleistet sei, auch angesichts der Absprechung der Schutz­gesetze durch die Verhandlungen mit Bayern. Der Reichs­fanzler erwiderte, daß abgesehen von der drohenden Wiri­schaftsgefahr die Republik als ganz gefestigt angesehen werden könnte. Er unterrichtete dann die Vertreter der Internationale über den Stand der Reparationsverhand­lungen und legte ihnen dar, daß Deutschland Pfänder nicht geben könne, ohne sich wirtschaftlich vollig zu ruinieren, daß es aber sonst in seinem Erfüllungswillen bis an die äußerste Grenze des Möglichen gegangen sei. Für die von der Inter­nationale veranstaltete Enquete über die wirkliche Wirt­schaftslage Deutschlands konnte der Reichskanaler reiches Material beisteuern. Er wies auch darauf hin, daß die Re­gierung entschlossen sei, durch energische Maßnahmen der wucherischen Ausbeutung der Notlage des deutschen Volkes tatkräftig entgegenzuwirken.

Aufhebung der Reforsionen

Berlin, 26. August. Die Zeitungsmeldungen über die teilweise Aufhebuna der französischen Retorsionsmaßnahmen werden durch eine der deutschen Regierung zugegangene amtliche Mitteilung der hiesiaen französischen Botschaft nun­mehr bestätigt. Danach werden einstweilen neue Massenaus­weisungen von deutschen Einwohnern Elsaß- Lothringens nicht mehr erfolgen. Die Sequestration der Güter der Ver triebenen ist aufgehoben. Auch die deutschen Guthaben sind wieder freigegeben. Die Aufhebuna der weiteren Retor= fionsmaßnahmen wird für den Fall der Zahlung der rest­lichen Ausgleichsrate in Aussicht gestellt.

Während die Abgesandten der Entente in Berlin ihrer Suche nach produktiven Pfändern oblagen, erlebte die Mark ihren tiefsten Sturz. Man sollte meinen, daß diese neueste Katastrophe auch auf die Steger­länder nicht ohne tiefen Eindruck bleiben könnte, z= mal die diesmalige Verwinzigung der Mark auch be­trächtlich am Mark sowohl der englischen wie der fran­zösischen Währung zehrte. Die Verhandlungen in Berlin verliefen resultatlos. Die Reichsregierung hat, wie schon aus den gestrigen Meldungen zu era sehen war, die französische Forderung, deutsche Forsten und Staatsbesitz als Pfänder in Gegenleistung für ein Moratorium auszuliefern, abgelehnt. Frankreich verlangte diese Pfänder besonders mit Hinweis auf rückständige Lieferungen an Holz und Kohle. deutsche Gegenvorschlag, einen Betrag in Gold, ents sprechend dem zu errechnenden Betrage für Rückstände an Holz und Kohle im besetzten Gebiet, zu deponieren, wurde als undiskutierbar abgelehnt.

Der

Damit waren die Verhandlungen wieder einmal auf dem toten Punkt angekommen. Es ist schließlich noch ein letter Vorschlag der Reichsregierung den Herren Bradbury und Mauclère unterbreitet worden. Danach ist die deutsche Regierung bereit, die Deutsch­land auferlegten Holz- und Kohlelieferungen durch bestimmte formulierte, mit Konventionalstrafen ge= festigte Lieferungsverträge mit den Produzenten die Reparationslieferungen sicherzustellen. Mit diesent Vorschlage glaubt die Reichsregierung die Befürch tungen Frankreichs zu zerstreuen, die deutsche In­dustrie könne sich bewußt der Erfüllung vertraglicher Verpflichtungen entziehen. Die deutschen Industriellen hatten zuvor zu diesem Vorschlage thre Zustimmung. gegeben, da die Bereitschaft der Bergarbeiter, Ueber­schichten zu verfahren, ihnen diese Zustimmung er mögliche. Die Vertreter der Reparationskommission haben diesen neuen Vorschlag ohne Gegenäußerung mit auf die Heimreise genommen.

Auch die neuesten Verhandlungen haben also nicht in geringstem Maße das Dunkel aufzuhellen vermocht. Die Unsicherheit mit all ihren Gefahren für die euro­päische Wirtschaft, besonders für Deutschland besteht weiter. Wie weit Europas Wirtschaftsmöglichkeiten heruntergekommen sind, beleuchtet drastisch das Urteil des in Weltwirtschaftsfragen sachverständigen ameri fanischen Banfiers Vanderlip, der am Freitag einem Korrespondenten der Londoner Daily Mail" erklärte: Ich befürchte, daß es fast schon zu spät ist, um einige Länder des Kontinents vor dem finanziellen Zu­fammenbruch zu retten. Deutschland geht dem finan­ziellen Chaos rasch entgegen, das in Desterreich schon besteht. Deutschland ist bankerott. Frankreich befindet sich finanziell in einer fritischen Lage, und die finan­zielle Lage in Italien ist außerordentlich schwierig. Ju feinem Lande hat sich bis jetzt ein Staatsmann gezeigt, der den Mut hat, den Tatsachen offen ins Auge zu sehen."

Jm Augenblick braucht es noch nicht zu spät zu sein. Noch ist nicht alle Aussicht entschwunden, durch eine wirklich durchgreifende Hilfsaktion der totwunden europäischen Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen. Aber diese Hilfsaktion muß bald einsetzen. Es geht mit ungeheurer Geschwindigkeit dem Abgrund ent­gegen. Darf man sich mit Hoffnungen auf Ginhalt des Elends tragen?

So wild, wie zuzeiten der Londoner Konferenz, schäumen augenblicklich die Wogen der französischen Presse nicht, wenngleich das Echo von den produktiven Pfändern noch nicht sonderlich abgeebbt ist. Gleich­zeitig schallen aber auch verschnupfte Stimmen aus dem englischen Blätterwald. Die deutsche Regierung habe sich bei den soeben beendeten Verhandlungen zi 1510 einsichtslos gezeigt.

Die deutsche Arbeiterschaft steht den auf eine voll ständig verfehlte, alles ruinierende Reparationspolitik zurückzuführenden Ereignissen der jüngsten Zeit ohn mächtig gegenüber. Es ist ihre Pflicht, mit allen Mitteln auf Regierung und Politik einzuwirken, dem weiteren Anschwellen des Teuerungselends entgegen­zutreten. Durch den ADGB. sind eine Reihe von Forderungen der Regierung unterbreitet worden. Sie fönnen lindern, aber nicht vor dem Untergang retten. Aus dem gegenwärtigen Chaos ist Deutschland, ist ganz Europa ohne Hilfe von außerhalb Europa nicht herauszubringen. Diese Hilfe aber wird ihm nur er­stehen, wenn eine Politik eingeschlagen wird, die das Chaos nicht fortgesetzt mehr verwirrt, die denen, die Hilfe gewähren können, auch die Zuversicht gibt, daß das Chaos nicht verschlingt, was eventuell hilfe­spendend Europa zugewendet wird. Denn solche Hilfe