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Frauenstimme

Rr.15 47. Jahrgang

Beilage zum Vorwärts

Glückliche Kinder.

,, Der Mutter, die als erste ein glückliches Kind erzieht", ist des Amerikaners Watson aufsehenerregendes Buch Psychische Erziehung im frühesten Kindes alter" gewidmet, das vor kurzem im Verlag Felix Meiner, Leipzig , in deutscher Uebersetzung erschienen ist, und das eine Anleitung sein soll zur richtigen psychischen Erziehung des Kleinkindes, die bisher viel mehr als die förperliche Pflege vernachlässigt worden ist. Die Anregungen und Anleitungen, ble uns hier gegeben werden, sind nicht willkürlich erdacht, fondern das Resultat experimenteller, auf vielfältiger Beobachtung beruhender Erfahrungen. Diese Erfahrungen wurden dadurch gewonnen, daß einem Entbindungsheim ein psychologisches Laboratorium angegliedert wurde, in dem

mehrere hundert Säuglinge von Geburt an täglich und stündlich beobachtet

und alle ihre Regungen und Reaktionsweisen aufgezeichnet wurden, um endlich eine Basis zu gewinnen, von der man ausgehen fann, junge Menschen zu formen; wird doch ein Kind mit seinen Anlagen nicht geboren, son­dern geformt". Daher liegt die Schuld bei den Müttern, wenn fie fein glückliches Kind zu erziehen vermögen. Denn bas Elternſein ist weit davon entfernt, eine angeborene Kunst zu sein, ist vielmehr eine Wissenschaft, die gelernt sein

will."

Angst, 3orn und übertriebenes Zärtlichkeitsbedürfnis find die Grundübel, an denen der moderne Großstadtmensch heute vielfach tranft, und die ihm nach Ansicht des Ver­faffers erst fünstlich im Kindesalter anerzogen werden. Wie der Metallarbeiter die glühende Masse seines Materials auf dem Amboß ausbreitet und einmal mit gewaltiger Bucht auf die nachgiebige Masse schlägt, sie dann wieder ganz leicht berührt, so beginnen wir unvermeidlich gleich bei der Geburt das Gefühlsleben unserer Kinder nach eigenem Ermessen zu formen. Watson zeigt uns, wie die Schmiedehämmer aus sehen, mit denen wir z. B.

die Angstwelt in der Seele unseres Kindes gestalten. So ergab die Laboratoriumsarbeit des amerikanischen For: schers, daß das Kind von Geburt an nur zwei Dinge fürchtet: ein lautes Geräusch und den Verlust des Gleichgewichts, etwa wenn rasch und heftig an seiner Unterlage gezogen

wird.

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Woher tommen denn die vielerlei Aengste, unter denen schon der Gesunde leidet, und die noch viel schwereren Angst­zustände, die dem frankhaft veranlagten nervösen Menschen das Leben oft fast zur Hölle machen? Was haben wir ange­stellt, um die Wurzel des llebels in die biegsame Kinderseele zu pflanzen? Segt man z. B. ein gesundes, normales Kind von 9 Monaten auf eine Matraße und bringt ein Kaninchen in seine Nähe ein Tier, das das Baby noch nie gesehen hat so greift das Kind erst mit der einen, dann mit der anderen Hand nach dem Tierchen und hält es fest. Von Angst feine Spur! Ein Hund, ein Käßchen, tritt an die Stelle des Kaninchens. Das Kind hat eine Furcht vor haarigen Gegenständen, selbst nicht vor schleimigen; ein zappelnder Goldfisch, ein grüner Frosch, werden voller Freude berührt; die Riesenschlange, völlig harmlos, so lange sie jung ist wird als lieber Spielgefährte begrüßt: das kleine Kind fürchtet weder Feuer noch Bliz noch auch die völlige Finster.

