Frauenstimme
Nr. 6+ 43.Jahrgang
Beilage zum Vorwärts
18. März 1926
Arbeitszeiten für das„ schwache Geschlecht".
Den Forderungen auf gleiche Bezahlung von Frauenund Männerarbeit wird auch in den Fällen, wo ein Unterschied in der Art der Tätigkeit und auch in der Borbildung nicht vorhanden ist, stets entgegengehalten: Frauen sind nicht allein geistig, sondern auch förperlich weniger leistungsfähig als Männer. Aus diesem Grunde wird einigen Lehrerinnengruppen eine etwas geringere Stundenzahl auferlegt und alle Bemühungen auf Beseitigung der Gehaltsdifferenz zwischen männlichen und weiblichen Lehrern blieben bis jetzt ebenso erfolglos wie das Streben der taufmännischen weiblichen Angestellten auf Beseitigung der Gehaltsgrenze zwischen weiblichem und männlichem Bersonal in gleichen Stellungen.
Für eine derartige Pragis ist aber weniger die Rücksicht auf die körperliche Leistungsfähigkeit der Frauen die Triebfeder als vielmehr die Gewohnheit, in der Frau eine geringer zu bewertende Arbeitskraft zu sehen, und die ebenfalls auf Gewohnheit beruhende Ansicht, daß eine Frau weniger zum Leben brauche als ein Mann. Die Rücksicht" auf„, bie törperliche Leistungsfähigkeit" der Frau tritt übrigens in der Regel nur in Erscheinung, wenn es gilt, Frauen die Arbeitsplätze in neuen Arbeitsgebieten streitig zu machen oder ihnen die Aufstiegsmöglichkeit zu ideell und materiell höher bewerteten Stellungen zu beschränken.
1924 seht eine Höchstarbeitszeit von 60 Stunden in der Wochs fest, schließt aber eine Verlängerung dieser Arbeitszeit durch sogenannte Arbeitsbereitschaft aus.
Troßdem ist in einer Reihe Heil- und Pflegeanstalten eine erheblich längere Arbeitszeit üblich. Sie ist möglich, weil für das beamtete Personal die Verordnung über die Arbeitszeit nicht gilt und diese auch keine Geltung hat für die Ordensschwestern und-brüder. Das übrige Pflegepersonal kommt dadurch in eine üble Lage. Ist es nicht genügend organisiert, muß es sich erneut dem Verlangen auf Vers längerung der Arbeitszeit über das gefeßlich festgelegte Höchst maß fügen. In preußischen Provinzial- Heil- und Pflege anstalten, wo freies Pflegepersonal neben beamtetem Bera sonal beschäftigt ist, fommen deshalb Arbeitszeiten- ein schließlich Arbeitsbereitschaftsdienst von wöchentlich 131 Stunden vor. Das Bemerkenswerteste ist hierbet aber, daß die längste Arbeitszeit dem weiblichen Pflegepersonal aufgebürdet ist.
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Wo bleibt hier die Rücksicht auf die geringere körper liche Leistungsfähigkeit der Frauen?
Die angeführten Fälle, von denen der letzte u. a. Gegens stand eines Antrages der sozialdemokratischen Landtagsfrat tion ist, zeigen wohl deutlich, daß der Kampf ums Dasein nicht nur ein Kampf zwischen Besitzenden und Besitzlosen und zwischen Unternehmern und Arbeitern ist, sondern häufig auch noch ein Kampf zwischen den Geschlechtern. Diese Tat sich durch Organisation und durch Eintreten für bie Sozialdemokratie, die Partei der Arbeiter und Angestellten, bei allen Wahlen dagegen zu sichern, daß sie in diesem Kampfe unterliegen. Gertrud Hanna , i
Diese Behauptung wird u. a. durch die Tatsache bewiesen, taß nur recht wenig Menschen an den förperlich doch meist recht schweren Arbeiten der Aufwärterinnen, Reinfache muß die Frauen der besiglosen Boltsklasse dahin führen, machfrauen und Waschfrauen Anstoß nehmen oder für bessere als allgemein für solche Arbeiten übliche Be zahlung eintreten, damit bessere Ernährung und bessere Pflege des Körpers möglich ist. Ebensowenig wird beachtet, daß zahllose Frauen als Heimarbeiterinnen sich abmühen müssen in oftmals förperlich schwerer, fast ausnahmslos aber zeitlich sehr ausgedehnter und in größter Haft zu leiftenden Arbeit.
