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Montag, den 18, September 1922

5. Jahrg, Nummer 336

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greiheit

Berliner Organ

ber Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Der Parteitag von Augsburg

Ein gufer Anfang

Aus Augsburg wird uns geschrieben:

Der Augsburger Parteitag den SPD. hat be= gonnen. Sagen wir es gleich von vornherein: er be gann in einem gutem Zeichen. USPD. und SPD.- Arbeiter hatten sich zahlreich eingefunden und füllten die riesige Ausstellungshalle. In den vorderen Reihen saßen die Delegierten. Hermann Müller hielt eine nicht üble Rede, die besonders in den Teilen geschickt war, die sich mit der Einigung beschäftigten. Er schilderte die Not der deutschen Arbeiterschaft, ap­pellierte an die Vernunft der Ententestaatsmänner und verurteilte dann in den schärfsten Worten die schamlose Ausbeutung und Bewucherung des werk­tätigen Volkes durch die deutschen besitzenden Kreise. Er fand starke Zustimmung aus den Reihen der Dele­gierten, als er erklärte, die Sozialdemokratie werde eine Erhöhung der Preise für das erste Drittel den Getreideumlage, wie sie von den bürgerlichen Parteien im volkswirtschaftlichen Ausschuß des Reichstages be= schlossen worden ist, nicht mitmachen.

In bezug auf die Einigungsfrage war es schon bedeutsam gewesen, daß Müller betont hatte, die So­zialdemokratie sei eine sozialistische und klassen­tämpferische Partei. Man horchte auf, als er sagte, die beiden Parteien müßten in einem höheren Gemeinsamen aufgehen.

Der Eröffnungsabend war ein vielversprechender Auftakt zum Einigungswert. Der Parteitag ist auf die Einigungsfrage eingestellt, sie wird ihm das be­herrschende Gepräge geben. Die auswärtigen Dele­gierten griffen alle das Stichwort auf, sie bezeugten es, daß das internationale Proletariat die größten Hoffnungen auf die deutsche Vereinigte Sozialdemo­fratische Partei" setzt.

Die Eröffnungsfißung

Sonntag abend wurde der Parteitag der Sozialdemo­fratischen Partei Deutschlands in Augsburg mit einer Begrüßungssigung eröffnet. Neben den Delegierten füllten viele Tausende von Parteigenossen den Riesen­raum. Der Parteitag wurde durch den Augsburger Abgeordneten Simon mit folgender Ansprache be= grüßt:

Seit langer Zeit tagt der Parteitag wieder einmal in Bayern, zum erstenmal in Augsburg. Augsburg ist geschicht­lich und parteigeschichtlich ein historischer Boden. Am Aus­gang des 18. Jahrhunderts hatten wir bereits die größten Spinnereien in Augsburg. Die steigende Not und das aus­gebeutete Deutschland haben nun bewirkt, daß sich die Ar­beiter zusammenschlossen. Schon 1864 wurde in Augsburg eine Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gegründet. Alsbald hatte dieser Verein 1500 Mitglieder. Er gründete eine Zeitung, und der Stiftsgarten, der mit den Groschen der Arbeiter erbaut wurde, ist heute noch ein Zeichen von der Solidarität und dem Opfermut der da­maligen Arbeiterschaft von Augsburg. Die Kämpfe zwischen Eisenachern und Lassalleanern übertrugen sich damals auch auf die Augsburger Arbeiter. Erst fünf Jahre später waren die Verhältnisse reif genug, um das Pro­Ietariat zu vereinigen. Dann fam das Sozialisten­gefeß, das die mühsam aufgebaute Organisation wieder zer­trümmerte. Der Weltkrieg hat unseren Aufstieg jählings unterbrochen. Nach dem Krieg haben wir bei den Wahlen zur Nationalversammlung in Augsburg eine absolute Mehrheit sozialdemokratischer Stimmen gebracht. Die Zer­splitterung brachte einen Rückschlag, aber wir sind trotzdem in der Mehrheit geblieben. Der Parteitag hat die große historische Mission zu erfüllen, die Einheit der Sozialdemo trate wieder herzustellen. Er wird auch dazu beitragen, damit den letzten Feind der Arbeiterschaft, die Unvernunft der Massen, zu überwinden.( Lebhafter Beifall.) Nunmehr eröffnet

