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Donnerstag, den 7. September 1922

5. Jahrg, Nummer 325

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greiheit

Berliner Organ

ber Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Deutschlands Naturallieferungen

Die Dinge entwickeln" sich

Paris, 6. Sept. Wie der" Temp3" anläßlich des heutigen Zusammentritts des beratenden Ausschusses für die Naturallieferungen in einer offiziösen Ausz laffung mitteilt, entwidelt sich die Anwendung der Ab= tommen von Wiesbaden und Berlin weiter in dem Maße, wie die vom Ministerium für die befreiten Ges biete zugelassenen Spezialbeauftragten in Tätigkeit treten, deren Eingreifen die Beziehungen zwischen den französischen Geschädigten und den deutschen Lieferantce erleichtern-"

Eine neue inferalliierte Konferenz London, 6. Sept. Dem politischen Berichterstatter der Evening Standard" zufolge verlautet, daß eine inter­alliierte Konferenz über die gesamte Frage der Reparationen und interalliierten Schulden zu einem Zeitpunkt vor dem 1. November vereinbart werden wird.

Reparationspolitik im Ruhrgebiet

Paris. 6. Sept. Senator Lucien Hubert. der Bericht­erstatter für das Budget der auswärtigen Angelegenheiten, hat eine Interpellation über die Anwendung einer wirk­famen Reparationspolitik im Ruhrgebiet" eingebracht.

Die deu sch- belgischen Verhandlungen

Die Verhandlungen der belaischen Vertreter Dela croix. Bemelmans und Philipsen nahmen gestern mit dem Reichsfinanzminister Hermes, dem Staatssetre­tär Schröder und dem Staatssekretär a. D. Bergmann ihren Anfang. Es handelt sich vorläufig nur um informato­reiche Besprechungen, während der Eintritt in die Einzelver­handlungen und die Beratuna über die pofitiven Vorschläge erst heute vormitta erfolgen soll. Aus den Mitteilungen des Staatsiefretärs a. D. Bergmann über seine Besprechungen in London ergibt sich, wie die Tena" erfährt dak es für den Fortgang der Verhandlungen über die Schatzwechiel günstiger ist, sofort über die gesamte Summe, die 1922 zu zahlen ist, zu verhandeln. Der evtl. in Aussicht genommene Plan, nur über die beiden Raten vom 15. 8. und 15. 9. eine vorläufige Verständigung herbeizuführen, steht deshalb nicht mehr im Vorderarund der Beratungen. Vielleicht ergibt sich bei den Verhandlungen die Möglichkeit. zunächst eine Rahl von 250 Millionen Goldmark zu finden. Die Garantie für die über die Summe auszustellenden Schabwechsel fann, wie auch in englischen Finanzkreisen zugegeben wird, von der deutschen Regierung nicht alle übernommen werden. Es wird des­halb die Möglichkeit erwogen. die Garantie au verteilen. Einen Teil muß die deutsche Regieruna felbst übernehmen; ein zweiter Teil fann vielleicht von englischen Finanz­treifen übernommen werden, während der Reit durch die Reichsbank zu garantieren wäre.

Der Gri: chen Lage bessert sich"

London, 6 Sept. Einer Reutermeldung aus Athen aufolge beifert fich die Lage weiter für die Grie­chen. Der Wechiel im Oberkommando scheine einen gün­itigen Eindrud gemacht zu haben. Die Lage der südlichen Streitfräfte bei Estischehir wird in ieder Beziehung als sicher betrachtet.

( E. P.) Paris, 6. Sept. Au der aus englischer Quelle stammenden Meldung. daß Könia Konstantin sich ent­schloffen habe, an Venizelos zu avellieren, bemerkt der Temps", es sei wenia wahrscheinlich, daß ein Staatsmann wie Venizelos fich dazu entschließen werde, fich in den Dienst eines Königs zu stellen, der gegen ihn auf den Thron er­hoben sei. Jeder Versuch. auf den Trümmern der fonstan­tinischen Politt Griechenland wieder aufzurichten. sei au 3= ficht 310 3. Venizelos werde erit wieder in Szene treten, wenn die Lage in Athen endaültia aeflärt sei, und es fei leicht möglich, daß die Rückwirkung der Eretaniffe in Ana­tolien dieie Klärung beschleunigen könne.

