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Frauenstimme

Nr.15* 48. Jahrgang Beilage zum Vorwärts

30. Juli 1931

Die Frau des Arbeitslosen.

Etwa vier Millionen Arbeitslose nennt die amtliche Statistit als deutsche Arbeitslosenziffer der Gegenwart, aber in Wirklichkeit ist die Zahl derer, die von der Arbeitslosigkeit betroffen sind, viel größer, denn wir müssen diese Zahl vervielfachen, wenn wir auch die Familienmitglieder der Arbeitslosen, die durch die Erwerbslosigkeit des Mannes mit hineingerissen werden in Unsicherheit und Armut, erfassen wollen. Aber in diese Ziffer sind diejenigen noch nicht ein geschlossen, die von keiner Statistik erfaßt werden, da ihr Einkommen nicht tarifmäßig abgestuft war, und die keine Arbeitslosenunter­stüßung erhalten. Mit den Arbeitslosen aller Berufe aber leiden die Familienangehörigen und unter ihnen am schwersten die Frauen und Mütter. Auf ihren Schultern liegt eine Last, die nur derjenige einigermaßen ermessen kann, der einmal hineingesehen hat in einen solchen Haushalt und die Sorgen der Frau, die ihn führt, mit­erlebt hat.

Es ist schon eine Aufgabe für eine Hausfrau, mit einer winzigen Geldsumme auszukommen, vor allem, wenn sie den heißen Wunsch hat, ihre Familie und den Haushalt nicht verkommen zu lassen. Sie ist gezwungen,

fo billig wie möglich einzukaufen. Aber oft sind die billigsten Nahrungsmittel die teuersten, denn meist ist nur Minderwertiges so billig zu kaufen.

Genau so ist es mit billiger Kleidung, billigem Schuhwert. In furzer Zeit ist das Gekaufte schadhaft geworden und muß durch Neues ersetzt werden. Oder ein anderer Einzelfall aus der Praris eines solchen Haushalts, der die Schwierigkeiten der Bewirtschaftung deutlich macht. Der Zucker ist um 12 bzw. 10 Pfennig für das Kilo teurer geworden. Wer nun etwas erspartes Geld besaß, taufte sich einige Kilo Borrat, bevor die Teuerung eintrat, in besonders günstigen Verhältnissen konnte vielleicht sogar ein ganzer Bentner Zucker gekauft werden, und dadurch sparte man mehrere Mark. Die Kaufleute machten ihre Kundinnen auch rechtzeitig auf die Preis­steigerung aufmerksam, bevor sie in Kraft trat. Aber die Frau des Arbeitslosen konnte von dieser Möglichkeit des Einkaufs keinen Ge­brauch machen, denn sie hatte das Geld nicht. Und so tritt immer wieder das Niederdrückende ein, daß

eine Teuerung gerade die Aermften, die sie am wenigsten ertragen fönnen, am härtesten trifft.

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Ein Viertelpfund Zucker, ein Achtel Schmalz, ein Viertel billigste Margarine, ein Achtel billigste Wurst so kauft die Frau des Arbeitslosen ein. Vor den Verkaufsstellen der Freibant steht sie an, um ein wenig billiges Fleisch zu bekommen. Wir alle haben es im Krieg und in der Inflation gespürt, was es heißt, mit einem Mi­nimum an Lebensmitteln und Geld auszukommen, aber für diese Frauen ist der Krieg auch heute noch nicht zu Ende, es ist immer Krieg um sie, und niemals können sie frei atmen. Diese Frauen werden auch immer mehr dazu gezwungen, von den hochwertigen Nahrungsmitteln, Eier, Fleisch, Milch, Butter, Obst zu den weniger wertigen, Kartoffeln und Brot, überzugehen, und man braucht nicht soviel von Ernährungslehre zu wissen, um sich flar darüber zu sein, wie das auf die Dauer auf die Gesundheit der Familie wirken muß. Dieses dauernde Sparenmüssen wirkt sich natürlich auch seelisch aus, denn es ist ja ein ungeheurer Unterschied, ob man freiwillig und gern spart, weil man geringe Bedürfnisse hat, oder ab man ge­zwungenermaßen auch da sparen muß, wo es der Familie Schaden bringt. Nicht um ihrer selbst willen leiden so viele dieser Mütter unter der Arbeitslosigkeit, sondern

um ihrer Kinder

willen, denen sie das Beste geben möchten, denen sie aber nur Minderwertiges geben können. Ganz selbstverständlich ist es, daß

