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Frauenstimme

Nr.20 46. Jahrgang

Beilage zum Vorwärts

10. Oftober 1929

So ist die neue Frau!

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Die politische Alltagsarbeit der Frauenbewegung teilt sich auf in viele Einzelheiten. Hier eine Neuerung, dort eine Gefeßesänderung, dort ein Ringen um freiere Geisteshaltung, dort eine Reform auf diesem, dort eine auf jenem Gebiet, faum weiß man oft noch das Gemeinsame, aus dem aller Kampf entspringt und in das alles Ringen finnvoll einmündet, sich im geformten Bilde festzuhalten. Einzelarbeit, so nüßlich und unentbehrlich sie ist, soll aber niemals zum Selbstzwed entarten, soll sich niemals aus der lebendigen Ganzheit lösen, um in unfruchtbarer Scheinlebendigkeit zu erstarren. Dann alle jene Teilprobleme, um die wir ringen: Berufsarbeit der Frau, Haushaltrationalisierung, Che- und Seruatreform, Geburten regelung, Anteilnahme der Frau an Geistes und Körperkultur ihrer Zeit, Kleidungsreform usw. usw., sie sind uns erst sinnvoll in der Bezogenheit auf ihr Ziel, und das ist der Typ der neuen Form. Es ist nüßlich und erfrischend, wenn neben den mannigfchen Werken über die so verschiebenartigen Teilprovinzen ihres Lebens­und Herrschaftsbereiches auch einmal ein Buch über die neue Frau selbst erscheint, der all dieses Bemühen, an dem sie selber gestattend mitwirkt, legten Endes gilt. Dr. Elsa Herrmann hat mit ihrem im Avalaun- Verlag erschienenen Büchlein: So ist die neue Frau" diesen Versuch unternommen. Und er ist ihr geglückt. Sie gibt ein Bild der neuen Frau, nicht mit der schweren, vielfach und sorg­fältig gemischten Pinselführung eines tüfteligen Delgemäldes, sondern sie umreißt es wie eine schmissig hingeworfene Stizze mit Scharfen, energischen, temperamentvollen Strichen. Für uns Sozialistinnen ist der Inhalt der zwölf knappen Kapitel alles Selbstverstänblitheit; aber wie diese Selbstverständlich feiten in geschliffener Sprache und gutfizenden Formulierungen von einer gescheiten Frau aneinandergereiht werden, ergeben sie dech wieder etwas ausbrucksvoll Neues, das zu lesen sich wohl lohnt.

Durchaus im Sinne der Sozialisten sieht Dr. Herrmann den Ausgangspunkt und soziologischen Untergrund für die Wesens wandlung der Frau in Industrialisierung und Berufsacbeit. Trch unerhörter Wandlung der äußeren Lebensformen aber existieren, wie auf allen anderen Gebieten auch,

die alten Wertmaßstäbe in der Tradition

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feitigere Hausarbeit vorziehen( übrigens auch meist nur eine Belf lang), ist für Dr. Herrmann eine schwere Antlage gegen unsere Wirt­schaftssystem, die man aber, da sie doch auch für die Männer gift, nicht lösen kann durch ihre Herausziehung der Frau aus dem Wirt­schaftsleben. Auf die der Dame erwiesenen fleinen Ritterlichtelfen, auf das Platzmachen in Verkehrsmitteln und die Bezahlung einer gemeinsamen Beche allein durch den Mann verzichtet sie gern und fordert Kameradschaftlichkeit und Verständnis für ihre Probleme, Am bedeutsamsten ist der Wandel, den sie in den sexuellen Moral anschauungen hervorgebracht hat, indem sie an die Stelle der schänd lichen doppelten Moral

