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Montag, den 25. September 1922

5. Jahrg. Nummer 343

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greiheis

Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands Auf Sozialisten, schließt die Reihen!

Die historische Stunde

Eigenbericht der Freiheit"

Nürnberg, 24. September.

Was Augsburg und Gera begonnen, das hat heute Nürnberg vollendet. Mit der einstimmigen Annahme des Aktionsprogramms ist die von Millionen Arbei­tern, Angestellten und Beamten in Deutschland und der ganzen Welt so heiß ersehnte Einigung der beiden sozialdemokratischen Parteien endgültig vollendet.

Wer das Glück hatte, der Nürnberger Tagung bei­wohnen zu können, wird an die kurze, aber eindrucks­volle Tagung sein ganzes Leben zurückdenken. So froh der Augenblick der endlichen Wiedervereinigung der beiden Parteien alle Teilnehmer stimmte, so tief war die innere Ergriffenheit, die die endliche Ueberwindung der Spaltung hervorrief. Alle trennenden Schranken waren gefallen. Aeußer­lich dokumentierte sich das durch die Tatsache, daß bis­herige Unabhängige und Mehrheitssozialisten nicht getrennt, sondern vereint saßen, innerlich durch die Harmonie, die durch alle Reden hindurchleuchtet.

Als der bewundernswert rüstige achtzigjährige Veteran Pfannkuch mit Wilhelm Bock, dem Präfi­denten des Einigungskongresses im Jahre 1875, den Altersvorsiz übernahm und an ihn brüderliche Grüße richtete, da erkannte man die Größe der histori­schen Stunde. War der Gothaer Einigungskongreß dic Voraussetzung für die Niederringung des Sozialisten­Gesezes, jener schwersten Verfolgungsperiode der sozialistischen Bewegung, so ist auch die jetzige Eini­gung die Voraussetzung und das Mittel, die deutsche Arbeiterklasse zum Siege zu führen. Daß wir uns dabei vor schweren Aufgaben befinden, betonten alle Redner, Dittmann in seiner furzen Begrüßungs­rede ebenso wie Herrmann Müller in seiner knap­pen, präzisen Analyse der jetzigen politischen Situation. Mit dem warmen Bekennntis zum Sozialismus ver­band er die Versicherung, daß in der vereinigten Bar­tet die Meinungsfreiheit gewahrt bleiben solle. Crispien feierte zunächst die großen Einiger des Proletariats: Jaurés, Viftor Adler und Bebel, tenn­zeichnete die Abhängigkeit des Schicksals Deutschlands vom Schicksal der Welt und äußerte die Hoffnung, daß der Einigung des deutschen Proletariats die des internationalen Proletariats bald folgen

werde.

Den Ansprachen der beiden Redner folgten die An­sprache der Vertreterin der Frauen, der Genossin Juchacz, und des Vertreters der Gewerkschaften, des Genossen Brandes. Seine Rede, ebenso wie die von Wels, die der Abstimmung über Aktionspro­gramm, Organisationsgrundlagen sowie der Wahl zur Parteileitung vorausging, war eine Aufforderung und zugleich ein Bekenntnis zum Willen, die aus der Eini­gung sich ergebenden Kräfte auszunuzen.

Die Annahme des Aktionsprogramm 3, die die formelle Einigung herstellte, wurde von dem sich spontan erhebenden Parteitag durch minutenlanges Händeklatschen stürmisch begrüßt. Als Wels sodann bekanntgab, daß Genoffe Karl Kautsky den Vorsitz Der Programmkommission übernehmen solle, brach der Parteitag erneut als Ehrung für den greifen und un­ermüdlichen Vorkämpfer des Sozialismus und beson­ders der Einigung in stürmische Huldigungen für ihn

aus.

Was die Herstellung der Einigung in Deutschland für das internationale Proletariat bedeutet, das jagten die Ansprachen des Genossen Amon( England) und des Genossen Compère- Morel( Frankreich). Symbolisch deuteten sie an, was später auch von Wels in der Schlußansprache treffend hervorgehoben wurde, daß die Welt sich scheidet in Klassen, und nicht in

Nationen.

