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Frauenstimme

Nr.20 47. Jahrgang

Beilage zum Vorwärts

9. Ottober 1930

Sittlichkeit vor 100 Jahren!

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Der starte Frauenüberschuß, den Deutschland heute aufzuweisen hat nach der Berufszählung von 1925 tamen auf 1000 Männer im Alter zwischen 20 und 45 Jahren. 1160 Frauen wird als einer der Gründe zum Anwachsen der Frauenarbeit angesehen. Und gewisse Kreise, denen die Frauenarbeit als ein lebel der neuen Zeit" ein Dorn im Auge ist, glauben mun auch hierin einen Grund für den berüchtigten angeblichen Zerfall von Familie und Sittlichkeit gefunden zu haben. Gäbe es nicht soviel mehr Frauen als Männer, würden dann soviel Männer, verführt von der Fülle der Auswahl lockender Weiblichkeit, herumtändeln und herumlieben, statt ein solides christliches Familienleben zu führen, wie es in der guten alten Zeit" üblich war? Und hätte nur nach altem Rezept jedes Weibchen sein Männchen, würden sie sich dann nicht alle wieder zu teuschen tugendhaften Ehe- und Hausfrauen entwickeln tönnen, wie dazumal?

Aber wie stand es dann in der guten alten Zeit damit? In einer Statistit des Preußischen Staates von 1837" lesen wir dar­über folgende aufschlußreiche Angaben:

In dem Lebensalter, welches vom Anfange des 17. bis zur Vollendung des 45. Jahres gelten mag, gibt es bei uns im

Sujanne Lawrence

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die Präsidentin des jetzt in Llandudno tagenden Arbeiter­parteitages Preußischen Staate zufolge der Ermittelungen, welche bei der Volkszählung von 1837 stattgefunden haben mehr Männer als Weiber; und zwar leben neben 10 000 Personen weiblichen Geschlechts 10 214 Personen männlichen Geschlechts. Ist es nicht bedenklich, wenn wir wahrnehmen müssen, daß von je 100 Männern 2 zum ewigen Zölibat(!) verdammt sind, ohne in irgendeinem Monafterium das Gelübde der Keuschheit abgelegt zu haben? Drängen sich nicht in die Familien die überzähligen Män ner, die leer ausgehen, die unbeweibt bleiben müssen, da sie das Weib, welches fie fuchen, nicht finden können; und finden sie nicht die willigste Aufnahme bei dem reizbaren, sinnlichen und leicht­finnigen Eheweibe, das, die Veränderung liebend, alle Sittsamkeit, Moral und fittliches Gefühl mit Füßen tritt, dem Hausfreund, ja dem auf der Straße aufgegriffenen Liebhaber und Anbeter all die Rechte einräumt, die es dem Ehemann allein zugeschworen hat, seinen Leib hingebend dem Lüfternen, in dessen Umarmungen, un-| bekümmert um das brechende Herz des Gatten, unbefümmert um die Wohlfahrt der ehelich gezeugten Kinder, es schwelgt, Liebe gibt, Liebe empfängt, und mit ihr das ehebrecherische Pfand, dessen sündiger Ursprung nach neun Monaten auf ihrem Geficht zu lesen ist(!). Wär es möglich, daß bei Kirchen- und Polizeibehörden Listen über die aus ehebrecherischem Umgange hervorgehenden Bastarde geführt werden könnten, wir würden erschrecken über die

tolossale Zahl der unglücklichen Geschöpfe, die ein ewiges Brandmal ihrer niederträchtigen Mütter sind!

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Ich habe hier ein sehr trübes Bild von der sittlichen Bildung ich will fagen einzelner unserer( 1) Eheweiber entworfen; aber ich frage den Ehemann, er stehe hoch oder niedrig, sei er reich oder arm, den jugendlichen. wie den Mann von mittleren Jahren, ob ich mit zu dunklen Farben aufgetragen?"

