Frauenstimme

Nr. 2+ 42.Jahrgang

Beilage zum Vorwärts

22. Januar 1925

Frauen und Bürgerblock.

Großer Wahlfieg der Sozialdemokratie und trotzdem heute Bürgerblod? Wie unverständlich erscheint das zu nächst. Dreiviertel Jahre haben die Deutschnationalen um den Bürgerblod gerungen. Mit der Parole des Bürgerblocks haben sie ihren Wahlsieg vom 4. Mai erstritten. Mit der Barole des Bürgerblocs haben sie auch am 7. Dezember noch Stimmen gewonnen. Mit der Parole des Bürgerblocks haben sie aber nicht nur Wählerstimmen, sondern auch eine bürger­liche Partei nach der anderen gewonnen.

Kaum drei Monate sind vergangen, seit die Demokraten und das Zentrum es lieber zur Reichstagsauflösung tommen ließen als zum Bürgerblock gegen die deutsche Arbeiterschaft. Die Wähler haben gesprochen. Sozialdemokraten, Demo­fraten und Zentrum gingen gestärkt aus dem Wahlkampf hervor. Ihre Stimmen genügten aber zur Bildung einer dauernden, arbeitsfähigen Regierung nicht. Hätten die Kom­munisten sich zur Unterstützung einer solchen Regierung bereit gefunden, dann könnten wir heute in Deutschland eine Lintsregierung haben. Daran war aber nicht zu denken. Zur Bildung einer Minderheitsregierung fehlte dem Zentrum die Tatkraft und die Klarheit der politischen Rich tung. Sein rechter Flügel setzte die Unterstützung des Bürger blocks durch. Heute sigt der Zentrumsminister Brauns neben den reaktionärsten Deutschnationalen in einer Regie­rung, die sich unverhohlen gegen die Arbeiterschaft wendet.

Nur wer diese Erklärung zusammenhält mit den politischen Zielen der Deutschnationalen, die in der Regierung den aus schlaggebenden Einfluß haben, der wird zwischen den Zeilen zu lesen verstehen.

Steigerung der landwirtschaftlichen Er­geugung heißt( aus dem deutschnationalen überseßt): Lebensmittelzölle, die den Arbeitern Brot, Fleisch und Kartoffeln verteuern und den Agrariern die Beutel füllen. Das augenblickliche Arbeitszeitgesez wird als ein Notrecht betrachtet, das heißt( aus dem deutschnationalen übersetzt): Wir denken nicht daran, das Washingtoner Ab­fommen zur internationalen Durchführung des Achtſtunden tages zu unterzeichnen, trotzdem unser Arbeitsminister Brauns bie Unterzeichnung versprochen hat. Damals war er zwar auch schon Arbeitsminister, aber nicht in einem Bürgerblock. Die Arbeiter und Arbeiterinnen mögen ruhig neun und zehn Stunden schaffen. Den Frauen bleibt ja dann am Abend und während der Nacht noch genug Zeit, um Haushalt und Wäsche in Ordnung zu bringen und die Kinder zu pflegen und zu erziehen. Die Wohnungszwangsmitte schaft soll abgebaut werden, damit die Herren Hausbesitzer wieder mehr Miete verlangen und mit ihren Mietern erer­zieren fönnen, wie sie das vor dem Krieg mit soviel Talent besorgt haben.

Zum erstenmal seit dem November 1918 wagt eine deutsche Regierung von vornherein offen ihre Kampffront gegen die Sozialdemokratie und damit gegen die Arbeiterklasse zu richten. Eid Es ist die unverhüllte Klassenregierung der Besitzenden, gegen die wir von jetzt ab zu kämpfen haben werden.

