Frauenstimme
Nr.21 47.3abraang
Beilage zum Vorwärts
Das Los der Frau.
Sexuelle Moral und Klaffenbewußtsein.
23. Oftober 1930
Sie feilte das Schicksal der breiten Masseu: dürftigster Schuh, durch weitgehende hörigfeit ertauff.
als Sexualobjekt und Arbeitstler bewertet, für den Menschenüberfluß Sorge tragen mußte, dessen Fortdauer geradezu das unentbehrliche Fundament jeder reaktionären Wachtposition ist. Ja böber die Kinderzahl, desto mehr sind die Menschen in threr freten Beweglichkeit, in ihrer freien Entschließung eingeengt; desto e- fügiger müssen sie sich, um auch nur die nackte Eristenz für sich und die Ihren fristen zu können, den jeweiligen Machthabern unterwerfen."
Sobald man die soziale Seite der sexuellen Moral berührt( and ble Moral Ist eine soziale Frage), zeigt sich ganz deutlich die Ver wachsenheit der sexuellen Reform mit der sozialen. Es war das Diese Abhängigfelt hatte ihren Sinn darin, daß die Frau, lediglich Berdienst des befannten Soziologen Rudolf Goldscheld, in einer ausgezeichneten Rede auf dem fürzlich veranstalteten Wiener Kongreß für Sexualreform gerade diesen Zusammenhang beleuchtet zu haben. Goldscheid führte Bur Geschichte der Sexualreform" aus, daß die Serualreform in ihrer eigentlichen Bedeutung als gene. rative Moral"( Beugungsmoral) das Zentrum der sozialen Moral bildet und als solche sehr bald einem bestimmten Herrschaftsverhäft. nis dient. Man kann direkt erflären: Sage mir, welche Gesell schaftsordnung. Klassenordnung du wünscheft, und ich werde dir fagen, für welche Sexualreform du dich einsetzen wirft." So ließ die herrschaftsmäßig- autoritäre Moral der Oberklaffe die eigentlich ge meinschaftsmäßige autonome Moral, die dem Individuum gerecht werden konnte, lange Zeit nicht aufkommen.
Der Mensch der Bergangenheit war, zuerst herdenmäßig, dann tlaffenmäßig gebunden, und die Frau unterlag dabei noch außerdem der Herrschaft des Mannes.
Erst der Aufstieg der breiten Massen hat der autonomen Moral allmählich zum Durchbruch verholfen; mit anderen Worten: das Recht der Individualität ist, so parador es flingt, überall und immer von der scheinbar individualitätslosen Masse zur Regel erhoben worden.
Besonders hart war das Los der Frau unter der Herrschaft der alten bürgerlichen Moral. Denn Hand in Hand mit der wirtschaftlichen Ausbeutung der Massen ging die generative Ausbeutung der proletarischen Frau, die unter dem Druck einer thr wesensfremden und aufgezwungenen Moral unbeschränkt Kinder zu gebären hatte. Natürlich richteten die Herrschenden für fich eine andere Moral auf. Diese moralische Heuchelei diente als Deckmantel für die dahinter verborgene soziale Heuchelei. Jeder Einbruch in die herrschende Moral ist deshalb von gewaltiger resolutionärer Bedeutung.
Wie Reformer", sagt Goldscheid, find also nicht die Moralzerstörer, als die uns die Machthaber hinstellen, sondern in Wirklichkeit diejenigen, die den Lebensraum für eine gesunde, wirksame Moral überhaupt erst schaffen."
Die ursprüngliche Gemeinschaftsmoral, die wir aus ihren letzten Tiefen wiederherstellen wollen, ist das System der innerlich verbundenen, fachlich fundierten individuellen und gesellschaftlichen Verantwortlichkeiten". Um sich diesen Berantwortlichkeiten zu entziehen, haben die Herrschenden die große moralische Heuchelei aufgestellt, die somit zu einer der wichtigsten Stüßen des tapitalistischen Systems geworden ist.„ Berlogene Strenge in der Sexualmoral statt echter, voll verantwortungsbewußter Sozialmoral das war seit feher der Gentetrick der Reaktion den brutal ausgebeuteten Massen gegen über."
