Nr. 2.

Die Gleichheit.

5. Jahrgang.

Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen.

Herausgegeben von Emma Ihrer in Pankow bei Berlin .

Die Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nro . 2756) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf.

Stuttgart

Mittwoch, den 23. Januar 1895.

Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet.

Genofsinnen, Genossen!

Wie Euch Allen bekannt sein wird, fordert die sozialdemo­fratische Reichstagsfraktion, getreu dem Programm ihrer Partei, in zwei Initiativanträgen bezüglich der Volksvertretungen der Bundes­staaten und des Vereins- und Versammlungsrechts gleiche politische Rechte für die Frau, wie für den Mann. Her mit dem Vereins­und Versammlungsrecht für das weibliche Geschlecht, erklärt die Sozialdemokratie, denn die proletarische Frau bedarf seiner, um fich behufs Vertheidigung ihrer wichtigsten Lebensinteressen aufklären und organisiren zu können, insbesondere aber und nicht zum wenigsten, um gewerkschaftlich mit den Arbeitern zusammen gruppirt den wirth­schaftlichen Kampf gegen das Unternehmerthum aufzunehmen! Her mit dem Wahlrecht für das weibliche Geschlecht, denn die prole­tarische Frau muß in den Stand gesetzt werden, zusammen mit bem Mann ihrer Klasse auf politischem Gebiete durch Beeinflussung der Gesetzgebung um ihr Brot kämpfen, durch Eroberung der poli­tischen Macht seitens ihrer Klasse ihre volle soziale Befreiung er­ringen zu können! Nicht nur vom Standpunkte eines ideologischen Gerechtigkeitsprinzips aus tritt sie mit aller Energie für die Gleich­berechtigung des weiblichen Geschlechts ein, sondern im wohlverstan­benen Klasseninteresse des Proletariats. Täglich wird es mehr von ausschlaggebender Bedeutung, daß die proletarische Frau an der Seite des proletarischen Mannes die wirthschaftlichen und poli­tischen Schlachten ihrer Klasse in treuer, begeisterter Kampfesgemein­schaft mit schlagen hilft.

-

Genoffinnen! Wie oft, wie so sehr oft habt Ihr es bitter empfunden, daß Euch in Folge der politischen Rechtlosigkeit Eures Geschlechts die wichtigsten Waffen mangeln das freie Vereins­und Versammlungsrecht, das Wahlrecht mit denen das Prole tariat tämpfen muß und siegen wird. Fortwährend müßt Ihr damit rechnen, daß man Eure Organisationen erdrosselt, Eure Zusammen­fünfte auflöst, Eure Anwesenheit in Versammlungen verbietet. Gure politische Rechtlosigkeit als Frauen muß als Vorwand herhalten für Eure Entwaffnung, Eure Knebelung als klassenbewußte, tämpfende Proletarierinnen.

Genossen! Wie oft habt Ihr nicht bedauert, daß die prole: tarischen Frauen sich als Streitgenossinnen nicht in dem Maße be­thätigen können, als es das Interesse des Proletariats erheischt, weil sie wie Unmündige und bürgerlich Ehrlose politisch rechtlos find.

Genossinnen, Genossen! Es liegt im Interesse des einen Ziels, dem Ihr gemeinsam zustrebt, daß Ihr in gewohnter Ein­müthigkeit fraftvoll und entschieden die erwähnten Anträge Eurer Reichstagsfraktion unterstüßt. Zu diesem Zwecke ist eine energische Agitation im ganzen Reiche zu entfalten. Ueberall, wo es klassen­bewußte Proletarier giebt, sind in nächster Zeit öffentliche Volks­versammlungen zu veranstalten, welche sich mit der Bedeutung des Wahlrechts, des Vereins- und Versammlungsrechts für die Frauen des Proletariats befassen, um im Anschluß an die Anträge der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion von den gefeßgebenden Gewalten die entsprechenden Reformen zu fordern.

In Berlin finden Ende Januar vier Versammlungen statt, in denen die Forderung erhoben wird: Her mit dem Wahlrecht

Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin ( Eißner ), Stuttgart , Rothebühl­Straße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach- Straße 12.

für das weibliche Geschlecht! Andere Versammlungen werden folgen, in denen das Vereins- und Versammlungsrecht für die Frauen verlangt wird.

Genossinnen, Genossen! Organisirt allerorten ähnliche Ver­ſammlungen, sorgt angelegentlich dafür, daß dieselben sehr zahlreich von proletarischen Frauen besucht werden, daß diese laut, unzwei­deutig und fräftig allerorten die gleichen Forderungen erheben.

Gewiß, wir geben uns keinen Illusionen über das Zustande­kommen der einschlägigen Reformen hin. Die politische Befreiung des weiblichen Geschlechts widerstreitet den Interessen der Kapita­liſtenklasse, weil sie den proletarischen Frauen Waffen ausliefert, dem Heere der proletarischen Klaffenkämpfer neue Streiter zuführt. Das zopfigste Vorurtheil gegen das weibliche Geschlecht ist gerade in Deutschland besonders stark. Klasseninteresse und Vorurtheil

verbündet fallen nicht auf den ersten stürmenden Anlauf. Aber wieder und wieder wird und muß die Sozialdemokratie den An­ſturm wagen, bis ihr endlich der Sieg geworden ist.

Genossinnen, Genossen! Wir sind überzeugt, daß Ihr überall in gewohnter Pflichttreue, begeisterter Opferfreudigkeit und zäher Ausdauer auf dem Posten seid! Fröhlicher Muth! Vorwärts! Die Berliner Frauen- Agitations- Kommission. Die Redaktion der, Gleichheit".

Ans Werk!

Die Arbeiterpresse wird um Abdruck gebeten.

König Stumm.

Frankreich hat seinen Perier, Deutschland seinen Stumm. Hier wie da ist es ein Vollblut- Großkapitalist, welcher, wir wollen nicht sagen herrscht, aber den Ton angiebt, nach welchem regiert wird. Es war deshalb keine zufällige, sondern eine tief in dem Wesen der Verhältnisse begründete und äußerst kennzeichnende Er­scheinung, daß König Stumm als Erster seitens der großen staats­erhaltenden" Parteien das Wort in den Debatten über den politisch­juristischen Wechselbalg Umsturzvorlage" ergriff. Durch ihn und aus ihm sprach das Großkapital, das noch herrscht, das sich noch im Vollbesitz aller Machtmittel befindet, aber bereits den Boden unter seinen Füßen wanken fühlt und Alles auf die eine Karte der brutalften Gewaltpolitik segen will.

Was erklärt denn die hervorragende, um nicht zu sagen auf­dringliche Rolle, welche König Stumm in unserem öffentlichen, in unserem politischen Leben spielt? Keineswegs seine persönlichen Fähigkeiten, nichts weniger als seine persönlichen Leistungen auf irgend einem Gebiet, insbesondere durchaus nicht sein Wissen und Thun als Politiker. Einzig und allein sein Besiz, sein Riesen­besig. Wem die kapitalistische Wirthschaftsweise durch die Aus­beutung proletarischer Arbeitskräfte den großen Geldsack gegeben hat, dem giebt die kapitalistische Gesellschaft Einfluß und Amit auch ohne die Gabe des Verstandes, die leider nur in dem bekannten Sprichwort eine stete Begleiterscheinung von Einfluß und Amt ist. König Stumm's politische Rolle beweist dies höchst lichtvoll.

Wer ist Herr Stumm als Person? Seinem öffentlichen Auf­treten nach offenbar ein ganz gewöhnlicher Durchschnittsmensch, aus­