Nr. 4

22. Jahrgang

Die Gleichheit

Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen

Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder

Die Gleichbett erscheint alle vierzehn Tage einmal. Drets der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich obne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig.

Jabres- Abonnement 2,60 Mart.

Inhaltsverzeichnis.

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Stuttgart

15. November 1911

Die Frauen und die Reichstagswahlen. Von Luise Ziet. Die 3wed­losigkeit der Strafe. II. Von Julian Borchardt . Die Teuerung.( Für die Lese- und Diskussionsabende.) Von Käte Dunder. Aus der Ges schichte der menschlichen Unwissenheit. III. Von B. Sommer. Schrift für die Proletarierin. Von R. S. Die vierte österreichische Frauenkonferenz. Bon A. P.

M. W. schau.

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Aus der Bewegung: Von der Agitation. Das Winterprogramm der Nürnberger Jugendorganisation. Von unserer Jugendbewegung. Von Politische Rundschau. Von H. B. Gewerkschaftliche Rund­Der erfolgreiche Ausgang des Streits der Schokoladen- und Buderwarenarbeiter und arbeiterinnen in Dresden . Aus der Holz­industrie. Von fk. Notizenteil: Soziale Elendsbilder. Dienstbotenfrage.Frauenstimmrecht.

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Sozialistische Frauenbewegung im Ausland.

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Frauenbewegung.

Die Frauen und die Reichstagswahlen.

Die Reichstagswahlen sind ausgeschrieben. Am 12. Januar 1912 finden die Hauptwahlen statt. Mit fiebernder Ungeduld und dabei doch mit Umsicht und Sorgfalt hat die sozialdemo­fratische Arbeiterschaft ihre Vorbereitungen für den Wahlkampf getroffen, und mit Einsetzung ihrer ganzen Kraft wird sie ihn führen. Sie ist sich wohl bewußt, daß die bevorstehende Wahl mehr bedeutet als einen Gerichtstag, an dem mit unseren politischen Gegnern gründliche Abrechnung gehalten wird über ihr schier unübersehbares Sündenregister. Sie ist sich wohl bewußt, daß die bevorstehende Wahl auch mehr bedeutet als den Kampf um größeren legislativen Einfluß durch die Eroberung einer möglichst großen Zahl von Mandaten und die Erzielung einer möglichst hohen Stimmenzahl. Sie ist sich völlig klar darüber, daß die bevorstehende Wahl der Ausdruck schärfsten Klassentampfes ist, der sich gegen die bürger­lichen Parteien als die Repräsentanten und Hüter der kapita­ listischen Ordnung der Dinge richtet. Erflärlich genug: die Wahlen stehen im Zeichen der Teuerung in Permanenz und der nimmer weichenden Kriegsgefahr. Zwei Dinge, die so grund­verschieden scheinen, und die doch der engste ursächliche Zu­sammenhang miteinander verknüpft, denn beide sind legitime Kinder unserer hochentwickelten kapitalistischen Wirtschafts­ordnung und bedingen sich gegenseitig.

Eine weit fortgeschrittene Technik steigert die Ergiebigkeit der Arbeit, ermöglicht und erleichtert die Massenproduktion von Waren und verbilligt sie. Aber an einem bestimmten Punkte der Entwicklung treibt fapitalistische Profitgier zur Kartellierung der Unternehmen, zur Vertrustung der Betriebe, führt damit den Kapitalisten alle Vorteile einer hochentwickelten Betriebs­form, raubt diese Vorteile jedoch der konsumierenden Gesellschaft, die sie in Gestalt billiger Waren genießen könnte. Die Preise werden ja nunmehr von den vertrufteten Unternehmern fest gesetzt und nicht mehr durch die Konkurrenz geregelt. Die aus­ländische Konkurrenz wird zudem durch ein raffiniertes und auf die Spize getriebenes Schutzollsystem ferngehalten. Ein Schutzzollsystem, dem neben den Industriellen die Agrarier freudig zustimmten, wofür sie zum Dante die weitestgehende Unterstügung der Industriellen fanden, als es sich darum handelte, ihr eigenes Begehren nach gesteigertem Gewinn zu befriedigen