eine solche Frau, die so hart mit dem Leben zu ringen hat, auch das Anwachsen der Kinderzahl mit anderen Augen betrachtet, als wenn sie in austömmlichen Verhältnissen lebte, daß sie die heutige Fassung des Paragraphen 218 als ungerecht und unsozial empfinden muß. Aber nicht nur die Sorge um die vorhandenen Kinder und die noch Ungeborenen lastet auf der Frau des Arbeits­losen, sie muß auch mittragen, mitleiden mit dem Manne, der ohne Tätigkeit herumsigt, oft verbittert, oft schwer zu be­handeln ist. Oft muß sie ihm gegenüber mehr Mutter als Frau sein, ihm stüßen, ihn aufheitern, versuchen, ihm die enge Stube oder Küche, die tagtäglich seinen Aufenthaltsort bildet, erträglich zu machen. Es wird heute viel über das Problem der Freizeit dis­tutiert die Frau des Arbeitslosen muß es täglich mit ihrem Manne neu lösen. Denn nur seelische und geistige Werte, gute Bücher, gute Musik, Kurse, Vorträge, Beschäftigung mit der Natur, Uebernahme nützlicher kleiner Arbeiten oder Selbststudium können die entsetzliche Leere der unfreiwilligen Muße ausfüllen. Die Frau des Arbeitslosen muß auch dafür Verständnis aufbringen, wenn sich irgendeine Gelegenheit bietet, sich kostenlos solche geistigen und seelischen Werte nahezubringen oder wenn der Mann liest oder bastelt oder sonst etwas tut, um sich geistig und seelisch über Wasser zu halten. Wir hören heute viel über die moderne Form der Ehe. Der Frau des Arbeitslosen hat das Leben das schwerste vorbehalten, nämlich eine

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Lösung des Eheproblems unter härtesten Lebensbedingungen zu finden. Vielleicht war für sie früher der Mann ganz selbstver­ständlich der Verdiener, der ihr die Mittel zum Leben in die Hände legte. Aber nun heißt es mit einem Schlage sich umstellen, eine Verdienstmöglichkeit zu suchen. Vielleicht war sie vor ihrer Ver­heiratung berufstätig gewesen, aber damals war sie junges Mädchen, heute ist sie verheiratete Frau, die in einer Zeit größter Wirtschafts­not überall als Eindringling angesehen wird. Umgekehrt ist der Mann oft daran gewöhnt, seine Frau einfach als Hausfrau zu sehen, und er denkt nicht daran, die von ihm als, unmännlich" empfundene Hausarbeit zu besorgen, während die Frau im außer­häuslichen Beruf beschäftigt ist. Bei ihrer Heimkehr findet die Frau alles in Unordnung, und sie muß erst noch den Mann bedienen, bevor sie mit der eigentlichen Hausarbeit beginnen kann. Gewiß wird ein vernünftiger Mann Hand anlegen, aber manchmal sind die Hemmungen beiderseits zu groß, und man muß erst lernen, sich von einer anderen Seite zu sehen als bisher. Die alte Form der patriarchalischen Ehe in eine wirkliche Kameradschaftsehe umzu­das ist wandeln, die den härtesten Lebensbedingungen standhält eine Aufgabe, die oft

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nur unter schweren inneren kämpfen gelöst werden kann.

die Ehe nicht in dem Maße der stille Hafen gewesen, wie der Gewiß ist der Arbeiterfrau und der Frau des kleinen Angestellten Frau des Mittelstandes. Aber die Unsicherheit der Stellung war noch nie so groß wie heute, die Pause der Arbeitslosigkeit noch nie so lang, und es gehörte zu den Ausnahmefällen, wenn eine Familie der Wohlfahrt anheimfiel. Heute aber führt der Weg der Arbeitslosigkeit Ungezählte dahin, und die Gelder der Wohlfahrt und nach der Notverordnung auch der Krisenfürsorge müssen zurüd­gezahlt werden, sobald es besser geht". Aber oft ist nirgends eine begründete Aussicht auf Besserung, und so lebt die Frau des Ar­beitslosen von einem Tag zum anderen, von Woche zu Woche, in einem zähen Kampf ums Dasein. Nur ein Mittel gibt es, diesen Millionen von Frauen und Müttern zu helfen. Es ist die Lösung des großen Problems der Gegenwart,

Arbeit und Brof für alle zu schaffen, die arbeiten fönnen und arbeiten wollen. Elke.