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Nr. 17.

Die Gleichheit.

4. Jahrgang.

Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen.

Herausgegeben von Emma Ihrer in Velten ( Mark).

Die Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nro . 2660) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf.

Stuttgart

Mittwoch, den 22. August 1894.

Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet.

Vom Anarchismus.

Die anarchistischen Gewaltthaten haben jüngst in Italien und Frankreich seitens der herrschenden Klasse gesetzgeberische Afte her= vorgerufen, durch welche man hofft, derartige Ereignisse aus der Welt zu schaffen. Der Anarchismus stand und steht noch im Mittel­punkt der öffentlichen Diskussionen, und zwar nicht nur in den Landen, wo er seine Bomben geworfen und seine Dolche geschliffen hat, wo er seine wilden und wahnsinnigen Thaten vollbrachte, sondern auch bei uns in Deutschland beschäftigt er alle Gemüther und bietet er gewissen politischen Parteien wie schon früher, jezt aber in gesteigertem Maße Gelegenheit und günstigen Vor­Gelegenheit und günstigen Vor­wand zu neuen reaktionären Vorstößen gegen den winzigen Rest der Rechte und Freiheiten unseres Volkes.

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Mit dem Anarchismus ist es so eine eigene Sache; er scheint etwas Sphinrartiges an sich zu haben, was auf manche Geister eine starke Anziehungskraft ausübt; er ist eine Erscheinung, über deren Natur die Ansichten sehr weit auseinandergehen. Für den fonservativen Spießbürger, der sich die Behaglichkeit seines Ver= dauens beileibe nicht durch Nachdenken über soziale Erscheinungen stören lassen darf, ist der Anarchismus ebenso wie die Sozial­ebenso wie die Sozial­demokratie furzer Hand etwas ganz Böses und Abscheuliches, will es ihm doch an seinen geheiligten Besitz und an seinen lieben Vater Staat, der ihn in seinem Besize schirmt. Das darf nimmer­mehr sein, da muß die Regierung Zwangsgeseze schaffen und die böse Rotte von Gottes Erdboden vertilgen, damit das Vaterland Ruhe hat und der Philister weiter gemüthlich verdauen kann. Die Sozialdemokraten auf der anderen Seite weisen nach, wie ihre Lehre und ihre Taftit grundverschieden sei von der Lehre und Taktik des Anarchismus; sie behaupten, daß der Anarchismus dem Volt, das nach Besserung seiner Lage und nach Freiheit drängt, nicht nur nichts helfe, sondern ihm sogar schwersten Schaden bringt und bringen müsse. Das merkwürdigste aber ist, daß die Leute, die sich selbst Anarchisten nennen, in ihren Ansichten unendlich weit auseinandergehen. Sie gehen so weit auseinander, daß es manch mal geradezu lächerlich wirkt; oder wäre es nicht z. B. zum Lachen, wenn zu derselben Stunde, wo der Anarchismus sich in den Ravachol, Henry, Caserio verkörpert und bethätigt, andere An­archisten" erklären, der Appell an die Gewalt sei gar nicht anarchistisch. Ihr Ideal die Anarchie sei ein Zustand, wo alle Menschen in völliger Freiheit leben, und zur Erreichung dieses Zieles solle man dafür propagandiren, daß jeder Einzelne eine freie selbständige Individualität werde; habe sich erst die große Masse zu freien und selbständigen Menschen entwickelt, so müsse vor ihrem Anhauch alle Ausbeutung des Kapitalismus sofort zusammenbrechen.

