Nr. 8.
Die Gleichheit.
9. Jahrgang.
Beitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen.
Die ,, Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 3033) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60.
Mittwoch, den 12. April 1899.
Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Inhalts- Verzeichniß.
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Aus der
Wider die sozialdemokratische Theorie und Taktik. Aus dem Bericht der badischen Fabrikinspektion für 1898. Von D. Zinner. Bewegung. Feuilleton: Eine Dichterin der Freiheit. Von Klara Zetkin. ( Schluß.)
Notizentheil von Lily Braun und Klara Zetkin : Weibliche Fabrikinspektoren. -Soziale Gesetzgebung. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen.- Frauenstimmrecht. Frauenbewegung.
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Wider die sozialdemokratische Theorie und Taktik.
Die von Freund und Feind mit gleicher Spannung erwartete Schrift Bernsteins zur Kritik der sozialdemokratischen Theorie und Taktik ist fürzlich erschienen.* Was die Freunde befürchtet, was die Feinde erhofft, das bestätigt sie mit wünschenswerthester Klarheit: die vollzogene Schwenkung des Verfassers nach rechts hin. Wo Bernstein auf Grund seiner jeßigen Ueberzeugung steht, darüber können sich nach der Veröffentlichung seiner Schrift nur Die täuschen, die aus Liebhaberei oder Beruf die Blinden spielen wollen. Was dagegen die Gründe anbelangt, welche die Preisgabe des alten Standpunkts, die Richtigkeit der veränderten Auffassung stüßen sollen, so bleibt die Schrift erheblich hinter den Ansprüchen zurück, die man billiger Weise an einen Mann von der Fähigkeit, dem Wissen und der Gewissenhaftigkeit Bernsteins stellen durfte. Sie ist in dieser Hinsicht geradezu dürftig und enthält weder neue be weiskräftige Thatsachen, noch neue beweisfräftige Gedankengänge. Was Bernstein gegen die Marr- Engelssche Geschichtsauffassung einwendet, was gegen die darauf beruhende Auffassung von den geschichtlichen Kräften, die mit Naturnothwendigkeit zum Sozialismus führen müssen, was in der Folge gegen die prinzipielle Grundlage des sozialdemokratischen Programms und bezüglich der Taktik der sozialdemokratischen Partei: das alles ist von bürgerlichen Sozialreformlern, Ethifern, Kathedersozialisten 2c. wiederholt gesagt worden, zum Theil präziser und besser gesagt worden, als es in der vorliegenden Schrift geschieht.
Nun ist das gewiß an und für sich noch kein Beweis für die Unrichtigkeit der Bernsteinschen Kritik und Auffassung. Aber die in Betracht kommenden Gründe, die bisher von bürgerlicher Seite geltend gemacht worden sind, um die marristische Auffassung zu bekämpfen und die deutsche Sozialdemokratie von dem Wege des Klaffenkampfs zur Eroberung der politischen Macht abzudrängen und in die sanften Bahnen ausschließlicher Reformlerei zu weisen, sind recht ausgiebig widerlegt worden. Und zwar nicht blos von den besten sozialistischen Theoretikern, darunter Bernstein selbst, sondern auch und vor Allem von den Thatsachen. Die Entwick lung unseres wirthschaftlichen und politischen Lebens bestätigt im großen Ganzen geradezu glänzend die Marr- Engelssche Theorie des geschichtlichen Werdegangs zur sozialistischen Gesellschaft. Die zehnmal widerlegten Ansichten gewinnen dadurch nichts an beweisender Kraft, daß mit ihnen zur Abwechslung ein Mann aufwartet, der bisher einer der angesehensten Vorkämpfer für die Theorie von
* Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie", von Ed. Bernstein. Stuttgart , Verlag von I. H. W. Dietz Nachf., Preis der billigen Ausgabe 1 Mk.
Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin ( Eißner ), Stuttgart , RothebühlStraße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach- Straße 12.
