Nr. 25.
Die Gleichheit.
8. Jahrgang.
Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen.
Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 2970) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60.
Mittwoch, den 7. Dezember 1898.
Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet.
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Inhalts- Verzeichniß.
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Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" find zu richten an Fr. Klara Bettin( Eißner), Stuttgart , RothebühlStraße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach- Straße 12.
ihrer Vergnügungen ihre Langweile todtzuschlagen- den armen Schwestern und Brüdern zu Liebe. Welcher Edelmuth und welche
Bürgerlicher Wohlthätigkeitssport. Die Schutzzeit der Wöchnerinnen. Von Klugheit! Symmachos. Aus der Bewegung. Die Arbeiterfrau an ihren Mann. Nach dem Englischen der Frau Leman Grimstone von Andreas Scheu.( Gedicht.) Feuilleton: Ein geheimnißvoller Besuch. Von Mark Twain .
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Notizentheil von Lily Braun und Klara Zetkin : Frauenarbeit auf dem Gebiete der Industrie, des Handels und Verkehrswesens. Weibliche Fabrikinspektoren. Gewerkschaftliche Arbeiterinnen- Organisation.- Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Sozialistische Frauenbewegung im Auslande. Frauenbewegung.
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Bürgerlicher Wohlthätigkeitssport.
Winterſtürme fegen über das Land und schärfen die Leiden der Darbenden. Die Poesie des Rauhfrostglasts, der wirbelnden Flocken, glitzernden Flußläufe und überschneiten Felder und Dächer vermag das verlorene oder nie besessene Heim nicht zu ersetzen, nicht das von der Noth verlöschte Feuer wieder anzublasen, nicht das Knurren des hungrigen Magens zum Schweigen zu bringen oder die Löcher in den schiefgetretenen Schuhen zusammenzuflicken. Trostloser, hilfsbedürftiger als in den Tagen sommerlicher Witterungsgunst starrt das schmerzensreiche Elend der Viel- zu- Armen gen Himmel. In den Streifen der Reichen und Viel- zu- Reichen aber schlägt in dieser Zeit das Vergnügen seine höchsten Wogen, steigert sich der Genuß zum Schwelgen, die Lust zum Taumel. In toller Hezjagd, welche den Genuß ermüdend, die Freude quälend werden läßt, lösen Bälle, Konzerte, Aufführungen, Kostümfeste, Routs 2c. einander ab. Dort mehr Elend, hier mehr Genuß. Und um das Schluchzen der Aermſten zu ersticken, das mißtönend in die sentimentalen Weisen der Walzer und den Uebermuth der Poltas klingt, um das qualverzogene Antlitz der Noth zu bannen, das der märchenhafte Glanz des elektrischen Lichtes vor den Thoren des Reichthums zeigt, der Wohlthätigkeitssport. Der Wohlthätigkeitssport, jenes Zwittergeschöpf von gutgemeintem, aber kurzsichtigem Mitgefühl und Wohlthun, prickelnder Zerstreuungssucht und widerlichem Schachergeist, das keine frühere Zeit gekannt hat, das ein charakteristischer Wechselbalg der bürgerlichen Gesellschaft ist und ihre Wesenheit unverfälscht wiederspiegelt.