Zuſchriften an die Redaktion der Gleichbett find zu richten an Frau Klara Zetkin ( Zundel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bet Stuttgart . Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furtbach- Straße 12.

durch die Schaffung und den Ausbau der agrarischen Zoll­und Liebesgabenpolitit. Beiden Gruppen ist damit der innere Markt unbestritten überliefert, will heißen: zur Aus­plünderung der Konsumenten preisgegeben. Teuerungspreise senten aber bekanntlich den Konsum. Die breiten Schichten der minderbemittelten und besiglosen Bevölkerung müssen wohl oder übel nicht selten auf Kosten ihrer Gesundheit den Ver brauch einschränken.

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Für den so entstehenden Warenüberschuß, der noch vermehrt wird durch die weit reichere Menge von Erzeugnissen, welche Absatzgebiete im Ausland zu finden, dazu Anlagemöglichkeiten wir der fortschreitenden Entwicklung verdanken, gilt es nun, für das aufgehäufte Kapital, und so werden unsere herrschen­den Klassen Weltpolitifer: Imperialisten! Denn in dem Ringen

und Jagen nach gesicherten Absatzgebieten im Ausland, nach

eigenem folonialen Besiz bildet die Waffengewalt der einzelnen Staaten noch immer die ultima ratio. Siehe den italienisch­türkischen Krieg!

Und die Regierungen, als geschäftsführende Ausschüsse" der herrschenden Klassen sehen ihre Autorität und Macht ein für die Vermehrung des Heeres, der Flotte und für koloniale Abenteuer. Da aber die Herrschenden keineswegs gesonnen sind, aus der eigenen Tasche die Kosten für diese Dinge zu tragen, die ihrem Interesse nach vielen Richtungen hin dienen, so wird dem Volke zu der schon erwähnten Last der Zölle auch noch die schwer drückende Bürde der indirekten Steuern auf­erlegt. Ein weiteres Anziehen der Teuerungspreise ist die Folge. kommt alsdann noch, wie in diesem Jahre, die Dürre hinzu, so bildet die dadurch bedingte Preissteigerung den Tropfen, der das übervolle Glas der Lebensmittelteuerung zum Überlaufen bringt. Die Teuerung steigert sich zur Hungersnot.

Aber auch ohne Dürre und Mißwachs wird die Teuerung aus den eingangs dargelegten Ursachen bleiben. Die Empörung der arbeitenden Massen darüber muß wachsen. Sie werden zu politischen und gewerkschaftlichen Kämpfen aufgepeitscht, um eine Linderung ihrer Not durchzusetzen. Eine Linderung, die für sie zur Lebensnotwendigkeit wird. An dem System der in direkten Steuern und Zölle also wollen die Herrschenden nicht rütteln lassen, wie uns Bethmann Hollweg im Reichstag ver­tündet hat; sie fürchten den völligen Zusammenbruch dieses Systems. Allein sie fürchten auch die Opposition und den Kampf der doppelt und dreifach ausgebeuteten Proletariermassen. Um sich gegen diese zu schüßen, rufen die Herrschenden nach Verschärfung des Strafgesetzes, nach Aus­nahmebestimmungen, nach Polizei und Militär gegen die politischen und gewerkschaftlichen Klassenkämpfer! Alles, was die Widerstandskraft und Widerstandslust der Ausgebeuteten stärken und neu beleben könnte, suchen sie zu hintertreiben. Der Arbeiter und Arbeiterinnenschutz, der Kinderschutz stehen im Zeichen des Krebses. Die Reichsversicherungs­ordnung, die ein weitgreifendes Gesetz sozialer Fürsorge wer den sollte, ist zu einem Ausnahmegesetz schlimmster Art für die arbeitenden Massen, insbesondere für die Frauen geworden. überall im Reiche verweigert man hartnäckig den Frauen die