Paris, 6. Sept. Nach einer Havasmeldung aus Athen hat der französische Gesandte gestern aus Paris nstruktionen erhalten, mit den alliierten Gesandten einen Rollettivichritt bei der griechischen Regierung bezüglich der konferenz von Benedia zu unter­nehmen. Man betrachte es als sicher. daß die ariechische Regierung einwilligen werde. sich an der Konferenz zu be­teiligen. Ihre Delegierten würden Gunaris und Stratos

fein.

Der türkische Heeresbericht

( E. E.) Konstantinopel, 6. Sept. Das lebte türkische Communiqué lautet: Der türfiide Vormarsch ich rei­tet in allen Abschnitten weiter fort. Die griechische Niederlage im Abschnitt von Alaichahir stellt sich als schwerer beraus als zuerit angenommen wurde. Die Stadt Alaichahir selbst wurde von unseren Truppen eingenommen. Auch im Mäanderabschnitt wurde unser Vormarsch fortgesetzt. Die Griechen waren gezwungen, die Höhen nördlich des Flusses auf

reichten bereits die Umgebuna der Stadt Adremii, von wo ste den Rückzug der Griechen bedrohen, die sich gegenwärtig in der Umgebung von Salili befinden. Die Griechen werden von uns mit Flugzeugen und durch Kavallerie verfolgt.

Die Artillerie im nächsten Kriege

( DA.) Paris, 6. September. Der Generalinspekteur der französischen Artillerie hat erklärt, man fönne mit Sicher­heit annehmen, daß die Schußweite der schweren Artillerie im nächsten Kriege 140 Kilometer betragen werde, vielleicht sogar 200 Kilometer. England würde mit so weittragender Artillerie von seiner Küste aus Brügge, Lille, Arras, Amiens, Havre und den Süden von Cherbourg unter Feuer nehmen und überhaupt rings um die Inseln des ver einigten Königreiches einen Gürtel von 140 Kilometer Breite beherrschen fönnen. Französische Geschütze würden andrerseits Harwich, London, Portsmouth, Southamton, Dorchester, Dartmouth und die Küste von Cornwall be­schießen können. Die ganze englische Südküste würde in der Reichweite der französischen Geschüße liegen.

Englische Anleihe für Oesterreich

( EP.) London, 6. September." Daily Expreß" meldet, daß eine Gruppe einflußreicher Banken Londons beschlossen habe, Desterreich eine Anleihe von 20 bis 30 Millionen Bund Sterling( 30 Millionen Pund find etwa 1000 Milliarden Kronen) anzubieten. Als Bedingung für die Gewährung der Anleihe werde die Verpfändung der Einfuhrzölle gefordert. Ferner werde die Anleihe von einem Moratorium für die Meparationszahlungen abhängig gemacht. Man erwartet, daß Dr. Seipel mit einigen österreichischen Finanzmännern in Stürze zu einer Konferenz nach London kommen wird.

Grubenkatastrophe in England

London, 6. Sept. Bei einer großen Bergwerkservlofion in Whitehaven an der Cumberland- Küste wurden 40 9r: beiter in einem Schacht unter Steinkohlen verschüttet. Bis­her find 10 Leichen geborgen worden. Es besteht wenig Hoffnung auf Rettung der übriaen. Die Bergungsarbeiten werden durch Giftgaie erschwert; zahlreiche am Rettungs­werk beteiliate Beraleute wurden besinnungslos an die Oberfläche aebracht.

