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Sonntag, den 10. September 1922
5. Jahrg, Nummer 328
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greiheit
Berliner Organ
der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Geldknappheit und Städte
Von Bruno Asch.
Die Entwicklung der letzten Monate hat dahin ge=
Kein abschließendes Ergebnis
führt, daß die Flüssigkeit des Geldmarktes, die wir Verhandlungen mit Belgien
in Deutschland seit Jahren kennen und die ihren Ausdruck in verhältnismäßig niedrigen Zinssätzen und einem sehr reichlichen Angebot von Leihgeld gefunden hat, verschwunden ist. Die Knappheit an Geld, die nach dem großen Marksturz im Herbst des vergangenen Jahres in Erscheinung zu treten begann und sich im laufenden Jahre ununterbrochen verschärfte, mußte unter der Einwirkung der letzten Markkatastrophe einen gefährlichen Umfang annehmen. Die zur Durchführung von neuen Projekten, zur Reparatur bestehender Anlagen, Beschaffung von Rohmaterialien und Waren jeder Art erforderlichen Beträge wuchsen, in Marf ausgedrückt, so erheblich an, daß die verfügbaren Kapitalien nicht annähernd ausreichen konnten. Die Zurückhaltung des Auslandes, Geld nach Deutschland zu leihen, die durch den Entwertungsprozeß der Reichsmart entschieden gefördert worden ist, trifft zusammen mit einer verhältnismäßig umfangreichen Steuereinziehung, die beträchtliche Mittel in Anspruch nimmt und einer relativ viel geringeren Geldneuschöpfung durch den Inflationskredit des Reiches bet der Reichsbank, dieser Quelle des bisherigen Scheinreichtums, der jahrelang das wahre Gesicht der deutschen Finanzverhältnisse verhüllt hat. Der Sturz der Reichsmarkt aber hat auf den Geldmarkt vor allem deshalb so verengend gewirkt, weil er die Katastrophe des mobilen Kapitals vollendet hat. Alle Effekten, insbesondere die Anleihepapiere der Städte, Länder und des Reiches, die Oblinationen der Industrie und selbst die noch am günstigsten stehenden Aktien repräsentieren heute einen so lächerlich geringen Geldwert, daß ihren Befizern weder durch Verkauf noch durch Lombardierung irgendwelche im Verhältnis zur Geldentwertung beträchtliche Summen zugeführt werden fönnen. Der Inhaber von zehntausend Mark Kommunalanleihen oder anderen Papieren fonnte vor dem Kriege auf diese Werte Leihgeld bei den Sparkassen oder Banken in einer Höhe erhalten, daß er sich davon zur Not mehrere Jahre ernähren konnte; sein jetziger Erlös reicht im besten alle bei großen Einschrän= fungen für ebenso viele Wochen. Ebenso geht es den Ausleihern von Hypotheken, Bürgschaftsdarlehen oder bei irgend einer Form der Hergabe von mobilem Kapital als Anleihe; alle diese Kapitalbesitzer bis herunter zum kleinsten Sparer besißen heute nur in Papierwährung ungefähr die gleiche Summe, die sie einst in Goldmark hergegeben haben. Ihre Bedeutung ist am Kapitalmarkt der Vergangenheit, besonders als Käufer von Rentenpapieren, außerordentlich groß gewesen, sie sind heute fast bedeutungslos geworden, die Summen, die sie verfügbar machen können, sind lächerlich gering. Die Sparguthaben, deren Rolle für den Geldmarkt früher wesentlich gewesen ist, sind nominal um so wenig angewachsen, daß in Wirklichkeit auch hier die Vernichtung des mobilen Kapitales mehr als deutlich in Erscheinung tritt. Eine öffentliche Sparkasse, die vor dem Kriege hundert Millionen Mark Spareinlagen hatte und zur Zeit über dreihundert Millionen Mark verfügt, hat zwar den Nennbetrag anwachsen sehen, der innere Wert aber ist um es
vorläufig beendet
Berlin, 9. September. Die Besprechungen mit den Vertretern der belgischen Regierung in der Frage der Schatzwechsel wurden heute zu Ende geführt; ein ab= schließendes Ergebnis wurde noch nicht erreicht. Während in wesentlichen Punkten eine Einigung erzielt werden konnte, hat die Frage der Verlängerung der Lauffrist der Schawed fel über jede Monate hinans Schwierigkeiten ergeben, da diese Verlängerung nach Anffassung der belgischen Regierung über den Rahmen der Entscheidung der Reparationskommission hinausgeht. Die belgischen Vertreter werden morgen mittag nach Brüssel zurückreisen, um ihrer Regierung Bericht zu erstatten. Sie betrachten ihr oben umschriebenes Mandat augenblicklich als beendet, was jedoch einer Wiederaufnahme der Berhandlungen nicht entgegensteht.
