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Frauenstimme

Nr.20+ 42.Jahrgang

Beilage zum Vorwärts

1. Oktober 1925

Frauen und Gemeindewahlen.

Reaktionäre und Philister haben lange Zeit den Frauen jede Anteilnahme am politischen Leben zu wehren gesucht. Warnungstafeln mit der weithin leuchtenden Aufschrift: Die Frau gehört ins Haus!"" Das Haus ist die Welt der Frau!" waren bestimmt, Borwizige abzuschreden. Vereinsgefeßliche Bestimmungen mannigfacher Art bildeten das Gitter, das den Buftrom der Frauen zur politischen Betätigung vollends hindern sollte. Aber größer und größer wurde die Zahl der Frauen, die, der Gitter und Warnungstafeln nicht achtend, fich Zutritt verschafften zu dem verbotenen Terrain. Bei threm machtvollen Ansturm zerbrachen die verrosteten Gitter wie morsches Holz."

Mit diesen Sägen leitete Luise 3ieh ihre Broschüre Die Frau im politischen Kampf"( 1912) ein. Die Republit gab den deutschen Frauen die vollen Staatsbürgerrechte. Sind fie fich aber auch ihrer ernsten Staatsbürgerpflichten bewußt? Rehmen fie Stellung zu den Fragen des öffentlichen Lebens?

Die politisch geschulten Frauen meinten immer, das Kommunalwahlrecht würde das erste fein, das man uns frei gebe. Sie gingen dabei von dem Gesichtspunkt aus, daß alle Zweige der Gemeindewirtschaft tief eingreifen in das Leben des einzelnen, und daß hier auf allen Gebieten den Frauen ein gewaltiges Tätigkeitsfeld erschloffen werden könnte.

Schon auf dem Mannheimer Barteitag wurden von den Genoffinnen Anträge für Einrichtung städtischer Krippen, Kindergärten und Horte eingebracht. Eingehender beschäftigte fich die sozialdemokratische Frauenkonferenz in Bremen 1907 mit diefen Fragen. Auf der Frauenkonferenz in Jena 1911 stand im Mittelpunkt der Berhandlungen ein Referat über Die Frau in der Gemeindepoliti!".

Unter großen Schwierigkeiten gelang es, Frauen als Armen und Waisenpflegerinnen in die Kommiffionen zu wählen. Wer denkt heute nach an den Widerstand der Männer. Die beliebten Nachfizungen bel Bier usw. tamen burch die Mitarbeit der Frauen in Gefahr. Ganze Kommis­fionen legten aus Protest ihre Aemter nieder.

Wie groß war das Geschrei, als Genoffin Ottilie Gerndt als erste Armenvorsteherin in Berlin gewählt wurde. Später gewöhnten sich die Herren der Schöpfung daran, fie als Bor­figende der Armenfreisversammlungen zu respektieren. Mit wieviel Hohn und Spott wurden die wenigen tätigen Frauen überschüttet!

Das Blättchen wendete sich aber mit dem Tag der Gleich berechtigung der Frauen. Jetzt erkannten die bisherigen Gegner sehr schnell den großen Wahlfattor und setzten alles baran, die Frauen für ihre Parteizmede einzufangen. Für uns gilt es nun, die Aufklärung in die weitesten Kreise der Frauen zu tragen und ihnen zu zeigen, wer allein ihre Inter­effen vertritt.

Ein Wahlaufruf der Demokraten spricht davon, daß alle Frauen darin einig sind, ihren Einfluß in der Kommunal verwaltung zu stärken. Der Aufruf fordert die Beteiligung der Frauen in allen Zweigen der Verwaltung: An führender Stelle sowohl in der Zentrale, mie in den Bezirken, namentlich auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege. Diese Forderung ver tritt die Sozialdemokratie und hat dieselbe seit Jahren indie Tat umgefeßt. Wir hoffen, daß die Demokraten I: der neuen Stadtverordretenversammlung zu ihren Worten Stehen werden.

