Frauenstimme
Nr.25+ 42. Jahrgang
Beilage zum Vorwärts
10. Dezember 1925
Probleme der Heimarbeit.
Auf einer der letzten Konferenzen der Berliner Parteifunttionärinnen wurden in der Debatte Fragen der Heimarbeit gestreift. Das geschah nur sehr flüchtig, da die Frage abseits von der eigentlichen Tagesordnung ber Konferenz lag. Es wäre aber zu begrüßen, wenn fich Gelegenheit fände, im gleichen Kreis die Probleme der Heimarbeit einmal gründlicher zu erörtern.
Sollen wir als Sozialisten die Heimarbeit fördern oder hemmen?
Welches sind ihre Vorteile und welches ihre Nachteile? Es ist zweckmäßig, bei einer solchen Betrachtung zunächst zu unterscheiden zwischen der Heimarbeit in der Großstadt und der Heimarbeit in ländlichen Gegenben. Die Heimarbeiterdörfer auf dem Lande, besonders in Sachsen und Thüringen , liegen meistens in unfruchtbaren Gegenden. Die Einwohner tönnen nicht von der Landwirtschaft leben. Ihre Dörfer haben so ungünstige Verkehrsverhältnisse, daß sich dort auch keine Industrieunternehmungen ansiedeln. Als einzige Berdienstmöglichkeit bleibt die Heimarbeit, die nicht mur nebenbei von der Frau, sondern von der ganzen Familie einschließlich der Kinder verrichtet wird. Das gemeinschaftliche Gintommen einer solchen Heimarbeiterfamilie ist in der Regel niedriger als das eines großstädtischen Fabrikarbeiters. In den meisten Fällen werden nicht sehr hochwertige Massenartikel hergestellt, die nur deshalb micht in Fa briten produziert werden, weil die Löhne der Heimarbeiter so niedrig sind, daß sich die Anschaffung von Maschinen nicht rentiert. Die Lebensbedingungen und Gesundheitsverhältnisse dieser Heimarbeiter entsprechen ihren schlechten Löhnen. Die frühe Heranziehung der kleinen Kinder zur Arbeit ersticht in biesen den Willen zum Widerstand gegen die schlechten Arbeitsbedingungen. Dem Kampf um höhere Löhne ist überdies eine Grenze gesetzt an dem Bunft, wo es für den Unternehmer rentabler wird, die Gegenstände im Fabritbetrieb herstellen zu laffen.
Hier ist das Problem, wie Genoffin Anna Siemfen fn einem sehr interessanten Artikel in der Gewerkschaftlichen Frauenzeitung" Nr. 10 darlegt: Der nächsten Generation die Kraft zu geben, sich aus ihrem Heimarbeiter elend zu befreien. Dazu ist notwendig: 1. die Kinder törperfich zu träftigen, 2. ihnen durch die notwendige fachliche Schulung den Berufswechsel zu erleichtern und 3. durch Bekannt machen mit den Arbeits- und Lebensbedingungen an anderen Orten der Jugend einen Anreiz zum Auswandern aus ihren elenben Heimarbeiterdörfern zu geben.
Das Ziel muß hier sein, den unvermeidlichen und zu begrüßenden Untergang der Heimarbeit möglichst schmerzlos für die beteiligte Arbeiterschaft zu gestalten.
Wie steht es demgegenüber mit der Heimarbeit in einer Großstadt wie etwa Berlin ? Es handelt sich hier nur in ganz feltenen Fällen um die Heimarbeit der ganzen Familie. Meistens ist es nur die Frau, bie, häufig mit Unterstügung der Kinder, Wäsche, Kleider oder Mäntel näht oder TeilI arbeiten in der Herrenkonfektion verrichtet. Die Frau ist nicht auf Heimarbeit als einzige Arbeitsmethode angewiesen. Sie tönnte in der Regel auch in einer Fabrit Arbeit finden. Warum zieht sie die Heimarbeit vor, die auch in der Großstadt schlechter bezahlt wird als Fabritarbeit? Heimarbeiterinnen sind zu einem großen Teil Bersonen, die in ihrer Erwerbsfähigte it irgendwie beschräntt sind; Mütter, die ihren Haushalt nicht verlassen fönnen,
Frauen von pflegebedürftigen Kriegsbeschädigten, leidende, nicht voll erwerbsfähige Personen, Frauen aus dem proletarisierten Mittelstand, die vor der Arbeit in der Fabrit zurückschrecken oder sich ihr nicht gewachsen fühlen. Dazu kommt der ficher ziemlich große Kreis jener Frauen, die Heimarbeit nicht als ihre Haupferwerbsquelle ansehen, bie nur ein paar Mart in der Woche dazu verdienen müssen. Ihnen bietet die Heimarbeit den Vorteil, daß entsprechend den jeweiligen Berhältnissen mehr oder weniger Arbeit übernommen werden kann.