Gewerkschaften und Sachlieferungen
D
( eca) Paris, 9. September. Die Frage der Naturallieferungen scheint nunmehr nach der Perfektionierung des Abkommens Luberiac Stinnes auch nach anderer Richtung hin in ein neues Stadium zu treten. Die schon seit über Jahresfrist vorliegenden Angebote der deutschen Arbeiter- Ge= werfichaften zur Teilnahme an der Arbeit für den Wiederaufbau des zerstörten Gebietes treten nunmehr in Berwirklichung. Wie wir bereits gestern meldeten, wird das Attions- Komitee für die befreiten Gebiete am Montag zu einer Sigung zusammentreten, um die Vorschläge der deutschen Gewerkschaften für die praktische Durch führung zu prüfen. Bezeichnend für den Umschwung der französischen öffentlichen Meinung in bezug auf die Teilnahme Deutschlands an dem Wiederaufbau der zerstörten Gebiete sind die Ausführungen darüber vom Petit Parisien", indem festgestellt wird, daß das Projekt der deutschen Gewerkschaften bei seinem ersten Bekanntwerden in einem großen Teil der französischen öffentlichen Meinung dem allerschärfsten Widerspruch begegnete, der seinerzeit nur in dem Gefühl des französischen Volkes gegen die Teilnahme von deutschen Arbeitern in den von Deutschland zerstörten Gebieten begründet war. Nunmehr gestattete es die öffentliche Meinung, daß
man nicht nur
über ein solches Abkommen spreche, sondern sich sogar darüber freuen fönne, ohne deshalb als schlechter Franzose und Patriot angesehen zu werden. Petit Parisien macht ferner darauf aufmerksam, daß es besser wäre, wenn nicht nur die deutsche Schwer
industrie Gelegenheit hätte, derartige Abkommen, wie sie Stinnes getroffen habe, mit französischen Abnehmern abzuschließen. Sie ist davon überzeugt, daß Stinnes persönlich auch einen großen moralischen Nußen aus diesem Abkommen gewinne. Die deutschen Gewerkschaften seien aber die treueste Stüße der Republik in Deutschland Es sei nötig, daß man nicht nur den Imperalisten und Alldeutschen den Ruhm an der Wiederherstellung der Beziehungen Frankreichs und den fich dadurch bessernden wirtschaftlichen Verhältnissen lasse, der ja insbesondere der arbeitenden Klasse zugute kommen müsse.
Zum Schluß wird darauf hingewiesen, daß die Annahme der Vorschläge der deutschen Gewerkschaften erst von der französischen Regieruna autgeheißen sein müssen.
einmal deutlich genug an der internationalen Kauf Griechenland bittet um Waffenstillstand
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fraft auszudrücken bei einem Dollarstand von 1250 Dollar von vierundzwanzig Millionen Dollar auf etwa zweihundertundvierzigtausend Dollar gesunken. Nominelle Verdreifachuna, tatsächliche Berringerung auf den hundertsten Teil des früheren Wertes!