Gilt es Waisen zu nähren und zu kleiden; darbenden Schulkindern die Mahlzeit zu reichen, welche die in der Fabrik frohndende Mutter nicht zu bereiten vermag; schwache Witwen und bresthafte Greise zu versorgen; Wasser- und Hagelbeschädigten aufzuhelfen; armen Wöchnerinnen die nöthige Pflege zu sichern; einen Abglanz der Weihnachtsfreude der Reichen in die Hütten der Bedürftigen zu tragen, so lautet die Losung der bürgerlichen Gesellschaft: Wohlthätigkeitssport vor". Soziale Aufgaben der schwierigsten Art wähnt sie mittels der Ausflügelung und Abhaspelung von Vergnügungsprogrammen zu lösen. Das Massenelend, so redet sie sich ein, könne aus der Gesellschaft weggefegt werden durch die rauschenden Schleppen einer Handvoll wohlgeborener oder gar hochwohlgeborener Damen, die unter dem„ gnädigen Protektorat" einer hohen oder allerhöchsten Persönlichkeit zu Wohlthätigkeitszwecken tanzen, mimen, deklamiren, singen oder sonstwie die Kunst mißhandeln. Und die Hauptsache: nicht ohne Lohn für die„ edlen Wohlthäter", die vielleicht nie im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot gegessen haben und essen, die aber geruhen, im Schweiße
Gewiß, wir bestreiten die guten Absichten nicht, die viele der Organisatoren und Organisatorinnen jener Wohlthätigkeitsveranstaltungen leiten, welche die bürgerlichen Blätter als„ Triumpf der Großmacht Wohlthun" und soziale Allheilmittel mit der dreisten Aufdringlichkeit von Bedienten anpreisen, deren Handwerk das Klappern im Dienste ihrer Brotherren ist. Es sind dies die wohlmeinenden Absichten jener Spielart guter Menschen aber schlechter sozialer Musikanten, die überzeugt sind, ein ganz besonders unanfechtbares Patent für„ praktisches Wirken im Dienste der Humanität und Kultur" zu besitzen, und die ihren„ idealen Lebenszweck" in den Versuchen erblicken, unter großen Freuden und kleinen Leiden das endlos fluthende Meer des sozialen Elends mit dem Löffel ausschöpfen zu wollen. Mit der Geduld spielender Kinder jagen sie dem Gaukelbild nach, durch das Wirken Einzelner auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit gut zu machen, was die herrschenden Klassen auf dem Gebiete des Wirthschaftslebens durch blindwüthige Ausbeutung fündigen und auf dem Gebiete der sozialen Neform unterlassen.
Aber die gute Absicht der Väter und Mütter von Wohlthätigkeitsbazaren und Chrysanthemumfesten in allen Ehren: der Caritas ( Wohlthätigkeit) der Bourgeoisie stellt ihr Thun das vernichtendſte Armuthszeugniß aus. Dem Giapopeia auf das gute Herz der Beſizenden, welches das eigene Gewissen und die Erkenntniß der Enterbten einlullen soll, spottet ihr Werk, sie wissen selbst nicht wie. Was denn besagt im Grunde ihr Beginnen, Wohlthätigkeitszwecke und Vergnügen zu verquicken? Sicherlich nichts anderes als: Ihr, die Ihr im Besitz und Genuß sei, Euer Herz ist verhärtet gegen die Pein der Armuth. Wohlthun um des Wohlthuns wegen ist Euch fremd. Euch bewegt nur der Geist des Schachers, der mit einer Hand giebt, um mit beiden Händen zu nehmen. Wir kennen Eure Schäbigkeit. Und da das Mitgefühl Euch nicht dazu treibt, von Gurem Ueberfluß den Darbenden mitzutheilen, so erlisten wir für diese Brocken Eures Reichthums, indem wir Gure Schwächen ausbeuten, auf Eure Vergnügungssucht spekuliren, Euch das Wohlthun als profitables Geschäft mundgerecht machen. Das Wohlthun als ein lohnendes Geschäft, das ist der Kern des lärmenden Wohlthätigkeitssports, der eine bezeichnende Zeiterscheinung ist. Die bürgerliche Gesellschaft hat der Caritas ihre eigenen Züge aufgeprägt.
In der vorkapitalistischen Zeit war das Wohlthun eine Pflicht, deren llebung in der Auffassung wurzelte, daß alles Gut ein Lehen sei, über dessen Verwaltung der Nuznießer Gott , dem eigentlichen Besizer, Rechenschaft schulde. Als Lohn der Wohlthätigkeit ließ man sich an einem Wechsel auf das Jenseits genügen. Wie anders in diesen Zeitläuften ,, bürgerlicher Tugend". Die aufgeklärte Bourgeoisie lächelt über den frommen Wahn, daß sie durch Gottes Gnade im Besitz sei, und gegen die Anerkennung der Wahrheit sträubt sie sich, daß der ausgebeuteten Arbeit Kraft ihr Reichthum und Ueberfluß schafft. Das Wohlthun ist ihr nicht eine Gewissenspflicht, sondern ein Geschäft, das es lohnend zu gestalten gilt. Und den Profit des Geschäfts will die Bourgeoisie nicht erst in jener Welt einstreichen. Dem leidenden Armen die Hoffnung auf die himmlische Entschädigung, dem genießenden Reichen dagegen die Gewißheit des irdischen Gewinnstes seines Wohlthuns! Jedem das Seine!