11
er
世
1
EA
BEREGI
d.
TPE
T
Einzelpreis 6.- Mk.
Die& retbett erscheint täglich einmal als Morgenausgabe und Montags als abendausgabe mit den Unterhaltungsbeilagen Freie Belt Frauen- Welt" und Der Jugend- Genoffe". Der Bezugspreis beträgt bei freier Bustellung ins Haus für den Monat September 150 m., im voraus aablbar Bestellungen nehmen fämtliche Boftanstalten entgegen. Fernsprecher: Hanfa 1970, 1971 und 1972. Amt Moabit 2021. Redaktionssekretariat: Dönboff 5593,
Verlag und Exped. Berlin NW 40, Kronprinzenufer 27, L
Sonnabend, den 9. September 1922
5. Jahrg. Nummer 327
Die zwölfgespaltene Nonbaretllezeile oder beren Raum toftet 25,- 9., einschließlich Inferatensteuer. Kleine Anzeigen: Das fettgebrudte Bort 4, M., jebes weitere Wort 3,- m, einschließlich Inferatenftener. Laufende Anzeigen laut Tarif. Familien- Anzeigen und Stellen- Gefuche 16, M. netto pro Beile. Stellen- Gefuche in Wort- Anzeigen: bas fett gebrudte Wort 3, M., jedes weitere Wort 2,- M. Redaktion: Ferusprecher Dönhoff 4190, 4191 unb 4192 Berlin SW, 68, Ritterstr. 75, III,
greiheit
Berliner Organ
der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Müssen wir verhungern? Die griechische Armee völlig vernichtet
Von Karl Marchionini
Ein Teil des deutschen Bolles muß bei fortschreitender Geldentwertung berhun gern."( Leipziger Neueste Nachrichten" bom 3. September 1922.)
Es muß schon schlimm stehen um die deutsche Bevölkerung, wenn schon ein großes alldeutsches Blatt eine solche Feststellung macht. Vor einiger Zeit flang es noch ganz anders. Da wurde den Lesern erzählt, ihr Heil beruhe auf der freien Wirtschaft, die ihnen reichliche und billige Nahrungsmittel bringen werde. Was uns die freie Wirtschaft gebracht hat, ist vom Oberbürgermeister von Berlin am 2. September tonstatiert worden:„ Ueber 80 Prozent der Berliner Schultinder sind unterernährt, über 50 Prozent sind tuberkulös". So sieht der tapitalistische Wiederaufbau" aus. Was für ein Geschlecht heranwächst, wenn heute schon 50 Prozent der Schulkinder tuberkulös sind, kann man sich vorstellen. Die Berliner Zustände sind auch in zahlreichen anderen Gemeinden anzutreffen. In manchen Orten ist das Elend noch größer. Wenn hier nicht sofort an eine gründliche Umstellung des Ernäh rungswesens gegangen wird, ist ein großer Teil der arbeitenden Bevölkerung Deutschlands verloren.
Die arbeitende Bevölkerung geht zugrunde, wenn fie glaubt, vom Kapitalismus irgendeine Besserung der Zustände zu erwarten. Aus der Geschichte wissen wir, daß in früheren Perioden die Machthaber ruhig weite Schichten der Bevölkerung haben sterben lassen. Erst wenn sie in die Gefahr gerieten, selbst dabei mit unterzugehen, hat sich ein Teil der Besitzenden zu Reformen bequemt, um sich selbst vor dem Untergang zu bewahren. Spaniens Geschichte liefert dafür die besten Beweise. Auch aus anderen Ländern können sie geholt werden. In Deutschland sind aber die Besitzenden noch lange nicht am Abgrunde angelangt. Jm Gegenteil! Sie sind auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung zu einem außerordentlichen Wohlstand gelangt. Sie sind im Besitz der Goldwerte, der wirtschaftlichen Machtmittel, sie verfügen über ausländische Zahlungsmittel, über Konten in ausländischen Banten, über Kostbarkeiten aller Art, über Nahrungsquellen. Sie sind auf lange Zeit mit allen notwendigen