Die Leistungen" des Völkerbundes

Genf, 6. September. Der englische Vertreter Lord Robert Cecil hielt in der heutigen Sibung des Völker­bundrats eine längere Rede, in der er die Leistungen des Völkerbundes aufzählte. Unter anderm verwies er auf die Lösung der oberschlesischen, der Saar- und der Danziger Frage. Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen fam er auf die wirtschaftliche Krisis, namentlich in Deutsch= I and, zu sprechen. Deutschland werde in wenigen Monaten dort sein, wo sich heute Desterreich befindet.

Deutschlands Papiergeldflut

Auf eine Anfrage wegen der Zahlungsmittelnot hat, wie die PPN. hören, die preußische Finanzverwaltung mitge= teilt, daß in den letzten 10 Tagen für 23 Milliarden 3ah­lungsmittel gedruckt und in Umlauf gesetzt worden sind; daß sind insgesamt 10 Prozent des gesamten Notenumlaufs Deutschlands.

Die Tagesleistung der Reichsdruckeret ist fest auf 2,6 Milliarden Paviermark gestiegen; sie wird noch im Laufe des Monats September auf nahezu 4 Milliarden Papiermark täglich gesteigert werden, wodurch man dann die Zahlungsmittelnot endgültig zu beheben hofft.

Zur Charakteristik Faulhabers ( EP.) Paris, 6. Sept. Journal des Debats" gibt, anknüpfend an die Aeußerungen, die der Münchener Erz­bischof Dr. Faulhaber auf dem Ratholikentag gemacht hat, eine Reihe von Beschuldigungen wieder, die gegen den Erzbischof im ehemals von den Deutschen besc sten franzöfifchen Gebiet erhoben worden sind. Das Blatt zitiert eine Erklärung, die der damalige Bischof von Lille und jeßige Erzbischof jezige Erzbischof von Neunes, Monsignore Charodet im November 1918 veröffentlicht hat, und in dér es heißt, Faulhaber habe nicht nur den Vorschriften der katholischen Kirche widersprechend, Gottesdienste abgeyalica, ohne ihn hierzu vorher um Erlaubnis gefragt sa baben, sondern er habe auch einen alten Pfarrer in Wambrechies, der ihm Gastfreundschaft gewährt habe, in der gröblichten Weise behandelt. Eine Beschwerde beim Hofprediger des Kaisers sei von diesem zurückgewiesen worden. Das Slett fügt aus eigenem Wissen noch hinzu: Erzbischof& aul­haber hat diesem Geistlichen einen heftigen Fausschlag vor die Brust persetzt, so daß der alte schwache Mann das Gleichgewicht verloren habe und umgefallen set,

Der Stinnes- Vertrag

Der erste große Vertrag zum Wiederaufbau der zerstörten Gebiete Frankreichs ist abgeschlossen. Der Abschluß wurde möglich durch die Sachleistungsabkom­men, die die Reichsregierung unter Rathenaus Fühs rung abgeschlossen hatte. Das Wiesbadener Abkom men, das staatliche Verteilungsorganisationen hüben und drüben vorsah, wurde abgeändert und dem Bemelmans Abkommen analog gestaltet, wodurch den freien Initiative der Liefernden in Deutschland und der Lieferung Begehrenden in Franfreid) weitester Spielraum gelassen wurde. Dieses mit dem französis schen Vertreter Gilet abgeschlossene Abkommen schal­tet jeden Einfluß der Arbeiterorganisationen auf das Wiederaufbauprogramm aus.

