Nr. 19.

Die Gleichheit

7. Jahrgang.

Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen.

Begründet von Emma Ihrer in Pankow bei Berlin .

Die Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, burch die Post( eingetragen unter Nr. 2902) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mr. 2.60.

Stuttgart

Mittwoch, den 15. September 1897.

Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet.

Juhalts- Verzeichniß.

-

Der Internationale Kongreß für Arbeiterschutz zu Zürich . Der gesetzliche Arbeiterinnenschutz. Referat vor dem Internationalen Kongreß für Arbeiterschutz von Margarethe Greulich in Zürich . Aus der Bewegung­Emmeline Pankhurst.

-

Notizentheil von Lily Braun und Klara Zetkin : Der Internationale Kongreß für Arbeiterschutz zu Zürich . Gewerkschaftliche Arbeiterinnen- Organi­sation. Gesundheitsschädliche Folgen industrieller Frauenarbeit. Frauenarbeit auf dem Gebiete der Industrie, des Handels und Ver tehrswesens. Frauenbewegung.

Der Internationale Kongrek für Arbeiter­schutz zu Bürich.

-

Wer ein ehrlicher Fürsprecher des Arbeiterschutzes ist aus welchen Erwägungen auch immer der muß die Ergebnisse des Züricher Internationalen Kongresses mit aufrichtiger Freude be­grüßen. Diese Ergebnisse haben die unfrommen Wünsche der ausbeutungsfrohen, arbeitertruzigen Stumm und Stümmchen zu Schanden werden lassen; sie haben die Befürchtungen widerlegt, welche bezüglich des Ausgangs und Werths der Kongreßarbeiten vielfach in den Kreisen der sozialistischen Vorfämpfer für Arbeiter­schutz lebendig waren. Nicht so ganz grundlos waren der Letzteren Bedenken. Der Kongreß sollte in gemeinsamer Arbeit Anhänger der verschiedensten politischen und religiösen Ueberzeugungen, der gegen­säzlichsten sozialpolitischen Glaubensbekenntnisse vereinen. Gleichsam von den entgegengesezten Polen der Welt- und Geschichtsauffassung her sollten sich Leute zusammenfinden, um bis zu einem bestimmten Markstein eine Wegstrecke zusammen zu marschiren. Eigenartig genug war mithin das Gepräge des Kongresses und nicht ohne Schwierigkeiten das Zusammenwirken der verschiedenen Elemente.

Da saßen sie nebeneinander zu einem Thun, die sich so oft schon in ernstem Waffengang gegenübergestanden: alterprobte, schneidige Führer des proletarischen Klassenkampfes, ideologische Sozialisten und Sozialistenfreunde der mannigfachsten Schattirung, fatholische Sozialreformer und Demokraten im langen Priester­gewand und im Laienrock, Nationalsoziale, Sozialistinnen, bürger­liche Demokraten, Frauenrechtlerinnen 2c. Fern geblieben waren sämmtliche devtsche und österreichische Professoren, die sich als Gäste angemeldet hatten. Der Kongreß hat sie nicht vermißt: es mangelte nicht an Leuten, welche die Materien der Tagesordnung wissenschaftlich beherrschten und über eine tiefe Erfahrung verfügten. Leider fehlten auch die bekanntesten Vorfämpfer des Sozialismus in England, Frankreich und Italien , obgleich sie ihr Kommen zu­gesagt hatten. Die Schweizer Arbeitskammer war u. A. durch die Genossinnen Greulich und Villinger vertreten. Die Schweizer Arbeiterinnenvereine, Arbeiterinnenbildungsvereine und zwei Gewerk­schaften hatten neun Genoffinnen delegirt. Frau Bonnevial- Paris bertrat ein Syndikat von Privatlehrern und Lehrerinnen, sowie die Liga für Frauenrechte", der Gewerkverein Londoner Schneide­rinnen hatte Frln. Sullivan zum Kongreß entsendet. Die Baronesse Vogelsang- Wien nahm als Vertreterin katholischer Vereine Dester­reichs am Kongreß theil. Die österreichischen Genossinnen hatten leider keine eigene Vertreterin. Aus Deutschland hatte der Bund

Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" find zu richten an Fr. Klara gettin( Eißner), Stuttgart , Rothebühl­Straße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach- Straße 12.

der Deutschen Frauenvereine" Frau Schwerin delegirt, die sozial­demokratischen Arbeiterinnen wurden durch Genossin Zetkin ver= treten; als Gäste wohnten dem Kongreß mehrere deutsche Frauen­rechtlerinnen und Sozialistinnen bei, unter Letteren Genossin Braun- Berlin . Die zwei stärksten Gruppen der Kongreßtheilnehmer wurden von den Sozialisten einerseits, den katholischen Demokraten und Sozialreformlern andererseits gestellt. Die Einen wie die Anderen stimmten meist geschlossen. Mit den Katholiken ging vielfach das kleine Häuflein der Nationalsozialen, deren hervor ragendste Führer auf dem Kongreß fehlten. Die ideologischen Eingänger schlugen sich dagegen in der Regel auf die Seite der Sozialdemokratie.

"

Daß die so verschiedenartigen Elemente auf einem eng um­grenzten Gebiete friedlich- schiedlich miteinander zu arbeiten ver= mochten, ist nicht zum Wenigsten das Verdienst der musterhaften Organisation des Kongresses. Diese ebenso taktvolle als praktische Organisation steht unseres Erachtens in wesentlichem Zusammen­hang mit der demokratischen Entwicklung des politischen und sozialen Lebens der Schweiz . Gewiß, die demokratische Entwicklung löscht nicht die Klassengegensäße aus, sie läßt nicht den Klassenkampf verstummen. Wohl aber bedingt sie weniger brutale Formen dieses Kampfes. Die Schweizer Arbeiterorganisationen der verschiedensten Richtungen sind es in der Folge gewöhnt, gelegentlich vereint zu schlagen, auch wenn sie getrennt marschiren. So war es nicht zufällig, sondern wesentlich, daß in ihrer Mitte der Plan zu diesem Arbeiterschußkongreß entsprang. So waren ihre Vertreter berufen, jene vorzügliche Organisation des Kongresses zu schaffen, welche von vornherein bis zu Ende jenen Gottesfrieden" sichern half, in dessen Zeichen die Züricher Tage nach Liebknechts treffendem Vergleich standen. Aber auch die Kongreßtheilnehmer haben ihr gut Theil zum Gelingen des Unternehmens beigetragen. Ohne ihre grundsäßliche Auffassung preiszugeben oder auch nur abzu­schwächen, vergaßen sie nie der praktischen Augenblicksziele, welche im Interesse der Arbeiterklasse und des gesammten Kulturfortschritts Anhänger der verschiedensten Richtungen zusammenführten. Auch dann, als die Verhandlungen von dem Gebiet der Reformforde­rungen auf das der prinzipiellen Stellungnahme hinübersprangen, als sich zeigte- als sich zeigte um mit Bebel zu reden wie meerestief, un­überbrückbar der Gegensatz zwischen den Anhängern der alten und der neuen Welt gähnt: auch dann blieb die Debatte ruhig, sachlich, würdig, und dies trotz aller aus tiefer Ueberzeugung geborenen Leidenschaftlichkeit des Kampfes von hüben und drüben. Es waren reife Leute, ihrer Verantwortlichkeit bewußte, aber die ehrliche Ueberzeugung des Gegners achtende Leute, die im ernſten Geistes­tampf miteinander rangen. Deshalb ließ so scheint uns- die Niederlage feine Bitterniß zurück; deshalb zeitigte der Sieg feine progige Ueberhebung. Ein Umstand noch war maßgebend für den Erfolg des Kongresses. Die weitaus meisten Delegirten vertraten nicht blos ihr gutes Herz und ihre persönlichen Mei­nungen und Wünsche. Sie vertraten vielmehr Arbeiter; Arbeiter, nach ihrem sozialpolitischen und religiösen Credo in verschiedene Gruppen geschieden, aber durch ihr gemeinsames Klasseninteresse als Ausgebeutete zur Gegnerschaft gegen den Kapitalismus und zum Streben nach dem gleichen Ziel gezwungen. Das proletarische Klasseninteresse erwies sich somit als einigendes Moment und

-