ittt.ii+42.yat>tfmii Beilage zum Vorwärks I 28. Mal 1925>
Sollen wir nock Wenn man noch einen Beweis für die konsumentenseind» liche Politik der gegenwärtigen Regierung brauchte, so wäre er durch den Zolltarifentwurf, der jetzt dem Reichs» tag zugegangen ist, erbracht. Und wenn man von Regierung?» Vertretern Logik erwarten dürfte, so hätte der Ernährungs- minister, Graf K a n i tz, seine Rede im Reichstag nur mit der Aufforderung schließen können, die landwirtfchafttichen Zölle, die seine eigene Vorlage einführen will, abzulehnen. Aber Logik sckeint nicht seine starke Seite zu sein. In den ersten Sätzen seiner Rede hieß es:„Weite Teile der Bevölke- rung sind noch nicht imstande, dieselben Aufwendungen für ihr« Ernährung zu machen wie in der Vorkriegszeit. Der Brotverbrauch steht noch nicht auf voller Friedenshöh« und wird zum Teil durch einen verstärkten Kartoffelkonfum ersetzt. Speisungen für Kinder und Minderbemittelte müssen fortge- setzt werden." Und aus dieser Verminderung des Brower» brauchs, mit dem ein Sinken des Konsums an Fleisch, Eiern, Milch und sogar an Kartoffeln Hand in Hand geht, glaubt er die Rotwendigkeit von Zollen, die ganz selbstverständlich eine weitere und nicht unerhebliche Verteuerung der für die Massen wichtigsten Lebensmittel zur Folge haben werden, be» gründen zu sollen! Oder wollte der Minister etwa sagen: die Massen der Minderbemittelten sind zwar schlecht ernährt, noch schlechter als vor dem Kriege, weil sie mit Ihrem Arbeitslohn nicht die gleich« Meng« Nährwert kaufen können, aber das ist mir ganz gleich: die Landwirte und die Industrie verlangen Zölle, also packen wir den Arbeitern ruhig mehr auf, sie werden es schon tragen. Und wenn sie unter der Last zusamenbrechen, wenn die Kinder, die sich noch kaum von den entsetzlichen Kriegs» und Inflationszeiten erholt haben, wieder elend und rachitisch werden, was macht es, wenn nur die großen Grund- besitzer und die Großindustriellen zufrieden sind und die Regie» rung nicht mehr drängen? Denkt Herr Graf Könitz, daß dann wieder mildtättge Menschen im Ausland aufgerufen werden könnten, sich der armen unterernährten Kinder anzu- nehmen, die dank der vortrefflichen Politik der deutschen Regierung und der Profitgier des landwirtschaftlichen und industriellen Besitzes verelenden? Die Einführung von Zöllen auf notwendige Nabrungs» mittel bedeutet einen starken Eingriff in die Lebenshaltung des Volkes. Die Arbeiterfrau spürt das am empfind» lichften beim Einkauf. Sie sieht wie der Lohn verschwindet, wie sie für das gleiche Geld viel weniger Ware erhält. Man versucht zwar, sie darüber hinwegzutäuschen, indem man zum Beispiel den gleichen Brolpreis beibehält und dafür kleinere Brote bäckt, aber über den Hunger des Arbeiters und den Hunger der Kinder, die sich nicht mit dem kleinen Stück Brot abfinden, kann man nicht hinwegtäuschen. Unsere Ernährung ist nun schon jetzt viel schlechter als vor dem Kriege, der Fleischverbrauch machte, wie Graf Kanitz selbst zugibt, vor dem Kriege 52 Kilogranim pro Kopf aus und beträgt heute erst wieder 41 Kilogramm. Roggen wurde im Jahre 1913/14 pro Kopf dor Bevölkerung 153,1 Kilogramm, 1923/24 nur 105,5 Kilogramm verbraucht. Weizen vor dem Kriege 95,8. 1923/24 nur 57,4 Kilogramm. Selbst der Kartoffelkonfum hat sehr stark abgenommen. Während 1913/14 auf den Kopf der Bevölkerung 702,0 Kilogramm Kartoffeln kamen, wurden 1923/24 nur 4?3,1 Kilogramm verbraucht. In dem vergangenen Jahre, für das die Statistik noch nicht vorliegt, werden sich die Ziffern erhöhte haben, aber sie reichen sicher noch nicht an die des Jahres 1914 heran. Der
