17
4. Jahrgang.
Nr. 3.
Die Gleichheit
Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen.
Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nro . 2660) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf.
Mittwoch, den 7. Februar 1894.
Nachdruck ganzer Artikel nur mit Suellenangabe gestattet.
Her mit dem Wahlrecht für die Frauen! Der sächsische Landtag sollte kürzlich über einen Antrag der sozialdemokratischen Fraktion verhandeln, welcher die Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts zu dem Landtag forderte für alle sächsischen Staatsangehörigen, welche das 20. Lebensjahr vollendet haben, ohne Unterschied des Geschlechts. Der Antrag gelangte nicht zur Diskussion. Nach seiner Begründung durch den sozialdemokratischen Abgeordneten Schulze gab der Vizepräsident des Landtags Namens aller nichtsozialistischen Abgeordneten die Erklärung ab, daß sie gegen den Antrag, sowie gegen seine weitere geschäftliche Behandlung stimmen würden. Vergebens protestirten unsere Genossen Stolle, Horn und Geyer gegen dieses ebenso unsaubere als feige Vorgehen. Vergebens wiesen sie die Dringlichkeit der geforderten Reform nach. Die nichtsozialdemo fratischen Abgeordneten stimmten geschlossen den Antrag und seine weitere Behandlung nieder. Sie brandmarkten sich damit selbst als Vertreter der nacktesten Geldsacksinteressen, als Zertreter der Volksinteressen. Zugleich stellten sie sich ein Zeugniß geistiger Armuth aus, wie es schneidend hohnvoller nicht gedacht werden fann. Die Erklärung der Herren enthielt das Zugeständniß, daß sie sich nicht mit Gründen gegen die sozialdemokratische Forderung zu stemmen vermögen, daß sie im Landtag ihre Rettung vor der Sozialdemokratie von dem Maulkorb erwarten, wie sie es im Lande vom Polizeiknüppel erhoffen. Ueberall wird der geistige Kampf" gegen die Sozialdemokratie im Zeichen der rohen Vergewaltigung geführt. Doch so wenig wählerisch die Gegner in ihren Mitteln find, so wenig Erfolg werden fie ernten. Die Sozialdemokratie steigt mit ihrer Agitation für das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht hinab zu den tiefen, breiten Schichten der werkthätigen Masse. Im Namen ihrer ureigensten Lebensinteressen rüttelt sie diese wach und ruft sie zum Stampfe für ihr Recht. Der bewußt denkenden und bewußt handelnden Masse kann aber auf die Dauer teine Klassenvertretung, feine Regierung widerstehen. Die Wahlrechtsbewegung unserer belgischen und österreichischen Genossen hat dies bewiesen. Nicht blos in Sachsen , sondern in allen deutschen Bundesstaaten wird die Sozialdemokratie eine gewaltige Volksbewegung in Fluß bringen zu Gunsten des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts aller 21 jährigen Staatsangehörigen zu den gesetzgebenden Körperschaften der einzelnen Länder. So hat So hat es der Parteitag in Köln beschlossen.
"
Die sozialdemokratische Aktion für dieses Recht muß das lebhafteste Interesse und die thatkräftigste Unterstützung der deutschen Frauen finden. Denn die von der Sozialdemokratie geforderte Reform zweckt u. a. auch darauf ab, dem sozialdemokratischen Programm gemäß die sozialpolitische Gleichstellung des weiblichen mit dem männlichen Geschlechte zu verwirklichen.
Diese Gleichstellung, die Zuerkennung des Wahlrechts an die Frauen, ist eine Folge unserer wirthschaftlichen Entwicklung, sie ist es, welche die Bedingungen geschaffen hat, daß die Frauenwelt nach dem Besitz des Stimmrechts streben muß, sie ist es, welche verursacht, daß die Sozialdemokratie im Klasseninteresse des Proletariats zur Vorkämpferin dieser Bestrebungen werden muß.
Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin ( Eißner), Stuttgart , RothebühlStraße 147, IV. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach- Straße 12.
