Frauenstimme

Nr. 5+ 42.Jahrgang

Beilage zum Vorwärts

5. März 1925

Probleme der Frauenbewegung.

Vor einiger Zeit sprach ich mit einer Genossin, deren politische| Unbefangene zu dem Schluß, daß der einzige Weg zum Ziel nur Kenntnisse, ebenso wie ihr Handeln innerhalb der Partei, mit Recht sehr anerkannt werden. Wir sprachen u. a. auch über die Aufgaben der Genossinnen in der Parteiorganisation, insbesondere der Funt­tionärinnen. Ich legte im Laufe des Gesprächs dar, daß es eine zwingende, schon zur Selbstverständlichkeit gewordene Notwendigkeit sei, daß jeder verantwortlichen Körperschaft innerhalb der Arbeiter bewegung eine oder mehrere Frauen angehören müssen, und weiter, daß ganz besonders diese, den diversen Parteivorständen angehören­den Frauen die Aufgabe haben, die Genofsinnen der Partei zu Schulen, mit ihnen dauernd die speziellen Frauenfragen allgemein politischer, tomimunalpolitischer und sonstiger Art zu besprechen und mit ihnen gemeinsam die Agitation unter den der Partei fernstehenden Frauen zu pflegen.

Wahrscheinlich aus ihrem ganz persönlichen Empfinden heraus widersprach mir die Genoffin ziemlich leidenschaftlich. Sie jähe in meinen Darlegungen nicht die Aufgaben der weiblichen Vorstandsmitglieder. Damit würden wir dauernd die Frauen auf die relatio fleinen Frauenfragen und die Frauenagitation beschränken. Das bedeute, daß sie dann nie soweit tämen, den allgemeinen politischen Fragen das so notwendige und weitgehende Interesse entgegenzubringen, und das hätte weiter zur Folge, daß man ihnen in der Partei und in der Deffentlichkeit auf lange hinaus die allgemeine Anerkennung verjage. Beides jei aber nötig, um die Frauen zu vollbewußten und aktiven politischen Stämpferinnen zu erziehen. Auf meine leise Gegenfrage, wer denn die vorher aufgeführten Aufgaben, deren Vorhandensein und not­wendige Lösung doch die Borbedingung zu dem gesteckten Ziel sei, lösen solle, trat eine nachdenkliche Stille ein.

Enthüllt dieses Gespräch nicht schlaglichtartig das Problem der heutigen Frauenbewegung?

Sprechen wir zunächst einmal von der Notwendigkeit, die Frauen intensiv am politischen Leben zu beteiligen. Reichlichen Anlaß daza geben die Wahlbetrachtungen, die in der letzten Zeit durch die Presse gingen. Sie basierten alle auf der nach Geschlechtern getrennten Stimmabgabe. Ein besonders bezeichnendes Beispiel aus Bremen , wo wir bekanntlich unter Mitwirkung der Demokrate: den Bürger­block bekommen haben, sei hier angeführt. Dort find 77 548 Männer­und 82 256 Frauenstimmen abgegeben worden. Die Tabelle der auf die cinzelnen Bartelen abgegebenen Männer- und Frauenstimmen zeigt, daß die Sozialdemokraten ebenso wie die Kommunisten und Nationalsozialisten ein Minus aus Frauenstimmen buchen können, während alle anderen Parteien, insbesondere Zentrum und Deutsch nationale, von dem Ueberschuß an Frauenstimmen Borteil gezogen haben.

Seßen wir einmal die allerdings nicht bewiesene Tatsache vor­aus, daß die weibliche Stimmabgabe im Reichsdurchschnitt den Teil­resultaten entspricht, dann entsteht die Frage: Wäre eine solche Ent­wicklung möglich gewefen, wenn die Frauen im gleichen Verhältnis republikanisch gewählt hätten?

Forschen wir nun nach den Gründen für das Verhalten der Wählerinnen. Es gibt sicher sehr viele. In katholischen Gegenden, mo das Zentrum der Stärke nach den Ausschlag gibt, wird diese Partei besonders von den Wählerinnen gestärkt. Wir suchen eine Erklärung und finden sie hier im religiösen Gefühl der Frauen. Wenn in Bremen die Deutschnationalen und die Boltspartei den Vorteil der Frauenstimmen einheimjen, dann ist neben den re­ligiösen Motiven, deren Vorhandensein auch hier durchaus an­genommen werden darf, sicher auch eine reaktionär poli­tische Einstellung vieler Frauen wirkjam gewesen.