Vor dieser Schlußrede von Wels erfolgte die Verlesung des von dem Parteitag an das arbeitende Bolt Deutschlands gerichteten Manifest e 3. Es fand ob seiner zündenden Sprache und glücklichen Formu­Tierung die begeisterte Aufnahme des Parteitages, dessen Verhandlungen durch den Gesang des Sozialisten- Marsches gegen 12 Uhr beendet wurden.

Sizungsbericht

Der Parteitag wurde um 9% Uhr eröffnet.

Fischer- Nürnberg begrüßte die Delegierten im Namen der beiden Parteiorganisationen Nürnbergs. Dann über­nahmen die Alterspräsidenten Wilhelm Pfannkuch und Wilhelm Bock- Gotha den Vorsiz.

Wilhelm Pfannkuch: Der Kampf der lebten fünf Jahre war fein angenehmer, aber wir haben dabei in beiden Lagern, getragen von der kulturhistorischen Mission, die wir zu er= füllen haben, nie das zuläffiae Maß des parlamentarischen Anitands verloren. Auf beiden Seiten waren Männer, denen das Herz geblutet hat bei dem Bruderkampf. Es ist der schönste Tag der Erinnerung meines Lebens, daß ich heute

hier als Alterspräsident berufen wurde. Unsere heutige Tagung ist getragen von dem Gedanken, daß unsere Organisation die Einheit der sozialdemokratischen Arbeiterschaft beschließen muß, die die alleinige Garantie bietet, daß die Arbeiterklasse ihre geschichtliche Aufgabe erfüllen kann.( Lebhafter Beifall!)

Wilhelm Bock: Bald nach Beginn der deutschen Arbeiter= bewegung hat sich die Bewegung gespalten in die der Lasal­leaner und die der Eisenacher. Beide Richtungen bekämpften fich mit einer Leidenschaftlichkeit, die durch nichts überboten werden konnte. In diesem Abschnitt der Geschichte der deut­schen Arbeiterbewegung finden wir eine Parallele zwischen den Ereignissen, die wir jetzt erleben. Damals hat die preu­ßische Reaktion unter Bismarck und Puttkammer beide Richtungen auf das schärfste bekämpft. Diese Tatsache hat

Das Manifest von Nürnberg

Ans Anlaß der Wiedervereinigung der beiden Sozialdemokratischen Parteien in Nürnberg richtet die geeinte Partei folgendes Manifest an die Arbeiterschaft:

Arbeitendes Volk! Männer und Frauen!

Das Werk der Einigung der Sozialdemokratischen Parteien ist vollbracht. In gemeinsamer Tagung haben die Sozialdemokratische und die Unabhängige Sozialdemokratische Partei ihren Zusammenschluß in Nürnberg vollzogen. Durch die Massen ihrer Anhänger geht die tiefe freudige Bewegung: ein Ziel ihrer Sehns sucht ist erreicht. Aber auch die Draußenstehenden horchen auf. Sie fühlen, daß hier eine Tat geschehen ist, die für das Schicksal des Volkes und jedes einzelnen in ihm unabsehbare Bedeutung gewinnen kann.

Die sozialdemokratische Bewegung ist eine der gewaltigsten, die die Welt jemals gesehen hat. Wieder vereint, wird sie verstärkte Kräfte entfalten. Von der Industriearbeiterschaft ausgehend, die zuerst die Bedeutung des sozialistischen Gedankens erkannte, hat sie immer weitere Schichten des schaffenden Volfes crgriffen, sie hat große Teile des Landvolkes, der Angestellten, der Beamten unter ihren Fahnen gesammelt. Nur von seitenen, bald wieder wettgemachten Rückschlägen unterbrochen, zeigt die Linie ihrer Entwicklung steten Aufstieg. So stellt sie eine Erscheinung dar, die zur Parteinahme zwingt. Man kann ihr als Freund oder als Feind niemals gleichgültig gegenüberstehen.

Weite Kreise der körperlich und geistig Arbeitenden, fast die Hälfte der Bevölkerung, haben durch die Abgabe ihrer Stimme bei den Wahlen gezeigt, daß fie auf die Sozialdemokratie ihre Hoffnung feßen. Aber viele von ihnen hat bisher eine gewisse Schen, eine gewiffe Bequemlichkeit, ein bedanerlicher Mangel an Opfermut davon abgehalten, sich der Bewegung offen anzuschließen. An sie richtet sich jetzt unser Ruf, ganze Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen zu werden und ungefäumt ihren Eintritt in die vereinigte Partei zu vollziehen.

