Nr. 9.
Die Gleichheit.
11. Jahrgang.
Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen.
Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 2978) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60.
Mittwoch den 24. April 1901,
Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" find zu richten an Frau Klara Zetkin ( 8undel), Stuttgart , BlumenStraße 34, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach- Straße 12.
Inhalts- Verzeichniß. Den Frauen. Gedicht von Clara Müller . Zur Maifeier. Welche Forderungen haben die Arbeiterinnen an den Reichstag zu stellen? Von Dr. J. Zadek Berlin . Schutz allen Arbeiterinnen. Die Frauen in der russischen Arbeiterbewegung. Von Wera Sassulitsch. - Gesetzlicher Schutz und gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen. Vorschläge der Gewerbeinspektoren zum Schutze der Fabrikarbeiterinnen.
Von a. br. Schutz der schwangeren Frau. Von Adelheid Popp - Wien . Fort mit der Nachtarbeit der Frau. Frauenstimmrecht.
Den Frauen.
Den Frauen heut ein Frühlingsgruß! Euch allen, die in harten Mühen
In Schmerz und Schweiß das Dasein schleppt, Euch sollen Maienrosen blühen! Greift lachend in die rothe Pracht: Ein Morgen glüht, den keine Wolke
In schwarze Schatten hüllen wird, Ein Festtagsmorgen allem Volke!
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Den Frauen heut ein Maiengruß! Ihr tragt die Zukunft unter'm Herzen, Ihr säugt die Freiheit an der Brust, Das ist ein heilig Recht der Schmerzen: Das ist ein göttlich Frauenrecht, Das haltet fest mit starkem Wollen... Und Eure rothe Blume blüht,
Wenn rings umher die Wetter grollen.
Euch Frauen heut ein Festtagsgruß! Denn Ihr vor Allen seid berufen, Daß Ihr die Menschheit beten lehrt Fromm an der Freiheit Altarstufen, Daß Ihr dem beutegierigen Speer Die Spitze brecht mit reinen Händen: Nicht Eurer Kinder rothes Blut, Der Liebe Rosen sollt Ihr spenden!
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Und ob Ihr wohnt am Seinestrand, An Skandinaviens Felsenthoren, Ob Londons Nebel Euch umspinnt, Ob Rußlands Steppe Euch geboren, Ob Euch Italiens Sonne scheint, Ob Euch Germaniens Eichenstärke Die Muskeln spannt: ich rufe Euch 3u einem großen Maienwerke!
Den Haß, der die Nationen trennt, Soll Eure Liebe überwinden, Wenn schwesterlich die Hände sich 3um letzten, großen Kampfe finden. Des Sturmjahrhunderts Morgenschein Soll Eurer Rechte Sieg verklären: Erst müßt Ihr freie Menschen sein, Um freie Menschen zu gebären!
Dann wird nicht mehr die harte Noth Des Mädchens Wange rauh entfärben, Dann wird nicht mehr in Sklavenfrohn Des Weibes Seele dürstend sterben,- Die Sehnsucht, die ihr Sein durchflammt, Wird der Erfüllung Blüthe treiben: Am Kind, das sie geboren hat, Wird ihr das Recht der Mutter bleiben!
Aus märchenblauen Zeiten klingt Ein Segenswort: Den Fluch des Bösen, Der auf das Haupt der Menschheit fiel, Wird einst die Hand des Weibes lösen. Aus Lügenschlamm und Gassenstaub Wird sie den Schatz der Wahrheit heben Und segnend ihn als Hort des Rechts Den kommenden Geschlechtern geben.