Frauenstimme
Nr. 7+ 41.Jahrgang
Beilage zum Vorwärts
3. April 1924
Praktische Wahlarbeit.
Bon jeder Vorwärts"-Leferin ist anzunehmen, daß sie in der| Flugblätter, wie die besondere Zeitung der Frauen,„ Die Wählerin", Bahlzeit darüber nachdenkt, wie sie der Sozialdemokratischen Partei im Wahlkampf helfen, d. h. wie sie Wählerinnen für sie gewinnen fann.
Erster Grundsah muß sein, felbft fattelfest zu werden, um in der Kleinagitation und im Verkehr mit Geschlechtsgenossinnen freundlich und sicher auf Einwürfe erwidern zu können. Deshalb: Besuch aller Wählerversammlungen und täglich den Beibartikel und die politischen Nachrichten lesen, darüber nach denben, mit dem Mann und Freunden über Einzelheiten sprechen. Bor allem: Besuch der Frauenabende. Dort werden folche Fragen durchgesprochen, die die Frauen besonders bewegen, 8. B. Erziehungs- und Schulfragen, Berufswahl für Knaben und Mädchen, Gesundheitspflege, Säuglings- und Kleinkinderschuh, das Fürsorgewesen u. a., aber alles in einer Form, die die Verbindung zwischen dem Leben der einzelnen und der Gesamtheit beleuchtet und die Einwirkung der Politik auf das Leben der Frauen und Mütter widerspiegelt.
Geht jedoch nicht allein in die Frauenabende. Nehmt die Nachbarin, die Schwester, die Kollegin, bie erwachsene Tochter mit. Benüßt die Wahlzeit, um recht vielen Frauen die Jbeen des Sozialismus näher zu bringen. Wollen wir siegen, müssen wir
arbeiten!
verbreitet werden soll. Sollen die dort gefaßten Beschlüsse Wirk lichkeit werden, will jebe Genoffin der Sozialdemokratie den Wahlsieg sichern helfen, werden Laufende von willigen Händen gebraucht, um diese Arbeiten zu bewältigen.
Vor den Warenhäusern und Fabrittoren müssen wir stehen und arbeiten. Aber das nicht allein. Nehmen wir uns ein Beispiel an den englischen Genofsinnen, die die hauptsächlichste Wahlarbeit in der Agitation von Tür zu Tür betrieben haben. Sie haben nicht nur die Zeitungen, Flugblätter und Wahlbroschüren durch den Spalt gesteckt, sondern es sich zur Aufgabe gemacht, die Frauen einzeln zu sprechen Sie haben sie nach Abgabe des Flugblattes noch einmal besucht und gesprochen und haben zu den dort üblichen Straßenversammlungen sämtliche Frauen der Umgebung persönlich aufgesucht und eingeladen. Die englischen Genossinnen haben es sich zur Pflicht gemacht, während der Wahlzeit stets die Farben der Arbeiterpartei zu tragen, um so auch öffentlich zu befunden, wofür sie werben.
Sorgen wir dafür, daß Frauen der Arbeiterklasse die Proletarischen Feierstunden( an jedem Sonntag zwischen 3 und 5 Uhr) besuchen, damit sie fennen lernen, wieviel Schönes, Er hebendes im Sozialismus stedt. Sorgen wir Frauen dafür, daß möglichst viele unserer Geschlechtsgenossinnen die Arbeit der Kindergruppen und Arbeiterjugend fennen lernen, aber auch die praktische soziale Arbeit, die in Berlin von vielen Hunderten von Genoffinnen täglich für die Allgemeinheit geleistet wird.
In den Frauenabenden wird auch besprochen, wie wir uns an ben einzelnen Wahlarbeiten beteiligen fönnen. Zum Beispiel bilden die Berliner Genoffinnen einen besonderen Wahlausschuß für das ganze Groß- Berliner Gebiet. Die Abteilungsleiterinnen tum in ihrer Abteilung das gleiche. Dort wird besprochen, wie die| sein!