Der zwischen Stinnes und Lubersac abgeschlossene Vertrag stellt den ersten Versuch eines Wieder­aufbaues der zerstörten Gebiete dar. Dabei zeigt sich das folgende Paradoron: Die Parteien, die die Er­füllungspolitik einschließlich der Sachleistungsabkom­men bis vor wenigen Tagen noch in Grund und Boden donnerten, finden jetzt mit einem Male Ge­schmack daran. Die Parteien aber, die am energischsten die Erfüllungspolitik vertraten, stehen dem vorliegen­den Abkommen sehr skeptisch gegenüber. Das liegt an der Art des Abkommens selbst. Die Vertreter der uneingeschränkten Kapitalherrschaft haben allen Grund, mit ihm zufrieden zu sein. Stinnes hat es verstan­den, die Erfüllungspolitik in eine Politik der Ueber­füllung seiner Geldschränke und den kapitalistischen Machtreservoire umzuwandeln. Der Vertrag bedeutet für Stinnes eine ganz gewaltige Machterweiterung. Nicht nur allein werden ihm durch die Vermittlungs­provision Milliarden zufließen, die für ihn auch Munition im Kampf um die Befestigung und Er­weiterung seiner Machtposition sind, sondern der Vers trag selbst ist ihm auch ein Machtapparat, wie er ihn sich nicht besser wünschen kann. Allein die Kohlen­flausel macht ihn für weite Gebiete zu einem über­mächtigen Wirtschaftsdiktator. Hugo Stinnes, der den Vertrag abschloß, der ihm außer den Milliarden an Vermittlungsprovision, selbstverständlich zu Lastent des deutschen Steuerzahlers, und außer den noch zahl­reicheren Milliarden an Gewinnen aus den Lieferun gen selbst, wiederum zu Lasten des deutschen Steuer­zahlers, einbringt, ist zugleich der Beherrscher des Kohlensyndikats. Von den Reparationsfohlen wird nach dem Vertrage ein bestimmter Prozentsatz zur verstärkten Lieferung von Baumaterialien, wie

Zement, Ziegelsteinen, Kalt, Dachziegeln, freigegeben. Die Verteilung dieser Kohlen auf die verschiedenen Betriebe wird Sache der Firma Hugo Stinnes in Ver= bindung mit dem Rheinisch- Westfälischen Kohlen­syndikat sein." So bestimmt ausdrücklich der Vertrag. Die Praktiken der Industriemagnaten sind schon aus der Vorkriegszeit hinlänglich bekannt, um zu wissen, was auch diese Bestimmung für die Machterweiterung der Stinnes- Konzerne bedeutet.

Die

Das Wort des Reichskanzlers, daß es neben den Kriegs- und Revolutionsgewinnlern nicht auch noch Reparationsgewinnler geben dürfe, wird elend zu= nichte gemacht. Woher kommt das? Das im März dieses Jahres mit dem französischen Vertreter Gilet abgeschlossene Abkommen schaltet jeden Einfluß der Arbeiterorganisationen aus. Aber auch die Regie­rung hat nur höchst geringen Einfluß auf einmal ab­geschlossene Verträge. Nur wenn betrügerische Mani­pulationen nachgewiesen werden können, Ausfuhrbe­stimmungen verletzt erscheinen oder aus ähnlichen Gründen, kann die Regierung die Genehmigung ver­sagen. Die französische Regierung hat dem Stinnes abkommen im voraus zugestimmt. Sie hatte allen Grund dazu. Denn für sie bedeutet es den Beginn des Wiederaufbaues der zerstörten Gebiete. deutsche Regierung hat sich offenbar nicht im gering­ſten um das gekümmert, was sich auf der Heimburg und Niederheimbach am Rhein abspielte. Sie hätte die Pflicht gehabt, auf die Gestaltung des Abkommens Einfluß zu nehmen. Sat sie es nicht getan, so beging sie schwere, unverzeihliche Fehler. Tat sie es und setzte nicht alles daran, dem Vertrag die reparationsgewinn Ierischen Zähne auszubrechen, liegen die Dinge nicht anders. Die Leidtragenden sind wieder einmal vor allem die von Gehalt oder Lohn lebenden oder auf noch färglichere Einkommen gesetzten Bevölkerungsfreise. Bei alledem darf jedoch nicht übersehen werden, daß der Vertrag auch eine Anzahl von Bestimmungen enthält, die vom Standpunkte der Reparationsver pflichtungen als Erleichterungen für Deutschland gel­ten dürfen. Die Freigabe von Reparationskohle für