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I

31. Juli 1930

nis eines lichtlosen Raumes. Mit welchen verkehrten Methoden haben wir dann das Kind dazu gebracht, daß es schon nach kurzer Zeit dahin kommt,

vor Angst geschüttelt

zu werden, wenn es ein schleimiges Tier anfassen soll, oder stundenlang vor sinnloser Angst schreit, wenn man es zwingt, im dunklen Raume zu schlafen?

Wir selbst, so sagt der Amerikaner, haben die Angst in die Kinderseele gelegt. Wir haben z. B. den Fehler begangen, unser Kind durch Lärm zu erschrecken. Das Kind sträubt sich gegen das Bubettgehen; es stört damit unsere eigenen Inter essen; voller Wut werfen wir die Tür hinter uns zu: das Kind erschrickt. Wir wollen es gern im gutgelüfteten Raume wissen; an einem stürmischen Abend sperren wir die Fenster auf, die mit großem Krachen zufallen, und das Kind ängstigt sich. Wenn wir unsere Kleinen vor unnötigem Lärm bewahren ,, so ist schon ein bedeutsamer Faktor ausgemerzt, der im späteren Leben Angstzustände begünstigt. Auch mit dem Ohrfeigenausteilen sollten Eltern recht spar­jam umgehen und ebenso mit dem für die Erziehung so un­entbehrlich erscheinenden und doch so verhängnisvollen Wört­chen ,, Nicht", das der Ohrfeige gleichkommt und Hemmungen schafft, die das ganze Leben hindurch fortwirken können.

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Aber wenn schon einmal Fehler geschehen sind und das Kind aus dem paradiesischen Zustand gerissen ist, in dem es die Angst nicht fannte, jo lassen die Fehler doch bis zu einem gewissen Grade sich wieder gut machen, wenn es auch keine leichte Aufgabe ist, bestehende Aengste wieder zu beseitigen. Biel Geduld der Mütter ist hierfür nötig und dabei wird es allerlei Fehlschläge geben: Spott etwa, das Kind Angst­base" zu nennen wird nichts nügen, ebensowenig das ein­dem Kinde Geschichten von Tieren oder sonst etwas über ihre fache Fernhalten des angsterregenden Gegenstandes. Auch Lebensweise zu erzählen, wird meist nicht zum Erfolge führen. Man wird sich schon dazu entschließen müssen, mit dem Kind ein etwas mühsames Experiment anzustellen. Man zeigt dem Kind etwa das furchterregende Tierchen nur einmal am Tage, nämlich mittags, wenn das Kind hungrig ist und zwar in großer Entfernung. Ist das Tierchen genügend weit ent­fernt, und das Kind genügend hungrig, so wird der Versuch glücken: das Kind wird seine Angst überwinden und essen. Dann zeigt man dem kleinen Angsthasen das Tierchen jeden Tag in näherer Entfernung. Schließlich wird es das Tier auf dem Tische, ja, auf dem Schoße dulden. Diese

Methode des Zurückgewöhnens

ist mühsam, aber erfolgreich. Ebenso allmählich abge­wöhnen fann man dem Kinde die Angst vor der Dunkel­heit: anstatt zu schelten, läßt man lieber etwas Licht im Dann Korridor brennen und öffnet die Schlafzimmertür. macht man die Tür jeden Abend etwas weiter zu, dämpft das Licht ab; endlich schließt man die Tür ganz; im allgemeinen genügen schon drei bis vier Nächte zum Erfolge.

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Ueber Pflanzen und Tiere wissen wir seit Jahrhunderten gut Bescheid, das Seelenleben unseres Kindes aber war uns bis vor kurzem noch ein Geheimnis. Großen Dank schulden wir der amerikanischen Psychologie, die viel dazu beigetragen hat, das Geheimnis zu lüften, und die brauch­bare Anweisungen ausgearbeitet hat zur Erziehung glück­licher, von Angst, Wut, Nörgelsucht und Berwöhnung weniger Dr. Lily Herzberg, belasteter Kinder.