18. Jahrgang 'cn ide zh.! sie >h� sei, nd -ttt! icn tet. vie Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die.«letchhetr» erscheint alle vierzehn Tag- einmal,-preis der Nummer U> Pfeantg, durch die Dost vierteljährlich ohne Bestellgeld SS Dfenntg; unter ttreugband SS Dfennig. Iahres-Abonnemeil» 2,k>> Marl . Stuttgart den 27. April 1908 Zuschriften an die Redattton der.Gleichheit- find zu richten an Frau Klara Zettln lZundel), WilhelmshShe. Post Degerloch bei Stuttgart . Die«xpedirton befinde« sich in Stuttgart , Furth ach�Straße 12. JuhaltSverzrichniS. An die Genossinnen! Bon Ottilie Baader. — Warum fordern wir den Achtstundentag?— Maiseier und WahlrechlSkampf. Von Luise Zietz. — Der Maitag deS internationalen Proletariats. Bon Dora B. Montefiore-London.— Arbeiterschutz für Heimarbeit. Bon Johanne» Heiden.— Der Militarismus und die Frauen. Bon B. Selinger.— Internationale Solidarität. Bon Emmy Freundlich. — Die Maiforderung der Dienstmädchen. Von Helene Grünberg.— Bom Kampf- für die Verkürzung der Arbeit». zeit in den Vereinigten Staaten . Bon Josefine Conger-Kaneko. — Nur Zeit! Bon Frida Wulff.— Arnold Tobel s- Au» der Bewegung: Da» Eintreten der Berliner Genossinnen in den preußischen LandtagSwahlkampf.— Politische Rundschau. Bon kl. L.— Gewerkschaftliche Rundschau. Rotizenteil: Dienstdotenfrage.— Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Feuilleton: Neuem Menschentum entgegen. Bon Ott» Krille.(Gedicht.) — Der zerNüftete Felsen. Bon Gerschuni. Extrabeilage: Merkblatt für Fabrikarbeiterinnen. Von Wilh. Kähler. An die Genossinnen! Genossinnen! Der Arbeit Maitag ruft euch Heuer besonders laut und gebieterisch zum Kampfe. Er gilt nicht bloß den Reformsorderungen, die wir alljährlich W tiefgewurzelter Solidarität der Interessen gemeinsam n>it dem revolutionären Weltproletariat erheben. Er steht im Zeichen eines Wahlkampfes, der eine wichtige Etappe in einem Wahlrechtskampfe ist, bei dem es über bas Bürgerrecht der werktätigen Massen in Preußen hinaus um die Macht der Ausgebeuteten in ganz Deutschland gebt. Wie euch aus der Tagesxresse bereits bekannt ist, finden am it. Juni die UrWahlen, Nm IS. Juni die Abgeordnetenwahlen zu dem dreuftischen Dreiklassenparlament statt. Die Sozial- demokratie hat bereits getreu dem Beschlüsse des Mainzer Parteitages den Wahlkampf aufgenommen. Genossinnen! Ihr wißt, daß dieser Wahlkampf unter ganz besonders schwierigen Umständen und für ein außerordentliches und großes Ziel geführt werden muß. Er soll dem Proletariat Preußens die Tore des Privilegienparlaments öffnen, welches die besitzenden Klassen durch ein raffiniert ausgeklügeltes. reaktionäres Wahlrecht gegen die werktätigen Massen abgesperrt haben. Die 8S Prozent Wähler, welche das nach dem Geldbeutel abgestufte Wahlrecht in die dritte Klasse stößt, sind in Wirklichkeit im Ab- geordnetenhause unvertreten. Sie sind ja so gut wie vollständig der Möglichkeit beraubt, dorthin Männer ihres Vertrauens zu entsenden, welche ihre Interessen bei der Gestaltung der Zustände im Land zu schützen suchen. Es liefert sie der politischen Herrschaft der kö Prozent Reicher und sehr Reicher aus, welche Wähler ber ersten und zweiten Klasse sind. So ist das Ab geordnetenhaus in der Hauptsache nur ein Werk �ug, das den Interessen der besitzenden Klasse "ient, ein Parlament nicht für das Volk, sondern Legen das Volk. Und trotz alledem! Aller Bestimmungen ungeachtet, Wittels welcher die herrschende Minderheit den Zugang iu dem preußischen Parlament verbarrikadiert hat, soll oer Wahlkampf in dieses Haus des Unrechts und der Schmach siegreich die Fahne des sozialdemokratischen Proletariats tragen. Er soll diesem dort eine Tribüne erobern, von der aus die starke Stimme einer Unerbittlichen Kritik rücksichtslos die fressenden Schäden im politischen, im öffentlichen Leben Preußens geißelt, welche die unausbleiblichen Folgen der Klassenherrschaft des Geldsackes über die ausgebeuteten Habe- nichsse sind; eine Tribüne, von der aus der gewaltige schrei der Massen nach Recht und Gerechtigkeit, Noch der Berücksichtigung ihres Wohls und Wehs er- konl; eine Tribüne