Bedarfsartikeln eingedeckt. Sie können es aushalten, auch wenn das Massensterben im Proletariat immer größer wird. Vielleicht, daß sie sich dazu verstehen, einige Almosen zu Kinderspeisungen herzugeben, wenn die Not zum Himmel schreit. Und was sie auf der einen Seite geben, das werden sie auf der anderen Seite durch Preisdiktate wieder herauszuholen wissen. Vom Kapitalismus, von der bürgerlichen Gesellschaft ist nichts zu erwarten. Will die arbeitende Bevölkerung leben, so muß sie sich selbst helfen. Hauptsächlich muß sie sich widmen dem Produktionsproblem und dem Verteilungsproblem. So, wie die Dinge jetzt liegen, richtet uns die tapitalistische Wirtschaft zugrunde. Je höher die Preise steigen, desto weniger wird produziert, desto größer steigt die Not des Proletariats, desto mehr nehmen die Gewinne der Produzenten zu. Diesen ist eine Steigerung der Produktion nicht erwünscht, sie kostet heute viel und drückt die Preise. Daher fommen wir auch nicht zu dem Umfang der Produktion, wie er vor dem Kriege be= stand, und an den wir herankommen müssen, wenn wir leben bleiben wollen. Ein Beispiel aus der Landwirtschaft zeigt das: Nach den Angaben des Statistischen Reichsamtes betrug das Ergebnis der Ernte auf einem Settar in Doppelzentnern:
Weizen
Roggen
Winter- Spelz Sommergerste Hafer
k
1913 1921 29,1 18,5
19,1 15,4
16,1 13,5 32,0 15,7 21,9 14,8
Hier ist unbedingt der Hebel anzusetzen. Die Produktion muß höhere Erträge bringen, zumal wir alles haben: Arbeitskräfte, Acker, technische Arbeitsmittel, fünstlichen Dünger. Freilich, die heutige Profitwirtschaft, die nur als Ziel die Bereicherung der Betriebsinhaber fennt, muß mehr und mehr in die Bahnen einer geregelten Bedarfswirtschaft gelenkt werden.
Auch die Nordarmee geschlagen
Paris, 8. Sept. Nachdem gestern die griechische Südarmee von den türkischen Truppen unter Kemal umzingelt und damit ihr Schicksal besiegelt worden ist, hat heute auch die Nordgruppe der griechischen Streitkräfte eine vollständige Niederlage erlitten. Die Nordarmee hat ihr ge= jamtes Kriegsmaterial im Stiche gelassen und zieht sich ießt schleunig zurück.
( EE.) Paris, 8. September. Der„ Chicago Tribune wird aus Smyrna telegraphiert: Zwei amerikanische Ber störer trafen hier ein; drei weitere gingen aus Konstantinopel ab. Die Lage ist kritisch, da große Scharen von Flüchtlingen in die Stadt tamen. 50 Amerikaner in Smyrna orgas nisierten eine Verteidigung, um ihr Leben und Eigentum zu schüßen. Diese steht unter dem Kommando des Majors Reichfeld.
Die türkische Beute bis zum 2. September beträgt: Die Gefangennahme der Befehlshaber
Geschüße, 950 Lastantos, 11 Flugzeuge, 2000 Maschinengewehre sowie eine ungeheure Menge Waffen, Munition und Lebensmittel. Wie aus Angora weiter berichtet wird, stehen türkische Kavalleries abteilungen bereits 20 Meilen vor Smyrna. An der gegen wärtigen Offensive nehmen 850 000 Kemalisten teil, 150 000 stehen in Reserve. Die erste türkische Kolonne ist an der Küste des Aegäischen Meeres angekommen.
( EP.) Konstantinopel, 8. Sept. Es wird bestätigt, daß die griechische Nordarmee bei ihrem Versuch, der Südarmee zu Silfe au fommen, bei Kerdos eine vollstän dige Niederlage erlitten hat. Drei Divisionen find vollständig vernichtet worden. Der türkische Vormarsch
danert an. At- Hissar ist besetzt worden. Die Truppen nähern sich Manisza.