Marr und Engels gewesen und im Vordertreffen des Klassenkampfs gestanden ist. Wenn Bernstein heute verbrennt, was er früher angebetet, und anbetet, was er früher verbrannt hat, so ist dieser Umstand allein wahrlich nicht hinreichend, das Anbetungs- oder Verbrennungswürdig zu begründen, wie bürgerliche Blätter frohlockend ausposaunen. Er spricht nur für eins: dafür, daß Bern stein heute Thatsachen und Theorien mit einem anderen Maßstab mißt als früher, und zwar mit einem Maßstab, der uns durchaus falsch dünkt.
Der von Mary und Engels begründete moderne wissenschaftschaftliche Sozialismus ist sicher nicht ein schwächliches Treibhauspflänzchen, das den leisesten Lufthauch freier Kritik fürchten muß. Aber was Bernsteins Schrift bringt, ist in der Hauptsache nicht eine kritische Sichtung, Weiterführung und Vertiefung der einschlägigen Theorien, es ist vielmehr die unzweideutige Preisgabe der prinzipiellen Auffassung, in der das sozialdemokratische Programm gründet. Bezüglich der Taktik der sozialdemokratischen Be= wegung aber enthalten des Verfassers Ausführungen nicht blos die Mahnung, jede Gelegenheit zu positiver Reformarbeit zu ergreifen, den Hinweis auf richtigere Bewerthung und bessere Nuzung des und jenen Wirkungsgebiets, sondern sie gipfeln in dem Anrathen einer entschiedenen Frontänderung, in dem Befürworten einer Mauserung der Sozialdemokratie aus der revolutionären Partei des klassenbewußten Proletariats zu einer demokratischsozialistischen Reformpartei. Ueber den anregenden und zutreffenden Einzelheiten diese Hauptzüge der Bernsteinschen Schrift übersehen, hieße ihre Bedeutung nicht voll würdigen.
Berufenere werden sich an anderer Stelle mit des Verfassers Einwänden gegen die materialistische Geschichtsanffassung, die Dialektif und die Werththeorie auseinandersetzen. Bereits hat Kautsky in der Neuen Zeit" durch eine treffliche Arbeit eine Artikelferie eingeleitet, in welcher er die aufgeworfenen Streitpunkte beHandelt. Unseres Erachtens hat Bernstein bezüglich dieser Materien einen donquichottischen Kampf gegen Windmühlenflügel aufgenommen. Das Bedürfniß nach einer wissenschaftlichen Möchte gern- Rechtfertigung seines veränderten Standpunkts läßt vor seinen Blicken Auffassungen und Thatsachen in ganz wundersam phantastischen und verzerrten Formen auftauchen und treibt seine Beweisführung zu den absonderlichsten Purzelbäumen. So fämpft er gegen eine materialistische Geschichtsauffassung, welche die geschichtliche Entwicklung als einen sich mechanisch vollziehenden Prozeß begreift, und die in ihrer äußersten Konsequenz zum„ Quietismus" führen müßte, zu dem Glauben an die alleinseligmachende Kraft der wirthschaftlichen Entwicklung und den Verzicht auf jede proletarische Aktion zur Umgestaltung der Gesellschaftsverhältnisse. So läßt er den lächerlichen Popanz des" Blanquismus" von Marr und Engels aufmarschiren, der nach ihm bis heute noch in der„ revolutionären Phraseologie" der deutschen Sozialdemokratie nach spuken soll. Mit dem Eifer des Neubekehrten bemüht er sich, bei Marr und Engels eine Entwicklung zur Verschwommenheit und Zerfahrenheit nachzuweisen und in der Folge Widersprüche zu sich selbst. Aber diese Widersprüche werden mittels von Haarspaltereien und Unterstellungen aus einzelnen Worten und dem Zusammenhang gerissenen Säßen zusammengeflaubt. Sie sind nur ein Wiederschein der Widersprüche, in die sich Bernstein bei der vergeblichen Liebesmüh verstrickt, seine jezige Ueberzeugung eines bürgerlichen Sozialreformlers mit seiner alten sozialistischen Auffassung zu