Nr. 15.
Die Gleichheit
11. Jahrgang.
Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen.
Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 2978) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60.
Mittwoch den 17. Juli 1901.
Nachdruck ganzer Artikel nur mit Cuellenangabe gestattet.
Juhalts- Verzeichniß.
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Die Wirthschaftsgenossenschaft. III. Von Klara Zetkin . Frauenarbeit in Hessen- Darmstadt. Von a. br. Aus der Bewegung. Feuilleton: Das Kind. Skizze von Ernst Preczang. Notizentheil: Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Vereinsrecht der Frauen. Frauenstimmrecht.- Sozialistische Frauenbewegung im Auslande. Frauenbewegung.
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Die Wirthschaftsgenossenschaft.
III.
Der vorausgehende Artikel hat durch Ziffern und Thatsachen nachgewiesen, daß die kapitalistische Ordnung breiten proletarischen Schichten die wichtigsten praktischen Vorbedingungen für die Eristenz der Wirthschaftsgenossenschaften vorenthält. Sind jedoch die diesbezüglichen Ausführungen nicht Hiebe in die Luft, weil Genossin Braun in ihrer Broschüre betont:„ daß zunächst nur etwas besser gestellte Arbeiter Genossenschafter werden können, daß aber auch die für sie immer bestehende Gefahr der Arbeitslosigkeit inmitten der Genossenschaft weniger drohend ist als außerhalb ihrer"? Keineswegs.
Was zunächst die lettere Behauptung anbelangt, so rennt sie eine offene Thür ein, um gewandt ausweichend an der Hauptfrage vorüber zu schlüpfen. Niemand wird nämlich einer gut entwickelten, kräftigen Wirthschaftsgenossenschaft die Fähigkeit abstreiten, einem gelegentlich arbeitslosen Genossenschafter die Miethe stunden, ihn vor dem Elend schüßen zu können. Kein Zweifel zumal: in Genoffin Brauns Idealgenossenschaft, wo jedes Familienhaupt ein Jahreseinkommen von etwa 3000 Mt. hat, fann sich in dieser Hinsicht der genossenschaftliche Geist besonders lebenskräftig erweisen"." Leider lautet jedoch die entscheidende Frage nicht: Wird und kann die Wirthschaftsgenossenschaft ab und zu ein oder mehrere arbeitslose Mitglieder vor dem schlimmsten Elend bewahren? Die entscheidende Frage stellt sich vielmehr so: Können der Arbeitslosigkeit ausgesetzte, der Arbeitslosigkeit verfallene Proletarier eine gut funktionirende, leistungsfähige Wirthschaftsgenossenschaft ins Leben rufen und erhalten? Genossin Braun hat diese Frage nicht einmal aufgeworfen, geschweige denn durch ihren oben zitirten Satz beantwortet. Hätte sie es gethan, das ebenso luftige als schöne Gebäude ihres Vorschlags wäre allerdings bedenklich ins Wanken gerathen.
Prüft man den Einfluß, den die Arbeitslosigkeit auf die Wirthschaftsgenossenschaft ausübt, so muß man verschiedene Umstände berücksichtigen. Die Arbeitslosigkeit ist eine im innersten Wesen der heutigen Ordnung wurzelnde Erscheinung, die nicht blos unter Umständen jedem einzelnen Proletarier droht, die vielmehr recht oft mit einem Griffe ganze Gruppen, ja wahre Heere von Arbeitern erfaßt. Der ganzen Sachlage nach wird aber eine Wirthschaftsgenossenschaft meist eine größere Anzahl von Arbeitern umschließen, die in ein- und dem nämlichen Beruf oder wenigstens in der gleichen Industrie thätig sind und die gleichen Schwankungen und Unregelmäßigkeiten ihrer Arbeits- und Einkommensverhältnisse erfahren. Der Rückschlag derselben kräuselt deshalb nicht blos leicht die Oberfläche des wirthschaftlichen Lebens der Großhaus genossenschaft, er trifft mit starkem Stoße seine Grundlagen selbst.
Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" find zu richten an Frau Klara Bettin( 8undel), Stuttgart , BlumenStraße 84, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach- Straße 12.
