Vit«Hril.' Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Pankviv bei Berlin . Tie„Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer! Zuschriften an die Redaktion der„Gleichheit" sind zu richten �Pfennig, durch die Post(eingetragen unter Nro . 2756) MittMocll den � an Fr. Klara Zetkin (Ei ßner). Stuttgart , Rothebühl- vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. �.�.rrvver Straße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. � 1895. Furthbach-Straße 12. Nachdrult ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Zun: Vreslauer Parteitag. Eine ereignisreiche Zeit, eine Zeit heißer Kämpfe, pflichttreuen kräftigen Arbeitens und Strebcns liegt für Dentschlands klassenbewußte Proletarier zwischen dem letzten und dem diesjährigen Parteitag der Sozialdemokratie. Die Frankfurter Berathungen fielen in die Zeit, wo unter Hurrah und Hussah der Umsturzrummel herantobte. Lange Monate hindurch stand die Sozialdemokratie im Vordertreffen der Kämpfe, welche sich aufrollten um Sein oder Nichtsein jeuer dürftigen Ansätze politischer Freiheiten, deren das deutsche Volk sich erfreut. Eine Unsumme von Zeit, Kraft und Mitteln, von feuriger Energie und kühler Besonnenheit hat sie in diesen Kämpfen bethätigt. Und — welche Partei könnte sich an kräftigem Leben mit der Sozialdemokratie messen— kaum daß in ihrem Ringen mit der Reaktion eine relative Pause eingetreten, ging sie arbeitsfreudig aus Werk, um sich über die Taktik klar zu werden, welche ihren Eroberungszug aufs platte Land leiten soll. Die von dem Frankfurter Parteitag erwählte Agrarkommission veröffentlichte ihren Progranimentwurf, der Gegenstand eingehendster Erörterung in der sozialdemokratischen Presse und in den sozialdemokratischen Organisationen wurde. Regstes geistiges Leben und durchaus gesundes, klassenbewußtes Leben bethätigte die Partei in der Kritik des Entwurfs, einer Kritik, welche mit geradezu überwältigender Einmüthigkeit die gemachten Vorschläge zurückweist. Die wichtigste Aufgabe des Breslauer Parteitags ist es, die im Vorjahr in Frankfurt a. M. angeschnittene Frage zu entscheiden. Soll die Sozialdemokratie dem Programmentwurf der Agrarkommission entsprechend auf ihre Fahue einen Bauernschntz schreiben, der im Gegensatz steht zu der Richtung der wirthschafllichen Entwicklung und im Gegensatz zu dem Charakter der Partei des proletarischen Klassenkampfes? Soll sie den Staatssozialismus , den sie auf dem Parteitag zu Berlin für die allgemeine Haltung der Partei zum großen Thore hinausgeworfen hat, jetzt durch das Seitenpförtchen der Agrarfrage höflich Hereinkomplimentiren? Soll sie gar, der Tendenz der Forderungen sich anbequemend, welche der süddeutsche Unterausschuß der Agrarkommission formulirte, die Taktik des Bauernschutzes bis zu einer durchaus antisozialistischen Taktik des Bauernfangs zuspitzen? Oder heischt es nicht vielmehr das Interesse der sozialdemokratischen Partei, das Interesse des deutschen Proletariats auch der Landbevölkerung gegenüber an der bisher bewährten revolutionären Taktik festzuhalten, welche auf leichtere und bequemere Augenblickserfolge verzichtet, wenn sie nur durch eine Preisgabe des Charakters der Partei erkauft werden können? Auf sie verzichtet, nicht aus verbohrter„orthodoxer" Prinzipienreiterei, sondern aus der praktisch-nüchternen Erwägung heraus, daß das grundsätzlich Jrrthümliche sich mit der Zeit stets als das praktisch Schädliche erweist. Das Festhalten an der bis jetzt befolgten Taktik der Sozialdemokratie ist doch keineswegs gleichbedeutend mit dem freiwilligen Verzicht auf die Gewinnung der ländlichen Bevölkerung oder eine Verzettelung der