Nr. 4.

Die Gleichheit

13. Jahrgang.

Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen.

Die Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 3189) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60.

Stuttgart

Mittwoch den 11. Februar 1903.

Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet.

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Jnhalts- Verzeichniß.

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Faule Ausreden. Frauen und Kinderarbeit bei der Zeitungskolportage in Hamburg . Von Louise Zieg. Preußisches Vereinsrecht gegen die Koalitionsfreiheit. Aus der Bewegung. Feuilleton: Der Garten. Von Albert Gnuzmann. Übersetzung von Wilhelm Thal.( Fortsetzung.) Sozialistische Frauenbewegung im

Notizenteil: Soziale Gesetzgebung. Ausland. Quittung.

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Faule Ausreden.

Ex

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Zu dem dunklen Kapitel von der vielköpfigen Schmach unserer Zeit liefert sicherlich die Kinderausbeutung eine der dunkelsten Seiten. Kinderausbeutung! Das bloße Wort schon müßte jedem Empfindenden, Denkenden flammende Röte der Scham, der Em­pörung auf die Wangen treiben, müßte ihm ein donnerndes Halt diesem Greuel!" auf die Lippen legen und seinen Willen in granitner unerschütterlichkeit und angespanntester, raftloser Energie auf dieses Ziel richten. Kinderausbeutung! Die zwei Begriffe, welche das Wort in sich schließt, bergen einen Gegensaß, wie er unvereinbarer, wahnwiziger, verbrecherischer nicht erflügelt werden kann. Auf der einen Seite das Kind in seiner Schuß- und Hilfs­bedürftigkeit, mit seinem Lebensrecht auf Gesundheit und Vervoll­tommnung des Leibes und der Seele, auf Entfaltung der Kräfte zu kulturwürdiger Betätigung, mit seinem Anspruch auf Pflege, Erziehung, Unterricht, Bildung. Auf der anderen Seite die Aus­beutung mit ihren erbarmungslosen Anforderungen an die schonungs. bedürftigen, jungen Kräfte, mit ihrer lechzenden Gier nach Gewinn, ihrem trostlosen Jammer der Verkümmerung und Vernichtung leib­lichen und geistigen Lebens. Alles, was uns Natur und Kultur von der Heiligkeit und dem Werte menschlichen Lebens lehren; alles, was uns die Grundsäge der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, der Rücksicht auf das Allgemeinwohl und die Zukunft gebieten: es erscheint als blutiger Hohn, geschaut im Lichte der zermalmen­den, unanfechtbaren Tatsachen, welche von der Ausbeutung find licher Arbeitskraft und ihren furchtbaren, vielgestaltigen Folgen erzählen.

Es bleibt ein Monument von dieser Zeiten Schande, daß die Gesetzgeber zögernd, widerwillig, unter dem Doppelbruck schwerster sozialer Übel und eindringlicher Forderungen der aufgeklärten, kämpfenden Vorhut des Proletariats daran gehen, einen dürftigen Schutz gegen die Ausbeutung der Kinder zu schaffen, statt mit begeistertem Eifer über die vorzüglichsten Mittel und Wege zur allseitigen Erziehung und Bildung des heranwachsenden Geschlechts zu beraten. Gewinnsüchtigen Händlern gleich, denen es um Baum wollstoffe, Kartoffeln, Spiritus oder andere tote Waren geht, feil­schen und markten im Reichstag die politischen Vertreter der be­sizenden Klassen um jedes Stückchen kindlichen Menschentums, das die Gesetzgebung der Ausbeutung entziehen soll. Daß sie dies tun, und daß die Massen dies dulden, schildert in erschütternden Zügen, wie fühllos und stumpf der Goldhunger der einen, die Not und die Unwissenheit der anderen Herz und Sinn machen.

Kein gesetzliches Verbot der Kinderausbeutung oder wenigstens nur das allerdürftigste Maß gesetzlichen Schußes gegen sie, so heißt es im Lager der Nuznießer der Auswucherung findlicher Arbeitskraft. Die Kinderarbeit ist unerläßlich für ein vermehrtes Einkommen der Eltern; sie wirkt erzieherisch auf die Entwicklung

Buschriften an ble Redaktion der Gleichheit" find zu richten an Frau Klara Zetkin ( Bundel), Stuttgart , Blumen­Straße 34, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach- Straße 12.

der Jugend; sie stärkt die Autorität von Vater und Mutter und festigt dadurch die Bande, die sie mit den Kindern verknüpfen. Wie sie schamlos lügen, die so reden!

