Frauenstimme
Nr.19+ 42.Jahrgang
shiise
sd ana
Beilage zum Vorwärts 17. September 1925
Gefühl oder Verstand?
Gemeinhin wendet man die Bezeichnung Gefühlssozialist auf Parteigenossen an, welche sich wenig oder gar nicht an der Parteiarbeit beteiligen, obwohl äußere Anlässe, wie Krankheit, Arbeitsüberbürdung und dergleichen hier als Hindernisse nicht in Frage kommen.
Wodurch unterscheiden sich diese Sozialisten von den aktiven Parteigenossen; welche Wirkung löst ihr Verhalten auf die Gesamtbewegung der Partei und somit auf den Siegeslauf der sozialistischen Ideen aus? Der grundlegende Unterschied ist der, daß die einen sich an der Arbeit befeiligen, also für ihre Idee fämpfen, während die anderen dem Kampfe ausweichen. Unsere Propaganda richtet sich an alle Volksgenoffen, aber naturgemäß fällt sie zunächst nur dort auf fruchtbaren Boden, wo die Unterdrückung durch den Kapitalismus unmittelbar empfunden wird,- im Proletariat. Es sind aber auch nicht alle Schichten der arbeitenden Bevölkerung in gleicher Weise empfänglich für unsere Ideen. Diejenigen, die die kapi talistische Gesellschaft als die von Gott gewollte Ordnung be trachten, aus der es im irdischen Leben tein Entrinnn gibt, sind für unsere Lehre schwerer zu gewinnen. Wohl empfinden auch viele von ihnen die Unzulänglichkeiten der sozialen Zustände, die sie täglich am eigenen Leibe spüren. Aber sie stellen sich dennoch abseits vom aktiven Kampf um die Aufbesserung der bestehenden Verhältnisse.
Groß ist aber auch das Heer derjenigen proletarischen Existenzen, die den Glauben an Gott verloren haben, aber nichts an seine Stelle zu setzen wissen. Sie ergeben sich entweder mutlos in ihr Schicksal, oder folgen heute diesen, morgen jenen demagogischen Parolen. Andere wieder ver fuchen in verstiegenem Egoismus die Welt auf eigene Faust zu bezwingen, um allzubald einsehen zu müssen, daß sie als einzelne den kapitalistischen Gewalten gegenüber machtlos find. Wenn bet besonderen Anlässen die Wogen des politischen Lebens hoch gehen, werden aber auch sie von ihnen erfaßt und hineingeriffen in den Strudel des Kampfes. Unsere Ideen finden dann Eingang in die Köpfe und Herzen der abseits stehenden Massen. Zahlreiche Wähler und Wählerinnen entscheiden sich für die Sozialdemokratie, sie sympathisieren mit dem Sozialismus.
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So sehr uns aber auch jede Stimme eines Sympathie fierenden willkommen ist, so freudig wir auch jedes neue Mitglied der Partei begrüßen, so müssen wir aber auch betonen und es jedem Sozialdemokraten einschärfen, daß mit dem Bekenntnis zum Sozialismus auch die Pflicht über nommen werden muß, nicht bloß gefühlsmäßig der Partet Beifall zu spenden, sondern auch selbst mit aller Kraft mit zuarbeiten, um die Partei zum Siege zu führen.
Wer die wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge übersieht, weiß, daß das deutsche Proletariat mitten in einem ungeheuer schweren Kampfe steht. Es hat gegen eine Welt von Feinden zu kämpfen; es hat die politische und wirt schaftliche Ordnung in seinem Sinne umzugestalten; es hat eine neue Weltanschauung zu schaffen, die der heute noch vor herrschenden auf das schärfste entgegengesetzt ist. Da nügt der Glaube an den Sozialismus allein nicht, und die schönsten Betrachtungen über die Zukunft bringen uns dem Ziel um feinen Schritt näher, wenn nicht in harter unermüdlicher Gegenwartsarbeit alles getan wird, um einerseits die bestehenden Verhältnisse in unserem Sinne zu ändern und andererseits die Menschen, vor allen Dingen die jüngere Generation, umzugestalten und zu erziehen, daß sie fähig sein sollen, die neue Gesellschaftsordnung, die wir erstreben, in die Wirklichkeit umzusetzen.