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Nanu, nanu? Also die Sache lag umgekehrt wie heute: nicht der Frauenüberschuß der Männerüberschuß fchuld an dem Zerfall der Sittlichkeit von 1837( der guten alten Bindermeierzeit). Aber auf jeden Fall waren auch damals nur die Frauen, diese Niederträchtigen, Lüfternen, schuld daran, daß die je zwei armen überzähligen Männer vom Hundert ihre keusche Rolle des ewigen Zölibats nicht spielen durften. Denn die anderen Männer, für die eine Ehefrau da war, gingen natürlich alle nur auf sittlich genehmigten Verkehrspfaden, und nur die Ehe­frau verlor sich auf lüsternen Seitenwegen.

Es ist einleuchtend, daß eine so sittlich entflammte Statistik( wie nüchterntrocken wirkt dagegen heute das Statistische Jahrbuch!) bei der Rubrit der Ehescheidungen sich nicht zurückhalten kann. Die statistischen Tabellen verschweigen zwar die Scheidungsgründe, aber

wer wird schon anders schuld fein, als das gefallene Eheweib, dessen ganze Atmosphäre mephistophelisch ist"! Natürlich steht der Bezirt des Kammergerichts Berlin an der Spize der Stala der Ehescheidungen ,,, die volkreiche Stadt drückt bei der Waage des Familienglücks die Schale der Sittenlosigkeit so tief herab. Wohl­tätig ist aber das Gefühl, daß die Bewohner auch dieses Bezirks in der Befestigung des Sittengefeges große Fort­schritte machen: denn statt der 302. Ehe in der neueren Zeit mußte vor 18 Jahren schon die 198. getrennt werden". Wie gut, daß der ungenannte Statistiker die heutige Berliner Chefcheidungsziffer nicht mehr zu lesen braucht: im Durchschnitt der Jahre 1924/26 tamen auf je 10 000 bestehende Ehen in Berlin 80 Ehescheidungen, das heißt also jede 125. Ghe, im Jahre 1927 dagegen 181 Ehescheidungen, das heißt schon jebe 53. Ehe trotzdem kein Frauenmangel mehr besteht!

Natürlich wird die Zahl der unehelichen Kinder von dieser moraltriefenden Statistit als Hauptmaßstab für die Sittlichkeit angenommen. Da man nun aber nicht gut die 7000 unehelichen Kinder von 100 000 der Geburten von 1937 nur den lüfternen Ehe­frauen und den überzähligen Männern in die Schuhe schieben tonnte, mußte noch ein anderes Argument herhalten, nämlich: das Fabritwesen, die ersten Anfänge der Frauenarbeit und der Fabrifarbeit überhaupt, schaden der Moralität der Arbeiter. Man sieht, die Argumente von heute sind so alt, daß sie eigentlich längst fadenscheinig geworden sein müßten! Schon ein paar Jahre später, 1856, stellt eine andere Statistik( merkwürdig, alle Statistiken von damals haben es mit der Moral), das vierbändige, von den Achtundvierzigern Rotted und Welder bei Brockhaus in den 50er Jahren herausgegebene Staats- Legiton" fest, daß die meisten unehelichen Geburten in dem völlig fabritlosen Meck­lenburg vorfämen( auf 100 eheliche 24 uneheliche Geburten!), während in dem fabrikreichen Sachsen nur 18 uneheliche auf 100 ehe. liche Geburten entfielen. Der Durchschnitt in Preußen wird für 1856 mit 100: 8 angegeben heute sind es 9!

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Aber eine Zeit und eine Gesellschaft, die die Sittlichkeit" so im Munde führt, bringt es fertig, mit ihren sittlichen Begriffen Zu­stände zu vereinen, bei deren Schilderung man sich heute entsetzt fragt, wie solche Dinge möglich waren waren? Ist es denn heute in Indien oder in China anders als im Preußen von 100 Jahren,

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