Frauenstimme
Nr. 19+ 44.Jahrgang
Beilage zum Vorwärts
15. September 1927
Jugend im Arbeitsjoch.
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Sicherlich, wer mit kritischen Augen durch diese Ausstellung„ Das junge Deutschland" geht, findet genug der Gegensätze. Wo das Strenge mit dem Barten", wo, des 3wedes halber, Arbeiterjugend und Luisen- Orden sich in einer Ausstellung zusammenfinden, da gibt es fein einheit liches Bild. Und trotzdem sind hier Wahrheiten und Dinge verkündet, die faut genug von der Not, von der wirklichen Not unserer arbeitenden Jugend reden. Aber das sind Statistiken und Tabellen, und wenn diese Tabellen auch farbig aufgemacht sind, die Mehrzahl der Besucher( und Besucherinnen) bewundert doch lieber die sauberen, in Kursen oder Freizeit gefertigten Maschinenmodelle, oder die nach ältestem Kränzchen". geist muffelnden Handarbeiten, als daß sie sich gar zu lange bei den trockenen Zahlen" aufhält. Aber diese trockenen Zahlen umspannen eine so große Fülle von Jugendnot, daß doch noch einmal davon die Rede sein soll.
Von den Jugendlichen arbeitet rund ein Drittel län. ger als acht Stunden täglich! Und 8 Proz. arbeiten fogar zehn Stunden und darüber. Wohlgemerkt, das ist die sogenannte reine Arbeitszeit". Eine andere Statistik, in der, wie es ja eigentlich richtig ist, Berufsschule, Aufräumungsarbeiten, Ueberstunden mit der Arbeitszeit zusammengezogen find, ergab in den Großstädten sogar eine Durchschnittsarbeitszeit von zehn Stun den 35 Minuten. Das sind nur die Statistiken über die Arbeits
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| so hat fast ein Viertel( 23 Proz.) aller Jugendlichen keinen, gar feinen Urlaub mehr! Keinen Urlaub mehr, nicht einen Tag! Und wenn der Bierzehnjährige seinen kleinen Bruder" in die Ferienkolonie reisen sieht, in die gleiche Kolonie vielleicht, deren Gast er selber vor zwei Jahren noch für vier warme, glückliche Sommerwochen war: Wer wollte es ihm verübeln, wenn er mageren Trost darin sucht, für ihn, als dem Großen" gälten jetzt andere Vergnügungen, Vergnügungen, die weniger Zeit Denn: Irgendwie
fosten
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will die Jugend abenteuern und entdecken, und ist ihr die grüne Ferne mit kapitalistischen Bret tern vernagelt, dann sucht sie- wie oft das Abenteuer hinter der roten Laterne. Ach, es ist schade, daß anscheinend die besagten Belange" diese eine Statistik in einen engen, fleinen Nebenraum verbannt haben.
Es famen auf 1000 männ liche geschlechtskranke Personen im Alter von vor dem Kriege aber 1926 18 Jahren.
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Die Statistit der geschlechtskran fen weiblichen Jugendlichen sieht ähnlich aus. Und im Nebenraum hängt die Statistik über den anderen Würger, über die Tuberkulose. Gewiß ist die Tuberkulosesterblichkeit im ganzen zurückgegangen, aber noch steht über ½( 34% Proz.) aller derer, die den weißen Tod" sterben, im Alter von 15 bis 20 Jahren! Diese Zahl muß mit den Zahlen über die Arbeits
Denn sicher ist der schroffe Uebergang von der Ferienseligkeit des Schulkindes zu dem arbeitsüberbürdeten Leben des jungen Arbeiters schuld an einer Anzahl dieser Todesfälle.
zeit. Und man bedenke: Nicht nur Siebzehn- und Achtzehn-| zeit und den fehlenden Urlaub zusammengehalten werden. jährige find es, hierin sind alle enthalten, die Kleinen, die Stepptes", die Stifte"- sie, die gestern noch die Schulbant drückten und die, von heute auf morgen, nun zu den ,, Großen" gezählt werden. Das sind die Kindertragödien der Armut, und faum einer von all denen, die über die gestellten Kindertragödien" im Film Tränen der Rührung vergießen, hat einen Blick für fie: Für den Lehrling im Kolonialwarengeschäft, den Dreiläsehoch mit den roten Händen, der so krampfhaft höflich im Laden auf dem Sprunge steht und der auf dem Liefergang so sehnsüchtig- sachverständig den Fußballern" zuguckt oder für die drei Freunde, die sich in jeder Effenspause im nahen Park zusammenfinden, um die großartigsten Pläne für den Sonntag zu schmieden.
Aber jeder siebente Jugendliche fast hat Sonntagsarbeit zu leisten, und was bleibt ihm dann, besonders, wenn er in der Großstadt wohnt, noch an Zeit für den Naturgenuß übrig! Ja, so ist es: Wieviele von den Jungen und Mädeln, denen die Schule als enger, lästiger Pferch erschien, begreifen erst in ihrer Lehrzeit", daß die Schule ein Garten, ein Garten Eden war gegen das, was da draußen auf sie wartete. Haben unsere Schulkinder alle noch reichlich Ferien,
Die Jugend fordert darum für den jugendlichen Arbeiter. von 14-16 Jahren drei Wochen, den 16-18jährigen zwei Wochen Urlaub. Die Herren der Industrie aber wollen dem Lehrling im ersten Jahr 12, im zweiten 9, im dritten 6 und im vierten 3 Tage Urlaub zubilligen! Das erinnert an die Geschichte, in der man dem armen Hund den Schwanz stückweise abschnitt, um ihm nicht so wehe zu tun...
Und noch eine andere Statistik unterstützt die Forderung der Jugend. Groß schreien es die schwarzen Buchstaben von der Wand:
Jeder fünfte Jugendliche hat kein eigenes Beff! Jeder sechzehnte schläft mit Fremden in einem Zimmer, jeder 3weihundertste schläft mit Fremden in einem Bett!
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Aber diese Statistik ist zu rosig. Denn es sind hier ja nicht lediglich die Verhältnisse des Proletariats zugrunde gelegt. Und ein anderes: Wer weiß, wie diese Wohnungen, wie diese Betten" aussehen?! Da schläft z. B. ein kleines Mädel in einem Bett mit der Mutter, und die Mutter leidet