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Frauenstimme

Nr. 22+ 41.Jahrgang

Beilage zum Vorwärts

30. Oktober 1924

Die Lady und ihre Schwestern".

Ein viel gelesenes Berliner Blatt hielt es fürzlich für nötig, die Frage aufzuwerfen, ob die Frau glücklicher als der Mann fei, und bezog sich dabei auf die Aeußerung einer Engländerin, irgendeiner smarten jungen Lady, deren Name für uns vollkommen gleichgültig ist. Die Lady in London , die im Namen vieler Schwestern zu sprechen glaubt", saßte ihre Ansicht über die Stellung der Frau im allgemeinen u. a. in folgende Worte:

Ich würde mir niemals wünschen ein Mann zu sein. Die Frauen sind die verzogenen Lieblinge des Universums. Wie dumm wäre es, wenn wir Frauen ein Los aufgeben wollten, in dem wir die Umworbenen, die Gefeierten, die Beschützten sind. Wie langweilig ein Dasein, in dem

man nicht von den bewundern den Augen der Männerwelt verfolgt wird! Wie traurig, wenn wir auf all unsere schönen Toiletten ver. zichten müßten, wenn wir den ganzen Tag dasselbe Aussehen be hielten So aber fönnen wir uns durch etwas Puder, etwas Schminte fiets Abwechs lung verschaffen, erscheinen immer in neuen Gestalten und unter neuen Formen. Wir tönnen reiten und Sport treiben, fliegen, rauchen, flirten, und doch ist man stets nach fichtig gegen uns, weil wir Frauen find."

Was aber nicht mehr verständlich ist, das ist die Tatsache, daß das Berliner Blatt es wagen kann, sich mit der Ansicht der Lady durch Abdruck ihrer Aeußerung zu identifizieren. Denn der Leser­freis dieses Blattes ist nicht etwa die sogenannte Gesellschaft", sondern, es muß leider gesagt werden, ein noch immer großer Teil der Berliner arbeitenden Bevölkerung.

Wie muß den Frauen der kleinen Beamten und Angestellten, der kleinen Gewerbetreibenden und dieses gewissen Teiles der Arbeiterschaft zumute fein, wenn sie eine derartige Abhandlung über die Stellung der" Frau lesen? Steigt ihnen nicht die Zornesröbe ins Gesicht, empört sich denn nicht ihr Innerfbes gegen soviel

Nichts unzeitig!

Nichts unzeitig! Nichts gewaltsam! Unablässig unaufhaltsam, Allgewaltig naht die Zeit. Torenwerk, ihr wilden Knaben, An dem Baum der Zeit zu rütteln, Seine Laft ihm abzustreifen, Wenn er erst mit Blüten prangt! Laßt ihn seine Früchte reifen Und den Wind die Beste schütteln! Selber bringt er euch die Gaben, Die ihr ungestüm verlangt.

Man tann ja schließlich der Lady, die im Namen vieler Schwestern" spricht, ihr wohliges Behagen und die Zufriedenheit mit ihrem eigenen Lose nicht ver denten. Sie repräsentiert eben in reinster Form den Typ des Lurusweibchens, der genau so wie in London , in Berlin und überall auf der Welt anzutreffen ist und den der ermordete Walter Rathenau in seinem Buche Bon kommenden Dingen" sehr richtig als eine der unerquicklichsten Erscheinungen unserer Zivilisation" bezeich­net hat. Diese Frauen leben nur, um zu genießen. Sie vergeuden sinnlos, was ihre Männer oder Bäter als Vertreter des Kapitals an der Arbeit anderer verdienen. Ihr ganzes Sein dreht sich nur um die Pflege ihres Körpers und die Befriedigung ihrer verschiedenen Gelüfte. Weiter reicht ihr geiftiger Horizont nicht. Sie wissen nichts von dem Rampfe ums tägliche Brot, den tausende und aber tausende Frauen für sich und ihre Kinder führen müssen. Sie ahnen nichts von den sorgenerfüllten Tagen und Nächten der Witwen, der Frauen der Erwerbslosen, der abgebauten Frauenfräfte in Bureau, Werkstatt und Amt. Sie haben teinen Schimmer von der schweren Doppel­belastung der erwerbstätigen Ehefrau und Mutter, die nach acht­bis neunstündiger beruflicher Arbeitszeit erft ihre eigentliche Arbeit im Hause antrist. Sie haben nie etwas gehört von der unerhörten Tragödie der unehelichen Mutterschaft mit all ihrem wirtschaftlichen und feelischen Elend. Sie haben keine Borstellung, wie in Millionen ihrer Schwestern" der Kampf ums nadte Leben in jungen Jahren schon jeden Funten Lebensfreude erstickt. Ihrer Meinung nach find die Frauen eben durchweg die verzoge nen Lieblinge des Universiums", die Gefeierten, die Beschüßten. So weit wäre die naive Anschauung der Lady und ihrer Artgenossen mit dem nötigen Kommentar immerhin noch verständlich.

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Adalbert v. Chamisso.

offensichtliche Verhöh­nung und Verkennung des Frauenlebens?. Sie, die mit dem schmalen Einkommen des Mannes aufs sorgfältigste rechnen und haushalten müssen, die sich die Anschaffung eines einzigen Klei. des hundertmal überlegen, die jahrelang ein- und denselben Hut tragen, die für Körperpflege viel. leicht niemals auch nur eine Mart übrig haben, an Sport und Er­holung überhaupt nicht denken tönnen und stets das Wohl der Familie ihrem eigenen voran­stellen, sie werden einfach mit dem Maß dieser dekadenten Ge­nießerinnen, dieser menschlichen Drohnen gemessen?!

Müssen nicht all denen, die es bisher noch nicht begriffen hatten, endlich die Augen auf­gehen, daß es die von jener Seite zu gewissen Zeiten gern propa­gierte Einigkeit aller Frauen" einfach nicht gibt, ebensowenig wie eine Einigkeit zwischen Kapitalist und Arbeiter? Muß nicht allen Frauen an Hand dieses einen Beispiels der Begriff des Klassen empfindens flar werden? Ein deutlicheres Bild fann es eigentlich gar nicht geben, auch der bisher indifferenten Frau die Notwendigkeit des Klassen. tampfes aufzuzeigen: Auf der einen Seite die Lady und ihre

Schwestern", denen das Deben traurig und wertlos erscheint, wenn fie den ganzen Tag dasselbe Aussehen behalten", auf Buder und Schminte, auf glänzende Toiletten und die bewundernden Augen der Männerwelt verzichten müßten, auf der anderen Seite die aber­tausend arbeitenben, rechnenden, sorgenden Frauen bis hinab zu denjenigen, denen ihr Weibtum taum etwas anderes als Qual, Leid und Behinderung bedeutet.

Wir Sozialistinnen wollen den Frauen, die sich dann endlich aus der bisherigen Gleichgültigkeit gelöst haben, den richtigen Weg zeigen: Beseitigung der heutigen Wirtschaftsordnung, die folche Un gerechtigkeiten schafft, Beseitigung der Herrschaft einer einzigen über­mütigen Klasse, Schaffung einer neuen, vernunftgemäßen Gesell­schaftsordnung durch den sozialistischen Befreiungstamps!

Wir wollen uns nicht den Kopf dorüber zerbrechen, ob die Frau glücklicher ist als der Mann. Wir wollen uns fragen: Wie wer. den die Unterbrüdten glücklich, alle, Mann und Frau?" Und dazu wollen wir ein jeder nach Kräften helfen, auch wir Frauen, und gerade wir Frauen!

Elli Radtke Warmuth.

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