Hermann Müller( Parteivorstand)

den Parteitag mit folgender Rede:

n ernster Zeit beginnt der Parteitag feine Arbeiten. Vier Jahre Weltkrieg und vier Jahre Gewaltfrieden haben gleich verwüstend auf die Geistesverfassung so vieler Völker gewirkt. Das Ende des Krieges brachte nicht das Ende der Not. Das deutsche Volt steht vor einem Winter, wie er drohender für die Maffen und damit auch für den Staat nicht einmal während des Krieges war.( Buftimmung.)- In den Reihen unserer Kriegsgegner ist auch heute noch nicht die Erkenntnis vorhanden, daß der Wiederaufbau Eu­ropas zur Vorausseßung hat, daß ein Sechzig- Millionen­Bolf wie das deutsche leben, arbeiten und kaufen will. Wenn nicht noch in diesem Jahre eine europäische Konferenz die

Reparationslasten auf ein erträgliches Maß herabjekt, und sich ein Weg nach einem internationalen Schuldenausgleich nicht eröffnet, wird es mit Europas Herrlichkeit sehr bald vorbei sein. Der Weltkrieg wurde beendet mit dem Ver= Sprechen für die Aufrichtung eines dauerhaften Friedens in der ganzen Welt. Soll das

eine der größten Lügen der Weltgeschichte bleiben? Das bisherige Verhältnis ist eine schwere Schädi­gung der Demokratie in Europa. An dem vergossenen Blute Erzbergers und Rathenaus find gewiß in erster Linie die deutschnationalen Hezer schuld, die das Morden des Krieges als Brudermord fortießen. In zweiter Linie find am Tode dieser deutschen Republikaner jene verblendeten Entente polititer schuld, die das mit Wunden bedeckte deutsche Volt nicht zur Ruhe kommen lassen. Die deutsche Demokratie hat in den letzten Jahren Uebermenschliches geleistet, um die deutschen Verhältnisse zu konsolidieren. Wenn aber nicht bald mit jedem tödlichen System der politischen Provoka: tionen und der ökonomischen Unterdrückungen gebrochen wird, so wird der Tag der Katastrophe für das schwerleidende deutsche Volf bald hereinbrechen. Dann wird der gewaltige Kräfteaufwand der letzten Jahre nublos vertan sein.

Das Schicksal Desterreichs und Rußlands sollte eine War­nuna sein. Vernunft im Lager unserer früheren Geg­ner und stärkster Wille zur Selbstbeherrschung im Innern können allein Hilfe bringen. Soll dieser Wille im Junern nicht getötet werden, so muß auf das Eristenzminimum der breiten Massen des deutschen Volkes Rücklicht genommen werden. Die Arbeitskraft ist unier foftbarstes Gut. Ihre Gefährduna macht iede Wiederherstellung Deutschlands un­möglich. Heute aber ist das Existenzminimum des werftäti­aen Volkes infolge der Preisentwicklung für alle notwendigen Lebens- und Bedarfsartikel in schwerster Gefahr. Die be fibenden Klassen reden von einer Notgemeinschaft, zu der sich alle Deutschen zusammenschließen müßten. Sie verfündigen fich aber aeaen diefen Gedanken, indem sie nicht mithelfen, um dem Volk eine eiserne Ration an Brot, Kartoffeln, Fleisch und Rucker zu erschwinglichen Preisen zu sichern. Wir haben vom Segen der freien Wirtschaft genug, die für das arbeitende Volt nur züaelloseste Ausbeutung bedenkt. Händler und Produzenten sind ihrer Habgier unersättlich.