Einen weiteren Beweis liefern die Arbeitsbedingungen In einem Berufe, der seit Jahrhunderten Betätigungsfeld von Frauen gewesen ist: in der Krantenpflege.
Die Krantenpflege gilt noch nicht allzulange als Beruf, der seinen Angehörigen Anspruch gibt auf ausreichende Bezahlung und auf Schutz der Arbeitskraft. Die Krankenpflege war ja der Beruf der Ordensschwestern und-brüder und der Frauen aus adligem Geschlecht, die aus irgendwelchen Grünben, meist weil Mittellosigkeit ein standesgemäßes Leben aus schloß, eine, wenn auch nur bescheidene Versorgung durch eine Arbeit erstrebten, die in ihren Kreisen nicht als entehrend galt. Noch heute stellen solche Frauen einen nicht unerheblichen Teil der in der Krantenpflege tätigen Berfonen. Die Mehrzahl aber bilden seit einer Reihe von Jahren Frauen und Männer, die die Krankenpflege als Beruf ausüben gegen Bezahlung, die ihnen und eventuell auch ihren Familien den Lebensunterhalt sichern soll.
Die Arbeitsbedingungen dieses Pflegepersonals werden natürlich start beeinflußt durch die Gewohnheit, bel dem übrigen Personal willenlose Unterordnung zu finden, die freilich durch eine Rücksichtnahme auf das Her tommen und den Namen eine Grenze fand. Infolgedessen ist es z. B. sehr schwer, eine solche Grenze für die Arbeitszeit des Krankenpflegepersonals zu finden, daß ausreichender Schuß gewährt ist. Die achtstündige Arbeitszeit, die nach der Revolution auch für das Kranfenpflegepersonal festgesetzt murbe, ließ sich nicht aufrechterhalten. Die Verordnung über die Arbeitszeit in Krantenpflegeanstalten vom 13. Februar 1
Weibliche Polizei.
Auf der ersten Polizeitechnischen Ausstellung in Karlsruhe im bescheidenen Kiost der Kölner weiblichen Polizei bestaunen: einige Juni vorigen Jahres fonnte man in der preußischen Halle einen Aufnahmen, einige maschinegeschriebenen Berichte und die weibliche Bolizeiuniform. In diesem Unscheinbaren versinnbildlichte sich aber die Grundlinie der neuzeitlichen Polizeientwicklung hin zur Huma nisierung, zur Umgestaltung in eine Vorbeugungs-, Schutz- und Wohlfahrtspolizei.
Es war tein Zufall, daß die erste weibliche Polizei in Deutsch land, ja, auf dem Kontinent überhaupt, in Köln entstanden ist und weiblichen Bolizei ähnelte: die fremdländische Besatzung Kölns und daß die ausgestellte Uniform auffallend derjenigen der englischen die durch fie bedingten Mißstände hatten die Verpflanzung der modernen Einrichtung der englischen weiblichen Polizei auf deutschen Boden notwendig gemacht gleich der amerikanischen zählt sie viele hundert Beamtinnen. Die jungen, gefunden, untätigen Sol daten und Offiziere mußten naturgemäß Verkehr mit den einhet mischen Frauen und Mädchen suchen. Sie fanden unter allen Schichten der Bevölkerung allzu geneigtes Ohr: die entsittlichende Wirkung des Krieges, der Hunger nach dem großen" oder kleinen ungewollte Rupplerdienstean Leib und Seele aller Altersstufen. Erleben", die Not, besonders in der Inflationszelt, taten hier Aber auch die männlichen Partner hatten für ihre Verführerrolle schwer zu büßen: die Zahl der Geschlechtskrankheiten unter den Mannschaften nahm erschreckende Dimensionen an.
Die Befagungsbehörden verfuchten mit drakonischen Maßnahmen dreinzuschlagen, um dem llebel abzuhelfen; laut einer Frauen einfach festgenommen werden. Die Folge war, daß Un Ordonnanz sollten von mun an herumlungernde Mädchen und schuldige im wahrsten Sinne des Wortes mit wirklichen Prosti tuierten nachtsüber die Haft teilen mußten. Der Zustand wurde unhaltbar, Rettung fam von ben englischen Frauen. Eine von ihnen, Mrs. Corbett Ashby, wurde während ihres Besuches