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Frauenstimme

Rr.14-47. Jahrgang

Beilage zum Vorwärts

17. Juli 1930

Kinderrecht.

zur Gewährung einer angemessenen Aussteuer gezwungen hätte ( das waren alles gesetzliche Rechte des Kindes!), wäre für die ganze Verwandtschaft verrucht und verrufen gewesen. Das Kind aber, das wirkliche Kind war wehrlos, und diese Wehrlosigkeit war die Ursache unzähliger Kindertragödien, angefangen von den Kinder­selbstmorden bis zu den Mißhandlungsfällen, in denen es monate langer Trennung der Kinder von ihren Beinigern bedarf, bis die Opfer es wagen, ihre Quäler zu beschuldigen; ja, es ist jedem Für­forger bekannt, daß die mißhandelten Kinder aus Angst oftmals wahre Theaterszenen aufführen und ihre Beiniger füssen und streicheln, trotzdem sie erst furz vorher auf das grauenhafteste von ihnen mißhandelt wurden.

Das ist eine der häßlichsten Erinnerungen aus meiner Kinder| Bormundschaftsgerichts ersetzen wollte und den Bater durch Klage zeit: Bir hatten Familienfeft gefeiert, natürlich so, wie man eben Familienfeste feierte, mit einem ausgedehnten Familienkaffee­flatsch, der ohne sehr merkbare Pause glech in einen Dämmerschop­pen überging. Daß das zufällig mein eigener Geburtstag war, änderte an dem Programm nichts; die Geburtstage sahen bei uns alle gleich aus, bloß daß es bei Papa Pflaumenfuchen und bei mir Windbeutel zum Kaffee gab. Wenn die Jöhre" ihre Geschenke ,, weg hatte", war der Vorfall erledigt und der Tag gehörte den Erwachsenen. Ein paar Kinder einer Freundin meiner Mutter waren Zufallsgäste, die mir weber lieb noch besonders bekannt waren, Geschwister, die wie Pech und Schwefel" zusammenhielten und nun die gute Gelegenheit benutten, mich gleichsam aller meiner Spielsachen zu enteignen. Ganz tampilos aber wollte ich mir das nicht gefallen lassen, und so störte unser Zank bald die Gemütlichkeit der Erwachsenen, troßdem man uns schon in das abgelegene Schlaf­zimmer gebannt hatte. Krach gerade als wir anfangen wollten, uns mit harten Gegenständen zu schmeißen, sprang die Tür auf and mein Bapa hatte mich, ehe ich wußte, was er überhaupt wollte, am Wickel". Nach Schuld oder Unschuld wurde nicht gefragt; weil er die Besuchfinder" doch nicht mit Ragenföpfen regalieren fonnte und auch meine Heulerei nicht noch vergrößern wollte, fo hob er mich mit hartem Ruck hoch: Infame Göhre! Bist du end­lich stille! Ich werf dich aus dem Fenster!" Und damit riß er mich zu dem breiten Erferfenster und und schwenkte mich, als wollte er mich wirklich aus dem Fenster werfen.

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Das Mittel war probat? ich heulte nicht mehr. Aber das ver­zerrte Gesicht meines Vaters blieb mir lange im Gebächtnis; und heute weiß ich, daß diese und ähnliche Szenen wohl mehr zu der Entfremdung zwischen mir und meinen Eltern beigetragen haben, als es eine strenge, aber gerechte" Erziehung vermocht hätte. So denten wir mal zurüd lernten wir die Erwachsenen sehen, als eine Art von Halbgöttern, feinem irdischen Gesetz unterworfen, wenigftens nicht in bezug auf uns, bie Rinder, die nichtigsten Wesen der Welt. Und gar die Eltern! Denen gehörten wir eben, thr Wille war unser Gefeß, sie waren

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Richter und Bollsfreder zugleich,

und es gab für uns keine Instanz, an die wir uns hätten beschwerde führend wenden können. Das war das Gesetz der alten Zeit; fönnen wir sie wirklich ehrlich die ,, gute" nennen, wenn wir noch den Mut und die Fähigkeit haben, einmal an die vielen schweren Tage unserer Jugend zu denken?