Diese Vernichtung des mobilen Kapitales wird begleitet von dem bei der Unsicherheit unserer Währungsverhältnisse und der Entwicklung der deutschen Wirtschaft natürlichen Zustand, daß die Umwertung des immobilen Vermögens auf Papierwährung entweder kaum oder nur sehr unzulänglich erfolgt ist. Es kann in diesem Zusammenhang nicht auf die sehr zahlreichen, dabei wirksamen Faktoren eingegangen werden. Es sei nur darauf verwiesen, daß neben der natürlichen Umwertungsträgheit, die sich bei Gebäuden, Grundbesitz immer zeiat, Rentabilitätsfragen wie die Niedrighaltung der Mieten, Zwangsbewirt schaftung eines Teiles der Ernte, Mangel an Kapital auf der Käuferseite und die bei derartigen Dauerwerten besonders wichtige Frage der Währungsschwankungen hemmend wirksam sind. Es wird nun allerdings seit Jahr und Tag Grundbesitz zu nominell steigenden Preisen umgesetzt, aber das, worauf es uns im Zusammenhang mit der Geldknappheit antommt, st noch nicht eingetreten, eine hypothefarische Beleihung durch Hypothekenbanken und andere mit der Mobilisierung der Güterwerte beschäftigten Institute in einem nur im Entferntesten der Geldentwertung an
Angora 9. Sept.( Savas.) Durch Vermittlung der alliierten Kommissare in Konstantinopel ist ein Waffenstillstandsantrag eingegangen. Parlamentarische Kreise sind der Ansicht, daß ein Antrag unmittelbar vom griechischen Gene
gepaßten Umfange ist noch nirgends erfolgt, es wird vielmehr im allgemeinen an der Beleihungsgrenze in Goldmark festgehalten und das bedeutet, daß auch für großen und wertvollen Grundbesitz heute nur so lächerlich geringe Leihfummen zu erhalten sind, daß gegenwärtig auch diese wichtige Unterlage der Geldbeschaffung fast nicht mehr wirksam ist.
ralissimus an den türkischen Kommandanten das einzige Mittel sei, einen Waffenstillstand abzuschließen. Die Türfen werden von den Griechen verlangen: vollständige Räumung Kleinasiens und Thraziens, Entfernung der griechischen Flotte aus den türkischen Gewässern, Anerkennung der an gerichteten Schäden und der Reparationsverpflichtungen.
Remals Friedensbedingungen
Paris, 9. September. Der Parijer Vertreter der Regierung von Angora, Achmed Ferid Bei, hat dem Intransigeant gegenüber erklärt, die Forderungen seiner Regierung für den Frieden seien dieselben wie vor 3 Jahren: Konstantinoper Adrianopel und Thrazien sowie Entschädigung für den durch die Griechen angerichteten Schaden. Die Kemalisten würden unter allen Umständen die Dardanellen in Besitz nehmen, welche Truppen auch immer sich dort befinden mögen.
Folgen der griechischen Niederlage
Zuspizung der Gegensätze in der Entente.
Die Niederlage der Griechen zieht, wie vorauszusehen war, weitere Kreise. Die Griechen sehnen sich nach Waffens stillstand. Die Türfen lehnen ab. Die Alliierten vermitteln. Bugleich mehren sich aber auch die lockernden Faktoren in der Entente. Daily Chronicle" schreibt in einem Leitartikel, soweit Kleinasien in Betracht komme, jei der griechische Anspruch, dort einen Stüßpunkt zu haben, verloren. Die Frage der Meerengen berühre Großbritannien vital. Die Frage der fünftigen Kontrolle der Meerengen könne einen ent= scheidenden Prüfstein für die Möglichkeit der Fort jegung einer wirksamen Entente mit Frankreich bilden.