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Nur aus ihrem herrschaftsmäßigen und klassenmäßigen Ursprung fönnen wir der verlogenen bürgerlichen Moral einiger maken Verständnis abgewinnen. Es ist das Charakteristische dieser Moral, daß sie dem weiblichen Geschlecht beinahe die ganze Last ihrer sogenannten„ Sittlichkeit" auferlegt hat. Wurde doch namentsich von der katholischen Kirche seit dem frühen Mittelalter mehr noch als der Geschlechtstrieb selber das Weib als fündig erklärt.
Geschützt wurde die Frau von dieser Moral nur unmittelbar als Tochter, Schwester oder Gaffin oder um der Kinder willen.
Wir wollen natürliche Moral von unten her statt willkürlicher Moral von oben. Die heuchlerische doppelte Seraalmoral,„ ble große geistige Geschlechtskrankheit der bisherigen Gesellschaft". Schob immer dem Individuum die Schuld an alledem zu, was die widernatür lichen gesellschaftlichen Berhältnisse heraufbeschworen und verdeckte so die tatsächliche Ursachenverknüpfung zwischen dem weltverbreiteten menschlichen Leld und der sozialen Unordnung. So fonnte man der Masse lange Zelt den sozialen Kern des levels durch den Nebel der ,, Moral" verhüllen, ja, man schuf sich im Recht Handhaben, um diesen unsozialen Zustand noch fester za verankern:
Daraus entstanden der Abtreibungsparagraph, dle Aechtung be unehelichen Mütter und Kinder, die Ueberbewertung der Jungfräulichkeit und trotzdem mangelnder Schuh der Schwangeren, die wirtschaftliche Berifiavung der Frau in der Ehe und vieles andere mehr.
Heute hat sich die soziale Struttur gewandelt, viel rascher als die Serualmoral, und das Sexualrecht bleibt selbst noch hinter dem Wandel der Serualmoral weit zurüd. Es ist alfo Aufgabe ber Serualreformbewegung, die hler erforderliche Anpaffung zubeSchleunigen. Dazu muß man aber die proletarischen Massen zu völligem Umdenfen über die Rolle erziehen, die die Sexualität im fulturellen Entwicklungsprozeß gespielt hat. Die Sexualität ist nicht nur Motor der Fortpflanzung, sondern zugleich der eigentlich Gemeinschaft bildende und Gemeinschaft tragende Faftor".„ Die foziale Ordnung ist in ihren Anfängen generative Ordnung und muss es in irgendeinem Ausmaß alle Ewigkeit bleiben."
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Der alte Vorfämpfer einer gefunden Menschenöfonomie prägt fogar das Wort: Soziale Not und feguelle Not find Zwillingsgeschwister. Wer die soziale Not nicht beseitigen will, weil er ihr Nuhnießer ist, weil er ein Ceben der Wenigen auf Kosten der Bielen wünscht, der kann auch ble Serualnol nicht beseitigen wollen."
Jahrtausendelang wurde durch die sexuelle Bergewaltigung der Frau ein ganzes Geschlecht sinnlos vergeudet, weil eine ausschließlich an der Güterökonomie interessierte Oberschicht für die Menschenökonomle fein Verständnis hatte. Die breite Boltsmasse war für sie Geschäftstapital, an dem lediglich die günstigsten Bedingungen für eine möglichst hohe Rente des Fortpflanzungsgeschäfts interessierten. Aber Reformen, die Notwendigkeiten des aufsteigenden Lebens find, lassen sich auf die Dauer nicht aufhalten.". Für uns ist heute nicht mehr der Körper der Kerker der Seele, sondern wir erwarten uurgekehrt von der Befreiung des Körpers die tiefste Befreiung der Seele. Die befreiten Seelen werden auch eine gesunde Schaffenskraft und einen sozialen Lebenswillen hervorEwald Bohm. bringen.