endlich, von der aus im besonderen wieder und wieder ein unbarmherziges Verdam- wungsurteil über das Privilegienparlament eibst in die Welt hinausgeht und die Entrech- �ien zum kraftvollen Sturme dawider aufruft. wer- werk- u s uus Genossinnen! Braucht euch erst noch gesagt zu �n, wie wichtig es auch für die Frauen des r tätigen Volkes ist, daß der Wahlkamps dieses Ziel erreicht? Gehören sie nicht zu den ausgebeuteten Massen, über deren Los im preußischen Abgeordnetenhaus deren eigene Herren und Feinde entscheiden! Es sind auch der Frauen ureigenste Angelegenheiten, über die dort verhandelt und beschlossen wird. Da ist das Schul» und Erziehungswesen, die Steuergesetzgebung in Staat und Gemeinde, die Rechtspflege und die Polizei, die Lohn- und Arbeitsbedingungen der vielen Hunderttausende von Arbeitern und Angestellten im Staatsdienst, die Gewerbeaufsicht, die Armen- und Waisenpflege, das Verkehrswesen, von vielen anderen Materien zu schweigen. Der Philister, der sein Sprüchlein herbetet, daß die Politik das weibliche Geschlecht nichts angehe, zeige eine einzige unter diesen Angelegenheiten, die nicht auch unmittelbar oder mittelbar unsere Interessen als Frauen, als Arbeiterinnen, als Gattinnen und Mütter berührt. Genossinnen in Preußen! Bietet darum eure ganze Kraft auf, um in den Wahlkreisen, wo die Sozialdemokratie für die Eroberung eines Mandats kämpfen kann, den Sieg ihres Kandidaten zu sichern. Dank der Dreiklassenschmach, die durch die öffentliche Stimmabgabe noch besonders verschärft ist, wird ihr der Kampf über alle Maßen erschwert. Erinnert euch angesichts dessen, daß die Frauen, die polittsch Rechtlosen, den Rücken und Tücken der reaktionären öffentlichen Abstimmung nicht machtlos gegenüberstehen. Als Käuferinnen, welche den bescheidenen Bedarf der Arbeiterfamilie zusammentragen, können sie die Macht des Proletariats als Konsument dem Wahlkampf nutzbar machen. Sorgt dafür, daß diese Macht in den Kreisen der Geschäftsteule, welche au; oie Arbeiterkuilv schuft angewiesen sind, zur Geltung kommt. Laßt euch durch das Geschrei der Gegner über den„sozialdemokratischen Terrorismus" nicht anfechten. Ihr handelt in Notwehr gegen die rohe, brutale Geldsacksgewalt, welche sich bei der öffentlichen Stimmabgabe durchsetzt. Und die Notwehr Unterdrückter ist nicht bloß erlaubt, sondern sittliche Pflicht. Aber auch dort, wo die Sozialdemokratte ohne Aussicht auf die Eroberung eines Mandats im Kampfe steht, müßt ihr all eure Kräfte und Mittel für sie einsetzen. Je mehrStimmen die sozialdemokratischen Wahlmänner auf sich vereinigen, um so schärfer kommt denMassenzumBewußtsein, wieschreiend ungerecht und volksfeindlich das geltende Wahlrecht ist, um so vernichtender ist die Brandmarkung dieses erbärmlichsten und widersinnigsten aller Wahlsysteme, um so beredter ist die Mahnung für die Werktätigen, nicht zu ruhen und zu rasten, bis das politische Zwinguri ihres Rechts und ihrer Interessen gebrochen ist. Und in dieser ihrer Wirkung beruht die Hauptbedeutung der bevorstehenden Wahl. Dieser Wahlkampf ist in erster Linie ein Kampf wider die politische Knechtung der Massen durch das geltende Wahlunrecht. Er muß ein entscheidender Schritt vorwärts werden zur Erstürmung und Schleifung des mit harten Fünsmark- stücken gebauten Schutzwalles, hinter dem die besitzenden Klassen— ganz gleich, ob sie die Geburt oder das Gold „adelt"— ihre Klassenherrschaft und ihre Ausbeutungsgewalt verewigen wollen. Er muß dem von der Sozialdemokratie aufgepflanzten Ziel gelten: der Eroberung deS allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für alle Grostjährigen ohne Unterschied des Geschlechts. Dieser Wahlkampf ist daher in ganz besonderem Sinne auch ein Kampf für die Interessen, das Recht der Frauen des arbeitenden Volkes, ein Kampf für das Recht des gesamten weiblichen Geschlechts. Die Partei des klassenbewußten Proletariats trägt ihm das Banner jenes Prinzips wirklicher Demokratie voran, das nicht vor den Mauern altersgrauer Vorurteile gegen das sogenannte„schwächere Geschlecht" halt macht. Sie will Mann und Weib das gleiche, volle Bürgerrecht erobern, und sie