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Dies Ziel der Anarchisten sieht recht verlockend aus. Es ist ja auch dasselbe, dem der Sozialismus zuftrebt, dem die Sozial­demokratie ihr Sinnen und Trachten widmet! Wozu brauchte da der Anarchismus seine Sekten zu begründen? Warum werfen dann die ,, Anarchisten" der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, wie es so häufig geschehen, Knüppel auf die Wege? Sie sagen, der Sozialismus wolle einen neuen 3wang einführen, eine Herrschaft des Parlaments und der Führer. Diese Behauptung kann aber

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Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Bettin( Eißner), Stuttgart , Rothebühl­Straße 147, IV. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach- Straße 12.

nur aufstellen, wer sehr thöricht ist oder wer frisch, fromm, fröh­lich, frei ins Blaue hinein verleumdet. Die guten Leute, die so reden, haben offenbar keine Ahnung vom Sozialismus. Sie über­sehen und das ist ihre Grundveste in all ihren Anschauungen die ausschlaggebende Seite des Gesellschaftslebens, nämlich die wirthschaftlichen Verhältnisse. Sie, die den politischen Kampf der Sozialdemokratie anfeinden, sind thatsächlich die eingefleisch­testen und ganz verrannten Politiker". Freiheit für Alle ist nur möglich, wenn die wirthschaftliche Gleichheit als unerschütterliches Fundament der menschlichen Gemeinschaft aufgemauert wird. Ebenso wie die heutige Unfreiheit, Unselbständigkeit, Feigheit der Einzelnen Folgeerscheinung der wirthschaftlichen Noth ist, der sie anheimgegeben sind, genau so müssen alle diese Folgeerscheinungen naturgemäß ausfallen, muß die völlige Freiheit Aller eintreten, muß jeg­liches Herrschafts- und Führerverhältniß verschwinden, sobald ein­mal die wirthschaftliche Lage des Volkes umgewälzt, sobald Er­ziehung und Bildung Aller in gleicher Weise zugänglich gemacht sein wird.

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Die Anarchisten wir meinen hier immer die Theoretiker unter ihnen, nicht die Männer der That schauen wie mit ge= blendetem Auge auf den altbürgerlichen Begriff der politischen Frei­heit und begehen den verhängnißvollen Fehler, diesen Begriff auch als höchsten Grundsaß für das Wirthschaftsleben der Menschen auf­zustellen. Um aber die Mängel der heutigen kapitalistischen Wirth­schaftsform zu vermeiden, ist es unbedingtes Erforderniß, dem Grundsatz der Freiheit der Einzelnen den Grundsatz der solidari­schen Zusammenarbeit Aller nebenzuordnen. Die verheerenden Wirth­schaftskrisen, die Arbeitslosigkeit, das Sinken der Löhne und viele andere derartige Uebel sind verursacht durch die Planlosigkeit, die Ungeordnetheit auch die ist Anarchie! des heutigen Güter­erzeugungssystems. An die Stelle der wüsten Konkurrenz Aller gegen Alle muß eine Organisation, eine bewußt geregelte Güter­produktion treten, Erzeugung und Verbrauch der Güter müssen mit­einander ins Gleichgewicht gebracht werden. Diese Ordnung des Wirthschaftslebens ist selbstredend nur von dem arbeitenden Volk selbst durchzuführen. Die technischen Errungenschaften der Neuzeit sind in allen Betrieben rationell anzuwenden, was wiederum nur möglich wird, wenn die Gesammtheit organisirt ist. Die Anarchisten aber verdammen jegliche Organisation, weil diese ihnen thörichter­weise als ein neues Herrschaftsverhältniß" erscheint. Sie erheben die völlige Unabhängigkeit der Einzelnen zum höchsten Prinzip; sie sind wahrlich werth, von Eugen Richter als Geisteskinder geliebkost zu werden; der Liberalismus, die freie Konkurrenz unabhängiger Einzelner steckt ihnen in allen Boren ihres Denkens. Auf Grund solcher Theorie können sie aber nimmermehr eine Gesellschafts­ordnung begründen, die fähig wäre, all ihrer Mitglieder materielles Wohl und daraus folgend ihre geistige Freiheit zu sichern. Eine Gesellschaft, die nicht das Wohl der Gesammtheit und die bewußte, geregelte Zusammenarbeit Aller zum höchsten Prinzip hat, müßte vielmehr offenbar sofort in Millionen Atome zerfallen und könnte feinen Tag eristiren.

Wir wollen die Unsinnigkeiten, zu denen die anarchistische Lehre mit Nothwendigkeit führen muß, hier nicht weiter ausführen, wir wollen aber darauf hinweisen, daß dieselbe Konfusion, wie