Parteikraft in fruchtlosen Bemühungen. Die Erfahrung zeigt allenthalben, daß die Sozialdemokratie recht beachtens- werthe Erfolge auf dem Lande erzielt hat, auch ohne daß sie unter dem Schutzheiligenthum eines besonderen Agrarprogramms reaktionärer Bauernschutzsorderungen zum Ansturm marschirte. Betonen, daß die Genossen, welche in der Beziehung anderer Ansicht sind, daß insbesondere die Väter des Programmentwurfs von den besten Absichten geleitet eine Taktik fordern, welche die Partei bisher als schädlich verwarf, hieße beleidigen. Aber nicht das gute Herz und die guten Nieren der Befürworter einer neuen Taktik hat der Breslauer Parteitag zu prüfen. Er hat ihre Vorschläge zu messen an unseren Prinzipien, er muß sie wägen bezüglich ihrer Einwirkung auf den proletarischen Klassenkampf, er hat ihre Konsequenzen zu ziehen nicht im luftigen Räume frommer Wünsche, sondern mit Berücksichtigung der bestehenden, sehr wirklichen sozialen und politischen Machtverhältnisse im Deutschen Reich. Heiß werden jedenfalls manchmal die Geister im Für und Wider aufeinander- platzen. Aber es charaklerisirt die innerliche Kraft und Gesundheit der deutschen Sozialdemokratie, daß sie innerhalb ihrer Reihen vorhandene Gegensätze rllckhaltslos zum Austrag bringen kann, während sich die bürgerlichen Parteien um solche in scheuer Furcht wie die Katze um den heißen Brei herumdrücken müssen. In klarer, ernster Würdigung ihrer vcrantwortungsreichen Aufgabe werden die Vertreter der sozialdemokratischen Partei in Breslau die strittige Frage entscheiden. Entscheiden und nicht blas vertage», wie dies verschiedentlich verlangt wurde, und zwar gerade von Seiten, wo man bereits im vorigen Jahre die Frage für spruchreif hielt. Erschien die deutsche Parteigenossenschaft damals für wissend und geklärt genug, um ohne vorausgegangene eingehende Erörterung, in Anschluß an zwei Referate, fast debatlelos in Sachen der Agrarfrage zu beschließen, die Taktik der Partei festzulegen, so ist sie nach der staltgehabten sehr gründlichen Erörterung der Frage gewiß mindestens ebenso kompetent für eine Entscheidung als im Vorjahre. Die gegenwärtige politische Situation aber macht die Entscheidung zu dringender Nothwendigkeit. Auch der Parteitag zu Breslau wird umhallt von dem Gekläff der Reaktionsmeute, welche zu frisch-fröhlicher Hätz anstürmt gegen die Rotte von Menschen mit dem bekannten langen Namen. Voraussichtlich geht die Sozialdemokratie einer Zeit schwerer, erbitterter Kämpfe entgegen, während deren sie kaum die Möglichkeit zu theoretischer Klärung finden dürfte. Außerdem wird für diese Kämpfe selbst die Waffentüchtigkeit der Partei wesentlich erhöht, wenn innerhalb ihrer Reihen nicht vertuschte oder verkleisterte Gegensätze vorhanden sind, sondern Einmüthigkeit, feste Geschlossenheit, volle Klarheit nicht blos über das Ziel, sondern auch über den Weg, der zu diesem führt. Die übrigen Arbeiten, welche dem nächsten Parteitage obliegen, sind zwar keineswegs bedeutungslos, können sich aber an Wichtigkeit nicht mit der Agrarfrage messen. Die Berichte über die Geschäftsführung der Partei, über ihre Presse, über die parlamentarische Thätigkeit der Fraktion werden wie jedes Jahr Anlaß geben zu berechtigter und unberechtigter Kritik, zu fruchtbarer und unfruchtbarer Anregung. Bezüglich der Stellungnahme der Partei zum nächsten internationalen Kongreß zu London und der Maifeier dürften große Meinungsverschiedenheiten kaum zu Tage treten. Das Gleiche gilt betreffs der Frage„Hausindustrie, Schwitzsystem und
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5 (2.10.1895) 20
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