Es war ja nicht nur so, solange wir fleine Kinder waren. Auch die großen Kinder spürten dieses Gesetz der Alten noch oft genug und fie unterwarfen sich ihm meist in abergläubijcher Scheu. Da faßen Berwandte auf einem Bauernhof, noch war der Vater der Besitzer, wenn auch die fünf Kinder alle Arbeit taten. Und als der Alte kindisch und frank am Geiste wurde, als er die harten Taler vom Viehverkauf aus dem Kleinstadtkaffee auf die Straße warf, weil sich dann die Leute so famos drum balgien, da wagten die Kinder doch nicht, ihn entmündigen zu lassen, dann hätte die ganze Verwandtschaft sie verfemt! Schulden und Hypotheken wuchsen über den Schornstein hinaus, und es war gut, daß der Alte doch noch starb, ehe der Hof versteigert wurde. Und dann haben die fünf Kinder ihre Jugend dran gegeben, den Hof wieder schuldenfrei zu arbeiten.

So war es. Selbst wenn dem Kinde das Gefeß zur Seite stand, durfte es nicht wagen, sich darauf zu berufen, es hatte den ganzen Rat der Alten" gegen sich. Und ein Mädel von 19 Jahren, das den Ehekonsens des Baters etwas durch die Einwilligung des

Die Kinder glaubten nicht, daß ihnen wirklich ein anderer helfen könne und wolle.

Denn von Geburt an wurden sie zu Sklaven erzogen.

heute. Davon können die Jugendberatungsstellen erzählen. Da­So war es und so ist es leider in vielen Familien auch noch heute. Davon können die Jugendberatungsstellen erzählen. Da­neben aber wächst eine neue Jugend heran, die sich freilich ganz und ungehemmt nur dann entfalten kann, wenn sie in der Wahl der Eltern einigermaßen vorsichtig gewesen ist". Denn was in ben ersten Lebensjahren eines Kindes verdorben wird, läßt sich nach­her auch durch eine freie Schulerziehung nicht so leicht wieder gut­

machen.

Bei unseren in Freiheit dreffierten Bilblingen tann bas Be wußtsein eigenen Rechts freilich manchmal ganz tomische Formen annehmen. Da wollte der Hansel neulich vom Balton sehen und der Papa hielt ihn an den Beinen fest, während sich der Schusterle weit über die Brüstung beugte. ,, Wenn ich aber jeht los laffe, fällst du runter und bist tot!" Damit wollte ihm der Bapa wohl nur die Gefährlichkeit des Herausbeugens flarmachen; aber er war recht erstaunt, als Hansel ihm darauf prompt erwiderte: Dann bist bu aber schuld und denn tommt die Polizei und sperrt dich ins Gefängnis, ja!" Das war in fondensiertester Form eine Vore lefung über Haftung und Haftpflicht der Eltern"! Und als wir ihm bei einer Meinungsverschiedenheit einmal drohten, ihn nicht mitzunehmen und ihn einfach einzuschließen, friegten wir zur Ant­wort: Das dürft Ihr aber nicht, denn is ja teiner da, der mir zu effen gibt! Und man darf seinen Jungen nich verhungern laffen denn schmeiß ich die Fenster faputt und schreie, denn kommt die Polizei und hilft mir!" Diese Hanselgeschichten haben eine gute Tante ganz fürchterlich empört, fie fand es furchtbar, daß der kleine Bengel uns so ohne weiteres mit der Polizei drohte, das wäre ja richtig eine verfehrte Welt! zu ihrer Zeit.

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Zu ihrer Zeit, ja, zu der Zeit, die auch unsere Kinderzeit war, da wurde uns oft genug damit gedroht ,:" Paß mal auf, wenn du nicht artig bist, dann rufe ich den Schuhmann und der nimmt dich mit zur Wache;" Und wir haben diese Drohung ernst genug genommen, der Schuhmann war ein blaues Schreckgespenst und die ganze Obrigkeit" war uns eine Verbindung der großen Leute, der gegenüber wir machtlos waren. Wenn das heute, wie Hansels Beispiel zeigt, anders geworden ist, noch längst nicht für alle Kinder, noch nicht für die ganze Jugend, aber doch für einen iminer größer werdenden Teil, fo sollten wir, die wir heute die großen Leute" sind, uns nur darüber freuen und alle diese Aeußerungen findlicher Selbständigkeit und findlichen Rechtsbewußtseins nicht als unbequeme Insubordination ansehen. Es ist ganz gut, daß in dem fünfjährigen Stöpsel, der sich auf den Schutz der Polizei beruft, wie in dem sechzehnjährigen Mädel, das sich, notfalls mit