Nr. 1.
Die Gleichheit
Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Prets der Nummer 10 Pf., durch die Post bezogen beträgt der Abonnements- Preis vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf.
Montag, den 11. Januar 1892.
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Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Bettin( Eißner), Stuttgart , Rothebühl Straße 147, IV. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach- Straße 12.
Bur gefl. Beachtung. Diejenigen Vereine, die früher ihren Mitgliedern bie„ Arbeiterin" theils gratis, theils gegen den
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Der Buchdruckerstreik und die Frauen.
Schon seit langen Wochen stehen Tausende von deutschen Buchdruckern im Streit, weil sich die Prinzipale in ihrer nimmerfatten Profitwuth nicht dazu verstehen wollen, den neunstündigen Arbeitstag zu bewilligen. Der Streit ist über den Rahmen eines Scharmüßels zwischen Arbeitern und Arbeitsherren eines Gewerbes hinausgewachsen, er ist zum Krieg geworden, in dem sich Klasse gegen Klasse, Proletariat und Bourgeoisie gegenübersteht, ein schlagendes Beispiel für den Krieg mitten im Frieden, der eine nothwendige Folge des unversöhnlichen Gegensatzes zwischen den Interessen von Kapital und Arbeit ist. Die Prinzipale des Buchbruckergewerbes haben sich zu Schuß und Truz verbündet, sie unterstüßen einander, sie haben sich bei hohen Strafen verpflichtet, der Forderung der Gehilfen nicht nachzugeben, sie suchen durch Lüge und Verleumdung die Streitbewegung zu Fall zu bringen. Hinter ihnen steht voller Sympathie und hilfsbereit das gesammte Unternehmerthum; steht die bürgerliche Presse, welche die öffentliche Meinung zu täuschen, Zwietracht und Verwirrung in die Reihen der Ausständigen zu säen sucht; stehen die öffentlichen Gewalten, die in München und Dresden zum Ersatz der Streifenden Soldaten in die Druckereien kommandiren ließen, welche die Gehilfen maßregeln, den Prinzipalen und Streitbrechern entgegenkommen, wo und wie sie können.
Auf der anderen Seite halten die Gehilfen nicht weniger fest zusammen; eine festgefügte, geschulte, mit Mitteln ausgerüstete Organisation verleiht ihnen einen Rückhalt, sie unterstützen einander, Sie suchen durch aufklärende, die Wahrheit über Ursache und Zweck des Streits in die Masse tragende Agitation, durch charaktervolles Festhalten an ihrem Verlangen, durch opferfreudiges Aufsichnehmen bon Entbehrungen ihrer gerechten Forderung zum Siege zu ver= helfen. Und auch sie sind in dem Kampfe nicht allein. Die gesammte Arbeiterschaft Deutschlands hat die Sache der Gehilfen zu der ihren gemacht, sie verfolgt mit warmer, thatkräftiger Theilnahme die Einzelheiten des Kampfes, sie führt den für ihr Recht Streitenden in Gestalt von Unterstützungen Munitionen zu. Die Arbeiter der verschiedensten Gewerbe sind von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die Buchdrucker als„ Preisfechter" der Arbeiterklasse den Kampf eröffnet haben, und daß der von ihnen errungene Neunstundentag einen Sieg der Arbeit über das Kapital bedeutet, der ihnen allen zugute kommen muß. Der Bedeutung des Streits entsprechend tritt nicht nur die Arbeiterschaft Deutschlands , tritt die Arbeiterschaft aller Länder, wo Proletarier unter kapitalistischer Ausbeutung seufzen, für die deutschen Buchdrucker ein. Die englischen Gewerkbereine haben Unterstüßung gesendet, in Frankreich erklärten Buchbrucker und andere Organisationen, den Streifenden unter die Arme
Redaktion und Verlag der ,, Gleichheit."
greifen zu wollen, aus Belgien , Oesterreich, Dänemark , der Schweiz liefen Hilfsgelder ein, die vereinigten amerikanischen Gewerkschaften haben Unterstügung zugesagt, und die australischen Gewerkvereine werden sicher dem überall gegebenen Beispiel folgen. Kurz, die internationale Gemeinsamkeit der Interessen aller Arbeiter dem Kapital gegenüber hat zu einer erhebenden Bethätigung des internationalen Solidaritätsgefühls geführt. Hie Kapital und seine Uebermacht," ertönte proßig aus dem Lager der Prinzipale das Kriegsgeschrei, und„ hie Arbeit und ihr gutes Recht" klang es vielsprachig aus der alten und neuen Welt seitens der Arbeiterklasse. So tobt der Kampf seit Wochen und wird voraussichtlich noch weitere Wochen toben.
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Diesem Streit nun müssen unseres Erachtens die weitesten Kreise der Proletarierinnen Verständniß, Sympathie, energische Unterstüßung entgegenbringen. Mögen sie als Berufsarbeiterinnen in dem oder jenem Industriezweige thätig sein, mögen sie als Arbeiterinnen am Herd irgend eines Arbeiters schalten und walten, der Streif der Buchdrucker berührt in seinem Verlaufe und seinen Folgen, mittelbar oder unmittelbar, jezt oder in naher Zukunft ihre eigenen Lebensinteressen, die Lebensinteressen ihrer Familie in fühlbarster Weise.
Daß das Gesagte zunächst von den in Druckereien beschäftigten Hilfsarbeiterinnen gilt, liegt auf der Hand. Dort, wo diese, wie in Berlin , Leipzig , München , zum Theil in den Streit eingetreten sind, aber auch dort, wo sie in Folge der mit dem Ausstand verbundenen Arbeitsstockung brotlos geworden oder unregelmäßiger, oft länger und schwerer als sonst arbeiten, ohne besseren Lohn zu erhalten, sind sie unmittelbar durch den im Gewerbe herrschenden Kriegszustand in Mitleidenschaft gezogen. Sie sind Proletarierinnen, die für ihren Unterhalt ausschließlich auf ihre Berufsarbeit augewiesen sind, und als solche müssen sie empfinden, wie jede Störung und Veränderung ihrer Arbeitsverhältnisse auf ihr Leben zurückwirft. Der Ausgang des Streiks ist für sie von schwerwiegendster Bedeutung. Endet er mit dem Sieg der Prinzipale, so heißt es für sie: lange Arbeitszeit, schlechte Löhne; schließt er mit dem Triumph der Gehilfenschaft ab, so wird in Zukunft auch ihr Arbeitstag ein kürzerer, ihr Verdienst ein höherer sein, werden auch sie über etwas mehr Zeit und Mittel verfügen, sich von schwerem Tagewerk erholen, sich bilden, ihrer Familie, ihren Freunden leben zu fönnen. Eine große Anzahl von Hilfsarbeiterinnen hat dies begriffen, ist selbst in den Ausstand getreten oder unterstüßt diesen nach Kräften. Und wenn es noch Biele giebt, welche Nothwendigfeit und Bedeutung des Streifs, sowie ihre Pflichten diesem gegen über noch nicht verstanden haben, so mag dies den Gehilfen eine ernste Mahnung sein, ihre Kolleginnen für den Klassenkampf zu schulen, mit mehr Eifer und Energie als bisher an deren Aufklärung und Organisation zu arbeiten.
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