Was wir brauchen, find Menschen, die neben einem star ten Gefühl für den hohen ethischen Inhalt des Sozialismus von der Erkenntnis durchdrungen sind, daß man die großen Aufgaben der sozialistischen Arbeiterbewegung nur mit Hilfe des Verstandes zu meistern vermag. Nicht Ge. fühlsfozialismus, sondern Verstandessozta lismus! Nicht ein himmelhoch aufstrebendes, verschwom menes Gefühl, das feinen Niederschlag in der Wirklichkeit findet, sondern ein scharfes verstandesmäßiges Eindringen in die schwierigen Fragen, die der Klassenkampf des Proletariats auf Schritt und Tritt vor ihm auftürmt. Dem idealistischen Streben der Genossen und Genossinnen wird dadurch keines. wegs Abbruch getan. Der Idealismus erhält vielmehr erst seinen richtigen Inhalt, seine stärksten Antriebe, wenn er durch gründliche Erkenntnis, durch scharfe Ausprägung des Verstandes, durch umfassendes Wissen und Können ergänzt und gefestigt wird.
Dazu bedarf es aber eines nicht nur gefühlsmäßigen, fondern verstandesmäßigen Eindringens in alle Fragen der poli tischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung. Nament lich die Frauen, die diesen Dingen etwas gleichgültig gegenüber. stehen, sollten sich der Mühe unterziehen, bei der Lektüre ihrer Parteizeitung neben dem lokalen und Unterhaltungsteil auch die anderen etwas langweiliger anmutenden, aber in Wirklich feit ungeheuer wichtigen Teile der Zeitung zu lesen, in denen die politischen und wirtschaftlichen Dinge behandelt werden.. nach anfänglichen Schwierigkeiten, die leicht zu überwinden sind, würden auch sie sehr bald in der Lage sein, sich in diesen Fragen zurecht zu finden und bei Auseinandersehungen mit Andersdenkenden oder bei der Agitation unter ihren Geschlechtsgenossinnen ihren Mann zu stehen".
Wenn im Anschluß hieran noch der Versuch unternommen wird, durch Lektüre der neueren und älteren sozialistischen Literatur etwas tiefer in die sozialistische Gedankenwelt einzu dringen, so würde allen aktiven Genoffinnen sowie auch den mit der Partel Sympathisierenden die Aufgabe erleichtert werden, sich aus Gefühlssozialisten in Verstandesfoztalisten zu verwandeln.
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Das alles sind Dinge, die in den Jahren vor dem Kriege selbstverständlichen Bestandteilen der Parteibewegung ge hörten. Aber die Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit haben namentlich auf diesem Gebiete ungeheure Berwüstungen an gerichtet. Es gehört mitunter zum guten Ton, über die Bil dungsbestrebungen in der Arbeiterbewegung mit einem gleich gültigen Achselzucken hinweg zu gehen. Dabei wird übersehen, daß die ungeheuren und schwierigen Probleme der Nachkriegszeit und der Kampf der Arbeiterklasse um politische und wirtschaftliche Machterweiterung im gegenwärtigen Staate in noch viel höherem Maße die Aneignung gründlicher Kenntnisse und eine gefestigte sozialistische Weltanschauung verlangen, als dies in den Jahren vor dem Kriege der Fall gewesen ist. Gaft damals schon als leitender Gesichtspunkt aller vorwärtsstrebenden Elemente der Arbeiterbewegung der Saz Wilhelm Liebknechts: Wissen ist Macht macht ist Wissen!", so gilt diefer Satz in noch viel höherem Maße heute, wo wir nicht bloß an den Zuständen der bürgerlichen Gesellschaft Kritik zu üben haben, sondern wo zahlreiche Funt. tionäre der Arbeiterbewegung, an verantwortlicher Stelle in Staat und Verwaltung stehend, den Nachweis zu erbringen haben, daß die Arbeiterklasse genügend geistige und fulturelle Kräfte aus sich heraus zu entwidein vermag, um den gegenwärtigen bürgerlich- fapitalistischen Staat in einen soziali stischen Boltsstaat umzuwandeln.
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