Nr. KZ. S. Jahrgang. Zeitschrist für die Interessen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Pankow bei Berlin . Die„Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer � Pfennig, durch die Post(eingetragen unter Nro. L756) vierteljährltch ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zmeigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den S4. Juli Zuschriften an die Redaktion der„Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin (Eißner), Stuttgart , Rothebühl- Straße 147, III. Die Erpedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach-Straße 12. Nachdrult ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Arbeikerinnen, organisirt Euch! Nach den Berichten der Fabrikinspektoren waren im Deutschen Reiche 1893 in den inspektionspflichtigen Großbetrieben 616 62(1 erwachsene und 75 446 jugendliche Arbeiterinnen thätig. Binnen der zwölf Monate des Berichtsjahres hat die Zahl der ersteren um 40187 zugenommen, die der letzteren ist um 2211 gestiegen. In kleinindustriellen und handwerksmäßigen Betrieben gewinnt die Frauenarbeit stetig an Ausdehnung; sie spielt eine hervorragende Rolle in der verderblichen Hausindustrie, einzelne Zweige derselben beherrscht sie vollständig, wie sie einzelne Gebiete der Großindustrie vollständig beherrscht. Die Entwicklung der Produktionstechnik, die Profitwuth der Kapitalistenklasse und als Dritte im Bunde die Roth des Proletariats machen die Frauenarbeit zu einem immer wichtigeren Faktor des modernen Wirthschaftslcbens. Stetig wächst die Zahl der Industriezweige, welche den weiblichen Arbeitskräften erschlossen werden; stetig vermehrt sich die Zahl der Frauen und Mädchen, welche als Lohnsklavinnen thätig sind. Nach Millionen beziffert sich die Menge der Proletarierinnen, welche in der Industrie, im Handelsgewerbe oder in der Landwirthschaft kapitalistischem Unternehmerthum zinsen und frohnden. Für Millionen proletarischer Frauen und Mädchen ist also eine der Hauptforderungen bürgerlicher Frauenrechtelei verwirklicht: die wirthschaftliche Gleichstellung der Frau mit dem Manne, ihre von diesem, von der Familie losgelöste selbständige wirthschaftliche Existenz auf Grund einer Berufs- thätigkeit. Freilich spüren die rackernden und schanzenden Proletarierinnen gar wenig von den Segnungen dieses Fortschritts. Ihre wirthschaftliche Gleichstellung mit dem Manne bedeutet, daß sie die gleiche schonungslose, unmenschliche, oft mörderische Ausbeutung durch das Kapital erfahren, welche dem Manne ihrer Klasse zu Theil wird. Ihre wirthschaftliche Perselbständiguug der Familie gegenüber vermögen sie nur zu erkaufen um den Preis einer neuen, härteren Sklaverei, als wie sie ihnen in der Familie zu Theil wurde oder wenigstens unter Umständen zu Theil werden konnte: um den Preis der Abhängigkeit von dem Kapitalisten, d. h. der völligen Unterwerfung unter seinen Willen, seine Profitgier, schönrednerisch„die Nothwcndigkeiten des Betriebs" oder auch„die Interessen, die Konkurrenzfähigkeit der nationalen Industrie" genannt. Die„selbständige" Berufsarbeit lernen sie kennen unter der denkbar abschreckendsten Form: als Lohnarbeit, Lohnsklaverei. Was können die Lohnsklavinnen empfinden von der Würde und Ehre der Arbeit, was von der Freude an der Arbeit und ihren Erzeugnissen, wenn die Noth und die Antreiber ihrer kapitalistischen Herren sie vorwärts peitschen zu fieberhaftem Hasten, weil jede Minute Zeit Geld ist; wenn sie tagaus tagein in geistlödtendem Einerlei hundertmal, tausendmal den gleichen Handgriff wiederholen müssen; wenn sie sich nicht mehr der Maschine bedienen, sondern