Die Wirthschaftsgenossenschaft muß damit rechnen, daß ein größerer Prozentsaz ihrer Mitglieder gleichzeitig arbeitslos und außer Stande gesezt wird, die laufenden Beiträge für das Funktioniren des gemeinsamen Haushalts decken zu können. Und heißt es sonst: es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, so gilt in diesem Falle umgekehrt: schlimm, daß der Mensch nicht allein ist. Hinter dem arbeitslosen, einkommenslosen Genossenschafter steht in der Regel eine vielföpfige Familie. Die Wirthschaftsgenossenschaft muß also zahlreichen Essern den Tisch bereiten, ohne daß ihr dafür die entsprechenden Einnahmen zufließen, und das oft wochenlang, monatelang. Die Schwierigkeiten, die ihr dadurch erwachsen, sind um so größer, als sie in der Regel den Einkommensverhältnissen ihrer Mitglieder zufolge von Anfang an über kein reichliches oder gar überschüssiges Betriebskapital verfügt, sondern meist gleichsam aus der Hand in den Mund wirthschaften muß. In Betracht kommt ferner, daß der Wirthschaftsgenossenschaft, dafern sie nicht beträchtliche Vortheile preisgeben will, der Einkauf auf Kredit trächtliche Vortheile preisgeben will, entweder ganz verschlossen oder nur in beschränktem Maße und für kurze Zeit möglich ist. Das Solidaritätsbewußsein mag in der Wirthschaftsgenossenschaft noch so kräftig entwickelt sein: in der weitaus größten Mehrzahl der Fälle wird diese sich in der materiellen Unmöglichkeit befinden, den Folgen einer umfangreichen und längeren Arbeitslosigkeit unter ihren Mitgliedern begegnen zu können. Ihre Eristenz bricht zusammen, wenn Arbeitslosigkeit oder auch nur unregelmäßiger, bedeutend gesunkener Verdienst eine größere Zahl von Genossenschafter außer Stande seßt, regelmäßig und pünktlich ihren Beitrag zu den Haushaltskosten abzuführen. Außerdem: jede Periode der Arbeitslosigkeit läßt der Proletarierfamilie ein schweres Gepäck an dringenden, verschobenen Ausgaben und Schulden zurück. Sie wirkt in der Folge in die Zeiten des Wiederverdienens hinüber und vernichtet oder erschwert wenigstens be= trächtlich die Möglichkeit, daß der Arbeiter mit Durchschnittseinkommen überhaupt die Mittel für die Gründung einer Wirthschaftsgenossenschaft aufbringt.
Jedoch gesezt auch den Fall, ein kluges Haushalten und Sparen überwinde die lettere Schwierigkeit. Gesezt auch den anderen, ein bis zum gemeinsamen Hungern lebenskräftiges Solidaritätsgefühl steuere die Wirthschaftsgenossenschaft glücklich an der Klippe der Arbeitslosigkeit vorüber. Die materiellen Bürgschaften dafür, daß größere Arbeiterschichten leistungsfähige Wirthschaftsgenossenschaften gründen und erhalten können, sind damit noch keineswegs gegeben. Die Eristenzmöglichkeit solcher Wirthschaftsgenossenschaften hängt eben nicht blos von dem einen oder anderen einzelnen Umstand ab, der für das proletarische Dasein bedeutsam ist. Ueber sie entscheidet vielmehr die Gesammtsumme der Bedingungen, von denen das Einkommen der Arbeiter bestimmt und beeinflußt wird, und die fest in dem Wesen der kapitalistischen Ordnung begründet sind.
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Bedeutet es aber vielleicht eine richtige Würdigung dieser Bedingungen, wenn Genoffin Braun hervorhebt, daß zunächst nur etwas besser gestellte Arbeiter Genossenschafter werden können"? Durchaus nicht. Im Zusammenhang mit den übrigen Ausführungen der Broschüre stellt dieser Saß nur ein leeres, formales Stompliment vor der proletarischen Klassenlage dar.
Die Angaben des Artikels in Nr. 15 über die Einkommens verhältnisse, die Haushaltungsbudgets von Arbeiterfamilien, griffen nicht etwa in jene umfangreichen proletarischen Schichten zurück, wo das tiefste Elend als ständiger finsterer Gast haust. Sie be=