Oer politische Küchenzettel.
Was hat der Küchenzettel mit Politik zu tun. mag manche Hausfrau erstaunt fragen, und doch weiß sie, alle Lebensmittel sind schrecklich teuer, nie will das Wirtschaftsgeld reichen. Was bleibt da übrig als sich noch mehr einzuschränken? Und die sorgenvolle Hausfrau de» flinnt nachzudenken, bei welchen Ausgaben noch etwas zu paren wäre. Aber wo? Sie kaust jetzt schon nur das Not» wendigste und seufzend kommt sie zu dem Resultat, an Brot und Kartoffeln, Milch und Marga- rine— Butter gibt es ohnedies kaum — wie erst recht an Fleisch, ist der Verbrauch schon an der untersten Grenze angekommen. Kein Ausweg aus dieser Not will sich ihr zeigen. Da fällt ihr ein, wie wäre es, wenn man das Zeltungsabonnenient auf- gäbet Bater nimmt seine Zeitung zwar gerne früh mit, aber dem borgen die Kollegen im Betrieb sicher mal ihr Blatt, und sie selbst könnte bei der Nachbarin fragen, ob sie ab und zu, wenn sie gerade mal ein halbes Stündchen Zeit hat, in deren Zeitung hineinblicken dürfe. Gleich geht sie hin, den eben ge» faßten Beschluß auszuführen. Die Nachbarin ist gerne bereit, ihre Bitte zu erfüllen,„aber", sagt sie,„w i r lesen eine fozialdemokra- tische Zeitung, denn nur durch sie erfahren die Arbeiter die Wahr- hett, warum alles io viel kostet." Zö- aernd zwar, aber nicht„nein" zu sagen sich getrauend, zieht sie mit der Zeitung ab und begibt sich ans Lesen. Sonderbar! Alles was da gedruckt stand, schien wie für sie gesagt. Zum ersten Male erfuhr sie etwas von dem Zusammenhang ihres eigenen kleine» Haushaltes mit der„großen" Politik, die da im Deutschen Reichstage gemacht wurde, von dessen Aufgaben und Bedeutung sie sich noch nie ein rechtes Bild hatte machen können. Wie Schuppen fiel es ihr von den Augen! Da gab es Parteien, die Brot. Fleisch, Obst und Gemüse und noch vieles andere verteuerten durch Zölle, über deren Sinn und Zweck sie angestrengt nachzudenken begann. Aber zu vieles blieb ihr unklar; doch weil die Sache sie sehr interessierte, begann sie mit der Nachbarin sich darüber zu unterhalten. Die konnte ihr gar manche Aufklärung geben, denn sie und ihr Mann waren seit vielen Iahren Mitglieder der sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaft, deren Versammlungen sie auch eifrig besuchten. Und eines Abends gingen sie und ihr Mann mit den zu Freunden gewordenen Nachbarn in eine Versammlung, in der ein Sozialdemokrat über„Zölle" sprach. Und nun erfuhr unsere junge Frau folgendes: Was sind Zölle? Zölle silld Abgaben an die Staatskasse, die auf dte Einstchr von Waren erhoben werden. Sie verteuern alle Waren, sowohl die im Inland erzeugten, wie die vom Aus- land kommenden. Kostet ein Zentner Weizen im Ausland
10 Mark und bei der Einfuhr nach Deutschland 1 Mark Zoll, so steigt der Preis für den inländischen Weizen aus 11 Mark je Zentner, auch wenn seine Erzeugungskosten sehr viel weniger betragen. Und der ganze Unterschied zwischen den tatsächlichen Kosten und dem Verkaufspreis, der be- stimmt wird vom Weltmarktpreis und der im Inland sich erhöht um den Zollzuschlag, fließt in die Taschen der ge- treidebauenden Großgrundbesitzer. Für die Verbraucher aberwirddurch diese nZoit- wucher das Brot ungeheuer verteuert. Die Einnahmen aus Zöllen betrugen im Jahre 356 Millionen Mark: 1S27 stiegen sie auf das Vierfache, auf 1255 Millionen Mark. Davon enl» fielen auf die Schutzzölle der u n e n t- b e h r l i ch st e n L e b e n s in i t t e l fast 25 v. Hunderl.— Was unsere lieben Großgrundbesitzer dabei ge- wonnen haben, wissen wir leider nicht. aber ganz gewiß noch sehr viel mehr als die oben genannte Summe. Nicht inbegriffen sind hier die Zoll- abgaben aus Apfelsinen und auch nicht auf das Lieblingsg»tränk der meisten Frauen— auf Kaffee. Die W rkung der Zölle. Die Verteuerung der Lebensmittel durch die Zölle beträgt z. B. ini Großhandel, be- rechnet für eins Arbeiterfamilie, die aus Mann, Frau und zwei Kin- dern unter 14 Jahren besteht: für Brot, Mehl. Nährmittel....... 4S.23 M. . Kartoffeln............ li.5l,. . Fleisch und Fleischwaren....... 35,50„ . Speisefette. Butter. Milch. Eier..... 27,00, » Zucker.............. 0.50„ . Kaffee, Kakao, Kaffee-Ersatz...... 10,00, , Verschiedenes, Gemüse, Dörrobst..s>eri»ge. 14,05„ Zusammen rund... 150.— M. Hinzu kommt noch der handelsübliche Gewinn im Klein- handelsvertauf. so daß sich die Z o l t b e i a st u n g erhöht auf rund 182 Mark. Die Gesamtansgaben für den Lsbensmittelbedarf des Arbeiterhaushaltes betragen etwa 1500 Mark jährlich. Jede Hausfrau, di e 100 M a r k für den Einkauf von Nah- rungsmitteln ausgibt, zahlt gleichzeitig 12 M a r k f ü r Lebensmittelzölle. Früher kosteten in Berlin zwei Schrippen 5 Pfennige und wogen 50 Gramm.— Heute kostet jede infolge des Ge- treibe- und Mehlzolles 3 Pfennige und wiegt sehr viel weniger. Die Hausfrau sollte sich der kleinen Mühe unterziehen, sie nachzuwiegen, damit sie auch weiß, wie wenig sie für teures Geld erhält. Das gilt natürlich genau so für Preis und Gewicht des Broles. Zkurz vor der Auf- lösuug des Reichstages hat feine gewinnsüchtige Mehrheit auch noch die zollfreie Einfuhr des billigen Gefrierfleisches gekürzt von 120 000 auf 50 000