Nach einer solchen Wahlbetrachtung kommt doch wohl jeder

der sein kann, von den gefühlsmäßig rechts wählenden Frauen mög­lichst viele Angehörige des Proletariats nicht allein für unsere Politik, sondern auch für den Sozialismus zu gewinnen. Erst das gibt die Möglichkeit, dem Herzen und dem Verstand der großen Masse der Frauen näherzukommen. Wer will aber leugnen, daß vornehmlich die Frauen, die selber schon Sozialdemokraten sind, die Pflicht zu dieser Aufgabe haben? Daß die Frauen- in ihrer Mehrzahl fich aus eigenem Erleben heraus auch besser in das Denken und Fühlen ihrer Klassen- und Geschlechtsgenoffinnen hinein versetzen können, wird mit Recht dauernd betont. Kommen wir hie: nicht mit logischer Konsequenz dazu, die in den Vorständen tätigen Genossinnen mit der Aufgabe zu beirauen, die Frauenbewe gung zu pflegen und zu fördern? Jawohl, ein bis zwei Frauen müssen jedem Borstand der Partei angehören und sich dieser Auf­gabe widmen. Das schließt feineswegs aus, daß diese oder andere Genossinnen sich als Schriftführer oder Kassierer betätigen oder ihre Arbeitskraft vornehmlich den Bildungs-, Kommunal- oder allgemeinpolitischen Fragen widmen.

Nun aber noch einmal zurück zu der Befürchtung der oben erwähnten Genofsin, wonach die dauernde und pflichtgemäße Be­schäftigung der in Vorständen und anderen Körperschaften tätigen Genossinnen mit der Frauenbewegung notwendig dazu führen müß, fie von der Mitwirkung am allgemeinpolitischen Leben jernzuhalten. Wenn das zutreffen sollte, dann müßte man das von unseren Kultur, Bildungs-, Erziehungs und Rechtsspezialisten auch sagen; dann träfe das sicher auch auf Sozial-, Wohlfahrts- und Kommunal­politiker zu; danu müßte man mit aller Spezialisierung der Arbeit aufhören; dann müßte von jedem einzelnen Mitarbeiter ver­langt werden, daß er in jeder Teilfrage, wie auch auf dem großen Gebiet der Außen- und Innenpolttit sowie der Gewerkschaftspolitik ( Lohn, Tarif, Beamtenpolitit) vollkommen firm sein müsse. Das fann es natürlich bei der jetzt allgemein gewordenen Spezialisierung unseres öffentlichen Lebens nicht geben. Natürlich muß em, jeder, der auf einem Spezialgebiet tätig ist, verlangen dürfen, daß die Kollegen und Kolleginnen ihm in seinen Darlegungen fritisch und urteilsfähig folgen, denn nur dann sind sie auch in der Lage, die Lerantwortung mittragen zu können.

Wird dieser Schluß auch wie das sein muß für die den Vorständen verantwortlich angehörenden Frauen gezogen, dann bedeutet das allerdings, daß sie auf dem ihnen zugewiesenen Ge­biet der Frauenbewegung führend sein müssen, während die männlichen Kollegen mit Vertrauen und Kritif ihre Arbeit beob achten, mitberaten und die Verantwortung mittragen. Das schließt nicht aus, sondern es hat zur Borbedingung, daß diese Genossinnen ein großes Maß von allgemeinpolitischem Wissen und können be­figen und anwenden.

Hier kommen wir zu dem Kernproblem der Frauenbewegung innerhalb der Partei. Es handelt sich um die Führer Ichaft in der Frauenbewegung. Genoffinnen, allgemein­politisch geschult, mit besonderem Interesse für die Frauenfragen er füllt, mit dem notwendigen Berantwortungsgefühl der Gesamtpartei gegenüber, mit der Eignung und mit dem Willen zur Führung der Frauenbewegung ausgestattet, die sich in der Regel von den klein­lichen Dingen persönlichsten Empfindens freigemacht haben, sind in der Lage, an allen sachlichen Beratungen verantwortlich teilzu­nehmen und daneben die Frauenbewegung unter der Mitverant. wortung des Gesamtvorstandes zu führen. Solche Führerinnen brauchen wir in erster Linie und in großer Bahl, wenn wir die Rückständigkeit weiter Frauenschichten überwinden wollen.

Marie Juch a cz.