ist die einzige Partei, die den Kampf dafür tapfer aufnimmt. Sie gibt damit die Schlußfolgerungen des tiefen Umschwungs, der sich in der wirtschaftlichen Lage der Frau und damit in ihrer Stellung in der Familie und der Gesellschaft vollzogen hat. Als Sachwalterin einer unterdrückten Klasse würdigt sie alle die Umstände, welche dem sozial unterdrückten Geschlecht den leidenschaftlichen Ruf nach Gleichberechttgung abzwingen. Sie sieht die neuen sozialen Lebensnöte, welche ihn aus schüchterne, bebende Frauenlippen drängen, wie das verletzt sich aufbäumende Gefühl der Menschenwürde, der Selbstachtung, der Gerechtigkeit, welches ein Ende des Unrechts fordert, das unsere Mütter und Vormütter geduldig erttagen haben. Sie erkennt klar, wie nötig und wichtig es ist, daß die Frauen der werk tätigen Massen mit vollem Bürgerrecht ausgerüstet werden, auf daß sie den Kampf ihrer Klasse gegen die kapitalistische Ausbeutung und ihre soziale Ordnung teilen können. Auf, Genossinnen in Preußen! An die Arbeit! Für das Recht der Proletarierinnen als zwiefach Unterdrückter muß der Wahlkampf seine volle Frucht tragen. Tut das Eure, damit die entrechteten Volksmassen ohne Unterschied des* Geschlechts wachgerüttelt, aufgeklärt und in den Kampf gegen ihre politische Knechtschaft gepeitscht werden. Nutzt die Gelegenheit, um ihnen die Erkenntnis zu bringen, daß von allen Parteien nur die Sozialdemokratie ihre Interessen mit Kraft und Treue vertritt, und daß einzig und allein die Verwirklichung ihres Endziels, die sozialistische Gesellschaft, ihr Menschentum von der drückenden Mammonsherrschaft erlöst. Laßt euch insbesondere angelegen sein, diese Erkenntnis unter unsere Schwestern des arbeitenden Volkes zu tragen und sie dem Kampf der Sozialdemokratie gegen die Dreiklassenschmach und den vom Volksmark sich nährenden Kapitalismus überhaupt zuzuführen. Agitiert mit allen euch zu Gebote stehenden Mitteln, daß sie in Massen in die Versammlungen kommen, um dort das erweckende Wort zu hören und durch ihre Anwesenheit zu bekunden, wie dringend die Frauen des Volkes unbeschränktes Bürgerrecht bedürfen, und wie ernst sie entschlossen sind, es zu erkämpfen. Genossinnen, gebt eurerseits dieser Entschlossenheit in den Versammlungen Ausdruck! Ihr weckt damit Schlafende und erfüllt Zaghafte mit Mut und Begeisterung. Teilt stolz und gewissenhaft die Arbeit und den Kampf der Genossen, wo und wie ihr nur könnt. Es gibt vielerlei Anforderungen, bei deren Bewältigung ihr willkommene Helferinnen seid. Dieser Wahlkampf wird ein besonders heißes Ringen um das Recht der Besitzlosen und gegen die Macht der Besitzenden sein. In ihm stehen der Partei der Ausgebeuteten und Rechtlosen alle bürgerlichen Parteien mit dem gleichen Haß gegenüber. Er wird daher von den Armen und Kleinen im Lande große Opfer verlangen. Ihr dürft in der Folge weder mit eurer Zeit und Kraft, noch mit euren Mitteln sparen. Bedenkt, wie oft ihr von dem ausbeutenden Unternehmertum, vom kapitalistischen Staat gezwungen werdet, über eure Kraft zu arbeiten und das bitter Nötige zu entbehren. Und da solltet ihr nicht um eurer eigenen großen Sache willen zur höchsten Kraftentfaltung, zur grenzenlosen Opferfreudigkeit bereit sein? Genossinnen außerhalb Preußens! Vergeht nicht einen Augenblick, daß die Schlachten dieses Wahlkampfes auch für euer Recht und euer Wohl geschlagen werden. Der preußische Wahlrechtskampf ist der wichtigste Vorstoß, der bisher in Deutschland zur Uberwindung der schmachvollen und schädlichen politischen Entmündigung des weiblichen Geschlechts unternommen worden ist. Als Angehörige des weiblichen Geschlechts habt ihr, haben eure Schwestern im Proletariat das höchste Interesse an seinem Erfolg. Als Glieder der ausgebeuteten Masse ist es für euch wie für sie erst recht wichtig, daß die Sozialdemokratie ihn siegreich besteht. Die Reaktion in Preußen niederzwingen, dort dem Recht und der Macht des Proletariats eine Gasse bahnen, heißt der politischen Herrfchaft der besitzenden Minderheit in ganz Deutschland einen tödlichen Schlag
Ausgabe
19 (27.4.1908) 9
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