Der Reichstagsausschuß hat am gestrigen Sonn­abend mit den Stimmen aller bürgerlichen Parteien seine Zustimmung dazu gegeben, daß für das erste Drittel des Umlagegetreides der Preis um das Vierfache erhöht wird. Wir haben gegen die Durchführung dieses Beschlusses, dem jede gesetzliche Grundlage fehlt, in einem Telegramm an den

Reichskanzler Beschwerde eingelegt und erklärt, daß, wenn

das Kabinett dem zustimmen sollte,

wir die Verantwortung ablehnen

für alles das, was in diesem Winter tommt.( Bustimmung.) Welche Brotpreise sollen denn die Folge solcher Getreide­preise sein? Unsere Agrarier scheinen zu glauben, daß in Deutschland 20 Millionen Deutsche zu viel leben. Für die Armen und Kinder würde die Durchführung dieses Be­schlusses den Hungertod bedeuten. Die Freiheit, die die Ka­pitalisten meinen, ist nichts als die Zwangswirtschaft der Kartelle, die das Volk je nach dem Stande des Dollars aus­Geuten. Diese Patentpratioten machen ihre Geschäfte nur in Dollars und englischen Pfunden und machen dadurch die deutsche Mark zu einem Papierfeben. Hier einzugreifen, ist dringendste Pflicht des Staates und höchste Zeit. mung.) Gerade diese Ereianiffe zeigen uns, daß

der Klassenkampf nach wie vor

( Zustim

Gesteht. Wir denken nicht daran, den Klassenkampf aufzus geben. Die Arbeiter haben die deutsche Republik gegründet und werden dafür sorgen, daß sie keine Geldiacrepublik wird.

Auf bayerischem Boden der Kampf der banerischen Mez aktion gegen das Reich, während Poincaré das Reich be= drohte, war ein unerhörter Skandal.( Stürmische Aurufe.) Wir werden die bayerischen Arbeiter im Kampf gegen diese Reaktion nach Kräften unterstüben. Wir sind in Deutsch­land vom Einheitsitaate noch weit entfernt, wenn ein Trei­ben, wie das der banerischen Reaktion, überhaupt möglich ist.( Sehr wahr!) Die deutschen Arbeiter haben lange jede fremde Bedrückuna abgelehnt, aber ebenso scharf wenden fie sich gegen jeden Partikularismus. Wir find uns des Kampfes gegen die Reaktion mehr bewußt als bisher. Wir, die wir das Glück haben,

das Ende des Bruderkrieges

unter Soziliften zu erleben, wir haben inzwischen mit dem­selben Eifer wie unsere großen Vorkämpfer für unsere Ideen weiter zu werben und zu wirken. Beide sozialistischen Parteien wurden zusammengeführt im Kampfe zum Schutze der Republik. Ihre Spaltung, die der festigung der Repu­blik sehr zum Schaden gereichte, wird für immer der Ge­schichte angehören. In der Berantwortung für das Geschick der vom inneren Feind bedrohten Republik gehen beide Par­teien in ihrer höheren Einheit auf. Wir sind uns der Schwere der uns barrenden Aufgaben voll bewußt. Auch ver­einigt werden wir morgen noch nicht den Himme stürmen. Die Wiedervereinigung der beiden sozialdemokratischen Pars

teien muß unsere Werbetraft verzehufachen. Die in den Zeiten des Bruderfampses gleichgültig gewordenen müssen wieder herangeholt werden. Die deutsche Arbeiterklasse kann fich, wenn sie nicht wie Sie Russen verelenden soll, den Zurus der gegenseitigen Bekämpfung nicht mehr leisten. Wenn wir auf dem Boden der Wirklichkeit sicher vorwärtsschreiten, fo werden wir vici eher ans Biel fommen, als jene wilden Stürmer, die sich im Wesel der Phrasen verlaufen. Wir sind von ganzem Herzen zur Einigung bereit und der gleiche Wille wird unsere Bruderpartei in Gera beseelen. Wir stehen am Ende eines Abschnitts der sozialdemokratischen Gea schichte Deutschlands, der sehr viel bittere Tage enthielt. Aber trob aller Stürme der Reit sind wir die Massenpartei des deutschen Proletariats geblieben, von der die Geschichte in einem neuen Abschnitt neue Taten verlangt. Im Auftrage des Parteivorstandes eröffne ich hiermit den Parteitag. Möge er rasche und gute Arbeit leisten, und dann auf nach Nürnberg, auf zum Zusammenschluß der sozialdemokratischen Parteien Deutschlands!( Stürmischer, langanhaltender Beifall.)

