Frauenstimme
Nr.11 47. Jabraang
Beilage zum Vorwärts
5. Juni 1930
Mehr Zeit für Parteiarbeit!
Gemeinschaft läßt sie gewinnen.
20 Stunden! Die technischen Erleichterungen sind für Einzelhaushalte nicht möglich.
Die Gleichberechtigung der Frau in politischen Leben ist for 1 maschinelle Einrichtung selbst bewältigen muß, braucht dazu 15 bis mell erreicht. Und doch fehlt es allenthalben an der aktiven Mitarbeit der Frau in der sozialistischen Bewegung. Nur wenige Frauen nehmen tatkräftig teil am polittschen Leben. Und immer und überall dieselben Gesichter, dieselben Menschen, die aufopfernd die Arbeit leiften.
Warum stehen taufende Frauen noch abseits? Ist es Mangel an politischer Einsicht, der sie nicht mitmarschieren läßt im fämpfenden Heer der Arbeit? Biele sind im Herzen längst mit uns verbunden. Kühlen sie doch ebenso stark den Druck des Kapitalismus wie die anderen, die sich bereits eingereiht haben in die Stampffront. Sie felden ebenso wie jene unter der Teuerung, unter Ausbeutung und Zurüdjehung.
Aber bei den Frauen genügt nicht allein die Bereitschaft zur Anteilnahme am politischen Leben. Die dreifache Arbeitsbelastung der Frau als Gattin, als Mutter und als Mitverdienerin läßt oft eine altive Mitarbeit in der Bewegung nicht zu. lleberlaftet und abgespannt, finden viele Frauen oft taum Zeit, sich auch nur durch Lesen der Zeitung politisch auf dem laufenden zu halten. Deshalb muß es unsere Aufgabe sein, der Frau mehr Freizeit zu ver. schaffen. Wesentliches fann in dieser Richtung durch Rationali fierung der Hausarbeit geschehen. Kindererziehung und Hausarbeit sind die Hauptbelastungen der Frauenkraft. Wie ist nun eine Rationalisierung möglich?
Grundprinzip ist die Gemeinschaft. Die Aufgaben des Einzelhaushalts müssen nach Möglichkeit von der Gemeinschaft übernommen werden. Das mag sehr utopisch flingen, der Gedanke ist aber zum Teil in einer Reihe großer städtischer Stedlungsbauten des roten Wien verwirklicht. 3war nicht bis zur letzten KonSequenz, aber man hat sich dort doch grundsätzlich zum Gemeinschaftsgedanken bekannt und gemeinsame maschinelle Baschtüchen, Gemeinschaftstinbergärten und-horte für die Siedlungsbauten eingerichtet.
Nur einzelne Siedlungsbauten entsprechen heute dem Prinzip der Gemeinschaft. Ein Einzelhaus tann außerhalb jeder Siedlungsgemeinschaft leicht zurückführen zu patriarchalish- Kleinbürgerlicher Einstellung:„ Mein" Häuschen, mein" Garten, bas ist alles, wofür die Besizer dann noch Interesse haben. An Stelle der Arbeitserleichterung ist eine vergrößerte, Arbeitsbelastung für die Frau eingetreten. Für das politische Leben sind die Frauen bann vielfach perloren.
Die ideale Gemeinschaftssiedlung.
Unser Ziel müßte eine Siedlungspolitit sein, die vom Gadanten der Gemeinschaft getragen wird. Das tönnen auch Einzelhäuser sein. Aber notwendig ist die gemeinsame Waschlüche, der gemeinsame Spielplag, der gemeinsame Kinderhort und Kindergarten.
Warum eine Gemeinschaftswaschküche zweckmäßiger ist, wird jede Frau ohne weiteres einsehen. So wird in den Wiener Wohnhöfen in der Gemeinschaftswaschtähe, die mit Waschmaschine, Bringmaschine und elektrischer Trockenvorrichtung ausgestattet ist, die Wäsche einer sechstöpfigen Familie von drei Wochen in vier Gtunben gewaschen, getrocknet und gerollt! Eine Frau, die diese Arbeit ohne
Ebenso ist es mit Zentralheizung in Proletarierwohnungen. Und wieviel Zeit, die die Frau mit Abftauben und Teppichklopfen vertut, könnte durch Staubsauge anlagen gespart werden! Heute Bessergestellten möglich, müßte das in. allen Kleinwohnungsneubauten mit bazu gehören.
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Bon einer Gemeinschaftstüche zu sprechen, gilt heute noch als gewagt. In diesem Punkt sind die Männer rückständiger als bie Frauen. Zu schlechte Erfahrungen haben uns die Striegs- und Volksküchen gebracht. Und doch wird auch dieser Gebante einst seine Verwirklichung erleben. Man braucht nur an die Ersparnis durch Großeinkauf zu denken, an die Entlastung der Frau, die nicht mehr den ganzen Vormittag in der Küche stehen maß, weil durch die Er sparnis beim Einkauf so viel erübrigt wird, daß davon Köchinnen befoldet werden können. Ja, das möchte manche Frau. Aber wie ist es mit dem persönlichen Geschmac? Sehr einfach. Man bekommt das Essen in die Wohnung und kann dies und das hinzu tun nach dem besonderen Geschmack.
Kein Mensch denkt heut mehr baran, sich selbst das Brot zu backen. Man fauft es im Konsum. Und mit vielen anderen Dingen ist es ebenso. Aber in einem Häuferblod, in dem 95 Familien wohnen, steden 95 Frauen morgens die Gasflamme an, fochen 95 Frauen Kaffee. 95mal muß Milch geholt, 95mal müssen Brötchen besorgt werden. Aber Gewohnheit ist der schlimmste Hemmschuh des Fortschritts, und deshalb wird es noch gute Weile haben, bis wir zur Gemeinschaftsküche kommen.
Uns fehlt nur Zeit.
Trotzdem müssen mir jetzt fchon versuchen, der Frau in der Hausarbeit Erleichterungen und 3eitersparnis zu verschaffen. Die Männer fönnen viel dabei mithelfen. Es gibt glücklicherweise auch schon eine ganze Anzahl Genossen, die ihren Frauen manche Beforgung und manche Handreidung abnehmen, um ihnen die Belt finden zu helfen, sich auch um das politische Leben zu fümmern. Es ist nun mal so, wie Richard Pehmet fagt:
Uns fehlt ja nichts, mein Weib, mein Kind, Um so fret zu sein, wie die Bögiein sind. Nur Zelt.
Die Frau leidet nicht nur unter der Unterdrückung durch bie fapitalistische Gesellschaft, wenn sie dem Proletariat angehört, fe leidet doppelt unter der Last des Haushalts, und das hemmi sielfach ihre politische. Betätigung, hindert, daß fle überhaupt von der potitischen Welle erfaßt wird.
Es ist also noch viel Arbeit zu leisten, um von der formellen Gleichberechtigung zur tatsächlichen, politischen Gleichberechtgung der Frau zu tommen. Biel Auffärungsarbeit ist noch burch zuführen, bei Frauen und Männern, damit die Frau aus ihrem Dalein als Arbeitstier im Haushalt zur gleichberechtigten Rampigenoffin in der sozialistischen Bewegung werden kann.
Irma Fechenbach.