Nr. v. 2. Jahrgang. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Vellen(Mark). DieGleichheit" erscheint alle 14 Tage emmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post(eingetragen unter Nr 2564 a) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zwetgespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den SZ. März 18SS Zuschriften an die Redaktion derGleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin (Eißner), Stuttgart , Rothebühl- Straße 147, IV. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach-Straße 12. Dumm und Gemein. Das Elend der Arbeiterklasse schreit so siiineiifällig gen Himmel, daß ab und zu auch die Leute, welche nur Ohren zu haben scheinen, um nicht zu hören, und Augen, um nicht zu sehen, nicht umhin können, seiner gewahr zu werden. Die Satten und Besitzenden und ihre geistigen Leibgardisten und Troßbuben, die zünftigen Ge­lehrten, Schriftsteller und Journalisten, sind hin und wieder ein­mal gezwungen, anzuerkennen, wie ärmlich und erbärmlich die Lage von Millionen von Arbeitern nnd Arbeiterinnen ist. Sie Alle hüten sich aber in der Regel davor, anzuerkennen und auszusprechen, welches die Ursache jenes Elendes ist. Wenn man sie hört, so leiden Proletarier und Proletarierinnen nicht etwa, weil sie als Glieder der Klasse des Proletariats nichts besitzen als ihre Arbeits­kraft, und diese bei Strafe des Verhungerns um jeden Preis an einen Kapitalisten verkaufen niüssen, sie leiden vielmehr in der Folge von dem oder jenem zufälligen Ereigniß, sie leiden viel­mehr, und ganz besonders, durch ihre eigene Schuld. Mit der Fingerfertigkeit gewiegter Taschenspieler bringen es diese Herreu fertig, Hungerlöhne, lange Arbeitszeit, menschen­unwürdige Arbeitsbedingungen, kurz die kapitalistische Profitwnth und ihre Folgen von der Bildfläche wegzuzaubern. Auf derselben lassen sie die Gestalt desväterlichen Arbeitgebers" erstehen, der eigens Fabriken errichtet, Handel treibt, mogelt, Löhne beschneidet und Waaren fälscht, nur um recht vielen LeutenArbeit und Brot geben zu können." Davon, daß sich der nämliche väterliche »Arbeitgeber" von seinen Leuten etwas mehr als Brot, nämlich die Möglichkeit eines faullenzenden, höchst luxuriösen Lebens geben läßt, davon natürlich kein Wort. Und da die Armuth der werk- thätigen Masse doch in irgend Etwas ihre Ursache haben muß, so findet der in lilienweißer Unschuld prangende Kapitalist sein Gegen­stück in den Gestalten der unvernünftig darauf loswirthschaftenden, ihren reichen Berdienst in Schnaps und Putz vergeudenden Arbeiter und Arbeiterinnen. So hat sich Herr Or. Umpfenbach, seines Zeichens Professor der Nationalökonomie in Königsberg , vom Geist man frage ja nicht von welchem getrieben gefühlt, die verschwendungs- wüthigen, prassenden Arbeiter und Arbeiterinnen gehörig abzukanzeln. Der Herr Professor spricht zwar blos von derjungen Arbeiter­bevölkerung," allein die von ihm erhobenen Vorwürfe fallen auch auf den älteren Theil derselben zurück, dennjung gewohnt, alt gethan." Was für Schnaps und Putz, für Jämmerlichkeiten und Er­bärmlichkeiten der plattesten und leider oft denkbar gemeinsten Art verschwendet wird in den Kreisen unserer jungen Arbeiterbevölkerung, ubersteigt bei Weitem das Maß, welches man im Sinne und Geiste unserer Kulturstufe auch bei der tolerantesten Auslegung noch als vernünftig und anständig betrachten kann," salbadert der Herr. Nach seiner Berechnung beträgt das, wasdie jungen Arbeiter und Arbeiterinnen" in Deutschland alljährlichvöllig unnütz