Nach der Rede des Genossen Hermann Müller schreitet der Parteitag zur Konstituierung des Bureaus. Zu Vor­fizenden werden gewählt: Wels- Berlin und Simon- Aitgsa burg, zu Schriftführern: Panzer- Bayreuth, Schaffner- Han­nover, Frau Todenhagen- Berlin, Fintenhock- Elberfeld, Kircha ner- Altona, Riedmüller- Köln, Siebold- Leipzig, Düring- Ulm, Hertwig- Neiße. Für die Mandatsprüfungskommission wer­den gewählt: Händler- Dortmund, Diez- Plauen, Lehmann­Frankfurt a. M., Kanjer- Bandsberg a. d. W., Frau Bollmann Halberstadt, Rahn- Singen, Buchwig- Görlig. Ries- Jena und Frau Babe- Hamburg.

Zur Tagesordnung schlägt Wels namens des Parteivorstandes vor, bei Punkt 1 die Behandlung der Frage Internationale und Einigung des Proletariat 3" abzutrennen und als beson= deren Punkt Mitte der nächsten Woche zu verhandeln, also zu einem Zeitpunkt, an dem auch auf dem Una5­hängigen Parteitag in Gera die Einigungsfrage be­handelt wird. Der Parteitag stimmte diesem Antrage zu. Der von Hamburg und einer Reihe anderer Orte gestellte Antrag, die Frage der Neugliederung des Reiches auf die Tagesordnung zu setzen, wird abgc­lehnt, nachdem Wels vorgeschlagen hat, diese Frage in Ruhe auf einem späteren Parteitag der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei zu behandeln. Ebenfalls abgelehnt wird der Antrag, die Frage der Bekämp­fung der Wohnungsnot erneut vor dem Parteitag zu verhandeln. Ueber die Wohnungsnot und ihre Be­fämpfung ist bereits vor zwei Jahren ausführlich verhandelt worden.

Nachdem nun die Tagesordnung des Parteitages festgestellt worden ist, begrüßt Wels die zahlreich er schienenen Vertreter der ausländischen Brudenparteien. Hieran schließen sich die Be grüßungsansprache it der Ausländer. Unter lebhaftem Beifall sprechen Stauning- Däne­mart, Davis- England, Moeller- Schweden und Rosbroed Belgien sowie Aster- Prag.

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Stadtratswahlen in Braunschweig

Braunschweig, 17. September. Bei den heutigen allge­meinen Wahlen der unbesoldeten Mitglieder des Rates der Stadt erhielten die Liste der sozialdemokratischen Partei 5588, die Liste der Unabhängigen 14 508, die Liste der Kom munistischen Partei 4823, die wirtschaftliche Einheitsliste 22 006 und die Liste der Deutsch- demokraitschen Partei 3215 Stimmen. Die Zahl der Wahlberechtigten betrug 98 148.

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In Braunschweig zeigte sich, ebenso wie bei den kürzlichen Gemeinderatswahlen in Thüringen, eine große Wahlmüdig­keit in den Kreisen der Arbeiterschaft. Nur 50 Prozent der Wahlberechtigten sind zur Urne geschritten, und namentlich waren es die Arbeiter, die von ihrem Wahlrecht keinen Ge­braucht machten. Den Nutzen davon hatten die Bürgerlichen, die in Braunschweig eine riesige Agitation entfaltet hatten und dank dieser Agitation ihre Anhänger ziemlich restlos auf die Beine brachten.

Eine Wahl im Elsaß

Varis, 18. September. Nach einer Meldung des Jour nal" aus Straßburg haben die Wahlen zum General. rat in Niederbronn folgendes Ergebnis gehabt: der tommunistische Kandidat erhielt 1450, der Kandidat des Na tionalen Blocks 1403, der Radikalsozialist 427, die Elsässische Partei( 3orn von Bulach) 301 und der Sozialist 42 Stimmen Es findet Stichwahl statt.