Mit der Einführung und steten Verbesserung der Werkzeugsund Kraftmaschinen, der Anwendung vollkommenerer Produktionsmethoden, der Ausweitung der Verkehrsmittel entwickelte sich die Großindustrie, entwickelte sich der Großhandel. Damit wurde die frühere wirthschaftliche Thätigkeit der Frau im Hause zerstört.
Für die große Mehrzahl der Frauen bestand aber nach wie vor die Nothwendigkeit, durch ihre Arbeit für die Kosten ihrer Eristenz aufzukommen. Ja diese Nothwendigkeit wurde um so zwingender, je tiefer die Löhne der Arbeiter sanken und je mehr das Kleinbürgerthum durch das Großkapital zu Grunde gerichtet wurde. Immer größer wurden deshalb mit der fortschreitenden fapitalistischen Entwicklung die Schaaren der Frauen des Proletariats, des Klein- und Mittelbürgerthums, welche für ihren Unterhalt ganz oder theilweise auf den eigenen Erwerb angewiesen sind.
Nach der Berufszählung von 1882 waren damals in Deutsch land auf eine Gesammtbevölkerung von 45 222 113 Köpfen 5 541 517 Frauen und Mädchen erwerbsthätig, d. h. ungefähr 12 Prozent davon. Da die Zahl der weiblichen Bevölkerung allein 23 071 364 Stöpfe betrug, so ergiebt sich, daß 24,02 Prozent weibliche Personen oder fast ein Viertel der gesammten weiblichen Bevölke rung für den Erwerb arbeiteten. Die Zahl der männlichen erwerbsthätigen Personen belief sich auf 13 415 415, so daß auf ungefähr 7 erwerbende Männer 2 erwerbende Frauen kamen. Die Angaben über die Zahl der erwerbsthätigen Frauen sind aber offenbar schon 1882 hinter der Wirklichkeit zurückgeblieben. Der Berufszählung lagen die eigenen Angaben der Personen über ihre Erwerbsthätigkeit zu Grunde. Für Konfektionsfirmen, für Wäsche= und Stickereigeschäfte, im Kunstgewerbe 2c. sind aber bekanntlich eine große Anzahl bürgerlicher Frauen beschäftigt, welche sich schämen, daß sie für Geld arbeiten, und welche diese Thatsache nie freiwillig eingestehen würden. Noch weit weniger kommen die obigen Angaben der Zahl der Frauen nahe, welche gegenwärtig erwerbsthätig sind. Die deutsche Industrie hat sich gewaltig entwickelt. Mit den verbesserten Produktionsmitteln und Produktionsmethoden, dem steigenden Verlangen des Unternehmerthums nach billigen Arbeitskräften und der wachsenden Verelendung des Proletariats ist die Zahl der verwendeten weiblichen Arbeitskräfte erheblich gestiegen. Neue industrielle Thätigkeitsgebiete wurden den Frauen erschlossen, und in den ihnen bereits offenstehenden Industriezweigen nahm die Zahl der Arbeiterinnen zu. Sogar dort und dann, wo in Folge der Krise die Zahl der männlichen Arbeiter zurückging, hat die Zahl der weiblichen Arbeiter stetig zugenommen. Gleicherweise hat mit dem wachsenden Ruin des Mittelstandes die Zahl der bürgerlichen Frauen steigen müssen, welche auf den verschiedensten Gebieten für ihren Unterhalt arbeiten.
Alle jene Millionen und Abermillionen erwerbsthätiger Frauen haben ein zwingendes, unmittelbares, materielles Interesse daran, in den Besitz des Wahlrechts zu gelangen. Denn ihr Wohl und Wehe wird in unmittelbarster Weise beeinflußt durch die jeweiligen sozialpolitischen Zustände und Vorgänge.
Die Handelsverträge zwischen ihrem Vaterland und anderen Staaten, die friedlichen oder feindlichen Beziehungen zwischen den Ländern wirken ein auf Handel und Wandel, erschweren oder erleichtern den für den Erwerb arbeitenden Frauen die Gewinnung