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Frauenstimme

Nr.10-47. Jahrgang

Beilage zum Vorwärts

8. Mai 1930

Ein schwerer Fall in der Beratung.

Unsere Beratung bekam ein achtjähriges Mädelchen zugeschickt mit der Mittellung, daß dieses Kind Angriffe auf andere Kinder und auch auf Erwachsene verübt habe. Das Entsetzen der Ange­hörigen war begreiflicherweise sehr groß und das Kind stand durch­aus unter diesem Eindruck und befand sich im Zustand tiefster Verschrecktheit, was es durch besonderen Trozz zu überwinden trachtete. Sein erstes Auftreten bel uns sah wirklich bedrohlich aus, es gab Angriffe auf allen Linien, gegen Menschen und Gegenstände gleichermaßen. Tische und Stühle wurden umgeworfen, eine Schale mit Zuckerwert mit beiden hohlen Händen ihres gesamten Inhaltes auf einmal beraubt, die Süßigkeiten in wildester Gier alle zugleich in den Mund gestopft usw. Dabei schrie und lärmte das Kind unaufhörlich, zeigte aber feineswegs den zu solchem Tun passenden Gesichtsausbruck wilder Unternehmungsluft, sondern blickte scheu, gewissermaßen nur aus einem Winkel her nach mir, als ob es fragen wollte: genügt das oder muß ich noch mehr losgehen? Ich verhielt mich vollkommen passiv und wartete ab. Dieses

ungewohnte Berhalten eines Erwachsenen, der nicht schilf, den Lärm nicht überschreit um Ruhe herzustellen, feine Strafen androht,

hatte die selbstverständliche Wirkung, daß das Kind in seiner Mei­nung, es habe noch nicht genug geleistet, bestärkt wurde und nun auf mich selbst losging. Es letterte auf mich hinaus, suchte mich umzuwerfen und nun traten auch die seguellen Attacken" auf, es zwickte und versuchte den Kleiderausschnitt wegzuziehen und hinein zublicken usw. Das Repertoire war vollständig: burch mein zue warten hatte ich das Kind dazu verführt, mir alle Kunststücke zugleich vorzuführen. Dadurch hatte ich zweierlei erreicht. Erstens war es müde und darum eher geneigt, auf neuer Basis zu verhandeln, und zweitens hatte ich mir einen Ueberblick über seine Absichten verschafft. Tatsächlich schlug es nun selbst vor, zu spielen, wobei aber seine Vorschläge über die vorzunehmenden Spiele allerdings noch immer in Arm- und Beinausreißen" bestanden. Damit endete unsere erste Stunt Gesprochen wurde dabei nur fehr wenig. Trotzdem durfte der geübte Beobachter schon ver­muten, daß dies einer jener Fälle war, die gerade aus prole tarischen Kreisen so häufig an unsere Beratungen kommen.

Die Klagen beziehen sich meistens auf Onanie, startbetonte und betätigte feruelle Neugier, in traffen vereinzelten Fällen auf feruelle Berwahrlosung. Bei allen diesen Beratungen fonnte nachge­wiesen werden, daß diese Störungen niemals allein für sich, sondern

immer in Verbindung mit anderen Kinderfehlern auftraten, daß aber die Erwachsenen gerade diesen Symtomen ein weit größeres Augenmert zu wendeten, als allen anderen Schwierigkeiten, vermutlich weil sie selbst intensiver daran interessiert und nicht imstande sind, die für eine richtige jeguelle Erziehung nötige Unbefangenheit auf zubringen. Ihre Voreingenommenheit verleitet sie nun dazu, zwei schwere Erziehungsfehler zu begehen. Erstens allen Fragen der Sexualität, die in ihren Augen noch immer eine eigene unabhängige Macht ist, sorgfältig aus dem Wege zu gehen, sie in ein geheimnis volles Dunkel hüllend, das des Kindes Neugierde erst recht reizt und zweitens das Kind mit einer unwahren Antwort abzuspeisen, wenn es aus eigenem Antrieb fragt. Auf diese Art fügen sie dem Kinde doppelten Schaden zu. Dazu temmt noch, daß Eltern und Erzieher, die bei der seruellen Borbereitung des Kindes versagen, gewöhnlich auch auf anderen Gebieten nicht gerade Hervorragendes leisten und darum darf man bei jedem seguel1 schlecht angeleiteten Kinde ruhig eine Reihe anderer Kinderunarten erwarten, bei dieser Rechnung irrt man

nie. Der weitere Berlauf der Behandlung dieses Kindes bestätigte den ersten Eindruck vollauf.