Der Aufstand in Smyrna
( E. P.) Athen. 8. September. Aus Smyrna wird gemeldet, daß dort ein Anfstand ausgebrochen sei, der ariechische Oberkommissar hat sich vor der Wut des Volkes auf das griechische Kriegsschiff Lemnos" geflüchtet. Der Aufstand ist vor allem durch den Nahrungsmittelmangel hervor= gerufen worden der eine Folge des unaufhörlichen Rustromes von Flüchtlingen und Deserteuren ist. Die Banken find geschlossen. 12 000 griechische Soldaten sind aus Thrazien in Smyrna ausgeschifft worden, wo ihnen die Verteidigung der Stadt anvertraut wurde.
( E. P.) Konstantinopel, 8. Sept. Nach einer noch unbestätigten Meldung hat der Kommandant der türkischen Vorpostentruppen eine Botschaft an den Kommandanten der ariechischen Vorposten gerichtet, worin die Uebergabe der Stadt Smyrna und deren Garnison gefordert wird, um Blutvergießen bei der Einnahme zu verhüten. Er aab außerdem die Zusicherung, daß für die griechische Bevölkerung von Smyrna feine Gefahr von den Kemalisten drohe.
ernährungsamt ist unter Hermes diesen Aufgaben ernährungsamt ist unter Hermes diesen Aufgaben weit aus dem Wege gegangen. Die Agrarier sind mit weit aus dem Wege gegangen. Die Agrarier sind mit hohen Preisen zur Erweiterung der Produktion angereizt und mit Liebesgaben bedacht worden. Jetzt ist reizt und mit Liebesgaben bedacht worden. Jetzt ist man dabei, ihnen höhere Preise für das erste Drittel des Umlagegetreides zuzuschieben. Die Getreidepreise haben in den letzten Monaten nachstehende Entwicklung durchgemacht:( Es handelt sich um die Preise für einen Zentner Getreide, in Mart.) Preise im freien Umlagepreise: Umlagepreise: Verkehr Juni 22: Weizen 165 Roggen 155 Safer
Gerste
Alte
Neue
370
345
100
90
335 320
Breise im freien Verkehr Sept. 22:
|
( EE.) Athen, 8. September. Die Nachricht von der Ge fangennahme der beiden Generale Trikupis und Dige nis sowie von vier Regimentskommandeuren wird offiziell zugegeben. Das Oberkommando der Armee wurde dem Ges neral Polymenafos übertragen. Dieser richtete einen Tagesbefehl an die Armee, worin er sie zur Aufrechterhaltung der Disziplin auffordert.
Italien schlägt Waffenruhe vor
Rom, 8. Sept. Wie die Blätter melden, hat die italienische Regierung bei den Regierungen von Frankreich und England einen Schritt unternommen, um sie von der Notwendinfeit zu überzeugen, Griechenland und die Türkei zu einer Konferenz einzuladen, die in Venedia stattfinden soll und auf der die Friedenspräliminarien erörtert werden sollen wobei in der Zwischenzeit aus Gründen der Menschlichkeit Vorsorge getroffen werden soll, daß ein Waffenstillstand geschlossen wird oder die Kriegshandlungen unterbrochen werden.
Kabinettswechsel in Alhen
( EP.) Athen, 8. September. Die Demission des Kabinetts ist nach einem Kabinettsrat erfolgt, der in der letzten Nacht stattgefunden hatte. Der König, der entgegen anderen Nachrichten, nicht abgereist ist, bot die Neubildung der Regierung, nachdem sich Kalogeroflos die Entscheidung vorbehalten hatte, dem früheren griechischen Oberkommissar in Konstantinopel, Triantaphilaos an, der jedoch bestimmt ablehnte. Schließlich wurde Stuludis mit der Regierungsbildung betraut, der den Auftrag des Königs annahm. In einigen politischen Kreisen wird die Zurückberufung des Kronprinzen aus Bukarest dahin ausgelegt, daß der König die Absicht habe, abzudanken.