mehr hungern! Milchverbrauch ist ebenfalls zurückgegangen, und wenn der Ernährungsminister das darauf zurückführt, daß„die ärmeren Schichten sich in den knappen Zeiten des Krieges den Frisch» milchkonsum abgewöhnt(I) haben, und daß auch die Kauskrast nicht ausreichend sei", so wissen wir wirklich nicht, wie man den Milchkonsum fördern will, wenn man die Milch durch Zölle noch mehr verteuert. Di« grundlegende Nahrung besonders in den am nie» drigsten entlohnten Arbeiterschichten ist Brot und Kar- toffeln. Wie sehr gerade Getreidezülle auf den Arbeiter« Haushalt einwirken, können wir aus Berechnungen lernen, die bei den Zolltarifkämpfen 1902 gemacht worden find. An der Hand von 75 Arbeiterbudgets stellte M o m b e r t damals einen durchschnittllchen Brotverbrauch von 180,1 Kilogramm im Jahre für ein« Arbeiterfamilie fest. Bei einem Zoll von 3 M. für den Dopelzentner Roggen, wie er jetzt vorgesehen ist, der sich ganz naturgemäß in einer Erhöhung des in» ländischen Getreidepreises in ungefähr der gleichen Höhe aus» wirken würde, müßten wir danach mit einer Mehrbelastung der Arbeiterfamilie um 27,25 M. nur durch verteuertes Brot rechnen. Dabei ist noch besonders zu berücksichtigen, daß die schlechtest bezahlten Arbeiter verhältnismäßig am schwersten zu trogen haben. Denn wenn die Ausgaben für Lebensmittel im Vergleich zu den anderen Ausgaben bei einem Einkommen von über 1600 M. 40,6 Proz. betragen, so beanspruchen die Ausgaben für Lebensmittel bei einem Einkommen von 900 bis 1000 M., die Ermittlungen von M. M a y gezeigt haben. 53,3 Proz. des Gesamteinkommens. Ein gelernter Textil» arbeite? verdient heute bei voller Beschäftigung im ganzen Jahr durchschnittlich 1428 M., ungelernte beträchtlich weniger, und wenn wir uns daran erinnern, daß auf der Heimarbeiter» ausstellung Stundenlöhne von(�—15 Pfennigen in tariflich nicht geregelten Industrien durchaus nichts Seltenes waren, so können wir uns ein Bild davon machen, was auch nur die geringste Verteuerung von Brot und Kartoffeln für dies« Arbeiterhaushalte bedeutet. Aber man will ja nicht nur Getreide und Brot durch die Zölle verteuern, auch Reis, Grieß, Hülsenfrüchte sollen ml» Zöllen belegt werden, auf Fletsch soll ein Zoll von 35 M. kommen, Speck 24 M., Schmalz 8 M., Margarine 20 Büchsenfleisch 20 M., Büchsenmilch 40 M., Frischmilch 5 M.. ferner soll Gemüse, Obst, Eier, Käs« durch Zölle verteuert werden. Kaum ein Nahrungsmittel, das für die Massen» ernährung in Frage kommt, fehlt in dem Zolltarif. Diese Zölle sollen bis zum August 1926 Geltung haben und dann noch beträchttich weiter erhöht werden. Für die Arbeiterfrau gibt es also keine Mögllchkeit, den Verbrauch eines Teils der Hebensmittel einzuschränken und den Ausfall durch den Mehr? verbrauch anderer auszugleichen. Es wird ja alle» ve» teuert, was für den Haushalt gebraucht wird, die Alternative bleibt nur, wenn nicht gleichzeitig die Löhne beträchtlich steigen, den Gesamtkonsum erheblich einzuschränken— also hungern. Es steht fest, daß die übergroße Mehr» zahl der deutschen Arbeiterschaft bereits jetzt nicht ausreichend ernährt ist, daß der Fleisch- und Fettkonsum viel zu gering ist. Sollen wir noch ausmalen, welches die Folgen einer weiteren Verschlechterung der Ernährungsverhältnisse sein werden? Es scheint, das ist nicht nöttg. Wir alle erinnern uns wohl noch, was wir in den Jahren 1916 bis Anfang 1924 durchgemacht haben, wie zuerst die Lebensmittelknappheit und dann die Teuenmg uns und unseren Familien die Lebenskräfte aus- gesogen haben. Welche Hausfrau könnte ruhig bleiben bei