Nr. 21.
Die Gleichheit.
7. Jahrgang.
Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen.
Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 2902) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60.
Mittwoch, den 13. Oktober 1897.
Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Inhalts- Verzeichniß.
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Frauenarbeit auf der Aus der Bewegung.
Die Predigt von der Freude. Von Lily Braun . Brüsseler Weltausstellung. Von Jda Altmann. Feuilleton: Nur ein Mal! Von Dorothee Goebeler. Notizentheil von Lily Braun und Klara Zetkin : Weibliche Fabrikinspektoren. Soziale Gesetzgebung. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. -Frauenbewegung. Publikationen zur Frauenfrage.- Frauenarbeit auf dem Gebiet der Industrie, des Handels und Verkehrswesens.- Kinderarbeit. Gewerbegerichtliches.
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Die Predigt von der Freude.
Abend war's. Ich lag im Walde auf dem weichen Moos und sah durch die Stämme der Buchen und Tannen hinaus auf den funkelnden Himmel. Die Sonne ging unter; in ihrem rothen Feuer glühten die kleinen weißen Wölkchen, die großen grauen, die nicht zu glühen vermochten, umzogen sich nur mit einem feinen filbernen Streifen. Da war nichts Dunkles mehr. Und plöglich sah ich, wie aus der leuchtenden Pracht ein Mensch hervortrat: weiß gekleidet, wie einst die Priester der Heiden, mit zwei Sternen unter der Stirn, und einem Lächeln, das wie ein Widerschein der Sonne schien. Er ging an der Spiße einer Schaar, die endlos aus dem Thale hinaufzog. Steiner, der ihm folgte, glich ihm. Die Männer trugen dunkle Kleider, in zerschlissene Gewänder waren die Frauen gehüllt und die Kindlein trugen zusammengeflicte Lumpen von Männern und Frauen. Auch ihre Augen leuchteten nicht. Sie blickten düster zur Erde und waren geröthet vom Weinen.
Unter den Buchen, auf denen noch der rothe Glanz der Sonne lag, stand der Führer still. Er hielt Heerschau ab über die Menge, die sich um ihn schaarte. Wer war er? War es der Prophet von Nazareth, der auf den Bergen zu predigen liebte? Zu froh und stolz blickte er drein! War es ein heiterer Philosoph der Griechen, der es verstand, des Lebens Mühsal von sich abzuschütteln zu liebreich und mitfühlend weilte sein Auge auf all den Elenden um ihn! Und wie ich noch nachsann, hub er an zu reden. Voll und weich flang seine Stimme, und aller Augen wandten sich ihm zu. Und also sprach er:
"
Vom Recht auf Arbeit hat man Euch gepredigt; von der Pflicht zur Arbeit habt Ihr reden gehört. Die befreiende Macht der Arbeit ist Euch gepriesen worden und in treuem Glauben hieltet Ihr fest an dieser Lehre; in fester Hoffnung wartetet Ihr auf die Euch verhießene Seligkeit. Ihr arbeitet Alle, das Recht wurde Euch Allen gewährt, selbst den Zartesten unter Euch, den Kindern. Fühlt Ihr nun auch den Segen?! Oder brecht Ihr nicht vielmehr zusammen unter der Last? Seid Ihr befreit?! Oder drücken Euch die Ketten der Sklaverei nicht mehr als zuvor? Denn wisset, aus der reinen freudigen Göttin Arbeit haben die Machthaber eine arme Dirne gemacht! Darum ist es in ihrem Munde eitel Heuchelei und Lästerung, wenn sie Euch von ihr predigen. Glaubt denen nicht, die also sprechen. Und laßt Euch nicht verführen von ihnen.
Viele unter Euch weiß ich, denen hat der Zorn den Verstand verdunkelt und sie schmähen auf die Arbeit und möchten wider
Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Bettin( Eißner), Stuttgart , RothebühlStraße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach- Straße 12.
sie kämpfen mit Wort und Schwert. Ich sage Euch aber, wer sich abwendet von ihr, der gehet zu Grunde. Darum sammelt Euch, darum seid wach und bereit, ihr zu dienen als echte Gottesdiener. Sie ist es, die Euch befreien wird, wenn Ihr sie befreit. Sehet die Thiere des Waldes an um Euch: die Vöglein dienen der Arbeit, denn sie bauen ihr Nest, die Bienen dienen ihr, denn sie suchen den Honig; alles Lebendige sucht Nahrung in ihrem Dienst und baut sich sein Obdach als ihre Unterthanen. Aber Hand in Hand mit der Göttin Arbeit sehe ich eine andere Himmelsgestalt, die unzertrennlich erscheint von ihr: das ist die Freude. Das Vöglein baut sein Nest und wenn es gethan ist, dient es der Freude; es jubelt in den lachenden Morgen hinein, es singt sein sehnendes Liebeslied, es lehrt seinen Kleinen das Lied von der Freude. Und die Nehe des Waldes springen vor Lust; auf dem Sonnenstrahl wiegen sich Mücken und Libellen. Wo des Menschen Fuß nicht hintritt, da steht noch immer unversehrt im Tempel der Arbeit der Altar der Freude.
Aber die Machthaber auf Erden haben den Bund zerrissen. Sie jagten die Freude fort, daß sie weit in die Berge entfloh; fie nahmen der Arbeit ihr schimmerndes Kleid und warfen sie in das härene Gewand der Knechte. Ihr, meine Brüder und Schwestern, seid berufen, die Göttin zu befreien und ihr die Genossin wieder in die Arme zu führen. Oder ist sie Euch noch nicht ganz entschwunden? Habt Ihr noch einen dunklen Traum von ihr? Du, ernſter Mann, der Du vor mir stehst, kennst Du sie?"
Der Angeredete schaute auf:
„ Ich ging müde von der Arbeit fort. Mich hungerte und durftete. Da sah ich helle Fenster und offene Thüren und ging hinein. Ich trank und vergaß, daß ich müde war, und sang und lachte mit den Anderen und meinte, die Freude herrschte hier."
,, Als Du aber heimgingst, war Deine Müdigkeit noch größer, und am Morgen darauf starrte die Noth Dich an, entseßlicher als vorher. Ist's nicht so?"
Und der Mann sentte den Kopf und wußte, daß er die Freude nicht kannte.
" Du aber, junges Weib, kannst Du mir von ihr erzählen?" Mit thränenden Augen sah sie empor.
" Ich war jung und schön. In den glänzenden Saal zog es mich, denn ich kannte nur die grauen Wände meines engen Gemachs, und die dunkle Fabrik mit ihren dröhnenden Maschinen. Ich suchte die Freude. In den Armen des Geliebten, beim Klange fröhlicher Weisen fand ich sie-
Das Weib verstummte.
"
,, Als Du aber heim gingst, warst Du allein! Und elender ward Dein Loos und enger Deine Kammer und größer Dein Leid. War es doch nicht Deins mehr allein, sondern das Deines Kindes! Der Kinder Göttin soll ja die Freude sein. Sage mir, fleiner Knabe, was weißt Du von ihr?"
Das bleiche Büblein antwortete leise:
" Ich habe einmal einen Christbaum gesehen bei reichen Leuten. Sie gaben mir Aepfel und Nüsse und altes Spielzeug und alte Kleider. Ich wurde satt und warm und froh-" Kleider.
"
,, Als Du aber heim gingst auf Dein hartes Lager, weintest Du voller Verzweiflung. Und am nächsten Morgen, als Du die müden Glieder von Thür zu Thür schleppen mußteft, um ein paar