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Wohl scheint es, als ob durch den Mitverdienst der Kleinen, die sich mit zitternden Fingerchen, müden Augen und schmerzendem Rücken erwerbstätig mühen, ein paar Groschen mehr in den Haus­halt der Armen und Ärmsten kommen. Aber dieser Schein trügt! Was in Wirklichkeit steigt, ist nicht der karge Verdienst der Familie, vielmehr der reiche Profit derer, welche sie, welche das Kind unmittelbar oder mittelbar ausbeuten. Die Grundlage des Lohnes bilden bekanntlich die Unterhaltskosten dem Stande der gewohn­des Arbeiters und heitsgemäßen Lebenshaltung entsprechend seines Nachwuchses. Je mehr das Kind durch erwerbende Arbeit die Kosten seiner armseligen Gristenz selbst deckt, umſomehr ver­mögen die Ausbeutenden den Lohn des Vaters, der Mutter zu senken. Um den gleichen Preis, zu dem sie früher nur die Ar­beitskraft des Familienhauptes oder der Eltern kauften, erwerben sie nun die Arbeitskraft aller leistungsfähigen Familienglieder, machen sie sich auch die zarten Nerven und schwachen Muskeln der Kinder tributpflichtig. Mittels der Kinderarbeit schleppt das Stapital die leßten verfügbaren Atome proletarischer Arbeitskraft in seine Profitmühle; mittels der billigen und willigen Kinderarbeit drückt es den Lohn der Erwachsenen tiefer und tiefer. Eine wirt­schaftliche Stüße der Eltern sollte das Kind sein, doch siehe, es wird zu ihrem Schmugkonkurrenten! Je üppiger in einer Gegend, in einem Gewerbe das Übel der Kinderausbeutung wuchert, um so niedriger ist auch im allgemeinen die Entlohnung der Erwachsenen. Nicht durch die Opferung des eigenen Fleisches und Blutes, durch den Kampf um Lohnerhöhung müssen die Proletarier ihr Ein­kommen steigern.

Eitel Dunst auch die Nedensart von der erzieherischen Be­deutung der Kinderausbeutung. Gewiß wohnt der Arbeit ein hoher, pädagogischer Wert inne; gewiß ist die Erziehung durch Arbeit und zur Arbeit ein Eckstein des harmonischen Ausbaus der menschlichen Persönlichkeit, eine Vorbedingung der Entwicklung der Gesellschaft aus einer Organisation von Ausbeutenden und Aus­gebeuteten zu einer sozialen Ordnung von gleichberechtigten und gleichverpflichteten Arbeitenden. Man lese zur Frage die anregenden Ausführungen unseres Genossen Robert Seibel in der empfehlens­werten Broschüre" Die Handarbeit der Grund- und Eckstein der harmonischen Bildung und Erziehung"!* Jedoch eine schändliche Begriffs- und Wortfalschmünzerei ist es, wenn der Kapitalisten­flüngel und seine Troßbuben die ausgebeutete Kinderarbeit als gleich­bedeutend sezen mit erzieherischer Kinderarbeit. Beide sind nach Zweck und Folgen so wesensverschieden wie Nacht und Tag. Die ausgebeutete Kinderarbeit soll der Mehrung des Gewinns dritter dienen. Gewissenlos stampft sie deshalb alle Rücksichten auf das Emporblühen, die Ausbildung der körperlichen und geistigen Kräfte des jungen Menschenlebens, ja auf die Erhaltung des Lebens selbst unter ihre Füße. Die erzieherische Kinderarbeit erstrebt da­gegen die Entwicklung und Veredlung des Kindes zu einer starken, freien, mit der Allgemeinheit unlöslich verbundenen Persönlichkeit. Sie wird mithin von der gewissenhaftesten, liebevollsten Beobachtung aller äußeren und inneren Bedingungen beherrscht, welche dem heranwachsenden Geschlecht ungebrochene, schaffensreife und schaffens=

* Leipzig 1901, Verlag von Rich. Lipinski.