Nr. 13.
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Die Gleichheit.
4. Jahrgang.
Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen.
Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nro . 2660) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf.
Mittwoch, den 27. Juni 1894.
Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet.
Sicherste Bürgschaft.
Die Sozialdemokratie ist in allen Ländern die einzige politische Partei, deren Programm die Forderung enthält: volle soziale Gleichstellung der Frau mit dem Mann, ergo politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts. Und überall, wo die Sozialdemokratie eintritt in den Kampf für den Besiz oder die Erweiterung der politischen Rechte des werkthätigen Volks, da strebt sie die Verwirklichung dieser ihrer Programmforderung an. So in Schweden , so in Belgien , so vor Allem in Oesterreich , wo zusammen mit ihr proletarisaje Frauen in großer Masse als Mitträgerinnen und Vorkämpferinnen der großartigen Wahlrechtsbewegung energisch für das weibliche Geschlecht zum Zahlrecht das Wahlrecht fordern. Die deutsche Sozialdemokratie beschloß ihrerseits auf ihrem letzten Parteitag zu Köln , in eine kräftige und umfassende Agitation einzutreten für Zusammenseßung der gesetzgebenden Störper aller deutschen Einzelstaaten auf Grund des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts für alle Staatsangehörigen, welche das zwanzigste Lebensjahr vollendet haben, ohne Unterschied des Geschlechts. Auch für das aktive und passive Wahlrecht der Frau zu dem Reichstag wird und muß die deutsche Sozialdemokratie in einem durch bestimmte Verhältnisse gegebenen Augenblick eintreten. Sie muß es, weil die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts im Klasseninteresse des Proletariats liegt, durch dieses Klasseninteresse zu einer dringenden Nothwendigkeit wird.
Gewiß, angesichts der Rolle, welche die Frau im modernen Wirthschaftsleben spielt, der Verselbständigung von Millionen weiblicher Eriſtenzen, des engen, innigen Zusammenhangs zwischen den Lebensbedingungen jener Millionen und den sozialpolitischen Zuständen der Gesellschaft, da erscheint es als eine Forderung der allereinfachsten, selbstverständlichsten Gerechtigkeit und Billigkeit, daß die Frau politische Rechte erhalte, wie sie soziale Pflichten genug und übergenug zu erfüllen hat. Und wenn es eine Partei giebt, die genügend Einsicht in die sozialen Verhältnisse unserer Zeit besizt und genügend Vorurtheilslosigkeit zopfigem Wahnglauben gegenüber, um die Gerechtigkeit dieser Forderung einzusehen, so ist es die Sozialdemokratie. Sie ist die einzige Partei, die ohne schnöde Lüge behaupten kann, daß sie das tausendjährige Reich der Gerechtigkeit für Alle anbahnt, daß sie die wahre Vorkämpferin ist für die Ideale der allgemeinen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichfeit. Aber trotz alledem kann und darf sich die Sozialdemokratie nicht den Lurus gestatten, hinter den schönen Augen eines abstrakten Gerechtigkeitsprinzips schmachtend einherzutraben.
Ihres Wesens Wesenheit besteht darin, die Klasseninteressen des Proletariats zu vertreten, dieses zu sammeln, aufzuklären, zu organisiren, zu kräftigen und zum heiligen Krieg für seine Befreiung zu führen. Das Klasseninteresse des Proletariats schreibt ihr mit und durch die materiellen Tagesbedürfnisse der wertthätigen Masse ihre jeweiligen Tagesaufgaben vor. Sie würde sich schwer gegen ihre Pflicht verfehlen, wollte sie auch nur einen Augenblick lang die Interessen des Proletariats hintansezen, um ihre Straft in quertreiberischen Strömungen zu verzetteln, in dem Eintreten für Nebenaufgaben, die ihre Lösung doch so wie so durch
Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin ( Eißner ), Stuttgart , RothebühlStraße 147, IV. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach- Straße 12.
die sozialistische Gesellschaft finden werden. Wäre die Sozialdemokratie durch keinen anderen Grund als durch die Rücksicht auf. das Gerechtigkeitsprinzip an der Frage der politischen Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts interessirt, sie könnte, ja sie müßte unter gewissen Umständen die Verwirklichung dieser Forderung zurückstellen bis zu der Stunde, wo das politisch organisirte Proletariat seine Generalabrechnung hält mit der verkörperten sozialen Ungerechtigkeit, mit der bürgerlichen Gesellschaft.
Aber nicht die Gerechtigkeitsliebe, das Klasseninteresse des Proletariats hat die Hand der Sozialdemokratie geführt, als sie auch die Gleichberechtigung der Frau auf ihr Banner schrieb, und das nämliche Klasseninteresse zwingt sie, es nicht bei einer platonischen Erklärung des Prinzips, bei der„ grauen Theorie" bewenden zu lassen, sondern thatkräftig für die politische Gleichberechtigung der Frauenwelt einzutreten, ihre Verwirklichung in absehbarer Zeit anzustreben.
Die Klasseninteressen des Proletariats erfordern mit jedem Tage gebieterischer, daß die Frauenwelt des werkthätigen Volks energischen Antheil nehme an dem Befreiungskampf, den die frohndende und ausgebeutete Arbeit gegen das müßiggehende, schmarozende Kapital führt. Dies ist in vollem Umfange aber eist möglich, wenn die Proletarierin die gleichen politischen Rechte besißt, wie der Maun ihrer Klasse. Solange dies nicht der Fall ist, solange die proletarische Frau politisch rechtlos bleibt, ermangelt sie der nöthigsten, wuchtigen Waffen, mit denen sie im wohlverstandenen eigenen Interesse im Klassenkampf an der Seite des proletarischen Mannes fechten muß. Die politische Rechtlosigkeit des weiblichen Geschlechts entzieht mithin dem kämpfenden Proletariat Streitkräfte, deren es täglich dringender bedarf.
Je schärfer sich der Klassenkampf zuspiẞt, je weitere und tiefere Kreise er zieht, um so mehr schädigt dieser Stand der Dinge die Interessen der vorwärts und aufwärts strebenden Arbeiterklasse. Sie muß deshalb für die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts eintreten, als für eine Vorbedingung, daß das weibliche Proletariat ebenso wehrtüchtig, waffengerüstet wie das männliche auf der ganzen Linie in Reih und Glied Derer fämpfen fann, welche mit der kapitalistischen Gesellschaft um Sein und Nichtsein ringen. Und daß die werkthätige Frau ihre politischen Rechte einzig und allein zu diesem Zwecke gebrauchen muß, dafür sorgt ihre Klassenlage als Proletarierin. Diese stellt sie nicht den Männern ihrer Klasse im Kampfe von Geschlecht zu Geschlecht gegenüber, sondern sie schweißt sie mit den Brüdern der Arbeit und des Elends zusammen zu der einen revolutionären Masse, die von der gleichen Erkenntniß erfüllt, von dem gleichen Willen bewegt im Kampfe von Klasse zu Klasse dem einen Ziele zustrebt: der sozialistischen Gesellschaft.
So fußt die Forderung der politischen Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts nicht auf dem leichten Triebsand allerhand ideologischer Erwägungen; sie hängt nicht in den Wolfen allgemeiner schöngeistiger, edelherziger Schwärmerei für moralische Prinzipien, sie ist festgegründet auf dem soliden Unterbau der Lebensinteressen einer ganzen Klasse. In diesem Umstand liegt die sicherste Bürgschaft, daß sie kein frommer Wunsch bleibt, daß sie ihre Verwirk lichung noch finden muß, allem vorurtheilsvollen Gegacker und aller reaktionärer Büttelei zum Troß.