Die Partei bedarf aller Kräfte, denn ein ungeheures Werk ist es, das ihrer harrt.

Die junge Deutsche Republik kämpft schwer gegen innere und äußere Gegner. Gewaltstöße der monarchistischen Reaktion erschüttern ihre Grundlagen. Der Krieg und seine Folge, der Frieden von Ver­failles, hat sie zum Schuldknecht der Welt gemacht. Die ungeheure Not der arbeitenden Massen dient der schrankenlosen Bereicherung Weniger und fördert den Aufstieg einer Kapitalsherrschaft, die das öffentliche Leben forrumpiert und sich den Staat zu unterwerfen anschickt.

Was will dagegen die Vereinigte Sozialdemokratische Partei? Sie will Schuh und Feftigung der Deutschen Republik. Sie will, daß das deutsche Volk bewußt und freudig bis zur Grenze feiner Leistungsfähigkeit teilnimmt an dem Wiederansbander Welt, daß ihm aber auch das gleiche Recht teil werde wie jedem anderen, und daß ein Ende gemacht werde mit einer Politik böswilliger Ueber= belastung und zerstörender Gewaltmaßregeln.

Sie will wirksamen Kampf gegen die schamlose Auswucherung des Volkes. Sie will eine vernünftige wirtschaftliche Ordnung, deren Zeitstern das Gemeinwohl und das Recht jedes arbeitenden Menschen ist, ein menschenwürdiges Tafein zu führen. Darum verteidigt sie den Acht stunden= tag, tämpft fie für den Schutz der Arbeiterschaft, arbeitet sie Hand in Hand mit der modernen Ges werkschafts- und Genossenschaftsbewegung. Darum erstrebt sie letzten Endes eine neue, von kapita= istifer Ausbeutung freie Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die allen ihren Anteil am Genuß aller Kulturgüter gewährleistet. In diesem Sinn führt sie ihren lassenkampf, nicht um eine neue Klassenherrschaft aufzurichten, sondern um jede zu zerstören und damit dem schaffenden Volk seine Freiheit zu geben.

In Kampf und Ziel fühlt sie sich einig und solidarisch verbunden mit der sozialistischen Arbeiterbewegung der Welt. Die Einigung in Deutschland ist uns Unterpfand und sichere Verheißung der Einigung in der wiedererstehenden sozialistischen Internationale.

Die Vereinigte Sozialdemokratische Partei Deutschlands weiß, daß ihr Weg weit und ihr Werk schwer ift. Sie weiß, daß sie zu seiner Vollendung der werktätigen Anteilnahme, der geistigen Mitarbeit und der materiel­len Hilfe aller bedarf, die sich von den Vorurteilen der Vergangenheit losgerissen haben und bereit sind, auf neuen Wegen neuen Menschheitszielen entgegenzustreben.

Arbeitendes Volt! Männer und Frauen! Alle, die Ihr in geistiger und körperlicher Arbeit

Werte schafft, alle, die Ihr leidet unter dem Drud der Not, erkennt, daß Euch nicht geholfen wird, wenn Ihr Euch nicht selbst helft! Selbsthilfe des arbeitenden Voltes aber, das heißt: Eintritt in die Vereinigte Sozialdemokratische Partei, restlose Arbeit mit ihr und in ihr!

Der Millionenschar unserer alten Genossen und Freunde aber, die in den bitteren Jahren des Bruders zwistes auf der einen oder auf der anderen Seite tapfer ausgehalten haben, rufen wir an dem Tag, der uns die einige deutsche Sozialdemokratie wiedergegeben hat, zn: In der Einigkeit liegt die Kraft! Haltet dem Ganzen die Trene, wie Ihr sie den einzelnen Teilen gehalten habt! Seid brüderlich im Rat, einig in der Tat, duldet keine Zersplitterung! Werbt und wirkt mit verdoppelter Kraft für unsere gemeinsame große Sache! Es lebe die Vereinigte Sozialdemokratische Partei Deutschlands!