Das Kind stand in hellem Profeft gegen seine gesamte Umgebung. Es hatte niemanden, auf den es sich verlassen fonnte, niemanden, ber es halbwegs richtig behandelte, bazu die denkbar schlechteste Familienfituation. Es war das ältere von zwei Geschwistern, un­schön, unfreundlich, das jüngere war bilbhübsch und dem Wesen nach der typische Herzensfänger", wie es auch von der Familie genannt wurde, die es unaufhörlich gegen das ältere ausspielte; die Familenverhältnisse selbst durch Krankheit und private Schwierig feiten ziemlich zerrüttet. Es galt nun vor allem, das Vertrauen des Kindes zu gewinnen und sein Selbstvertrauen und seinen Lebens. mut zu heben. Auf diese Art beruhigte sich bas tind nach kurzer Zeit, wenn auch die selbstverständlichen Rückfälle pünktlich eintraten, was nicht anders zu erwarten war. Sie wiederholten mit photo­graphischer Treue das Bild der ersten Stunde; das Kind faßte sich selbst oder anderen unter den Rock, zwickte, versuchte sich anzu pressen, aber niemals traten diese Erscheinungen für sich allein auf, sie waren immer mit dem Versuch eines trogigen Angriffes ver­fnüpft, es warf zerbrechliche Gegenstände zu Boden, zerriß und be schädigte( schon zu diesem Zweck bereitgehaltene) Spielsachen usw. Es war klar, daß das Kind unangenehm sein wollte und dies natürlich auch auf ein Gebiet verlegte, dessen Bedeutung für die Erwachsenen es sehr genau fühlte, quf das feguelle Gebiet. Es batte durch den ständigen zu seinen Ungunsten geführten Bergleich mit der jüngeren Schwester daran

verzweifeln gelernt, fidh jemals angenehm machen zu fönnen wollte auch alle Zuckerin der Welt kaufen, damit für keinen etwas und suchte nun eben seine Geltung im Bereich des Gegenteils. Es übrig bleibt". Bei dieser Gelegenheit machte ich es in für ſein Leistung und Erfolg aufmerksam, worauf es erklärte, es wolle nie­Fassungsvermögen verständlicher Weise auf das Verhältnis zwischen. Leistung und Erfolg aufmerksam, worauf es erklärte, es wolle nie­mals etwas arbeiten, man müsse ihm alles schenken". Dieser Einstellung entsprach auch seine Leistung in der Schule. Eine Aus­scheidende Unterstützung durch die Schule; nach und nach behandelle sprache mit der einsichtsvollen Lehrerin ermöglichte die so ent­auch die Familie das Kind richtiger und so ging es in jeder Be­ziehung überraschend schnell vorwärts. Das sichtbare Zeichen der Besserung war die Tatsache, daß das Kind eine fleine Arbeit, die es schon öfter gemacht hatte( nachdem es sich zuerst strift geweigert hatte, dieses oder überhaupt irgend etwas zu tun), mit den sehr höflichen Worten niederlegte, es

,, bitte um eine Arbeit, bei der es sich mehr bemühen müsse". Buerst hielt ich das noch für Geltenwollen, aber die wirklich aus­dauernde Mühe, die das Kind an seine Leistung setzte, be­wies mir, daß ich ihm Unrecht getan hatte und daß ich wirklich dem ersten Erfolg gegenüberstand. Von da an ging es rasch auf­wärts, das Wesen des Kindes änderte sich von Grund auf, die Wild heit und Aufgeregtheit fieß nach, das ganze Benehmen, ja geradezu auch das Aeußere des Kindes wurde liebenswürdiger, die seguellen Angriffe" verschwanden vollständig. Das Kind lebt jetzt mit Haus und Schule im Frieden, die sexuelle Frühreife", wegen welcher das Kind an die Beratung fam, zeigte sich bisher nicht wieder.

Nicht nur dieser eine Fall, viele Dutzende ähnliche lehren uns, daß größte Vorsicht am Platz ist überall dort, wo anscheinend seguelle Störungen" vorliegen. Man hüte sich sorgjam davor, ein Kind damit zu stempeln, ehe man nicht sein soziales Milieu genau fennengelernt hat. Gar zu leicht treibt man sonst das Kind gerade in die Bahn, vor der man es behüten Sofie Lagersfeld- Wien . möchte.