Die Stadtverordnetenwahlen find eminent politische Wah fen. Die großen Fragen der Politit wirken sich praktisch in der Gemeinde aus. Siehe Zollpolitik und Finanzausgleich. Die Fraktionen der Stadtverordnetenversammlung arbeiten nach

dem Kommunalprogramm ihrer politischen Parteien, die im Reichs- und Landtag die Geseze schmieden. Es sind immer dieselben Faktoren am Werke.

Die Wahlen am 25. Ottober geben der Berliner Be völkerung Gelegenheit, ihre politische Reife zu betätigen. Sind es doch die ersten Wahlen, die ein Urteil über den Zolltarif fällen werden. Bieten sie doch Anlaß, den Nationalen die rich tige Antwort auf ihren Aufwertungsschwindel zu geben. Wie viele Kleinrentnerinnen haben sich nicht von den Versprechungen anläßlich der Präsidentenwahl ein besseres Leben erhofft. Nun haben wir zwar den Retter", doch spürt das Bolt teine Errettung. Seine Wahlmacher sind wort brüchig geworden. Die arme Witwe und der hilflose Greis tönnen weiter darben. Der arbeitenden Bevölkerung werden zugunsten der Großgrundbesitzer und Großindustriellen Lebens. mittel und Bedarfsartikel durch die Zölle um 20 Broz. vera teuert!

Wie Hohn flingt uns das Wort Pretsabb au" ent gegen. Diesbezüglichen, taum ernst gemeinten Versprechungen des Reichskanzlers für den 1. Oktober sehen die kapitalistischen Kreise ein glattes Rein" entgegen. Die Löhne der Arbeitec liegen jetzt schon 40 Broz. unter dem Preisniveau. Mütter, denkt daran, daß thr euren schwächlichen Kindern in Zukunft den Tisch noch färglicher bestellen werdet!

Wie eine Verhöhung der armen Bevölkerung erscheint es, wenn jeht, nach Annahme des Zolltarifs, die Deutschnationalen die Anfrage an den Magistrat richten, was er gegen die Lebensmittelteuerung zu tun gedenkt. Auf die Antwort, daß durch städtischen Berkauf regulierend auf die Fleischpreise eingewirtt werden soll, erhoben sie Protest. Der frete Handel darf nicht geschädigt werden. Wahlmanöver! Das Wohnungselend hat sich noch immer nicht gebessert. Taufende Familien finden fein Unterkommen. Die elenden Löcher, in denen die Menschen zusammengepfercht werden, ind Brutstätten der Boltsfeuchen. Die großen Mittel, die zur Bekämpfung der Tuberkulose aufgewendet werden, sind zum großen Teil zwedlos verton, wenn nicht die Ansteckungs gefahr, die in den ungefunden, überfüllten Wohnungen liegt, beseitigt wird. Die moralischen Gefahren für Kinder und die Uebertragung von Geschlechtskrankheiten sind ein besonders trauriges Rapitel.

Der Ausbau der Gesundheitsfürsorge ist um fo notwendiger, je schlechter die wirtschaftlichen Berhältnisse sind und die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung nachläßt. Dem energischen Kampf unserer Vertreter in der Gesundheits­deputation ist es zu danken, daß die Borschußzahlungen bet Aufnahme in den Krankenhäusern beseitigt wurden. Ferner, daß der Pflegefaß bei Kindern mit Infektions- und Ge schlechtstrantheiten auf zwei Mart festgesetzt wurde. Einen sozialen Fortschritt bedeutet es, wenn auf unseren Antrag für den Säugling die ersten viezehn Tage tein Pflegegeld erhoben wird. Bielen Wöchnerinnen wird der Aufenthalt im Kranken­hause dadurch erleichtert.

Die Wohlfahrtspflege der Stadt wird auf weite Sicht eingestellt werden müffen. Wir werden uns immer wieder vor Augen halten, daß durchgreifende schnelle Hilfe zur rechten Zeit der Allgemeinheit wieder zugute fommt. Nicht erst den Menschen verkommen laffen und ihn dann durch Almosen vor dem Hungertode schüßen. Nein, durch recht zeitiges Eingreifen thn wieder auf sich selbst stellen, muß Aufgabe einer zielbewußten Wohlfahrtspflege fein. In dieser Erkenntnis haben wir führend an der Ausgestaltung unserer Wohlfahrt gearbeitet.

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