der Maschine zu dienen gezwungen sind; wenn sie bei dem Produktionsprozeß nur noch in Betracht kommen als lebendige Anhängsel des sausenden Räderwerks? Für sie ist die Arbeit kein Schaffen mehr, nur noch ein Schuften; kein fröhliches Wollen, �in bitteres Müssen; nicht die Voraussetzung ihrer Freiheit, die Vermittlerin ihrer Sklaverei; nicht der Grundstein, auf dem sich eine sorgenfreie, heitere, menschenwürdige Existenz aufbaut, vielmehr Ausbeutung und Auspressung auch der letzten Minute ihrer Zeit, auch des letzten Fünkchens ihrer Kraft. Und der Lohn? Für Hunderttausende: „.... Ein Wasserhumpen, Eine Kruste Brot, ein Bett von Stroh, Dort das morsche Dach— und Lumpen." Für Millionen und Abermillionen wenn auch nicht solch jammervolles Geschick, so doch eine Existenz, verdüstert durch schwere Sorgen um des Daseins Nothdurft, ohne das heitere Blau edler Genüsse, ohne die belebende Wärme des Glücks, ohne das Leuchten einer höheren Kultur. Wohl häufen sich in Läden und Vorrathshäusern Reichthümer j auf Reichthümer. Aber die Lohnsklavinnen, sie, welche die Fülle und Ueberfülle mitschufen, stehen mit leeren Händen, leeren Taschen, leerem Magen; sie darben! Wohl rauschen und sprudeln heutigen Tags die Quellen der Bildung reichlicher, klarer als je zuvor. Die Lohnsklavinnen jedoch, aus deren Schweiß und Blut sich die Vorbedingungen aller Kultur mit aufbauen, sie können sich an ihnen nicht laben. Den Geist, das Gemüth gequält von zehrender Sehnsucht nach einem Aufwärts ihres Menschenthums, müssen sie im Dunkeln ihren dornenvollen Weg fürbaß wandern, nicht blos der Unwissenheit eine Beute, vielfach auch dem Verrohen, dem Verbrechen, der Schande. Warum diese tagtägliche Kreuzigung der Lohnarbeiterin, warum diese qualvolle Hinmarterung ihres Menschenthums? Weil die Arbeiterin in einer Gesellschaft der Klassengegensätze zwischen Reichen und Armen lebt, und weil sie eine Proletarierin ist, im Lager derer steht, welche kraft der heutigen Wirthschafts- und Eigenthumsordnung säen, ohne zu ernten. Sie kann nur leben, wenn sie arbeitet, und sie kann nur arbeiten, wenn sie ihre Arbeitskraft an einen Besitzer von Produktionsmitteln verkauft. Und viele Ihresgleichen— Männer, Frauen, Kinder— drängen sich auf den Arbeitsmarkt, ihr einziges Gut, ihre Arbeitskraft feilbietend; die Maschinen, die Fortschritte der Produktionsverfahren, machen die Menschenarbeit inimer entbehrlicher, und die Noth gebietet der Arbeiterin, ihre Waare sofort loszuschlagen. So erlangt der kapitalistische Unternehmer Gewalt über sie, die unumschränkte Gewalt des absoluten Herrschers, der erklärt:„Mein alles, was nutzbar an Dir ist! Mein die Stärke Deiner Muskeln, wie die Kraft Deiner Nerven! Mein auch Dein Weibthum, Dein Menschenthum, falls Ich es will!" Die Arbeiterin aber muß sich fügen. An ihr Ohr tönt das Klatschen der Hungerpeitsche, und hinter dem Kapitalisten steht der Geldsack, der seine Existenz sichert, auch wenn eine Zeit lang der Pulsschlag des Betriebes stockt. So wird die Arbeiterin der Ausbeutung überliefert, so muß sie sich darein schicken, daß die reichen Früchte ihres Müheus Eigenthum des nicht säenden Unternehmers werden, und daß sie selbst dafür nicht mehr erhält als den landläufigen Marktpreis der Waare Arbeitskraft: Bettelpfennige für lange, anstrengende, ungesunde, ergiebige Anspannung ihrer Kraft. Gewiß, auch dem Manne ihrer Klasse fällt das gleiche Loos. Und doch ist die Arbeiterin noch schlimmer daran als er. Die
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5 (24.7.1895) 15
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