die Gleichheit einer sittlichen Verantwortung für beide Ge­

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schlechter

gesetzt hat. Es ist nicht die neue Frau, sondern das zur Dame ge­züchtete Weibchen, das die neue Freiheit als Hemmungslosigkeit miß­versteht: die neue Frau ist durch den selbsterlebten Ernst des Lebens und die harten Anforderungen der Selbstbehauptung im Beruf gar nicht in der Lage, die Erotit in den Mittelpunkt ihres geistig start bewegten Lebens zu stellen. In mehreren Kaptein wird bann die Stellung der neuen Frau zu ihrer Umwelt, insbe sondere zu ihrem Mann, ihren Kindern und Eltern untersucht. Recht treffend wird die Tragit des heute gegenüber dem Valer- Sohn­Konflikt viel aktuelleren Mutter- Tochter- Konflittes herausgearbeitet. Für das Verhältnis zum Manne wird durch Eingehen auf alle Ein­wände überzeugend nachgewiesen, daß die berufstätige, von eigenen geistigen Leben und eigenen Interessen erfüllte neue Frau, bie nötigenfalls auch einmal den Unterhalt der Familie allein auf sich nehmen kann, auf alle Fälle aber dem Mann wirtschaftliche Stüße ist, die viel idealere Lebensgefährtin ist als die Frau alten Stils,- allerdings bleibt sie oft genug einsam, weil es den entsprechend anspruchsvollen und großzügigen neuen Mann" als Typ noch nicht gibt. Am bedeutsamsten sind wohl die Ausführungen Dr. Herrmanns über die neue Frau als Mutter. Sie verweist auf die zunehmende Bergesellschaftung der Kindererziehung durch Kinderhorte, Schulen, die als richtige Lebens und Heimstätten, eingerichtet werden. Sport und Jugendbewegung. Das Kind und der Jugendliche, die durch eine Mutter alten Stifs gar zu individuell" erzogen werden, haben es gegenüber den genormten" Kindern der Gemeinschaftserziehung

noch eine Zeitlang weiter. Auch heute noch sind, zumal in der Pro­vinz, die alten Idealtypen des Weiblichen noch lebendig: die D a me und die Hausfrau, jene aufgehend in gesellschaftlichen Berim späteren Leben unendlich viel schwerer. Die Einflußnahme ber pflichtungen, sorgfältiger Pflege ihres Körpers und oberflächlicher Pflege ihres Geistes, diese die geringe Werte schaffende und die Zeit und Arbeitstraft längst nicht mehr voll in Anspruch nehmende Haus arbeit in selbstgefälliger Bielgeschäftigteit zum einzigen Lebensinhalt machend. Dame und Hausfrau aber haben bei aller Verschiedenheit des Lebensstils miteinander gemein, daß ihr Leben sich

unfer materiellem Schuh, aber auch unter lebenslänglicher Ab­hängigkeit

Mutter soll sich im richtig verstandenen Interesse der Kinder bes schränken auf verständnisvolles Eingreifen bei Konflikten und Schwierigkeiten und das Vorbild eines tätigen, lebensfrohen Menschen.

Für die Verteidigung des Rechtes ber verheirateten Frau auf Berufsarbeit, für Gleichheit der Bezahlung und die Ausfüllung führender Stellungen in Wirtschaft und Verwaltung durch die Frau und für die Abschaffung der degradierenden Titulation Fräu lein" für jede berufstätige Frau, findet Dr. Herrmann treffende Argumente. Sie weist auf jenen eigenartigen Zustand hin, baß in Sen besseren Kreisen" die gesellschaftliche Einrangierung einer Frau auf Grund der Wertmaßstäbe von ehemals, ausgehend von der ge

abspielt, daß alle ihr Repräsentieren oder Arbeiten nicht bem Ich und der Gegenwart, sondern der Familie und der Zukunft gilt. Ist das Lebensziel erreicht, ble Familie materiell gesichert, der Mann arriviert, die Kinder untergebracht, dann seht rasch der Bersellschaftlichen Schätzung des Krankenschwesternberufes, nicht nach fall des Alters ein. Denn der Mensch hat ja nie aus eigener Substanz gelebt, Das wesentlichste Merkmal der neuen Frau aber ist ihr Leben für sich, für die Gegenwart und für selbstgewählte Ziele. Berufsarbeit ist unzertrennlich von ihr, und ble Hausarbeit, obwohl geschickt und praktisch bewältigt, ist ihr nicht Ausbrucksformi für eine höchst nebelhafte, willkürlich bestimmte weibliche Wesens art". Daß Frauen aus besonders mechanischen Berufen die viel

ihrer Berufs, sondern nach ihrer Familienzugehörigkeit erfolgt. Bei den fließenden Grenzen und dem Uebergangscharakter unserer Bett sieht sie hier sich die Möglichkeit anbahnen, die Berufswahl überhaupt, auch die des Mannes, nach dem Gesichtspunkt der Neigung und Eignung und nicht mehr nach den der Kasten und Klaffenzugehörigkeit zu vollziehen. Sie teilt ber Frau die hohe Mission zu, die Korruption unseres öffentlichen Lebens durch ihre