Frauenstimme
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Nr.16 45.Jahrgang
Beilage zum Vorwärts
2. August 1928
Die Berlinerin in Wirtschaft und politit.
Die Bedeutung der arbeitenden Frau für das Wirtschaftsleben Berlins wird im allgemeinen unterschäßt. Unge fähr drei Fünftel der in Berlin geleisteten Arbeit wird von Männern verrichtet, zwei Fünftel aller Berliner Erwerbsarbeit ist das Wert von Frauenhänden. Rund 800 000 Frauen sind in Berlin hauptberuflich erwerbstätig, davon der weitaus größte Teil in Industrie, Handel und Verkehr. Für die industrielle Frauenarbeit und zum großen Teil auch für die Tätigkeit der Frauen in den Verwaltungen läßt sich die Behauptung aufstellen, daß den Frauen mehr untergeordnete Arbeitsleistungen zugewiesen werden, während den Männern die schwierigeren Arbeiten vorbehalten bleiben. Für die anderen Erwerbs. zweige gilt das nicht, oder nur in ganz beschränktem Maße.
Aber auch für Industrie und Berwaltung ist diese Behauptung längst nicht mehr so richtig wie etwa vor zwei Jahrzehnten. Die während des Krieges gesammelten Erfahrun gen mit weiblichen Arbeitskräften veranlassen immer mehr Unternehmungen dazu, Frauen zur Leistung Don Qualitätsar. beiten heranzuziehen. Die in Berlin besonders starte Metallindustrie sowie die feinmechanische und die elektrotechnische Industrie beschäftigen heute ungleich mehr Frauen als vor dem Strieg und ein großer Teil dieser Frauen sind qualifizierte Arbeitskräfte. Auch in den Verwaltungen sind die Frauen nicht mehr so unbedingt wie früher Don höheren Beamtenstellungen ausgeschlossen, wenn freilich auch
und Pflege des wichtigsten Teiles im Produktionsprozeßder menschlichen Arbeitskraft- liegt in ihrer Hand. Die Hausfrauen bestimmen über die Verwendung des größten Teiles des Arbeitsverdienstes der Berliner Bevölkerung. Nimmt man an, daß eine Hausfrau im Durchschnitt etwa 20 Mt. in der Woche ausgibt, so kann man ermessen, welch starken Einfluß die Berliner Hausfrauen mit ihren 20 Millionen Mark wöchentlich auf die Gestaltung von Produktion und Handel ausüben.
SONNTAG
Der Städte Qualm, des Alltags Leid Und graue Sorgen find fo weit Mir glückleligem Sonntagskind. Der Himmel strahlt wie taufend Sonnen Und gießet Glanz aus feinen Bronnen, Die flüffigwarm und golden find.
Die Wielen find in Licht getaucht, Der Blumen bunte Anmut haucht Ein düftereiches Meer. Verzückte Falter baden Sich drin und Kelche laden Sie füß und honigschwer.
Ich geh durch Duft und Schmeicheln Und meine Augen ftreicheln Der Birken zartes Grün. Ich fühle mich zerfließen In Bäume, Felder, Wielen Und weißer Hecken Blühn.
Noch bedeutungsvoller ist die erzieherische und pflegerische Arbeit, die von den Frauen an der tommenden Generation verrichtet wird. Gerade wir Sozialisten, die wir uns zusammengeschlossen haben, um Zeiten herbeizuführen, in deren Mittelpunkt nicht mehr das Geld, sondern der Mensch steht, gerade wir, die wir eine möglichst freie und glüd liche Entfaltung aller Menschen er. streben, wir fönnen die Arbeit der Frauen und Mütter nicht hoch genug einschätzen.
Das soll nicht heißen, daß alle Kritit schweigen sollte. Gewiß fönnte manche Frauenarbeit im Haus anders und besser geleistet werden als heute. Es könnten vor allem sehr oft günstigere Resultate mit viel weniger Arbeit erzielt wer den. Hier vollzieht sich bereits eine starke Wandlung zum Besseren. Die in rationeller Berufs arbeit geschulte Hausfrau unserer Zeit gestaltet auch ihre häuslichen Arbeiten um. In einer Großstadt wie Berlin vollzieht sich dieser Prozeß offenbar viel rascher als in
gerade hier besonders viele Vorurteile der Entfaltung weib| einem Milieu, in dem die Vergleichsmöglichkeiten längst nicht licher Arbeitskräfte hemmend im Wege stehen.
Ein Ueberblick über die Bedeutung der Frauenarbeit für das Wirtschaftsleben Berlins wäre aber nur sehr unvollfom men, wenn er sich auf die Erwerbsarbeit der Frauen beschränkte. So bedeutungsvoll die berufliche Arbeitsleistung ist, die von den Frauen an der Seite ihrer männlichen Arbeitskollegen verrichtet wird, so wenig darf sie uns zu einer Unterschätzung der Wichtigkeit der Hausfrauen arbeit für das Wirtschaftsleben veranlassen.
In Berlin gibt es schäzungsweise 300 000 Frauen( die genauen Zahlen sind noch nicht veröffentlicht), die neben ihrer Erwerbsarbeit noch einen Haushalt zu versorgen haben. Dazu kommen rund 750 000 Frauen, die ausschließlich in ihrem Haushalt tätig sind oder höchstens eine nebenberufliche Erwerbsarbeit verrichten. Außerdem sind in Berlin 128 000 Hausangestellte tätig. Selbst wenn man annimmt, daß diese Hausangestellten wieder einem Teil der Hausfrauen ihre Arbeitslast ganz oder teilweise abnehmen, dann bleiben immer noch wesentlich mehr als eine Million Frauen, die einen Haushalt zu führen haben.
Diese Million Hausfrauen sind von ganz entscheidendem Einfluß auf das Berliner Wirtschaftsleben. Die Erhaltung
sc groß sind.
In starter Wechselwirkung mit der Umgestaltung des Haushaltes und mit der zunehmenden Frauenerwerbsarbeit steht das wachsende Interesse der Frauen an öffentlichen Angelegenheiten. Auch hierfür ist Berlin mit seinen großen Massen der einander unbekannten Versammlungsbesucher ein besonders günstiger Boden. Es fehlen hier eine ganze Anzahl Hemmungen, die in einer fleineren Stadt der politischen Betätigung der Frauen im Wege stehen. Frauen in großer Zahl sind daher in allen öffentlichen Versammlungen eine so selbstverständliche Erscheinung, daß wir uns kaum mehr der Zeit erinnern fönnen, wo nur ganz wenig Frauen den Mut aufbrachten und es gehörte damals Mut dazu größere politische Versammlungen zu besuchen. Und doch sind erst zwei oder drei Jahrzehnte seit jener Zeit vergangen. Auch als Wählerin hat die Berlinerin durchaus gezeigt. daß sie politisch zu urteilen versteht. Es haben sich zwar eine ganze Masse Frauen auch an den letzten Wahlen nicht beteiligt und viel zu viele haben deutschnational gewählt.( Die gleiche Rechnung fönnte man allerdings auch den Männern vorhalten.) Bedeutungsvoller aber ist die Tatsache, daß 53,1 Proz. aller in Berlin für die Sozialdemokratie ab
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