Genoffinnen, Hände und köpfe regen, der Erfolg muß unfer
Die Wählerversammlung und die Frauen. bürgerliche Gut, bas fie zu vergeben hat, ihre Stimme, geben will
Muß die Frau in die Wählerversammlung gehen? Eind nicht taufend Arbeiten' m Hause und besonders jetzt im Früh jahr auf dem Baubengrundstüd zu erledigen, die wichtiger find? Darf sich da die Frau überhaupt die Zeit nehmen, die Hände in den Schoß zu legen und ein paar Stunden lang den Worten eines Redners zu lauschen? Vernachlässigt sie dadurch nicht die Ernährung, die Kleidung ihrer Kinder, die Ordnung ihrer Wohnung?
Um diese Fragen zu beantworten, gilt es zunächst die eine größere zu beantworten:
Was ist das Wahlrecht?
Das Wahlrecht ist das höchste Recht der Volksgemeinschaft, gegeben dem einzelnen Staatsbürger, um über sich und fein Schicksal selbst zu bestimmen; das Wahlrecht ist die höchste Pflicht für den einzelnen Staatsbürger, ernsthaft zu prüfen, welche Parteirichtung fein Wohl und das Wohl seiner Mitmenschen am besten wahrnimmt, und dadurch bedeutet das Wahlrecht die größte fedem Staatsbürger auferlegte Verantwortung!
Dieses Wahlrecht hat die Frau seit 1918. Borher zählte sie zu den Kindern, den Unmündigen, denen man dieses Recht absprach. In Deutschlands schwerster Zelt ist ihr dieses Recht endlich geworden, ist diese Verantwortung auf ihre Schultern gelegt. Mehr als je hängt in der heutigen schwierigen Zeit ab von einer Wahl.
So wichtig die Sorge der Mutter für die Ernährung, für die Erziehung ihres Kindes ist, so groß der Unterschied zwischen der guten, sorgsamen und der gleichgültigen Mutter: letzten Endes fann die Frau ihren Kindern nur das geben, was der Staat, die Bolks gemeinschaft zu geben sie in den Stand setzt. Deshalb ist das Erste und Wichtigste, die höchste Körperschaft zu bestimmen, in deren Hand die Macht liegt, über das Schicksal von Millionen Männern, Frauen und Kindern, über die Arbeitsbedingungen der die Werte schaffenden Männer und Frauen zu entscheiden!
Da muß die Frau ernsthaft prüfen, wem sie das höchste staatsSie darf nicht meinen, auf diese ihre Stimme täme es nicht an; fie darf sich aber auch nicht gleichgültig und müde vom Mann, vom Bater oder gar vom Arbeitgeber zur Wah! urne führen lassen! Sie felbft muß in sich die Berantwortung fühlen; denn weil wir Frauen die Mehrheit der deutschen Wähler bilden, darum ist unsere Verantwortung doppelt groß!
Deshalb hinein in die Wählerversammlungen, Ihr Frauen! Zeigt, daß Ihr Euch Eurer Verantwortung bewußt seid! Zeigt, daß jene im Unrecht sind, die es für einen Fehler halten, daß Ihr das Wahlrecht erhalten habf!
Zeigt, daß die Zeit Eurer Unmündigkeit vorbei ist und Ihr Schulter an Schulter mit dem Manne entscheiden wollt über Euer und Eurer Kinder Schicksal! Luise Schröder.
Die Frauen in der Gesellschaft.
Die sozialistische Gesellschaftsordnung bildet sich nicht, um prole. tarisch zu leben, sondern um die proletarische Lebensweise der großen Mehrzahl der Menschen abzuschaffen.
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Es handelt sich darum, die sozialen Zustände in der Weise zu gestalten, daß jeder Mensch die Möglichkeit zur vollen, ungehinderten Entwicklung seines Wesens erhält. Bebel , Die Frau und der Sozialismus."
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Es gibt keine Befreiung der Menschheit ohne die soziale Unabhängigkeit und Gleichstellung der Geschlechter. Bebel.
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Auch der genialste Mann wurde von einer Mutter geboren, der er oft das beste, was er besitzt, verdankt. Mit welchem Rechte will man also der Frau die Gleichberechtigung mit dem Manne ver. sagen?
Bebel.