Für unsere Kinder Nr. 16 o o o O o o c> Beilage zur Gleichheit 0000000 1910

Inhaltsverzeichnis: Lenz. Bon Konrad Fcrd. Meyer.(Gedicht.) Frühling. Von Brand. Sonne. Von H. Feller. Indianer. Von H. Eildermann.(Gedicht.) Von den Barbaren. II.(Schluß.) Von. Arno. Von E. Selon Thompson.(Fortsetzung.) FrühlingSsest. Von Emma DSltz.(Gedicht.)

Lenz. Bon Konrad Ferdinand Meyer. Frühling, der die Welt umblaut, Frühling mit der Vöglein Laut, Deine blüh'nden Siegespforten Allerenden, allerorten Äast du niedrig aufgebaut! Angebändigt, kreuz und quer, Lieber alle Pfade her Schießen blütenschwere Zweige, Daß dir jedes Kaupt sich neige, And die Demut ist nicht schwer. 000 Frühling. Der schönste Frühlingstag hat mich hinaus getrieben. Kein Wölkchen steht am strahlend blauen Himmel. Lerchengesang erschallt aus hoher Luft, und aus der Dorflinde schmettert der Fink seinen hellen Schlag. Das ist ein Tag zum Wandern. Erde, wie bist du schön! Heute ist ein Tag der Freude. Ich habe ein unbändiges Verlangen nach Freude. Niemals hat mir die Sonne so freundlich gelacht; so gar der Einhornwald, der sonst dunkel und schweigend daliegt, ist heute von Licht und Leben erfüllt. Die Lärchentannen am Rande stehen wie leuchtend grüne Kerzen vor dem dunklen Hintergrunde; sie sind die ersten Boten des Frühlings. Hoch oben auf der Spitze einer dieser grünen Kerzen sitzt eine Singdrossel, und hell und klar tönt ihr Lied über den Wald; ein Lied von Liebe und Glück. Sei mir ge grüßt, du Verkünderin der Freude! Irgendwo in einem verschwiegenen Versteck des Unter holzes sitzt um diese Zeit das Weibchen brü tend auf den wunderschönen himmelblauen Eiern und hofft auch auf künftiges Glück.

Mitten durch den Einhornwald führt eine Schneise, an deren beiden Ufern seichte Gräben entlang führen; es ist aber kein Wasser darin, und sie sind ganz mit Moos überwuchert. Wie ich so langsam dahingehe, fährt plötzlich an einer erhöhten Stelle des Grabenufers ein großer grauer Vogel aus einem Erdloch. Hallo! Das war ein Waldkauz. Wie kommt der an diese Stelle? Zwar habe ich seine Stimme im Walde schon oft gehört; aber daß er sich in die Erde verkriecht, das ist mir neu. Unter suchen wir also den Fall. Wahrscheinlich hat der Fuchs oder der Dachs das Loch gegraben. Ich muß mich auf den Bauch legen, um hinein sehen zu können; aber ich sehe nichts, es ist zu dunkel darin. Aber was ist das? Wie ich hineinlange, liegen hinten in der Höhle zwei schöne weiße Eier; sie sind noch ganz warm. Der Kauz brütet. Das also ist die Lösung. Wir haben jedenfalls eine seltene Beobachtung gemacht. Gewöhnlich nistet der Waldkauz keineswegs in der Erde, sondern in hohlen Bäumen; aber seitdem die kluge Forstver waltung aus Nützlichkeitsgründen alle hohlen Bäume beseitigt, muß der arme Teufel sich wohl oder übel bequemen und mit einem Erd loch vorlieb nehmen. Ob er an dieser Stelle seine Brut wohl großkriegen wird? Mich soll's wundern. Wenn der Fuchs erst Wind davon bekommt, dann- sind Eier und Kauz ver loren. Der Waldkauz ist nicht der einzige Vogel, der unter der modernen Forstkultur mit ihrem verkehrten Nützlichkeitsprinzip zu leiden hat; den meisten Höhlenbrütern ergeht es nicht besser. Früher hatten wir in unserer Gegend viel mehr Höhlenbrüter. Die Hohltauben sind fast ganz aus unseren Wäldern verschwunden, weil sie keine Niststätten mehr finden; und lange wird es nicht mehr dauern, dann ist der Waldkauz auch vertrieben. Von der all gemeinen Wohnungsnot der Höhlenbrüter werden größtenteils die nützlichsten Vogelarten bettoffen. Die Folge wird sein, daß die schäd lichen Insekten überhandnehmen. Die Forst verwaltung schneidet sich also in ihr eigenes Fleisch. Wenn sie noch wenigstens als Ersatz für die hohlen Bäume künstliche Nistkästen an bringen ließe; aber das geschieht nur ver einzelt und durchaus ungenügend.