verschwenden,"mindestens" 200 300 Millionen Mark. Wie sorgfältig Herr Umpfenbach dievöllig unnützen" Ausgaben der jungen Arbeiter und Arbeiterinnen nachgerechnet, erhellt aus dem Umstände, daß es ihm auf ganze 100 Millionen Mark mehr oder weniger nicht ankommt! Doch das nebenbei. Wie der Herr Professor die jungen Arbeiter viele Millionen in Schnaps verlumpen läßt, so vergeuden nach ihm die jungen Arbeiterinnen weitere Zehner und Zehner von Millionen mitun­nützem Pntz, Jämmerlichkeiten und Erbärmlichkeiten;" wenn die Einen und Anderen in trauriger Lage sind, so ist es mithin ihre eigene Schuld. Dem Herrn Professor scheint der Enquetebericht:Ergebnisse der Ermittlungen über die Lebensverhältnisse der Arbeiterinnen in der Wäschefabrikation und der Konfektionsbranche," ihm scheinen die von den statistischen Bureaus mancher Städte, so Breslaus und Berlins , herausgegebenenErmittlungen über die Lohnverhältnisse der Arbeiter" Bücher mit sieben Siegeln geblieben zu sein. Kuno Frankenstein, ein bürgerlicher Forscher, gelangt auf Grund der daselbst und anderwärts enthaltenen unanfechtbaren Thatsachen zu dem Schlüsse:Ein sehr großer Theil der Arbeiterinnen unserer Großstädte erhält Löhne, ivelche nicht hinreichen, die nothwendigsten Bedürfnisse des Lebens zu befriedigen, und befindet sich aus diesem Grund in der Zwangslage, entweder einen ergänzenden Erwerbszweig in der Prostitution zu suchen,� oder den unabwendbaren Folgen körperlicher und geistiger Zer­rüttung zu verfallen." Der Gewerberath von Stülpnagel, ein ebenso unverdächtiger Zeuge wie der Genannte, fällt über die Verhältnisse von groß­städtischen Arbeiterinnen, nachdem er deren Einnahmen und Aus­gaben sorgfältig gegen einander abgewogen, folgendes Urtheil: Eine Anfängerin und ungeschickte Arbeiterin kann, wenn sie auf sich allein angewiesen ist, ihren Unterhalt nicht verdienen. Eine geschickte, fleißige Arbeiterin, welche in der eigenen Familie Anhalt findet, braucht nicht zu darben." Wer die Lohn- und Lebensverhältnisse der Arbeiterinnen kennt, ja, wer nur die Thatsachen verfolgt, welche gelegentlich bei Prozessen, bei Verhandlungen von Gewerbeschiedsgerichten, welche Dank der Ermittlungen der gewerkschaftlichen und polilischen Or­ganisationen der Arbeiter und ihrer Presse in die Oeffentlichkeit gelangen, der weiß auch, daß das Einkommen junger wie alter Arbeiterinnen derart bemessen ist, daß deren Putz- und Ver­gnügungssucht ein gar winziger Spielraum gelassen ist. Es ist bekannt, daß die Arbeiterinnen gerade unter Hinweis auf ihre Bedürfnißlosigkeit vom Kapitalisten noch härter als die Arbeiter ausgebeutet werden, daß ihre Löhne um ein Drittel, um die Hälfte niedriger sind als die ihrer männlichen Klassen- und Leidens­genossen. Angesichts ihres Verdienstes müßte man erstaunt fragen, wie überhaupt auf Grund desselben eine Existenz möglich ist, gäbe nicht das stetige Anschwellen der Prostitution und das niedrige durchschnittliche Lebensalter der Näherinnen, Schneiderinnen, Textil­arbeiterinnen w. genügenden Aufschluß darüber. Frankenstein, von Stülpnagel und andere durchaus bürgerlich denkende Männer haben das eingesehen; anders Herr Professor Umpfenbach. Ihm hat allem Anschein nach der Anblick von Arbeiterinnen, die vielleicht ein buntes Band, einen feder- oder blumengeschmückten Hut, ein modisches Kleid trugen, derart geblendet, daß er offenkundige That­sachen, wie die oben berichteten, nicht sieht und im Harnisch sitt­lichster Entrüstung gegen die Putzsucht der jungen Proletarierinnen zu Felde zieht.