Die Sozialdemokratie ist solche Klassenfämpfe gewohnt. Sie ist groß und start geworden als die Partei des Klaffentampfes, und sie wird jetzt die Klinge mit ihren Gegnern ebenso sicher und lampfgewohnt in offener Feldschlacht freuzen, wie sie es während der letzten Jahre im zähen Kleinkampf des Ringens um Verbesserungen für die Arbeiterklasse getan hat. Die Kompfformen tann sich unsere Partei nicht immer wählen. Sie werden ihr oft von den Berhältnissen aufgezwungen. Der Kampfwillen aber liegt frei in den Händen unserer Partei. Er liegt in den Händen aller Genossen und Genofsinnen. Es wird an ihm nicht fehlen!

Wichtige Gesetze wird der neue Reichstag zu entwerfen und durchzuführen haben. Alle stehen sie im Zusammenhang mit bem Zentralproblem unserer ganzen inneren Politik: mit der Frage der Berteilung der Reparations. lasten. Wenn sich vor der Lösung dieses Problems eine Klaffenregierung gegen die Arbeiterschaft bildet, so bedeutet das nichts anderes, als daß unsere Gegner ihre ganze Kraft zusammenschließen wollen, um der Arbeiterschaft den größten Teil dieser Lasten aufzubürden. Dagegen gilt es, sich zur Wehr zu sehen!

Dieser Kampf berührt auch die Interessen der Frauen aufs tiefste. Noch wissen wir nicht im einzelnen, was wir von der neuen Regierung und von der neuen Reichs tagsfoalition zu erwarten haben. Die Programmerklärung der Regierung war gerade in den Punkten, denen die Frauen ganz besonderes Interesse entgegenbringen, sehr summarisch.

Am deutlichsten wird die Regierung in den Sägen, in denen sie eine Aenderung der Verfassung androht. Das Wirtschaftsministerium hat die Regierung des Bürgerblocks einem Herrn Neuhaus anvertraut, der als Beamter vor einigen Jahren ausgeschieden ist, weil er sich weigerte, den Gib auf die Weimarer Verfassung zu leisten. Er wird jetzt als Minister diesen Eid leiften. Gleichzeitig gibt aber die Regierung eine Erklärung ab, in der sie Aenderungen der Aenderungen zu erwarten haben, ist sehr naheliegend. Waren Verfassung ankündigt. Was die Frauen von diesen boch die Deutschnationalen, die jetzt in der Regierung ben Haupteinfluß haben, bis zum November 1918 das stärkste Bollwert gegen die Gleichberechtigung der Frauen. In einem neuen Wahlgesetz, das dem Reichstag vorgelegt werden soll, wird der Entrechtung der Frauen durch Berkleinerung der Wahlkreise der Weg geebnet.

gebende Nationalversammlung gewählt. Bei dieser Wahl Am 19. Januar 1919 wurde die deutsche verfassung­haben die Frauen zum erstenmal von ihrem Wahlrecht Ge­brauch gemacht. Fast tönnte es wie ein Symbol erscheinen, daß es wieder ein 19. Januar war, an dem zum erstenmal nach vielen Jahren eine ausgesprochene Klassenregierung des Bürgertums die Möglichkeit hatte, mit einer solchen Erklärung vor den Reichstag zu treten.

Möge der 19. Januar 1925 für uns bald zu einem Tag der Erinnerung werden an einen Versuch des Bürgertums, gegen die Arbeiterschaft zu regieren; aber an einen Ver­such, der schnell zerschellte an dem neu erstarkten Willen des deutschen Proletariats, nicht wieder zum Objekt der Regle­rung herabzusinken, sondern selbst an seinem Geschick und am Geschick seiner Nation mitzugestalten. Start und tüchtig genug ist dazu die deutsche Arbeiterschaft. Das hat sie seit Jahren bewiesen. Aber es scheint, als hätte es der Lehre des Bürgerblocks bedurft, um ihr- am Beispiel unserer Gegner wieder einmal vor Augen zu führen, wie die politische Macht einer Klasse wächst, wenn sie einig ist. Anna Geyer .