ventar, soweit es neu beschafft werden muß, durchweg etwas mehr. Also das Fünfunddreißigfache der Bodenrente eingerechnet, ergibt eine Berechnung auf solcher Grundlage Tonne. Getreide( der Reichstag hat 6900 Mart beeinen Produktionspreis von etwa 5000 Mart für die willigt!), also nur ein Bruchteil der gesamten Menge der landwirtschaftlichen Gütererzeugung für diesen Produktionspreis, welcher etwa 35 Prozent des Weltmarktpreises ausmacht, vom Reich verlangt wird, so tann die wirtschaftliche Produktion dadurch nicht geschä= digt werden, selbst wenn im kommenden Jahre durch weiteres Fallen der Valuta die Produktionslasten durch Erhöhung der Preise für die genannten Produktionsmittel weiter steigen. Denn die Differenz zwischen Weltmarktpreis und Produktionspreis für 2,5 Millionen Tonnen Getreide verhindert mag fie rechnungsfähig hoch erscheinen nicht, daß in die Hand der Landwirte durch die freie zum Verkauf gebrachte Menge der erzeugten Güter eine sp große Einnahme gelangt, daß damit alle Kosten für die zukünftige Produktion gedeckt werden können."
1050
790
2875 2500
-
910
2200
850
2750
Hier sieht man die ungeheuerliche Preissteigerung in der letzten Zeit. Die Preise für Vieh, Eier, Geflügel usw. sind ebenfalls riesig in die Höhe getrieben worden. Die Produktionskosten auf dem Lande sind nicht entfernt in diesem Maße gestiegen. Trotzdem nicht entfernt in diesem Maße gestiegen. Trotzdem soll auch der Preis für das Umlagegetreide erhöht und damit der Hunger der arbeitenden Bevölkerung_vermehrt werden. Der Erfolg wird sein, daß im nächsten Jahr 75 Prozent der Berliner Schulkinder tuberkulös sein werden, was freilich den„ christlichen" Agrariern nicht die geringsten Strupel verursacht. Ein Fluch aber der Regierung, den Parteien, die an den gesetzlich festgelegten Preisen rütteln. Sie müßten vom Volkszorn hinweggeschwemmt werden.
Kurz vor der Festsetzung der neuen Umlagepreise schrieb der oldenburgische Ministerpräsident Tangen, Landwirt und Mitglied der Demokratischen Partei, in
in der Frankfurter Zeitung" unter anderem: Der Preis für die abzuliefernde Menge muß dem Produktionspreis entsprechen... Die Produktionsfoften seben
triebsmitteln. Gegenüber dem Friedenspreis find die Preise für die Arbeitslöhne, Kunstdünger und Preise für
Anzufangen ist mit einer umfassenden Kontrolle über sich zuſammen aus der Grundrente, dem Arbeitslohn, der Art, Umfang der Produktion, damit im öffentlichen Anschaffung von Kunstdünger und der Anschaffung von BeInteresse da sofort eingegriffen werden kann, wo eine Steigerung der Produktion nicht erfolgt, oder wo zur Betriebsmittel im Durchschnitt um etwa das Fünfundmuß die Enteignung sofort einsehen. Unser Reichs- Kunstdünger teilweise weniger, teilweise mehr, das InErnährungssabotage getrieben wird. In diesem Falle dreißigfache gestiegen, die Löhne meist weniger, der
-
Das ist das Urteil eines praktischen Landwirts, der damit den Bucherern, die höhere Preise für das Umlagegetreide verlangen, alle fadenscheinigen Argu mente glatt aus der Hand geschlagen hat. Wird die Regierung trotzdem den Agrariern gefällig sein? Eine Demagogte schlimmster Art ist es, wenn heute Landwirte erklären, sie könnten den Arbeitern nicht eher höhere Löhne bewilligen, bis die Preise für das Umlagegetreide erhöht seien. Damit tommen win 84 einem Gegenstand, der ebenfalls in den Vordergrund gerückt werden muß. Die Erzeugerpreise müssen den Produktionskosten angepaßt werden. Hier darf es feine Diktatur der Produzenten geben. Hier müssen die Vertreter der Verbraucher auf Grund gesetzlicher Maßnahmen mitzubestimmen haben. Und endlich muß das Zwischenhändlertum, das sich Schmeißfliegen gleich, auf die wichtigsten Nahrungsmittel wirft und sie hin- und herschiebt, versteckt, nach dem Auslande schleppt, mehr und mehr ausgeschaltet werden. Die Verteilung der Produkte muß auf dem kürzesten und einfachsten Wege erfolgen. Das System der direkten Belieferung von Gemeinde, Verbraucherorganisatio= nen durch die Produzentenvereinigungen muß mehr