Für alle diese Gruppen von Arbeiterinnen bietet die Heimarbeit gewisse Annehmlichkeiten gegenüber der Fabritarbeit und es werden darüber nur zu leicht die großen Nachteile der Heimarbeit übersehen. Die Heimarbeiterin arbeitet für den Fabrikanten billiger als die Fabritarbeiterin. Sie trägt in stärkerem Maße das Risiko der Konjunkturschwankungen und ist allen Nachteilen eines schwankenden Einkommens besonders oft preisgegeben. Auch bet verhältnismäßig guter Organisation und dementsprechend höheren Löhnen ist das Einkommen einer Heimarbeiterin geringer als das einer Fabritarbeiterin, die ebenso lange arbeitet. Die Heimarbeiterin versucht ihren Lohn zu steigern durch Berlängerung ihrer Arbeitszeit. Spät am Abend sieht man bei Fahrten mit der Ringbahn oder bet Gängen durch die Arbeiterviertel die Frauen über die Nähmaschine gebeugt fizen, meistens beim Schein einer dürftigen Petroleumlampe. Es muß Licht gespart werden und häufig auch Heizung. Die trostlosen Wohnungsverhält nisse zwingen fie, in einem Raum zu nähen, der fast immer auch gleichzeitig als Küche, Wasch und Trockenraum, Wohnzimmer und häufig auch als Schlafraum für Familienangehörige dient. Auf die Erhaltung ihrer förperlichen Widerstandsfähigkeit achtet die arbeitende Frau meistens längst nicht in gleichem Maße wie der Mann und besonders die Heim arbeiterin mit ihrer unbegrenzten Arbeitszeit mutet sich Ueberlastungen zu, auf die ihr Körper früher oder später mit einem Zusammenbruch reagieren muß.
Aber abgesehen von den schweren Gesundheitsschädigungen, die mit der Heimarbeit unlösbar verbunden sind, haben wir als Sozialisten uns auch mit den Arbeits. methoden in der Heimarbeit auseinanderzusetzen. Unsere Aufgabe ist, der sozialistischen Gütererzeugung, die wir er Streben, die besten Vorausseßungen zu schaffen. Ein wichtiges Mittel dazu ist die Anwendung der zweckdienlichsten Arbeitsmethoden. Es bedarf feines Beweises, daß die Einrichtungen und Arbeitsmethoden der Heimarbeiterinnen immer hinter denjenigen im Großbetrieb zurückbleiben müssen.
Im Sinne der von uns zu fördernden Ent. widlung liegt es deshalb, daß die Heimarbeit vollkommen verschwindet. Wenn die Gewert. schaften auf die bessere Organisation der Heimarbeiterinnen hinwirken, so ist das Ziel dieser Bestrebungen nicht: die Heimarbeit zu stärken. Es sollen die schweren Nachteile der Heim arbeit, wie sie nun einma lbestehen, den Arbeiterinnen erträglicher gemacht werden durch den organisierten Kampf um bessere Arbeitsbedingungen. Neben dieser Gewerkschaftsarbeit stehen die Bestrebungen der Arbeiterwohlfahrt, durch Bermehrung der Fürsorge für Kinder und Krante bie Arbeiterfrauen zu entlasten, und beide Zweige der Arbeiterbewegung fließen zusammen in dem Willen aller Sozialisten, eine Zeit sozialer Gerechtigteit herbeizuführen, die vor allem auch die Frauen von ihren brüdendsten Lasten beAnna Geger. freien wird.