Daneben tut sich die Frage auf, wie die Entente sich vers halten soll, wenn die Türfen auf Konstantinopel marschieren, das von Ententetruppen gesichert ist. Der Vormarsch der Griechen wurde seinerzeit gehindert. Die Londoner Morningpost meldet, die beherrschende Tatsache in der gegenwärtigen Lage im nahen Osten sei der Beschluß des britischen Kabinetts, unter feinen Umständen Konstanti nopel fréizugeben und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln den Waffenstillstand zwischen den Griechen und der Türkei auf Kleinasien zu beschränken. Man sei in London sehr gespannt auf die Haltung, die Frankreich einnehmen wird.
So wird die Katastrophe der griechischen Armee zugleich zu einem Faktor der Zuspizung der Gegensätze in der Entente, namentlich zwischen Frankreich und England, derer Orientpolitik seit langem entgegengesezte Wege geht.
London, 9. September. Wie Reuter erfährt, hat die bri tische Regierung erneut vorgeschlagen, die Frage des Schußes der Minderheiten an den Völkerbund zu verweisen. Es wird darauf hingewiesen, daß die aus dem griechisch- türtischen Konflikt entstandene militärische Lage in feiner Weise die Ansicht der britischen Regierung bezüglich der allgemeinen Lage des Friedens zwischen den Alliierten und der Türkei berühren werde und bemerkt, daß alles, was auch nur im geringsten Maße die Freiheit der Meerengen anrühre, nicht zugelassen werden werde. Die Freiheit der Meerengen sei einer der Punkte, um deren Willen der Frieden mit der Türfei ausgefochten worden sei. Eine Preisgabe des Gewone nen fomme nicht in Frage.
Oesterreich vor dem Völkerbund
Genf, 9. September. In der heutigen Sibung der Völker bundsversammlung wurde die österreichische Frage sehr ausa giebig behandelt, wobei die Vertreter verschiedener Staaten die Notwendigkeit betonten, Desterreich zu helfen.
mern werden. Die offiziellen Zinssäße, wie sie sich am Reichsbankdiskontosaß und Lombardzinsfuß mit 7 bezw. 8 vom Hundert zur Zeit darstellen, werden in Wirklichkeit nur von einem kleinen Teil der Geldnehmer bezahlt; wer bei Sparkassen oder öffentlichen Banken gut gesicherten Bürgschaftskredit beansprucht, muß zumeist zwei bis drei vom Hundert an Provision und Gebühren mehr bezahlen. Die Zinssäße der Pri vatbanken für Industriekredit dürften sich zwischen 14 und 16 vom Hundert einschließlich Provision bes wegen.
Es ist erklärlich, daß unter diesen Verhältnissen aber nicht nur das Wirtschaftsleben des Landes leidet, sondern daß von ihnen gegenwärtig gerade die Ges meinden und Gemeindeverbände besonders stark be
Unter den großen Schwierigkeiten ausreichender Geldbeschaffung leiden Handel und Industrie, Handwerk und Gewerbe, selbst in den Kreisen der Landwirte zeigt sich zum ersten Mal wieder erheblicherer und nicht immer zu befriedigender Bedarf an Betriebsmitteln, insbesondere zur Zeit vor der Ver wertung der neuen Erute, deren Mobilisierung gerade diesmal auch an den Geldmarkt außergewöhnliche Anforderungen stellen dürfte. Die Klage übertroffen werden. Die Inanspruchnahme des Geldden Mangel an ausreichender Kreditmöglichkeit ist allgemein, selbst die Diskontierung von Handelswechseln und die Inanspruchnahme der Darlehnskassen verinag der bestehenden Not nicht ausreichend entgegenzuwirken. Und es ist anzunehmen, daß sich diese Zustände in der nächsten Zeit noch erheblich verschlim
marktes durch die Gemeinden ist nicht nur für laufende Bedürfnisse infolge der mangelnden Zuweisung ausreichender Steueranteile sehr groß, sondern vor allem für die Ausführung im Baut befindlicher oder projeka tierter Anlagen, in erster Linie des von den Ges meinden in weitgehendem Umfange als wichtige sos